Hermann von Wied

Erzbischof und Kurfürst von Köln (1477-1552)

Stephan Laux (Düsseldorf)

Hermann von Wied, Ausschnitt aus einem Ölgemälde, um 1540, Kopie von Franz Halm, 1909, im Kölnischen Stadtmuseum. (Kölnisches Stadtmuseum)

Her­mann V. Graf von Wied war ab 1515 Erz­bi­schof von Köln und ab 1532 auch Bi­schof von Pa­der­born. 1546 wur­de er von sei­nen geist­li­chen und welt­li­chen Äm­tern ent­bun­den, weil er sich dem ka­tho­li­schen Glau­ben sicht­lich ent­frem­det hat­te. We­gen sei­nes ver­geb­li­chen Ver­suchs, im Erz­bis­tum Köln die Re­for­ma­ti­on in ein­ge­schränk­ter Form ein­zu­füh­ren, zählt er bis heu­te zu den her­aus­ra­gen­den, gleich­wohl um­strit­tens­ten Fi­gu­ren der rhei­ni­schen Kir­chen­ge­schich­te.

Her­mann von Wied kam am 14.1.1477 auf Burg Wied (spä­ter Burg „Al­ten­wied" ge­nannt) zur Welt. Als vier­ter oder fünf­ter nach­ge­bo­re­ner Sohn sei­ner im Wes­ter­wald be­hei­ma­te­ten gräf­li­chen Fa­mi­lie war für ihn schon als Kind ei­ne geist­li­che Kar­rie­re vor­be­stimmt. Schon mit sechs Jah­ren er­hielt er ein Ka­no­ni­kat am Köl­ner Dom­ka­pi­tel, das von sei­nen welt­li­chen Mit­glie­dern hoch­ad­li­ge Ab­stam­mung ver­lang­te. Ab 1493 war Her­mann pro for­ma an der Uni­ver­si­tät Köln im­ma­tri­ku­liert, um den wei­te­ren Auf­nah­me­be­din­gun­gen des Dom­ka­pi­tels zu ge­nü­gen. Ei­ne hö­he­re Bil­dung hat er nie ge­nos­sen, was al­ler­dings mit den Stan­des­vor­stel­lun­gen des Adels zu sei­ner Zeit nicht ver­ein­bar ge­we­sen wä­re. 1515 wähl­te ihn das Dom­ka­pi­tel zum Nach­fol­ger des ver­stor­be­nen Erz­bi­schofs Phil­ipp II. von Daun-Ober­stein (Epis­ko­pat 1508-1515). Durch die Be­stä­ti­gung durch Kai­ser Ma­xi­mi­li­an I. von Habs­burg (Re­gie­rungs­zeit 1508-1519) wur­de Her­mann von Wied auch Kur­fürst und stieg so­mit in den Kreis der vor­nehms­ten Reichs­fürs­ten auf. Am 23.10.1520 war er es, der den 1519 neu ge­wähl­ten Kai­ser Karl V. (Re­gie­rungs­zeit 1519-1556) in Aa­chen krön­te.

In den ers­ten zwei Jahr­zehn­ten sei­ner bi­schöf­li­chen Dienst­zeit (Epis­ko­pat) er­wies sich Her­mann als folg­sa­mer, da­bei eher un­auf­fäl­li­ger An­hän­ger der Ka­tho­li­schen Kir­che. 1520 ließ er in Köln gleich­wohl die Schrif­ten Mar­tin Lu­thers (1483-1546) ver­bren­nen, und 1529 ist ihm ein ma­ß­geb­li­cher An­teil bei der Hin­rich­tung der evan­ge­li­schen Prä­di­kan­ten Adolf Cla­ren­bach und Pe­ter Flieste­den als Ket­zer zu­zu­schrei­ben. Wei­te­re, von re­li­giö­sem Ei­fer zeu­gen­de Maß­nah­men Her­manns sind kaum über­lie­fert. Al­ler­dings war das von ihm (im Ge­gen­satz zum Bis­tum) un­mit­tel­bar re­gier­te Erz­stift Köln nur ober­fläch­lich mit pro­tes­tan­ti­schen Ein­flüs­sen kon­fron­tiert wor­den.

Im ge­ho­be­nen Al­ter war es Her­mann von Wied selbst, der ei­ne bis heu­te nicht schlüs­sig ge­klär­te Mo­ti­va­ti­on ent­wi­ckel­te, in sei­nen Lan­den evan­ge­li­sches Ge­dan­ken­gut zu ver­brei­ten. Wohl durch ei­nen re­li­giö­sen Im­puls ver­an­lasst und ge­stützt auf ei­nen Kreis re­form­wil­li­ger Be­ra­ter um den Theo­lo­gen und Köl­ner Ka­no­ni­ker Jo­han­nes Grop­per, hat­te Her­mann zu­nächst Re­for­men im ka­tho­li­schen Sinn an­ge­strebt, ins­be­son­de­re in der all­ge­mein ver­nach­läs­sig­ten Seel­sor­ge. Er schei­ter­te hier­mit je­doch letzt­lich an Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten im un­ter­ent­wi­ckel­ten Ver­wal­tungs­ap­pa­rat sei­nes Ter­ri­to­ri­ums. Un­ter dem Ein­druck die­ser Ent­täu­schung kam Her­mann of­fen­bar in Kon­takt zu ge­mä­ßig­ten Ver­tre­tern des Pro­tes­tan­tis­mus. Sie blie­ben bei dem theo­lo­gisch we­nig ge­bil­de­ten, je­doch von ei­nem ho­hen bi­schöf­li­chen Pflicht­be­wusst­sein ge­präg­ten Her­mann nicht oh­ne Wir­kung.

Auf Her­manns Ent­schei­dung hin pre­dig­ten 1543 Phil­ipp Me­lan­chthon (1497-1560) und Mar­tin Bu­cer und in der Fol­ge­zeit auch wei­te­re, we­ni­ger pro­mi­nen­te evan­ge­li­sche Theo­lo­gen in Bonn und an­ders­wo im Köl­ner Erz­stift. Linz am Rhein, da­ne­ben Bonn, An­der­nach, Kem­pen wur­den Zen­tren ei­ner re­for­ma­to­ri­schen Ent­wick­lung im Rhein­land, die auch bei Tei­len der ört­li­chen Be­völ­ke­rung und ih­ren Ob­rig­kei­ten (Stadt­rä­te, Amt­leu­te) An­klang und Un­ter­stüt­zung fand.

Aus ih­rer Sicht ge­wiss nicht zu Un­recht, er­kann­te die ka­tho­li­sche Ge­gen­sei­te im Re­for­ma­ti­ons­ver­such Her­manns von Wied ei­ne gro­ße Ge­fahr, weil das Um­schwen­ken ei­nes der Kur­fürs­ten zum Pro­tes­tan­tis­mus auf re­gio­na­ler wie auf Reichs­ebe­ne nicht oh­ne schwer wie­gen­de kon­fes­sio­nel­le Ver­än­de­run­gen blei­ben konn­te. Doch selbst ein per­sön­li­ches Ein­len­ken Kai­ser Karls V. bei Her­mann konn­te die­sen nicht zum Ein­len­ken be­we­gen.

Der dar­auf fol­gen­den Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on und Amts­ent­he­bung durch Papst be­zie­hungs­wei­se Kai­ser hat­te Her­mann nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Denn auch die pro­tes­tan­ti­sche Frak­ti­on im Reich un­ter­ließ es, sich für ihn stark zu ma­chen, zu­mal er sich nicht als ihr Par­tei­gän­ger zeig­te: Her­mann hat­te ver­sucht, evan­ge­li­sches Ge­dan­ken­gut in die über­kom­me­ne ka­tho­li­sche Kir­chen­ver­fas­sung ein­flie­ßen zu las­sen, al­so auch das Amt des Bi­schofs in un­ver­än­der­ter Form bei­zu­be­hal­ten. Das in sei­nem Na­men pu­bli­zier­te, von Bu­cer und Me­lan­chthon ver­fass­te „Ein­fäl­ti­ge Be­den­ken", die Vor­form ei­ner Kir­chen­ord­nung, zeugt von die­sem eben­so wa­ge­mu­ti­gen wie un­kon­ven­tio­nel­len Un­ter­fan­gen. Die­sem war un­ter den herr­schen­den macht- und kon­fes­si­ons­po­li­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen kei­ne Zu­kunft be­schie­den.

Bis zur Re­ka­tho­li­sie­rung des Kur­fürs­ten­tums Köln un­ter Erz­bi­schof Fer­di­nand von Bay­ern soll­ten zwar noch Jahr­zehn­te ver­ge­hen. Den­noch wa­ren die kon­kre­ten Fol­gen des Re­for­ma­ti­ons­ver­suchs ge­ring. Im­mer­hin hat­te es sich ge­zeigt, dass auch im ge­mein­hin für un­er­schüt­ter­lich ka­tho­lisch gel­ten­den Rhein­land durch­aus Nei­gung und Ver­an­las­sung zur Auf­nah­me der Re­for­ma­ti­on be­stand.

Her­mann hat­te sich 1547 auf Burg Wied zu­rück­ge­zo­gen. Dort starb er am 15.8.1552. Bei­ge­setzt wur­de er in der gräf­li­chen Fa­mi­li­en­gruft in der evan­ge­li­schen Pfarr­kir­che in Nie­der­bie­ber im heu­ti­gen Neu­wied.

Quelle

Mar­tin Bu­cer, Schrif­ten zur Köl­ner Re­for­ma­ti­on, Band 1, be­arb. von Chris­toph Strohm und Tho­mas Wil­hel­mi, Band 2-3 be­arb. von Tho­mas Wil­hel­mi, Gü­ters­loh 1999-2006.

Literatur

Bautz, Fried­rich Wil­helm, Ar­ti­kel „Her­mann von Wied", in : Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 2 (1990), Spal­ten 756-759.

Laux, Ste­phan, Re­for­ma­ti­ons­ver­su­che in Kur­k­öln (1542-1548). Fall­stu­di­en zu ei­ner Struk­tur­ge­schich­te land­städ­ti­scher Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te (Neuss, Kem­pen, An­der­nach, Linz), Müns­ter i.W. 2000.

Mo­li­tor, Hans­ge­org, Her­mann V. von Wied als Reichs­fürst und Re­for­mer, in: Chris­ti­ne Roll (Hg.), Recht und Reich im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on. Fest­schrift für Horst Ra­be, Frank­furt a. M. 1997, S. 295-308.

Som­mer, Rai­ner, Her­mann von Wied. Erz­bi­schof un­d Kur­fürst­von Köln, Teil 1: 1477-1539, Köln 2000. 

 
Zitationshinweis

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Laux, Stephan, Hermann von Wied, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-von-wied-/DE-2086/lido/57c82ceee7cf40.46246942 (24.04.2018)