Hermann IV. von Hessen

Erzbischof und Kurfürst von Köln (1449/ 1450-1508)

Maria Fuhs (Langerwehe)

Her­mann IV. („der Fried­sa­me") war der ein­zi­ge Köl­ner Erz­bi­schof aus dem Haus der Land­gra­fen von Hes­sen; er steu­er­te die Ge­schi­cke des Köl­ner Kur­staa­tes in ei­ner be­weg­ten Zeit. Als un­er­müd­li­cher und dis­zi­pli­nier­ter Lan­des­fürst be­en­de­te er die spät­mit­tel­al­ter­li­che Kri­se des Kur­staa­tes und sorg­te da­für, dass Kur­k­öln den Wir­ren der Re­for­ma­ti­ons­zeit ge­fes­tigt ent­ge­gen ge­hen konn­te.

Her­mann wur­de 1449 oder 1450 als drit­ter Sohn des Land­gra­fen Lud­wig I. (1402-1458) und sei­ner Frau An­na (1420-1462), ei­ner Toch­ter Fried­richs I. von Sach­sen (1370-1428), ge­bo­ren. Von ent­schei­den­der Be­deu­tung für sei­ne spä­te­re Kar­rie­re ist die Tat­sa­che, dass die Land­graf­schaft in die­sen Jahr­zehn­ten er­folg­reich zur macht­po­li­ti­schen Ex­pan­si­on an­setz­te. Zwar brach un­mit­tel­bar nach dem Tod des Va­ters zwi­schen den bei­den äl­te­ren Brü­dern Her­manns, Lud­wig II. (1438-1471) und Hein­rich III. (1440-1483), ein Streit um das hes­si­sche Er­be aus (be­en­det 1471), doch das stör­te den Auf­stieg der Land­gra­fen kaum. Denn Hein­rich III. si­cher­te 1458 durch sei­ne Hei­rat mit der Al­lein­er­bin An­na von Kat­zeneln­bo­gen (1443-1494) der Land­graf­schaft nicht nur ein im­men­ses Ver­mö­gen, son­dern ver­grö­ßer­te zu­gleich das hes­si­sche Ter­ri­to­ri­um bis zum Rhein.

Her­mann muss – als Dritt­ge­bo­re­ner – schon früh für die geist­li­che Lauf­bahn be­stimmt wor­den sein. Ab 1462 stu­dier­te er in Köln und er­warb in den fol­gen­den Jah­ren ei­ne Rei­he geist­li­cher Äm­ter in Kur­k­öln und Kur­mainz. Als 1471 der Bi­schofs­sitz von Hil­des­heim frei wur­de, schien es, als kön­ne Her­mann, trotz sei­ner Ju­gend, das ho­he geist­li­che Amt für sich ge­win­nen. Doch die Wahl des Ka­pi­tels fiel zwie­späl­tig aus. Hen­ning von Hau­sen (Epis­ko­pat 1471-1481), Her­manns Kon­kur­rent, ent­schied die An­ge­le­gen­heit in Rom schlie­ß­lich für sich. Ob­wohl Her­mann von sei­nen Brü­dern mit al­len Mit­teln un­ter­stützt wur­de, hat­te er selbst an­schei­nend we­nig In­ter­es­se am Hil­des­hei­mer Bi­schofs­stuhl. Sein Ehr­geiz kon­zen­trier­te sich auf das rhei­ni­sche Erz­stift. 1472 bot sich ihm ei­ne güns­ti­ge Ge­le­gen­heit – die Köl­ner Stifts­feh­de.

Erz­bi­schof Ru­precht von der Pfalz, der Nach­fol­ger Diet­richs II. von Mo­ers, der das Erz­stift durch sei­ne Krie­ge in den fi­nan­zi­el­len Ru­in ge­trie­ben hat­te, lag im Streit mit Dom­ka­pi­tel und Land­stän­den. Ru­precht ver­such­te Äm­ter des Erz­stifts, die Diet­rich von Mo­ers not­ge­drun­gen an meist ad­li­ge Amt­män­ner hat­te ver­pfän­den müs­sen, mit Ge­walt zu­rück zu er­obern.

Der 24-jäh­ri­ge Her­mann wur­de vom Ka­pi­tel – ge­gen gel­ten­des Recht – zum „Haupt­mann und Be­schir­mer" des Stifts er­nannt und setz­te sich an die Spit­ze der Be­we­gung ge­gen den Erz­bi­schof. Das Dom­ka­pi­tel hat­te vor al­lem die mi­li­tä­ri­sche Po­tenz des Land­gra­fen Hein­rich III. be­dacht, der oh­ne zu zö­gern auf Sei­ten sei­nes Bru­ders in die Feh­de ein­griff. Für Ru­precht von der Pfalz kämpf­te ab April 1473 Her­zog Karl von Bur­gund (1433-1477), der sei­nen Ein­fluss auf das Reich aus­deh­nen woll­te. Die vor­läu­fi­ge Ent­schei­dung fiel 1475 in Neuss. Her­mann hat­te die kur­k­öl­ni­sche Stadt mit Hil­fe hes­si­scher Trup­pen er­folg­reich über ein Jahr ge­gen den Bur­gun­der­her­zog ver­tei­digt, der im Früh­jahr 1475 an­ge­sichts des nä­her rü­cken­den Reichs­hee­res un­ter Kai­ser Fried­rich III. (Re­gie­rungs­zeit 1440-1493) den Rück­zug an­trat.

Doch Her­manns Kampf um das Köl­ner Erz­stift und Erz­bis­tum dau­er­te wei­te­re fünf Jah­re. Ru­precht be­haup­te­te sei­ne An­sprü­che als recht­mä­ßig ge­wähl­ter Erz­bi­schof. Zwar wur­de Her­mann von Kai­ser Fried­rich III. zum „Gu­ber­na­tor" des Stifts ein­ge­setzt, al­ler­dings ver­wei­ger­ten ihm die Geist­lich­keit so­wie et­li­che Städ­te und Ver­wal­tungs­be­zir­ke die Ge­folg­schaft. 1478 wur­de Ru­precht von Land­graf Hein­rich ge­fan­gen ge­nom­men, doch erst sein Tod 1480 be­en­de­te die Dop­pel­re­gie­rung in Kur­k­öln. Im Au­gust 1480 wähl­te das Dom­ka­pi­tel Her­mann ein­stim­mig zum Erz­bi­schof.

Ei­ne der grö­ß­ten und nach­hal­tigs­ten Leis­tun­gen des Hes­sen be­trifft die kur­k­öl­ni­sche Wirt­schaft. Durch ge­ziel­te Ent­schul­dungs­maß­nah­men ent­schärf­te er in den drei Jahr­zehn­ten sei­ner Re­gie­rung die ne­ga­ti­ven Fol­gen, die die Ver­pfän­dung der meis­ten Kur­k­öl­ner Äm­ter an Ad­li­ge in­ner- und au­ßer­halb des Erz­stif­tes für den Lan­des­herrn hat­te. Da­durch kon­so­li­dier­te er nicht nur sei­ne Stel­lung, son­dern die Maß­nah­men sorg­ten zu­gleich für den in­ne­ren Frie­den nach den jahr­zehn­te­lan­gen Bür­ger­krie­gen.

Au­ßen­po­li­tisch un­ter­stützt wur­de die Si­che­rung im In­ne­ren durch ei­ne Rei­he von Frie­dens­bünd­nis­sen, die Her­mann mit be­deu­ten­den ter­ri­to­ria­len Nach­barn (zum Bei­spiel Stadt Köln, Jü­lich-Berg), aber auch wei­ter ent­fern­ten Reichs­fürs­ten (zum Bei­spiel Sach­sen, Bran­den­burg) ab­schloss – wich­ti­ge Schrit­te zu ei­nem Zu­stand, in dem der Frie­de als Norm galt. So band er Kur­k­öln in ein ter­ri­to­ri­ums­über­grei­fen­des Si­che­rungs­netz ein und grenz­te es da­mit wirk­sam ge­gen die Un­ru­hen in den Nie­der­lan­den so­wie die fran­zö­sisch-habs­bur­gi­schen Kon­flik­te ab.

Für bei­de Sei­ten nutz­brin­gend war die Be­zie­hung zur Land­graf­schaft. Her­mann be­zog Geld aus sei­nen hes­si­schen Be­sit­zun­gen und hol­te Ju­ris­ten und Ver­wal­tungs­fach­leu­te aus Hes­sen an den Rhein, dar­un­ter sei­nen lang­jäh­ri­gen Kanz­ler Dr. Jo­han­nes Men­chen (ge­stor­ben 1504). An­de­rer­seits un­ter­stütz­te er mit sei­nen Be­zie­hun­gen den Auf­stieg der Land­graf­schaft, die in der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts zu ei­ner erst­ran­gi­gen Macht im Reich wur­de.

Auch als geist­li­cher Fürst über­zeug­te der Erz­bi­schof sei­ne Zeit­ge­nos­sen. Er hat­te die Pries­ter- und Bi­schofs­wei­he emp­fan­gen – kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit für ei­nen geist­li­chen Fürs­ten sei­ner Zeit – und leg­te Wert dar­auf, das Pries­ter­amt per­sön­lich aus­zu­üben. Gut be­legt ist sei­ne häu­fi­ge An­we­sen­heit in fran­zis­ka­ni­schen Kon­ven­ten, zum Bei­spiel in dem von ihm 1491 ge­grün­de­ten Klos­ter in Brühl. Die dor­ti­ge Klos­ter­kir­che Ma­ria von den En­geln be­zeugt die in­ten­si­ve Fran­zis­kus-Ver­eh­rung des Erz­bi­schofs. Her­mann er­wei­ter­te den Spiel­raum des Erz­bi­schofs, hielt re­gel­mä­ßig Syn­oden ab und för­der­te die Klos­ter­re­fom. Mit der Fröm­mig­keits­be­we­gung (De­vo­tio mo­der­na) und den hu­ma­nis­ti­schen Krei­sen sei­ner Zeit war er eng ver­bun­den und trat mehr­fach als Stif­ter in Er­schei­nung.

Als welt­li­cher Lan­des­herr griff er re­gu­lie­rend in die in­ne­re Ord­nung der kur­k­öl­ni­schen Städ­te ein und ach­te­te dar­auf, dass lan­des­herr­li­che Rech­te, zum Bei­spiel in der Ju­ris­dik­ti­on oder bei der Fest­le­gung von Ma­ßen und Ge­wich­ten, nicht in die Hän­de der Städ­te über­gin­gen.

Auf Reichs­ebe­ne un­ter­stütz­te er Fried­rich III., dem er ver­trag­lich ver­pflich­tet war, und spä­ter als Kur­fürst Kai­ser Ma­xi­mi­li­an I. (Re­gie­rungs­zeit 1493-1519). Den­noch hat er sich nicht ak­tiv an der Reichs­po­li­tik be­tei­ligt. Ob­wohl er mit sei­nen geist­li­chen Mit­kur­fürs­ten Jo­hann II. von Trier (Epis­ko­pat 1456-1503) und Bert­hold von Mainz (Epis­ko­pat 1484-1504) auf der ter­ri­to­ria­len Ebe­ne gut zu­sam­men ar­bei­te­te, nahm er an der Reichs­re­form nicht teil.

Sei­ne an­fangs gu­ten Be­zie­hun­gen zur Stadt Köln blie­ben nicht un­ge­trübt. Ab 1490 nah­men die Miss­hel­lig­kei­ten zu. Streit­punk­te wa­ren ver­schie­de­ne, ur­sprüng­lich erz­bi­schöf­li­che Rech­te in der Stadt, die durch Ver­pfän­dung oder Ge­wohn­heit in die Hand der Köl­ner Ob­rig­keit über­ge­gan­gen wa­ren. Her­mann for­cier­te den für bei­de Sei­ten kos­ten­in­ten­si­ven Rechts­streit auf den Reichs­ta­gen, spä­ter auch an der päpst­li­chen Ku­rie in Rom. Erst im Ju­li 1507 kam es nach jahr­zehn­te­lan­gem Tau­zie­hen zu ei­ner Ei­ni­gung, die dem Erz­bi­schof au­ßer ei­ner Ent­schä­di­gungs­sum­me we­nig brach­te.

Ob­wohl Her­mann von Hes­sen auf der Schwel­le zur frü­hen Neu­zeit leb­te, sind von ihm we­der ein au­then­ti­sches Por­trät noch ver­läss­li­che Aus­sa­gen zu Per­sön­lich­keit und Cha­rak­ter über­lie­fert. Die Ur­tei­le der zeit­ge­nös­si­schen Chro­nis­ten ori­en­tie­ren sich häu­fig an sti­li­sier­ten Ide­aldar­stel­lun­gen. So wird der Erz­bi­schof ge­rühmt für sei­ne christ­li­che Vor­bild­lich­keit, Ge­lehr­sam­keit, De­mut, Frei­ge­big­keit und Fröm­mig­keit. Er sei ein Mann ge­we­sen, des­sen Rat man ge­sucht ha­be und der viel­fach ver­söh­nend tä­tig ge­we­sen sei. Auch scheint er den Bei­na­men „der Fried­sa­me" zu Recht ge­tra­gen zu ha­ben – wäh­rend sei­ner Re­gie­rung ka­men der Kur­staat und sei­ne Be­woh­ner nach jahr­zehn­te­lan­gen Wir­ren zur Ru­he.

Zwei­fel­los war er be­strebt, Le­ben und Tä­tig­keit als Erz­bi­schof und Lan­des­fürst an christ­li­chen Idea­len aus­zu­rich­ten. Dass er sich be­wusst als Pries­ter ver­stand, un­ter­schei­det ihn von vie­len Stan­des­ge­nos­sen sei­ner Zeit. Wenn auch über Per­sön­li­ches so gut wie nichts be­kannt ist, be­zeu­gen sei­ne Leis­tun­gen ei­nen tat­kräf­ti­gen und glaub­haf­ten Cha­rak­ter.

Her­mann von Hes­sen starb am 19.10.1508 und wur­de auf ei­ge­nen Wunsch in ei­nem klei­nen, un­schein­ba­ren Grab im Köl­ner Dom bei­ge­setzt.

Literatur

Fuhs, Ma­ria, Her­mann IV. von Hes­sen. Erz­bi­schof von Köln (1480-1508), Köln /Wei­mar/ Wien 1995.

Jans­sen, Wil­helm, Das Erz­bis­tum Köln im spä­ten Mit­tel­al­ter 1191-1515 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 2, 1), Teil 1, Köln 1995.

Nord­rhein-West­fä­li­sches Haupt­staats­ar­chiv Düs­sel­dorf (Hg.), Kur­k­öln. Land un­ter dem Krumm­stab, Es­says und Do­ku­men­te, Keve­la­er 1985.

Zei­lin­ger, Ga­brie­le, Ar­ti­kel "Her­mann IV. von Hes­sen", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 23 (2004), Sp. 656-658.

Online

Stup­pe­rich, Ro­bert, Ar­ti­kel "Her­mann IV, Land­graf von Hes­sen", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 8 (1969), S. 635-636.

 
Zitationshinweis

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Fuhs, Maria, Hermann IV. von Hessen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-iv.-von-hessen/DE-2086/lido/57c82c3fc8a4d4.68370955 (23.06.2018)