Hermann Friedrich Wilhelm Brassert

Jurist und Berghauptmann (1820-1901)

Helmut Vogt (Bonn)

Porträt Hermann Brasserts auf dem Brassert-Denkmal am Bonner Rheinufer, Foto: Margret Wensky.

Aus ei­ner al­ten Be­am­ten­fa­mi­lie stam­mend schuf Her­mann Bras­sert das mo­der­ne preu­ßi­sche Berg­recht. In sei­ne Zeit an der Spit­ze des Ober­berg­amts Bonn fällt die prak­ti­sche Um­set­zung des Re­gel­werks und die Aus­wei­tung des Be­zirks durch Ein­be­zie­hung nicht­preu­ßi­scher Ge­bie­te.

Her­mann Fried­rich Wil­helm Bras­sert wur­de am 20.5.1820 als äl­tes­tes von zehn Kin­dern des da­ma­li­gen Ober­ber­grats Jo­hann Gus­tav Bras­sert (1790-1861) und sei­ner Ehe­frau Hen­ri­et­te, ge­bo­re­ne Kort­mann (Le­bens­da­ten un­be­kannt) in Dort­mund ge­bo­ren. In sin­gu­lä­rer Wei­se hat ihn die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on für sein Le­bens­werk ge­prägt: Be­reits der Gro­ßva­ter hat­te sich durch sei­ne Kennt­nis des Berg­rechts pro­fi­liert; der Va­ter stieg nach 34 Jah­ren Ar­beit am Ober­berg­amt in Dort­mund zum Berg­haupt­mann und Lei­ter des Ober­berg­amts zu Hal­le auf; zwei Brü­der ar­bei­te­ten eben­falls in der Berg­auf­sicht. Nach dem Ab­itur am Stadt­gym­na­si­um in Dort­mund stu­dier­te Her­mann Bras­sert Rechts­wis­sen­schaft zu­erst in Ber­lin, wo er noch Ge­le­gen­heit hat­te, den le­gen­dä­ren Fried­rich Carl von Sa­vi­gny (1779-1861) zu hö­ren und auch sei­nen Mi­li­tär­dienst leis­te­te, dann in Hei­del­berg und Bonn. Am Rhein zog ihn der über­aus po­pu­lä­re Fried­rich Chris­toph Dah­l­mann in sei­nen Bann. Die Er­nen­nung zum Jus­ti­ti­ar und Stell­ver­tre­ter des Di­rek­tors am Berg­amt in Sie­gen be­en­de­te im Ju­li 1850, zwei Jah­re nach Be­ste­hen des As­ses­sor­ex­amens, di­ver­se tem­po­rä­re Ver­wen­dun­gen an Ge­rich­ten (Dort­mund, Hamm, Rees, Es­sen) und er­mög­lich­te dem jun­gen Berg­rat zu hei­ra­ten. An­na So­phie Eli­se Wil­manns (1820-1883) war Toch­ter des Kreis­ge­richts­di­rek­tors in Dort­mund und ihm be­reits seit der Schul­zeit ver­traut. Mit ihr hat­te er zwei Töch­ter.

 

Auch in be­ruf­li­cher Hin­sicht war die Zeit in Sie­gen ent­schei­dend für Bras­serts Le­bens­weg, weck­te doch das Stu­di­um des in sei­nem Be­zirk gel­ten­den Berg­rechts we­gen sei­ner Zer­split­te­rung und Viel­falt sein In­ter­es­se an ei­ner Neu­ord­nung und Ver­ein­heit­li­chung der kom­ple­xen Ma­te­rie. Die Er­nen­nung zum Ober­ber­grat in Bonn im April 1855 zwang ihn da­zu, sich in die auf der lin­ken Rhein­sei­te noch gül­ti­ge fran­zö­si­sche Berg­ge­setz­ge­bung ein­zu­ar­bei­ten; sie gab den Berg­bau­trei­ben­den be­reits sehr früh grö­ße­re un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit. Spä­tes­tens mit der Pu­bli­ka­ti­on ei­ner 1163 Sei­ten star­ken Zu­sam­men­stel­lung der in Preu­ßen gül­ti­gen Berg­ord­nun­gen galt Bras­sert als ei­ner der bes­ten Ken­ner des Fach­ge­biets. Wei­te­re Ver­öf­fent­li­chun­gen fes­tig­ten sei­nen Ruf, so dass ihn das preu­ßi­sche Han­dels­mi­nis­te­ri­um 1861 mit der Aus­ar­bei­tung ei­nes für den ge­sam­ten preu­ßi­schen Staat gel­ten­den Re­gel­werks be­auf­trag­te. Ziel war die ein­heit­li­che Ko­di­fi­ka­ti­on der wäh­rend des Über­gangs vom Di­rek­ti­ons­prin­zip zum In­spek­ti­ons­prin­zips vor­ge­nom­me­nen No­vel­lie­run­gen. Be­reits im Ju­ni 1862 leg­te Bras­sert sei­nen ers­ten Ent­wurf im Mi­nis­te­ri­um vor. Es dau­er­te fast drei Jah­re, bis nach aus­führ­li­cher öf­fent­li­cher Dis­kus­si­on und par­la­men­ta­ri­scher Be­ra­tung das Preu­ßi­sche All­ge­mei­ne Berg­ge­setz von Her­ren­haus und Ab­ge­ord­ne­ten­haus ver­ab­schie­det wur­de. Das Werk bil­de­te die ju­ris­ti­sche Vor­aus­set­zung für ei­nen mo­der­nen, von un­nö­ti­gen staat­li­chen Fes­seln be­frei­ten Berg­bau, wie er wie­der­um un­er­läss­lich für die er­folg­rei­che preu­ßi­sche und deut­sche In­dus­tria­li­sie­rung war. Zahl­rei­chen an­de­ren Staa­ten dien­te es als Vor­bild für ih­re Berg­ge­setz­ge­bung. In Deutsch­land wur­de es nach mehr­fa­chen No­vel­lie­run­gen erst 1980 durch das Bun­des­berg­ge­setz ab­ge­löst. Be­tei­ligt war Bras­sert auch an der Aus­ar­bei­tung des baye­ri­schen (1869) und des würt­tem­ber­gi­schen (1874) Berg­ge­set­zes.

Seit Ju­ni 1864 Ge­hei­mer Berg­rat und Vor­tra­gen­der Rat im Ber­li­ner Han­dels­mi­nis­te­ri­um wur­de Bras­sert im De­zem­ber 1864 zum Berg­haupt­mann und Di­rek­tor des Ober­berg­amts Bonn er­nannt. In Preu­ßen war er da­mit der ers­te Ju­rist auf ei­nem sol­chen Pos­ten. Auf­fäl­lig ist, wie stark sein Tun auf lan­ge Dau­er an­ge­legt war: 27 Jah­re wirk­te er auf der Bon­ner Stel­le. Ei­ne wei­te­re Be­för­de­rung ins Mi­nis­te­ri­um nach Ber­lin lehn­te er, auch mit Rück­sicht auf die an­ge­grif­fe­ne Ge­sund­heit sei­ner Frau, ab. 43 Jah­re gar, da­von 30 al­lein, fun­gier­te er als Her­aus­ge­ber der von ihm 1860 mit be­grün­de­ten “Zeit­schrift für Berg­recht”. Auch 30 Jah­re, von 1871 bis zu sei­nem To­de, ge­hör­te er dem Bon­ner Stadt­rat an. Das gel­ten­de Drei­klas­sen­wahl­recht be­güns­tig­te ei­ne sol­che ho­he per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät. Sein Amts­vor­gän­ger, Freund und För­de­rer Hein­rich von De­chen (1800-1889) hielt mit 43 Jah­ren als Bon­ner Stadt­ver­ord­ne­ter den Re­kord.

Auch im Pres­by­te­ri­um der evan­ge­li­schen Ge­mein­de wirk­te Bras­sert Jahr­zehn­te. Als 1869 der Bau der Kreuz­kir­che we­gen Fi­nan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten stock­te, sand­te man ihn, Lei­ter der höchs­ten Bon­ner Staats­be­hör­de (und be­reits Trä­ger des Ro­ten Ad­ler­or­dens 3. Klas­se mit Schul­ter­band) zu­sam­men mit zwei Pro­fes­so­ren nach Bad Ems, um beim Kö­nig ei­ne per­sön­li­che Spen­de ein­zu­wer­ben. Sie wur­den nicht vor­ge­las­sen. Zwei Bon­ner Mil­lio­nä­re spran­gen mit 5.000 Ta­lern ein.

Zeit­ge­nos­sen be­schei­ni­gen Bras­sert als Lei­ter des Ober­berg­am­tes Bonn un­er­müd­li­che Ar­beits­kraft und ho­he Ak­zep­tanz in­ner­halb sei­nes ex­pan­die­ren­den Ver­wal­tungs­be­zirks. Sei­ne ers­te Auf­ga­be war die Ein­füh­rung “s­ei­nes” Ge­set­zes in die Pra­xis, ge­folgt von der Ein­glie­de­rung der 1866 von Preu­ßen an­nek­tier­ten Berg­bau­re­vie­re (Nas­sau, Kur­hes­sen, Mei­sen­heim) in sei­nen Spren­gel. Die hier ge­won­ne­nen Er­fah­run­gen prä­des­ti­nier­ten das Bon­ner Ober­berg­amt da­zu, im von Frank­reich ab­ge­tre­te­nen El­sass-Loth­rin­gen ei­ne Berg­ver­wal­tung auf­zu­bau­en. Auch das zu­ge­hö­ri­ge Berg­ge­setz für das Reichs­land vom 16.12.1873 wur­de von Bras­sert er­ar­bei­tet und im Bun­des­rat ver­tre­ten. Ob­wohl die Ab­kehr vom Di­rek­ti­ons­prin­zip den Ein­fluss der obers­ten Berg­be­hör­den ge­ne­rell ver­rin­ger­te, ver­moch­te Bras­sert dem Bon­ner Amt die füh­ren­de Po­si­ti­on zu er­hal­ten, die sein Vor­gän­ger De­chen auf­ge­baut hat­te. Neue Ar­beit schlie­ß­lich brach­ten die Aus­wir­kun­gen der in den 1880er Jah­ren ein­ge­führ­ten So­zi­al­ver­si­che­run­gen auf das Knapp­schafts­we­sen mit sich. Ne­ben der Ta­ges­ar­beit ver­öf­fent­lich­te der 1865 von der Bon­ner Uni­ver­si­tät zum Eh­ren­dok­tor der Rech­te er­nann­te Be­hör­den­chef 1888 ei­nen um­fang­rei­chen Kom­men­tar zum All­ge­mei­nen Berg­ge­setz. 1894 folg­te ein wei­te­rer Kom­men­tar, der die 1892 er­folg­te No­vel­lie­rung be­rück­sich­tig­te.

Am 1.10.1892 schied der in­zwi­schen Drei­und­sieb­zig­jäh­ri­ge aus dem Amt. Ne­ben er­neu­ten staat­li­chen Eh­ren und Or­den emp­fing er den Dank von Ver­bän­den und Fach­ver­ei­nen. In Bonn und im Ruhr­ge­biet wur­den spä­ter Stra­ßen nach ihm be­nannt, eben­so ein Stadt­teil von Marl und die ört­li­che Ze­che (1905-1972 in Be­trieb). Vier preu­ßi­sche Kö­ni­ge ha­ben sei­ne Ver­diens­te um den Staat, den Berg­bau und sei­ne Be­schäf­tig­ten ge­wür­digt, zu­letzt durch Ver­lei­hung des Ti­tels Wirk­lich Ge­hei­mer Rat mit dem Prä­di­kat “Ex­zel­lenz” zu sei­nem 80. Ge­burts­tag. Zahl­rei­che berg­bau­li­che und wis­sen­schaft­li­che Ver­ei­ne mach­ten ihn zum Eh­ren­mit­glied. Wie­der­holt sind dem un­be­strit­te­nen Fach­mann auch Auf­sichts­rats­pos­ten an­ge­bo­ten wor­den. Er hat sie ab­ge­lehnt, um sei­ne Un­ab­hän­gig­keit nicht zu ver­lie­ren.

Mit­tel­punkt des Fa­mi­li­en­le­bens, der Mu­sik- und Kunst­lei­den­schaft und des re­gen ge­sell­schaft­li­chen Aus­tauschs war das in der Bon­ner Len­né­stra­ße er­wor­be­ne Haus. Seit 1868 ge­hör­te Bras­sert dem “Bon­ner Freun­des­kränz­chen” an, des­sen pro­mi­nen­te Mit­glie­der sich reih­um ver­sam­mel­ten; der Gast­ge­ber war je­weils auch der Red­ner des Abends.

Am 16.3.1901 starb Bras­sert als Fol­ge ei­ner Rip­pen­fell­ent­zün­dung. Er wur­de auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn be­er­digt. 1921 er­rich­te­ten ihn die berg­bau­li­chen Ver­ei­ne Preu­ßens ein Denk­mal in der Nä­he des Ober­berg­amts, des­sen Neu­bau (1903) er nicht mehr er­lebt hat.

Werke, Herausgeberschaft

Berg-Ord­nun­gen der preus­si­schen Lan­de. Samm­lung der in Preus­sen gül­ti­gen Berg-Ord­nun­gen, nebst Er­gän­zun­gen, Er­läu­te­run­gen und Ober-Tri­bu­nals-Ent­schei­dun­gen, Köln 1858.

Das Berg­recht des all­ge­mei­nen preus­si­schen Land­rechts in sei­nen Ma­te­ria­li­en, Bonn 1861.

All­ge­mei­nes Berg­ge­setz für die preu­ßi­schen Staa­ten vom 24. Ju­ni 1865; mit Ein­füh­rungs­ge­set­zen und Kom­men­tar, Bonn 1888.

Literatur

Arlt, Hans, Ein Jahr­hun­dert Preu­ßi­scher Berg­ver­wal­tung in den Rhein­lan­den. Fest­schrift aus An­laß des hun­dert­jäh­ri­gen Be­ste­hens des Ober­berg­amts zu Bonn, Ber­lin 1921.

Boldt, Ger­hard, Her­mann Bras­sert. Sein Le­ben und Wir­ken, in: Zeit­schrift für Berg­recht 106 (1965), S. 42-53.

Boldt, Ger­hard, Her­mann Bras­sert, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 9, Müns­ter 1967, S. 39-56.

Ser­lo, Wal­ter, Berg­manns­fa­mi­li­en in Rhein­land und West­fa­len, Müns­ter 1936 (Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 3), S. 181-184.

Un­ver­ferth, Ga­brie­le, Bras­sert, Her­mann Fried­rich Wil­helm (Berg­haupt­mann), in: Bohr­mann, Hans (Hg.), Bio­gra­phi­en be­deu­ten­der Dort­mun­der, Band 1, Dort­mund 1994, S. 16-19.

Brassert-Denkmal am Bonner Rheinufer ('Brassertufer'), Foto: Margret Wensky.

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Hermann Friedrich Wilhelm Brassert, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-friedrich-wilhelm-brassert-/DE-2086/lido/57c5873cb097b1.29609722 (23.05.2018)