Hermann Jakob Doetsch

Bürgermeister von Gerresheim, Gladbach und Bonn (1831-1895)

Norbert Schloßmacher (Bonn)

Hermann Jakob Doetsch, Foto: Kauffmann & Kesseler, Bad Kreuznach. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Die Wie­ge von Her­mann Ja­kob Do­e­tsch stand in Kes­sel­heim am Rhein (heu­te Stadt Ko­blenz), wo er am 6.2.1831 das Licht der Welt er­blickt hat­te. Sei­ne El­tern wa­ren Pe­ter Do­e­tsch - vier und drei­ßig Jah­re alt, Stan­des Acker­man und Wirth - und Mar­ga­re­tha, ge­bo­re­ne Bu­ben­heim.

Nach dem Be­such des Gym­na­si­ums stu­dier­te Do­e­tsch ab dem Win­ter­se­mes­ter 1851/1852 in Hei­del­berg und Ber­lin Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten. Ab dem 14.8.1855 war er als Aus­kulta­tor am Ko­blen­zer Land­ge­richt, ab dem 13.11.1857 als Re­gie­rungs­re­fe­ren­dar bei den Re­gie­run­gen Köln und Stet­tin tä­tig. 1861 wur­de er zum Kreis­kom­mis­sar zur Ver­an­la­gung der Grund- und Ge­bäu­de­steu­er in den Krei­sen Bonn und Rhein­bach er­nannt. Im Ju­li 1865 er­folg­te sei­ne Be­ru­fung zum kom­mis­sa­ri­schen, nach der Wahl zum de­fi­ni­ti­ven Bür­ger­meis­ter von Ger­res­heim (heu­te Stadt Düs­sel­dorf). Be­reits zum 1.5.1869 wur­de er zum Ers­ten Bei­ge­ord­ne­ten der Stadt Bonn be­ru­fen. 1871 be­warb er sich er­folg­reich um das Amt des Bür­ger­meis­ters von Glad­bach (ab 1887 Mün­chen-Glad­bach, ge­schrie­ben M.Glad­bach, seit 1960 Mön­chen­glad­bach), ei­ner Stadt von et­wa 26.000 Ein­woh­nern. Am 10. Au­gust wur­de er ge­wählt, am 30. No­vem­ber in sein Amt ein­ge­führt. Er war Teil­neh­mer der Krie­ge von 1866 und 1870/1871, zu­letzt als Haupt­mann der Land­wehr.

 

Do­e­tsch war seit dem 17.6.1853 mit Ma­ria Wey­gold (1835-1922), Toch­ter des Ge­richts­voll­zie­hers Pe­ter Wey­gold und sei­ner Frau Eli­sa­beth, ge­bo­re­ne Vogt, ver­hei­ra­tet. Das Ehe­paar hat­te drei Töch­ter: El­se (ge­bo­ren 1864), An­to­nie (ge­bo­ren 1867) und Pau­la (ge­bo­ren 1869); die Fa­mi­lie leb­te in Bonn in der Col­mant­stra­ße.

Über sei­ne Tä­tig­keit in Mön­chen­glad­bach (Wahl 10.8.1871, Dienst­an­tritt 30.11.1871) hei­ßt es in ei­nem re­spekt­vol­len Nach­ruf der li­be­ra­len Glad­ba­cher Zei­tung, dass sich Do­e­tsch ge­ra­de bei den klei­nen Leu­ten, für de­ren An­lie­gen und Sor­gen er mit stets gleich­blei­ben­der Freund­lich­keit [...] Zeit hat­te [...] ein ge­seg­ne­tes An­denken be­wahrt ha­be. Da­ne­ben wird vor al­lem sein En­ga­ge­ment in der dor­ti­gen Schul­po­li­tik ge­rühmt. Na­ment­lich war es die weit­sich­ti­ge Zu­sam­men­le­gung der bei­den Hö­he­ren Schu­len (Pro­gym­na­si­um und Hö­he­re Bür­ger­schu­le) zum bis heu­te be­ste­hen­den Stif­tisch-Hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­um. Auch die ge­gen den Wil­len des Zen­trums ein­ge­rich­te­te pa­ri­tä­ti­sche hö­he­re Mäd­chen­schu­le bei gleich­zei­ti­ger Schlie­ßung der von Or­dens­frau­en ge­lei­te­ten ka­tho­li­schen Töch­ter­schu­le wur­de von Do­e­tsch mas­siv un­ter­stützt. Ge­prägt war sei­ne Amts­zeit in Mön­chen­glad­bach vom Kul­tur­kampf und vom ra­san­ten Be­völ­ke­rungs­wachs­tum durch den Zu­zug von In­dus­trie­ar­bei­tern, ins­be­son­de­re der sei­ner­zeit boo­men­den Tex­til­in­dus­trie. Die 1872 er­folg­te An­la­ge des Kai­ser­plat­zes, des heu­ti­gen Ade­nau­er­plat­zes, geht auf Do­e­tsch zu­rück. Auch die An­stel­lung des ers­ten Stadt­bau­meis­ters in Mön­chen­glad­bach im Jah­re 1872 fällt in sei­ne Amts­zeit. Wie­wohl ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on er­wies sich Do­e­tsch in Mön­chen­glad­bach, je­den­falls so­weit sein Amt dies zu­ließ, als Par­tei­gän­ger der Li­be­ra­len, was sei­ne Wahl in Bonn wohl über­haupt erst rea­lis­tisch mach­te.

Nach knapp vier­jäh­ri­ger Tä­tig­keit in Mön­chen­glad­bach er­folg­te sei­ne Be­stel­lung zum Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Bonn. Die am 14.6.1875 da­tier­te Aus­schrei­bung rich­te­te sich an qua­li­fi­cir­te Be­wer­ber; wei­ter­ge­hen­de for­ma­le oder sons­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen wur­den nicht be­nannt. Die Neu­be­set­zung war not­wen­dig ge­wor­den, weil dem bis­he­ri­gen Amts­trä­ger, Leo­pold Kauf­mann, trotz er­folg­ter Wie­der­wahl durch den Stadt­rat, die ob­li­ga­to­ri­sche kö­nig­li­che Be­stä­ti­gung ver­sagt wor­den war. Hin­ter­grund des gro­ße Re­so­nanz aus­lö­sen­den „Fal­les Kauf­man­n“ war des­sen de­zi­diert ka­tho­li­sche Hal­tung und Par­tei­nah­me wäh­rend des Kul­tur­kamp­fes.

Ins­ge­samt gin­gen 20 Be­wer­bun­gen im Bon­ner Rat­haus ein, von de­nen vier, sämt­lich von Bür­ger­meis­tern rhei­ni­scher Städ­te stam­mend, in die en­ge­re Wahl ge­zo­gen wur­den. Was schlie­ß­lich den Aus­schlag für den Mön­chen­glad­ba­cher Bür­ger­meis­ter gab - viel­leicht sei­ne frü­he­re Bon­ner Tä­tig­keit - geht aus den Ak­ten nicht her­vor. Auch Do­e­tschs Mo­tiv, Mön­chen­glad­bach zu ver­las­sen, um das Ober­bür­ger­meis­ter­amt in der nur un­we­sent­lich grö­ße­ren, al­ler­dings von ih­rer La­ge und ih­rer So­zi­al­struk­tur her wohl at­trak­ti­ve­ren Stadt an­zu­stre­ben, ist un­klar. Si­cher ist, dass der li­be­ra­le Stadt­ver­ord­ne­te und aus­ge­präg­te Mu­sik­mä­zen Carl Gott­lieb Kyll­mann (1803-1878) sich für Do­e­tsch stark ge­macht hat. Am 30.7.1875 er­folg­te die Wahl durch den Stadt­rat, am 22.9.1875 die kö­nig­li­che Be­stä­ti­gung für ei­ne zwölf­jäh­ri­ge Amts­dau­er. Die Amts­ein­füh­rung fand am 4.12.1875 statt. Mit dem Amt des Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ters war seit 1860 auch ein Sitz im Preu­ßi­schen Her­ren­haus ver­bun­den. Do­e­tsch wur­de am 4.8.1876 in das Her­ren­haus be­ru­fen (ein­ge­tre­ten 12.1.1877).

Am 13.5.1887 kam es in Bonn zur Wie­der­wahl des Ober­bür­ger­meis­ters: Bei drei Ent­hal­tun­gen vo­tier­te der Stadt­rat ein­stim­mig für ei­ne wei­te­re Amts­zeit, ob­gleich be­reits da­mals von man­cher­lei Miß­stim­mung [...] in Be­zug auf sei­ne Ge­schäfts­füh­rung die Re­de war. Die Kri­tik hat­te wohl in ers­ter Li­nie mit der ge­wal­ti­gen Kos­ten­ex­plo­si­on des städ­ti­schen Haus­halts zu tun, die in ers­ter Li­nie auf dem un­ter Do­e­tsch be­gon­ne­nen und un­ter sei­nem Nach­fol­ger Wil­helm Spi­ri­tus wei­ter­ge­führ­ten Auf­bau der städ­ti­schen Leis­tungs­ver­wal­tung be­ruh­te. Die Über­nah­me des zu­vor pri­vat ge­führ­ten Gas­werks und der Rhein­ba­de­an­stalt in städ­ti­sche Re­gie so­wie die Ein­rich­tung ei­nes stadt­ei­ge­nen Schlacht­hofs sind in die­sem Zu­sam­men­hang eben­so zu nen­nen wie der Bau zahl­rei­cher Schu­len, dar­un­ter die ers­te Re­al­schu­le der Stadt. Do­e­tsch, der ers­te „ge­lern­te“ Ver­wal­tungs­fach­mann als Bon­ner Stadt­ober­haupt, führ­te in­ner­halb der Stadt­ver­wal­tung ei­ne Glie­de­rung nach Res­sorts ein, was zwangs­läu­fig zu ei­ner deut­li­chen Zu­nah­me des Per­so­nals und ei­ner ent­spre­chen­den mas­si­ven Stei­ge­rung der Per­so­nal­auf­wän­dun­gen - um das zwei- bis drei­fa­che - führ­te.

Wel­che Rol­le Do­e­tsch im nach 1875 nach­las­sen­den und schlie­ß­lich auch be­en­de­ten Kul­tur­kampf ein­nahm, ist nicht über­lie­fert. Der Bon­ner Ka­tho­li­ken­tag des Jah­res 1881 fand je­den­falls un­ter be­mer­kens­wer­ter Zu­rück­hal­tung der Stadt­ver­wal­tung statt. Die Ein­wei­hung der neu­en Syn­ago­ge (1879) und der so ge­nann­ten Stifts­kir­che (St. Jo­hann Bap­tist und Pe­trus, 1886) ge­hör­ten ge­wiss zu den her­aus­ra­gen­den Er­eig­nis­sen wäh­rend sei­ner Amts­zeit. Glei­ches gilt für den Neu­bau meh­re­rer Kli­nik­ge­bäu­de im Bon­ner Nor­den, die zwar als uni­ver­si­tä­re Ein­rich­tun­gen ent­stan­den, aber auch für die Stadt Bonn von grö­ß­tem Nut­zen wa­ren, für die Er­öff­nung des städ­ti­schen Mu­se­ums „Vil­la Ober­nier“ (1884) und des neu er­bau­ten Bon­ner (Haupt-)Bahn­hofs. Auch die Tat­sa­che, dass Bonn am 1.10.1886 kreis­freie Stadt wur­de, gilt als sein Ver­dienst.

Vom 5.-8.5.1891 be­such­te Kai­ser Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918), der als Kron­prinz in Bonn stu­diert hat­te (1877-1879), die Stadt - auch dies ge­wiss ein Hö­he­punkt in Do­e­tschs Amts­zeit. We­ni­ge Ta­ge dar­auf, am 14.5.1891, nahm die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung den Amts­ver­zicht Do­e­tschs, den er schon 1890 – aus Ge­sund­heits­grün­den - an­ge­deu­tet hat­te, ent­ge­gen. Am 18.7.1891 be­en­de­te er sei­nen Dienst. 1894 un­ter­nahm er trotz sei­ner Herz­krank­heit ei­ne Ori­en­t­rei­se, die ihn bis nach Kon­stan­ti­no­pel führ­te.

Her­mann Ja­kob Do­e­tsch starb am 7.3.1895 im Jo­han­nes­hos­pi­tal in Bonn. Die Be­er­di­gung er­folg­te am 10. März auf dem Al­ten Fried­hof, tags dar­auf fand das See­len­amt im Bon­ner Müns­ter statt. Am 15.7.1904 wur­de ein Teil der Burg­stra­ße nach ihm be­nannt.

In sei­ner Re­de vor der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung we­ni­ge Ta­ge nach sei­nem Tod wür­dig­te sein Nach­fol­ger, Ober­bür­ger­meis­ter Wil­helm Spi­ri­tus, die Ver­diens­te sei­nes Vor­gän­gers und er­wähn­te ins­be­son­de­re die un­ter Do­e­tsch ent­stan­de­nen neu­en Stadt­vier­tel mit die Ge­sund­heit för­dern­den Stra­ßen. Er drück­te die Hoff­nung aus, dass die Er­in­ne­rung an sein all­zei­ti­ges freund­li­ches We­sen, an sein Be­mü­hen, ei­nem je­den Bür­ger hül­freich zur Sei­te zu ste­hen, in den Her­zen al­ler Bon­ner all­zeit treu be­wahrt blei­ben mö­ge. Ein Nach­ruf in der Neu­en Bon­ner Zei­tung lob­te – ne­ben den be­reits er­wähn­ten Er­run­gen­schaf­ten für die Stadt - die eben­falls auf Do­e­tsch zu­rück­ge­hen­de Ver­län­ge­rung des herr­li­chen Rhein­werfts bis zur Zwei­ten Fähr­gas­se, die An­la­ge der Kai­ser-Wil­helms-Hö­he und der re­prä­sen­ta­ti­ven Bahn­hof­stra­ße so­wie die un­mit­tel­bar vor sei­nem Aus­schei­den aus dem Amt in Be­trieb ge­nom­me­ne Pfer­de-Tram­bahn. Dem „Ge­ne­ral-An­zei­ger für Bonn und Um­ge­gen­d“ wa­ren sei­ne ech­te, war­me Bür­ger­freund­lich­keit, sein schlich­ter Sinn und sein ge­ra­der Na­cken er­wäh­nens­wer­te Tu­gen­den, wäh­rend an an­de­rer Stel­le – bei al­len Vor­zü­gen – sein of­fen­bar ge­le­gent­li­cher Man­gel an nö­ti­ger Schär­fe und Stren­ge ge­rügt wur­de.

Do­e­tsch war – aus­weis­lich der für ihn auf­ge­ge­be­nen To­des­an­zei­gen - Eh­ren­mit­glied des Bon­ner Män­ner-Ge­sang-Ver­eins, des Män­ner-Ge­sang-Ver­eins-Con­cor­dia, der St.-Se­bas­tia­nus-Schüt­zen­ge­sell­schaft, des Bon­ner Gar­de-Ver­eins und des Bon­ner Krie­ger-Ver­eins.

Do­e­tschs 16-jäh­ri­ge Amts­zeit in Bonn stand im Schat­ten sei­nes – je­den­falls bei der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit - über­aus po­pu­lä­ren und er­folg­rei­chen Vor­gän­gers und sei­nes aus­ge­spro­chen tüch­ti­gen Nach­fol­gers. Sei­ne Wei­chen­stel­lun­gen für die Ent­wick­lung ei­ner mo­der­nen Stadt sind den­noch un­ver­kenn­bar und wert er­in­nert zu wer­den.

Quellen

Stadt­ar­chi­ve Düs­sel­dorf, Ko­blenz, Mön­chen­glad­bach (Aus­künf­te).

Stadt­ar­chiv Bonn, Pr 498 (Per­so­nal­ak­te).

Stadt­ar­chiv Bonn, Zei­tungs­aus­schnitt­samm­lung.

Literatur

Höroldt, Diet­rich/van Rey, Man­fred (Hg.), Bonn in der Kai­ser­zeit 1871-1914. Fest­schrift zum 100jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um des Bon­ner Hei­mat- und Ge­schichts­ver­eins, Bonn 1986.

Höroldt, Diet­rich, Bonn in der Kai­ser­zeit (1871-1914), in: Höroldt, Diet­rich (Hg.), Von ei­ner fran­zö­si­schen Be­zirks­stadt zur Bun­des­haupt­stadt 1794-1989 (Ge­schich­te der Stadt Bonn 4), Bonn 1989, S. 267-435.

Höroldt, Diet­rich, Die Nicht­be­stä­ti­gung des Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ters Leo­pold Kauf­mann, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 177 (1975), S. 376-395.

Löhr, Wolf­gang, Mön­chen­glad­bach im 19./20. Jahr­hun­dert, in: Löhr, Wolf­gang (Hg.), Lo­ca De­si­de­ra­ta (Mön­chen­glad­ba­cher Stadt­ge­schich­te 3.1), Köln 2003, S. 9-240, be­son­ders S. 109-118.

Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 419.

Hermann Jakob Doetsch, Repro: Friedhelm Schulz. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Schloßmacher, Norbert, Hermann Jakob Doetsch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-jakob-doetsch-/DE-2086/lido/57c695ed4aedf8.01590694 (20.07.2018)