Helmut Horten

Unternehmer (1909-1987)

Thomas Thiel (Dortmund)

Helmut Horten, Porträtfoto. ((Helmut Horten Stiftung)

Mit dem Na­men Hel­mut Hor­ten ist ei­ne der be­deu­tends­ten Kar­rie­ren des deut­schen Wirt­schafts­wun­ders ver­bun­den. Nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs bau­te der ge­lern­te Tex­til­kauf­mann von sei­nem Duis­bur­ger Stamm­haus aus ei­ne der grö­ß­ten Kauf­haus­ket­ten Deutsch­lands auf. Als sich Hor­ten 1971 ins Pri­vat­le­ben zu­rück­zog, um­fass­te sein Fir­men­im­pe­ri­um bun­des­weit 51 Wa­ren­häu­ser mit 25.000 Mit­ar­bei­tern und ei­nem Jah­res­um­satz von rund ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro.

Hel­mut Hor­ten wur­de am 8.1.1909 in Bonn ge­bo­ren. Er ent­stamm­te ei­ner Ju­ris­ten- und Be­am­ten­fa­mi­lie, die ih­re Wur­zeln im nie­der­rhei­ni­schen Kem­pen hat und sich bis et­wa 1710 zu­rück­ver­fol­gen lässt. Hel­mut Hor­ten hat­te ei­nen äl­te­ren Bru­der, Ru­dolf An­ton Jo­sef Hor­ten (ge­bo­ren 1907) und ei­ne jün­ge­re Schwes­ter, Gi­se­la Jo­se­fa Emi­lie (ge­bo­ren 1916). Der Va­ter Jo­sef Emil Au­gust Hor­ten (ge­bo­ren 1880) stamm­te aus El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) und war 1904 nach dem Tod sei­nes Va­ters mit sei­ner Mut­ter Si­do­nie So­phie Kreu­ser (ge­bo­ren 1849) und sei­nen Ge­schwis­tern aus Leip­zig nach Bonn ge­zo­gen. Hier war er als Ge­richts­re­fe­ren­dar und als Amts­ge­richts­rat tä­tig und be­klei­de­te spä­ter am Ober­lan­des­ge­richt in Köln das Amt des Se­nats­prä­si­den­ten. Die Mut­ter He­le­ne Hor­ten, ge­bo­re­ne Bie­ger (ge­bo­ren 1880) stamm­te aus Bop­pard. Die Fa­mi­lie leb­te bis 1915 in Bonn, an­schlie­ßend in Ge­münd in der Ei­fel.

Nach dem Ab­itur in Köln 1928 ent­schied Hel­mut Hor­ten sich ge­gen ein Stu­di­um und für ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re. Er ging nach Düs­sel­dorf und ließ sich bei der Leon­hard Tietz AG – der spä­te­ren Kauf­hof AG – zum Tex­til­kauf­mann aus­bil­den. Die ers­ten Schrit­te als selbst­stän­di­ger Un­ter­neh­mer mach­te Hor­ten im Al­ter von 27 Jah­ren. Be­güns­tigt von der „Ari­sie­rungs"-Po­li­tik der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten über­nahm er 1936 das Duis­bur­ger Tex­til­kauf­haus „Ge­brü­der Als­berg" zu ei­nem äu­ßerst güns­ti­gen Preis von den jü­di­schen Vor­be­sit­zern, die zur Emi­gra­ti­on ge­trie­ben wor­den wa­ren. Er­mög­licht wur­de die Über­nah­me durch die Com­merz- und Dis­con­to­bank AG, dem Vor­gän­ger­in­sti­tut der Com­merz­bank AG, un­ter der Füh­rung Wil­helm Reinolds (1895-1979), ei­nem Freund der Fa­mi­lie Hor­ten. Bis 1939 folg­ten sechs wei­te­re Kauf­haus­grün­dun­gen in Wat­ten­scheid, Ge­vels­berg, Bie­le­feld, den ost­preu­ßi­schen Städ­ten Kö­nigs­berg, Ma­ri­en­burg so­wie Ma­ri­en­wer­der in West­preu­ßen.

Die deut­sche Nie­der­la­ge im Zwei­ten Welt­krieg un­ter­brach vor­erst die Kar­rie­re Hor­tens: Weil er wäh­rend des Krie­ges als Reichs­ver­tei­ler für die Ver­sor­gung bom­ben­ge­schä­dig­ter west­deut­scher Städ­te mit Tex­ti­li­en zu­stän­dig ge­we­sen war, ver­brach­te er 1947/1948 et­wa an­dert­halb Jah­re in ei­nem bri­ti­schen In­ter­nie­rungs­la­ger in Reck­ling­hau­sen. Mit ei­nem Hun­ger­streik er­zwang Hor­ten schlie­ß­lich sei­ne Ent­las­sung. Pünkt­lich zur Wäh­rungs­re­form 1948 konn­te sich der Ge­schäfts­mann dem Wie­der­auf­bau sei­nes Un­ter­neh­mens wid­men. Hier­bei griff er un­ter an­de­rem auf Wa­ren­be­stän­de zu­rück, die er in sei­ner Funk­ti­on als Reichs­ver­tei­ler in den letz­ten Kriegs­mo­na­ten ver­steckt ge­la­gert hat­te.

Schon am 1.12.1948 er­öff­ne­te der um­trie­bi­ge Un­ter­neh­mer in Duis­burg mit dem le­gen­dä­ren „Bau der hun­dert Ta­ge" den ers­ten gro­ßen Kauf­haus­neu­bau nach dem Krieg. Bald ka­men zwei Fi­lia­len in Em­me­rich und Gel­dern da­zu. Ei­ne ganz neue Ebe­ne er­klomm Hor­ten je­doch zu Be­ginn der 1950er Jah­re. 1952 kauf­te der rhei­ni­sche Wa­ren­haus­be­sit­zer der in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten emi­grier­ten jü­di­schen Fa­mi­lie Scho­cken die „Mer­kur"-Ket­te mit ih­ren elf Häu­sern ab. Zwei Jah­re spä­ter folg­te der nächs­te Coup: Nach lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen kauf­te Hor­ten dem eben­falls in den USA le­ben­den jü­di­schen Fir­men­ma­gna­ten Ja­cob Mi­cha­el (1894-1979) die Ak­ti­en der „Emil Kös­ter AG" ab. Die Fir­ma be­trieb da­mals un­ter dem Na­men „De­fa­ka" (Deut­sches Fa­mi­li­en Kauf­haus) 19 Wa­ren­häu­ser in der jun­gen Bun­des­re­pu­blik.

Mit die­sen Ex­pan­sio­nen wur­de die „Hel­mut Hor­ten GmbH", de­ren al­lei­ni­ger Ge­sell­schaf­ter ihr Grün­der war, zur Num­mer vier un­ter den deut­schen Kauf­haus­ket­ten – hin­ter Kar­stadt, Her­tie und Kauf­hof. Die nächs­ten Jah­re ver­brach­te Hor­ten da­mit, sein zu­sam­men­ge­kauf­tes Ge­schäfts­im­pe­ri­um neu zu or­ga­ni­sie­ren. Kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be, schlie­ß­lich war die Mer­kur-Stamm­kund­schaft, die aus der Ar­bei­ter­schaft kam, grund­ver­schie­den von der fi­nan­zi­ell bes­ser ge­stell­ten De­fa­ka-Kli­en­tel. Den of­fi­zi­el­len Schluss­punkt die­ses Pro­zes­ses mar­kiert 1961 der Um­zug in die neue Fir­men­zen­tra­le an der Theo­dor-Heuss-Brü­cke in Düs­sel­dorf.

Im Zu­ge die­ser Auf­ga­be tat sich Hor­ten auch als Vi­sio­när sei­ner Bran­che her­vor. Auf der Su­che nach ei­nem pas­sen­den Ge­schäfts­mo­dell für sei­ne he­te­ro­ge­ne Kund­schaft ließ er sich von ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­dern in­spi­rie­ren und führ­te als ei­ner der ers­ten das Mo­dell des Wa­ren­hau­ses mit Voll-Sor­ti­ment in Deutsch­land ein, bei dem man fast al­les, was man zum täg­li­chen Le­ben brauch­te, un­ter ei­nem Dach fand. Sein Un­ter­neh­men wuchs der­weil im­mer wei­ter. 1962 er­wirt­schaf­te­ten sei­ne Kauf­häu­ser erst­mals ei­nen Um­satz von mehr als 1 Mil­li­ar­de Mark.

Cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal vie­ler Hor­ten-Kauf­häu­ser wur­de die von dem Ar­chi­tek­ten Egon Ei­er­mann (1904-1970) kon­zi­pier­te Alu­mi­ni­um­ka­chel­ver­klei­dung, auch be­kannt als „Hor­ten­ka­cheln".

1968, auf dem Hö­he­punkt sei­nes Er­fol­ges, ent­schied sich Hor­ten, schritt­wei­se aus sei­nem ei­ge­nen Un­ter­neh­men aus­zu­stei­gen. Er wan­del­te die GmbH in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft um und ver­kauf­te von 1969 bis 1971 in meh­re­ren Schrit­ten al­le Ak­ti­en, wo­von sich die Deut­sche Bank und die Com­merz­bank zu­sam­men 25 Pro­zent si­cher­ten. Der ame­ri­ka­ni­sche Zi­ga­ret­ten­kon­zern BAT kauf­te wei­te­re 25 Pro­zent. Die an­de­re Hälf­te wur­de an der Bör­se breit ge­streut. Hor­tens Ge­winn: Je nach Schät­zung 1,2 bis 1,4 Mil­li­ar­den Mark.

Über die Grün­de von Hor­tens Rück­zug wur­de in der zeit­ge­nös­si­schen Pres­se hef­tig spe­ku­liert: Dem „Kauf­haus-Kö­nig" miss­fiel of­fen­bar die Rich­tung, in die die deut­sche Po­li­tik steu­er­te. Hor­ten stand der FDP na­he; in sei­ner Düs­sel­dor­fer Vil­la tra­fen sich An­fang der 1960er Jah­re li­be­ra­le Spit­zen­po­li­ti­ker mit Uni­ons-Grö­ßen wie Franz-Jo­sef Strauß (1915-1988) zu ver­trau­li­chen Ka­min­ge­sprä­chen, um ei­ne An­bin­dung der Frei­de­mo­kra­ten an die Uni­on zu son­die­ren. Die so­zi­al-li­be­ra­le Ko­ali­ti­on aus SPD und FDP hielt der kon­ser­va­ti­ve Un­ter­neh­mer, der ei­ne Vor­lie­be für star­ke Män­ner hat­te, für den fal­schen Weg. Ei­nen fa­mi­liä­ren Kon­takt in die Po­li­tik be­saß Hel­mut Hor­ten über sei­nen Vet­ter Alp­hons Hor­ten (1907-2003), der als CDU-Ab­ge­ord­ne­ter von 1965 bis 1972 Mit­glied des Bun­des­ta­ges war.

Vom öko­no­mi­schen Blick­win­kel kam der Ver­kauf ge­ra­de zum rech­ten Zeit­punkt: Der Kauf­haus-Boom be­fand sich um 1970 auf dem ab­so­lu­ten Hö­he­punkt, spä­ter wä­re der Ver­kaufs­preis für sein Im­pe­ri­um in­fol­ge von Öl­kri­se, Re­zes­si­on und der wach­sen­den Kon­kur­renz durch Selbst­be­die­nungs­lä­den deut­lich klei­ner aus­ge­fal­len. In den 1980er Jah­ren ge­riet das Un­ter­neh­men im­mer stär­ker in wirt­schaft­li­che Schief­la­ge. 1994 wur­den die Hor­ten-Kauf­häu­ser schlie­ß­lich vom Kon­kur­ren­ten Kauf­hof über­nom­men.

Den öf­fent­li­chen Zorn zog Hor­ten auf sich, weil er den mil­li­ar­den­schwe­ren Ver­kaufs­er­lös auf­grund ei­ner Ge­set­zes­lü­cke an den Steu­er­be­hör­den vor­bei in die Schweiz schleus­te. Dort muss­te der frisch ge­ba­cke­ne Mil­li­ar­där, der seit 1968 in Cro­glio im Tes­sin leb­te, nur ei­nen Bruch­teil der deut­schen Steu­ern zah­len. Um der­glei­chen in Zu­kunft zu ver­hin­dern, be­schloss der Bun­des­tag dar­auf­hin ei­ne „Lex Hor­ten".

Das Ver­hält­nis zwi­schen dem kin­der­lo­sen Mil­li­ar­där und sei­nem Hei­mat­land zer­brach über die­sem Streit. Der ur­sprüng­li­che Plan, sein Ver­mö­gen nach sei­nem Tod auf sei­ne Düs­sel­dor­fer Stif­tung zu über­tra­gen, kam nie zur An­wen­dung. Statt­des­sen grün­de­te Hor­ten in der Schweiz und in Ös­ter­reich zwei Stif­tun­gen, die me­di­zi­ni­sche For­schung un­ter­stüt­zen. Da­ne­ben führ­te er das mon­dä­ne Le­ben ei­nes mil­li­ar­den­schwe­ren Pri­va­tiers: Er kauf­te un­ter an­de­rem meh­re­re Lu­xus­an­we­sen auf ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten und ließ sich rie­si­ge Lu­xus­jach­ten bau­en. 1983 ge­riet er noch ein­mal in das Schlag­licht der po­li­ti­schen Öf­fent­lich­keit, als er die fast bank­rot­te FDP mit ei­ner Spen­de in Hö­he von sechs Mil­lio­nen Mark un­ter­stütz­te.

Be­reits 1971 grün­de­te Hel­mut Hor­ten die Stif­tung Vil­lal­ta, wel­che nach sei­nem Tod 1987 in Hel­mut Hor­ten Stif­tung um­be­nannt wur­de, mit ei­nem Start­ka­pi­tal von ei­ner Mil­li­on Schwei­zer Fran­ken. Stif­tungs­zweck ist die För­de­rung des Ge­sund­heits­we­sens durch die Un­ter­stüt­zung von For­schungs­ein­rich­tun­gen, Kran­ken­häu­sern so­wie Per­so­nen, die im me­di­zi­ni­schen Sin­ne be­dürf­tig sind. Bis zu sei­nem Tod hat­te Hor­ten das Stif­tungs­ka­pi­tal auf bis auf 60 Mil­lio­nen Fran­ken er­höht. Zu­vor hat­te er der Stadt Kem­pen, dem Ur­sprungs­ort sei­ner Fa­mi­lie, be­reits in den 1970er Jah­ren Gel­der zum Bau öf­fent­li­cher Ein­rich­tun­gen ge­spen­det.

Am 30.11.1987 starb Hel­mut Hor­ten in sei­nem Wohn­ort Cro­glio. Al­lein­er­bin sei­nes in­zwi­schen auf über drei Mil­li­ar­den Mark an­ge­wach­se­nen Ver­mö­gens wur­de sei­ne zwei­te Ehe­frau; Hor­ten hat­te die 32 Jah­re jün­ge­re Se­kre­tä­rin Hei­di Je­linek (ge­bo­ren 1941) 1966 ge­hei­ra­tet.

Literatur

Eglau, Hans Ot­to, „Hel­mut Hor­ten. Die gol­de­nen zwan­zig Jah­re", in: Eglau, Hans Ot­to, Die Kas­se muss stim­men. So hat­ten sie Er­folg im Han­del. Von der Klei­der­dy­nas­tie Bren­nink­mey­er über die Dis­count­brü­der Al­brecht bis zur Sex­ver­sen­de­rin Bea­te Uh­se, Düs­sel­dorf 1972, S. 121–142.

En­gel­mann, Bernt/Wall­raff, Gün­ter, Ihr da oben – Wir da un­ten, 3. Auf­la­ge, Köln 1994.

„Hel­mut Hor­ten - Ge­stal­ter mo­der­nen Ein­zel­han­dels", in: Nie­der­rhein­kam­mer, Zeit­schrift der nie­der­rhei­ni­schen ­In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer 39 (1983), S. 35.

Nie­sen, Jo­sef, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, 2. Auf­la­ge, Bonn 2007, S. 154-155.

Online

Hein­rich-Hor­ten-Stra­ße. Stamm­va­ter der Kauf­haus­dy­nas­tie(In­for­ma­ti­on über die An­fän­ge der Fa­mi­lie Hor­ten in Kem­pen auf der Web­site der Stadt Kem­pen).

 
Zitationshinweis

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Thiel, Thomas, Helmut Horten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/helmut-horten/DE-2086/lido/57c8342d34f841.10221268 (26.04.2018)