Heinrich von Sayn

Graf von Sayn (um 1202-1246/1247)

Thomas Bohn (Koblenz)

Grabfigur Heinrichs III. von Sayn, nach 1246/1247, Original im Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Hein­rich III. ge­lang es in sei­ner über 40-jäh­ri­gen er­folg­rei­chen Herr­schaft, al­le an­de­ren Mit­glie­der des ers­ten Say­ner Gra­fen­hau­ses an Macht, Ein­fluss, Be­sitz und Nach­ruhm zu über­tref­fen. Sein er­ben­lo­ser Tod führ­te zu ei­ner Zer­split­te­rung und Ver­klei­ne­rung des im Auf­bau be­find­li­chen Ter­ri­to­ri­ums im Wes­ter­wald (zwi­schen Sieg und Sayn­bach) und zu ei­nem macht­po­li­ti­schen Ab­stieg des jün­ge­ren Gra­fen­hau­ses.

Hein­rich III. wur­de um 1190 als (ein­zi­ger?) Sohn von Graf Hein­rich II. von Sayn und Agnes von Saf­fen­berg (ur­kund­lich er­wähnt 1173–1200) ge­bo­ren. Sei­ne Schwes­tern Adel­heid (vor 1200–1263) und Agnes (ur­kund­lich er­wähnt 1202–1260) be­grün­de­ten be­zie­hungs­wei­se hei­ra­te­ten un­ter an­de­rem ein in die Dy­nas­ti­en der Gra­fen von Spon­heim, Sayn (jün­ge­res Haus), Blies­kas­tel, Salm, Arns­berg, von der Mark, Isen­burg, Zwei­brü­cken und Eber­stein/Ba­den. In der jah­re­lan­gen Feh­de wäh­rend des stau­fisch-wel­fi­schen Thron­streits zwi­schen den Gra­fen von Lands­berg/Sach­sen-An­halt und Sayn spiel­ten ter­ri­to­ria­le wie reichs­po­li­ti­sche As­pek­te ei­ne Rol­le. Da­bei wa­ren die Gra­fen­brü­der Hein­rich II. und Eber­hard II. von Sayn (bei­de ur­kund­lich er­wähnt ab 1172) vor be­zie­hungs­wei­se um 1202 ver­stor­ben und Hein­rich III. noch un­mün­dig. Rück­halt fand der ad­mo­dum pu­er beim Wel­fen­kö­nig Ot­to IV. (Re­gie­rungs­zeit 1198-1218) und sei­nem mäch­ti­gen On­kel Bru­no, der ab 1205 Köl­ner Erz­bi­schof war.

Papst In­no­zenz III. (Pon­ti­fi­kat 1198-1216) hat­te auf Bru­nos Bit­te hin die Ehe­ver­ab­re­dung mit Mecht­hild von Lands­berg be­für­wor­tet, die die Feh­de be­en­de­te. Mecht­hild hat durch ih­re Ehe spä­tes­tens 1215 als Er­bin des um­fang­rei­chen müt­ter­li­chen lu­do­win­gi­schen Fern­be­sit­zes im Wes­ter­wald die al­te Graf­schaft Sayn (der Wes­ter­wald zwi­schen Sieg und Sayn­bach, das Um­land von Bonn, be­deu­ten­der Fern­be­sitz im Sau­er­land usw.) zu ei­nem der be­deu­tends­ten im Rhein­land ar­ron­diert. Über ih­re Ver­wandt­schaft ge­hör­te Mecht­hild zum er­wei­ter­ten eu­ro­päi­schen Hoch­adel, was das ver­gleichs­wei­se jun­ge Gra­fen­ge­schlecht er­heb­lich auf­wer­te­te. In den Ur­kun­den ih­res Gat­ten kommt Mecht­hild als Mit­aus­stel­le­rin oder Zeu­gin vor, was ih­re stel­len­wei­se ak­ti­ve Be­tei­li­gung an der Herr­schafts­aus­übung be­legt.

Als nun­mehr treu­er Ge­folgs­mann des Stauf­er­kai­sers Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1212-1250) und mit der er­erb­ten Köl­ner Dom­vog­tei konn­te Graf Hein­rich er­folg­reich an den Aus­bau sei­ner Lan­des­herr­schaft ge­hen. Und hier sind al­le ty­pi­schen Maß­nah­men auf­zu­fin­den: „die Ver­län­ge­rung und Auf­rich­tung von Lehns­bin­dun­gen zu nie­de­rad­li­gen Ge­schlech­tern, der An­kauf von Gü­tern, die Über­nah­me ver­pfän­de­ter Be­sit­zun­gen, ei­ne am­bi­tio­nier­te Klos­ter­po­li­tik so­wie die – auch ge­walt­sa­me – Aus­schal­tung re­gio­na­ler Kon­kur­ren­ten“ (Hal­be­kann 1997, S. 104). 1245 ge­lang ihm ei­ne Stadt­grün­dung vor den To­ren sei­ner Burg und Re­si­denz Blan­ken­berg/Sieg. Bei al­le­dem war sein un­be­las­te­tes bis gu­tes Ver­hält­nis zu den Köl­ner Erz­bi­schö­fen En­gel­bert I. von Berg und Hein­rich I. von Müllen­ark si­cher­lich auch för­der­lich. Un­ter dem Epis­ko­pat Kon­rads von Hoch­sta­den, der ab 1241 ei­ner der Haupt­fein­de der Stau­fer am Nie­der- und Mit­tel­rhein wer­den soll­te, kam es nach an­fäng­lich krie­ge­ri­schen Kon­flik­ten zu ei­ner Art Neu­tra­li­tät. Auf Reichs­ebe­ne war und blieb sein Ver­hält­nis zu den Stau­f­er­söh­nen Hein­rich (VII.) (Mit­kö­nig 1228-1235) und Kon­rad IV. (Re­gie­rungs­zeit 1237-1254) gut. Auf wich­ti­gen Hof­ta­gen wie et­wa 1232 in Fri­aul oder 1235 in Mainz ist er nach­weis­bar.

1218/1219 nahm Hein­rich III. – wie schon 1189 sein Va­ter und On­kel – zu­sam­men mit et­li­chen an­de­ren rhei­ni­schen Ad­li­gen am er­folg­rei­chen Kreuz­zug nach Da­miet­te (Ägyp­ten) teil. In die­sem Zu­sam­men­hang sind sei­ne Schen­kun­gen und die spä­te­ren sei­ner Gat­tin Mecht­hild an den Deut­schen Rit­ter­or­den – et­wa für die Kom­men­den Ra­mers­dorf (heu­te Stadt Bonn) und Wald­breit­bach – zu se­hen. Das Gra­fe­n­ehe­paar kann als Mit­grün­der der Zis­ter­zi­en­ser­kon­ven­te Heis­ter­bach und Ma­ri­en­statt gel­ten, und Mecht­hild si­cher­lich im Sin­ne Hein­richs nach sei­nem Tod 1247 als Stif­te­rin bei den Frau­en­kon­ven­ten von Sei­ne/Ma­ri­en­spie­gel in Köln, von Her­chen an der Sieg, von Drol­s­ha­gen im Sau­er­land und von Blan­ken­berg (spä­ter nach Zis­sen­dorf ver­legt). Be­droh­lich für Graf Hein­rich wur­de 1233 die Ket­ze­rei­an­kla­ge durch den ihm wohl per­sön­lich be­kann­ten ehe­ma­li­gen Beicht­va­ter und Vor­mund der hei­li­gen Eli­sa­beth von Thü­rin­gen (1207-1231), Kon­rad von Mar­burg (1180/1190-1233). Die­ser hat­te schon mit In­qui­si­ti­on und Ver­bren­nun­gen ge­mäß dem ein­schlä­gi­gen Reichs­ge­setz von 1232 im Rhein­land Ket­zer ver­folgt. Als es Hein­rich III., der beim kö­nig­li­chen wie kai­ser­li­chen Hof ho­hes An­se­hen ge­noss, ge­lun­gen war, sich am Hof­ge­richt als un­be­schol­ten zu er­wei­sen und der In­qui­si­tor nun den Kreuz­zug auch ge­gen die dem Say­ner Gra­fe­n­ehe­paar gut be­kann­ten Mit­an­ge­klag­ten, die Grä­fin Ada von Looz (ur­kund­lich er­wähnt nach 1188-1234) und Graf Gott­fried III. von Arns­berg (ur­kund­lich er­wähnt 1218-1282), pre­dig­te, wur­de Kon­rad von nie­de­rad­li­gen Va­sal­len des Say­ners er­schla­gen. Hein­rich III. hat wohl noch 1233 ei­ne Buß­wall­fahrt ins Preu­ßen­land un­ter­nom­men, wo er bei der Ge­wäh­rung der „Kul­mer Hand­fes­te“ als ein­fa­cher fra­ter Hin­ri­cus de Sei­ne, aber an der Spit­ze der Zeu­gen­rei­he des Deut­schen Rit­ter­or­dens ge­nannt wird.

Rea­ler Hin­ter­grund der Ket­ze­rei­an­kla­ge kann der Be­sitz oder die Be­nut­zung volks­spra­chi­ger re­li­giö­ser Bi­bel­über­set­zun­gen oder Welt­chro­ni­ken ge­we­sen sein. Kon­tak­te Graf Hein­richs III. zu Ver­tre­tern der mit­tel­hoch­deut­schen Dich­tung sind je­den­falls be­leg­bar, wie bei­spiels­wei­se bei Eil­hard von Ober­ge (be­legt 1189-1227) am Hof Kai­ser Ot­tos IV. , ein das Jä­ger­ta­lent und die Gast­freund­schaft Hein­richs prei­sen­des Gönnerzeug­nis Rein­mars von Zwe­ter (um 1200–nach 1248) und Be­rich­te des Cae­sa­ri­us von Heis­ter­bach.

Den Quel­len zum Ket­zer­pro­zess wie auch ei­ni­gen Aren­gen sei­ner vie­len Ur­kun­den kann man zeit­ge­nös­si­sche Cha­rak­te­ri­sie­run­gen des Gra­fen ent­neh­men: ne­ben tie­fer Fröm­mig­keit, Wild­heit ver­füg­te er über ei­ne sünd­haf­te Grau­sam­keit, die durch from­me Schen­kun­gen kom­pen­siert wer­den soll­te. Nach­dem Hein­rich III. zum Jah­res­en­de 1246/1247 ver­stor­ben war, ent­stand mit sei­ner welt­li­chen Grab­fi­gur (far­big auf Holz) im Auf­trag sei­ner Wit­we ein ver­gleichs­wei­se ein­zig­ar­ti­ges Kunst­werk. Auch die erst um 1300 schrift­lich fi­xier­te ’To­ten­kla­ge’, in der ihn 21 hoch­ad­li­ge Da­men sei­ner Ver­wandt­schaft wie Be­kannt­schaft be­kla­gen, stellt ein be­deut­sa­mes Zeug­nis der hö­fi­schen Kul­tur ih­rer Zeit dar.

Der er­ben­lo­se Tod Hein­richs III. zog jah­re­lan­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen der kin­der­lo­sen Wit­we Mecht­hild und sei­nen Spon­hei­mer Erb­nef­fen (Jo­hann, Si­mon, Hein­rich) um die von ihm tes­ta­men­ta­risch be­stimm­te ter­ri­to­ria­le In­te­gri­tät der ge­sam­ten Graf­schaft Sayn nach sich. Den­noch er­hiel­ten sie noch 1247 die al­te Graf­schaft Sayn, muss­ten je­doch auf das lu­do­win­gi­sche Hei­rats­gut ver­zich­ten, über das Mecht­hild als olim co­mi­tis­sa (eins­ti­ge Grä­fin) wie­der ver­füg­te. Die jün­ge­re Li­nie der Gra­fen von Sayn ab Jo­hann (1206-1266) konn­te nicht mehr an die Be­deu­tung Graf Hein­richs III. her­an­rei­chen.

Literatur

Bohn, Tho­mas, Grä­fin Mecht­hild von Sayn (1200/03-1285). Ei­ne Stu­die zur rhei­ni­schen Ge­schich­te und Kul­tur, Köln/Wei­mar/Wien 2002.

Hal­be­kann, J. Joa­chim, Die äl­te­ren Gra­fen von Sayn. Per­so­nen-, Ver­fas­sungs- und Be­sitz­ge­schich­te ei­nes rhei­ni­schen Gra­fen­ge­schlechts 1139-1246/47, Wies­ba­den 1997.

Hal­be­kann, J. Joa­chim, Be­sit­zun­gen und Rech­te der Gra­fen von Sayn bis 1246/47 und ih­re Er­ben (Ge­schicht­li­cher At­las der Rhein­lan­de V/5), Köln 1996.

 
Zitationshinweis

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Bohn, Thomas, Heinrich von Sayn, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-von-sayn/DE-2086/lido/57c829e5a9add2.82156277 (20.09.2018)