Hermann Heinrich Becker

Kölner Oberbürgermeister (1820-1885)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Hermann Heinrich Becker, Skulptur am Kölner Rathausturm, Bildhauer: Helmut Moos, 1992. (Stadtkonservator Köln)

Her­mann Hein­rich Be­cker ge­hör­te zu den po­pu­lä­ren Prot­ago­nis­ten der de­mo­kra­ti­schen Be­we­gung des Vor­märz und der Re­vo­lu­ti­on 1848/1849. Be­reits wäh­rend sei­ner Schul­zeit wur­de er we­gen sei­ner auf­fal­len­den Haar- und Bart­far­be „ro­ter Be­cker" ge­ru­fen. Spä­ter wur­de die­ser Bei­na­men auch auf sei­ne so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Ge­sin­nung über­tra­gen. In sei­nem Amt als Ober­bür­ger­meis­ter von Köln schuf Her­mann Hein­rich Be­cker ab 1875 we­sent­li­che Vor­aus­set­zun­gen für die Er­wei­te­rung und Mo­der­ni­sie­rung des Köl­ner Stadt­ge­bie­tes im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert.

Her­mann Hein­rich Be­cker wur­de am 15.9.1820 in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Sohn des Arz­tes Her­mann Be­cker und des­sen Frau Theo­do­ra, ge­bo­re­ne Krack­rüg­ge ge­bo­ren. Er be­such­te zu­nächst das Gym­na­si­um in Soest, von dem er aber we­gen Be­tei­li­gung an ei­nem Du­ell ver­wie­sen wur­de. Sei­ne Gym­na­si­al­zeit be­en­de­te er Os­tern 1842 in Dort­mund mit dem Ab­itur. Im April 1842 im­ma­tri­ku­lier­te sich Be­cker an der ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg und war hier ma­ß­geb­lich an der Wie­der­be­le­bung der nach dem Frank­fur­ter Wa­chen­sturm 1834 zu­sam­men­ge­bro­che­nen bur­schen­schaft­li­chen Re­form­be­we­gung be­tei­ligt. Er wur­de Mit­glied der Bur­schen­schaft „Lum­pia", zu de­ren Spre­cher er ge­wählt wur­de. Zu­neh­mend in po­li­tisch ra­di­ka­les Fahr­was­ser ge­lan­gend, ver­ließ er Hei­del­berg im Som­mer über­stürzt, um ei­ner dro­hen­den Aus­wei­sung durch die aka­de­mi­schen Be­hör­den zu­vor zu kom­men. Im Win­ter­se­mes­ter 1843/1844 setz­te er sein Stu­di­um in Bonn fort. Als Mit­glied und Spre­cher der Bur­schen­schaft „Fri­de­ri­cia" wirk­te er auch hier als ein ent­schie­de­ner Ver­tre­ter der stu­den­ti­schen Pro­gress­be­we­gung und lern­te den re­pu­bli­ka­ni­schen Do­zen­ten Gott­fried Kin­kel ken­nen.

Nach Be­en­di­gung des Stu­di­ums in Ber­lin be­gann er 1845 ei­ne ju­ris­ti­sche Lauf­bahn und pro­mo­vier­te 1847 mit ei­ner Ar­beit zum The­ma „His­to­ria ju­ris cri­mi­na­lis Bran­den­bur­gen­sis" (Ge­schich­te des bran­den­bur­gi­schen Kri­mi­nal­rechts). Im glei­chen Jahr wur­de er im Rang ei­nes Ge­richts­re­fe­ren­dars zu­nächst nach Bonn und schlie­ß­lich nach Köln ver­setzt, wo er sich dem de­mo­kra­ti­schen Zir­kel um Karl Marx und Fried­rich En­gels an­schloss. Zeit­le­bens als po­li­ti­scher Quer­den­ker be­kannt, lehn­te er ih­re Theo­ri­en und For­de­run­gen je­doch in Tei­len ab.

Die Re­vo­lu­ti­on 1848 / 1849 stell­te ei­ne ent­schei­den­de Zä­sur in Be­ckers Le­ben dar. Er wur­de Mit­glied der Köl­ner Bür­ger­wehr, ge­hör­te dem Vor­stand des „Ver­eins für Ar­bei­ter und Ar­beit­ge­ber" an und wirk­te als Re­dak­teur in der von ihm be­grün­de­ten, an­ti­preu­ßisch aus­ge­rich­te­ten „West­deut­schen Zei­tung". Dar­über hin­aus ge­hör­te er dem Rhei­ni­schen Kreis­aus­schuss der De­mo­kra­ten und dem Köl­ner Si­cher­heits­au­schuss an.

Der Zu­sam­men­bruch der Re­vo­lu­ti­on 1849 hin­der­te ihn nicht dar­an, sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment fort­zu­set­zen. Die fun­dier­te ju­ris­ti­sche Aus­bil­dung und ei­ne aus­ge­präg­te rhe­to­ri­sche Be­ga­bung er­laub­ten es ihm, sich zu­nächst er­folg­reich in den ge­gen ihn ge­führ­ten Ge­richts­ver­fah­ren selbst zu ver­tei­di­gen. 1850 trat Be­cker dem Bund der Kom­mu­nis­ten bei und fun­gier­te 1851 als Her­aus­ge­ber des ers­ten Ban­des der ge­sam­mel­ten Auf­sät­ze von Karl Marx. Noch im glei­chen Jahr wur­de er, von be­hörd­li­cher Sei­te als ei­ner der „ge­fähr­lichs­ten Men­schen der Rhein­pro­vinz und West­fa­lens" ein­ge­stuft, ver­haf­tet und im Zu­ge des Köl­ner Kom­mu­nis­ten­pro­zess am 12.11.1852 zu fünf­jäh­ri­ger Fes­tungs­haft ver­ur­teilt. Er selbst sah sich stets als Op­fer staat­li­cher Will­kür und be­zeich­ne­te die im Pro­zess­ver­lauf ge­gen ihn vor­ge­leg­ten schrift­li­chen Be­wei­se als Fäl­schung. Nach voll­stän­di­ger Ver­bü­ßung sei­ner Stra­fe in der Fes­tung Weich­sel­mün­de bei Dan­zig – ein Flucht­ver­such schei­ter­te – war er ab 1857 zu­nächst als Kauf­mann in Dort­mund tä­tig, ehe er als Mit­glied der Fort­schritts­par­tei sei­ne pu­bli­zis­ti­sche und po­li­ti­sche Ar­beit wie­der auf­nahm und in den Dort­mun­der Stadt­rat ge­wählt wur­de. Er be­grün­de­te in die­ser Zeit nicht nur den „His­to­ri­schen Ver­ein für Dort­mund und die Graf­schaft Mark", son­dern auch die Dort­mun­der Volks­bank.

1861 wur­de er für den Wahl­kreis Bo­chum-Dort­mund in das Preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus ge­wählt, wo er sich als Ex­per­te für wirt­schafts­po­li­ti­sche Fra­gen und als her­aus­ra­gen­der Red­ner ei­nen Na­men zu ma­chen ver­stand. Ab 1867 ge­hör­te er auch dem Nord­deut­schen Reichs­tag an.

Ent­ge­gen dem Pro­gramm sei­ner Par­tei be­für­wor­te­te Be­cker den au­ßen­po­li­ti­schen Kurs des preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ot­to von Bis­marck (1815-1898) und des­sen Be­stre­bun­gen zur Ver­wirk­li­chung ei­nes deut­schen Na­tio­nal­staa­tes un­ter preu­ßi­scher Füh­rung. Ob­wohl er die na­tio­nal­li­be­ra­le Po­li­tik Bis­marcks zu­vor ent­schie­den ab­ge­lehnt hat­te, sah er nun, wie zahl­rei­che Re­vo­lu­tio­nä­re von 1848/1849, in der Reichs­grün­dung von 1871 sein deutsch­land­po­li­ti­sches Le­bens­ziel ver­wirk­licht. Sei­ne zu­stim­men­de Hal­tung er­öff­ne­te Be­cker auch in sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re neue Per­spek­ti­ven. 1871 wur­de der eins­ti­ge po­li­ti­sche Häft­ling zum Ober­bür­ger­meis­ter von Dort­mund ge­wählt und 1872 ins preu­ßi­sche Her­ren­haus be­ru­fen. Von 1871 bis 1874 ge­hör­te er dem Reichs­tag als Ab­ge­ord­ne­ter an.

Am 14.1.1875 wur­de Be­cker zum Ober­bür­ger­meis­ter von Köln ge­wählt, je­ner Stadt, die er nach sei­ner Ver­ur­tei­lung 1852 über Jah­re nicht hat­te be­tre­ten dür­fen. In sei­ner über zehn­jäh­ri­gen Amts­zeit schuf er wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für die Mo­der­ni­sie­rung Kölns und zeich­ne­te, nach lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen mit der preu­ßi­schen Re­gie­rung, ma­ß­geb­lich für die Nie­der­le­gung der aus dem 12. Jahr­hun­dert stam­men­den mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­er zu­guns­ten ei­ner Er­wei­te­rung des Stadtare­als ver­ant­wort­lich. In sei­ne Amts­zeit fällt auch die Fer­tig­stel­lung des Köl­ner Doms im Jahr 1880. Trotz sei­ner Er­fol­ge in der So­zi­al- und Wirt­schafts­po­li­tik ver­stand es der über­zeug­te Pro­tes­tant Be­cker wäh­rend des Kul­tur­kamp­fes nicht, ei­ne ver­mit­teln­de Rol­le zwi­schen dem preu­ßi­schen Staat und der ka­tho­li­schen Kir­che ein­zu­neh­men.

Bis zu­letzt war das Be­stre­ben nach so­zia­ler Ge­rech­tig­keit ein we­sent­li­ches Merk­mal sei­ner po­li­ti­schen Ar­beit. Ei­ne not­falls auch mit dem his­to­ri­schen Er­be Kölns bre­chen­de Mo­der­ni­sie­rungs­po­li­tik schien für ihn der Schlüs­sel zur Be­sei­ti­gung der be­ste­hen­den so­zia­len Not gro­ßer Tei­le der Be­völ­ke­rung zu sein. 1884 er­krank­te Her­mann Hein­rich Be­cker an Tu­ber­ku­lo­se und starb 65-jäh­rig am 9.12.1885 in Köln. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Fried­hof Me­la­ten, ei­ne Fi­gur des „ro­ten Be­cker" schmückt den Köl­ner Rat­haus­turm, und in Köln Nord wur­de ei­ne Stra­ße nach ihm be­nannt.

Quellen

Ha­cken­berg, Karl E., Der ro­te Be­cker. Ein deut­sches Le­bens­bild aus dem 19. Jahr­hun­dert, Leip­zig 1899.

Literatur

Biefang, An­dre­as, Her­mann Hein­rich Be­cker (1820-1885), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 13 (1993), S. 153-181.
Bren­del, Det­lef, Her­mann Hein­rich Be­cker (1820-1885), in: Fi­scher, Heinz-Diet­rich (Hg.), Deut­sche Pres­se­ver­le­ger des 18. bis 20. Jahr­hun­derts, Mün­chen 1975, S. 130-140.
Dvor­ak, Hel­ge (Hg.), Bio­gra­fi­sches Le­xi­kon der Deut­schen Bur­schen­schaft, Band 1: Po­li­ti­ker, Teil­band 2: A-E, Hei­del­berg 1996, S. 70-71.
Oepen, Joa­chim, Her­mann Hein­rich Be­cker, Ober­bür­ger­meis­ter von Köln (1875-1885), in: Ge­schich­te in Köln 32 (1992), S. 77-104.
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 348. 

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Hermann Heinrich Becker, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-heinrich-becker-/DE-2086/lido/57c576e058b2d3.93537131 (25.05.2018)