Hugo Borger

Museumsdirektor (1925-2004)

Thomas Otten (Düsseldorf)

Professor Hugo Borger (links) im Gespräch mit Heinrich Lohmer, Köln, 1990. (Rheinisches Bildarchiv)

Hu­go Bor­ger wur­de be­son­ders durch sei­ne Jahr­zehn­te wäh­ren­den Aus­gra­bun­gen un­ter dem Xan­te­ner Dom und in vie­len an­de­ren rhei­ni­schen Kir­chen be­kannt. Dar­aus folg­ten um­fang­rei­che For­schun­gen zum frü­hen Chris­ten­tum im Rhein­land. Als lang­jäh­ri­ger Di­rek­tor des Rö­misch-Ger­ma­ni­schen Mu­se­ums und Ge­ne­ral­di­rek­tor der Kölner Mu­se­en setz­te er vor al­lem neue Maß­stä­be in der Öf­fent­lich­keits­ar­beit und Mu­se­ums­di­dak­tik. Mit sei­nem Na­men sind die Neu­bau­ten des Rö­misch-Ger­ma­ni­schen Mu­se­ums (1974) und des Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums (1986) so­wie ei­ni­ge der be­deu­tends­ten Son­der­aus­stel­lun­gen der Köl­ner Mu­se­en ver­bun­den.

Hu­go Bor­ger wur­de am 23.11.1925 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren und wuchs in Kre­feld auf. Die Stu­di­en­jah­re in Köln zwi­schen 1948 und 1955 wid­me­te er der Kunst­ge­schich­te, der Klas­si­schen Ar­chäo­lo­gie, der Ger­ma­nis­tik und den Thea­ter­wis­sen­schaf­ten. Als Dis­ser­ta­ti­on bei Hans Kauffmann (1896-1983) an der Uni­ver­si­tät Köln be­han­del­te Hu­go Bor­ger die Bau­ge­schich­te der ehe­ma­li­gen Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei St. Vi­tus in Mön­chen­glad­bach. Seit 1955 führ­te er die Aus­gra­bun­gen von Wal­ter Ba­der un­ter dem Xan­te­ner Dom und in der Stifts­im­mu­ni­tät Xan­ten fort. Au­ßer­dem war Hu­go Bor­ger auch in der Denk­mä­ler­in­ven­ta­ri­sa­ti­on im Rah­men der Kunst­denk­mä­ler­auf­nah­me Rhein­land tä­tig.

Seit 1961 in Diens­ten des Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­ums Bonn, dem heu­ti­gen LVR-Lan­des­Mu­se­um Bonn, lei­te­te Hu­go Bor­ger als Mit­tel­al­ter­re­fe­rent par­al­lel zu den Xan­te­ner Aus­gra­bun­gen wei­te­re Gra­bun­gen et­wa im Neus­ser Müns­ter, in der Wer­de­ner Ab­tei­kir­che, in St. Chry­san­thus und Daria in Müns­ter­ei­fel, so­wie un­ter und vor dem Bon­ner Müns­ter, wo­bei sein Schwer­punkt mehr und mehr der Um­feld­un­ter­su­chung und Sied­lungs­ge­schich­te galt. Hu­go Bor­ger fühl­te sich in die­ser Hin­sicht me­tho­disch stark von Edith En­nen ge­lei­tet. Der in­ten­si­ve Aus­tausch mit be­deu­ten­den Sied­lungs­ar­chäo­lo­gen wie Wal­ter Jans­sen (1936-2001), da­mals eben­falls am Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um Bonn tä­tig, oder Kurt Böh­ner (1914-2007) sen­si­bi­li­sier­ten den eher kunst­his­to­risch aus­ge­bil­de­ten Hu­go Bor­ger zu­neh­mend für die spe­zi­fi­schen Be­lan­ge der Bo­den­denk­mal­pfle­ge.

Dies wirk­te sich auch auf sei­ne mu­sea­le Tä­tig­keit aus. Die be­deu­ten­de Aus­stel­lung „Kir­che und Burg in der Ar­chäo­lo­gie des Rhein­lan­des" 1962 gilt nach wie vor als rich­tung­wei­send und Mei­len­stein der rhei­ni­schen Mit­tel­al­ter­ar­chäo­lo­gie. Ab 1967 setz­te Hu­go Bor­ger als Ab­tei­lungs­lei­ter Pres­se- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit des Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­ums Bonn star­ke Im­pul­se in der Ver­mitt­lung von Ar­chäo­lo­gie und Bo­den­denk­mal­pfle­ge, wo­bei er durch völ­lig neue Ver­an­stal­tungs- und Prä­sen­ta­ti­ons­for­ma­te die Öff­nung des Mu­se­ums in brei­te Ge­sell­schafts­schich­ten be­trieb. Fort­an fan­den Mu­sik, Li­te­ra­tur, die Vor­bo­ten un­se­rer heu­ti­gen Po­lit­talks und ge­sell­schaft­li­che Events Ein­gang in den Mu­se­ums­be­trieb. Die­se Auf­ga­be er­füll­te Hu­go Bor­ger so er­folg­reich, dass ihn der Land­schafts­ver­band Rhein­land (LVR) 1970 zum Mu­se­ums­be­ra­ter und -pfle­ger des Rhein­lan­des be­rief.

Im Jahr 1972 folg­te der Wech­sel nach Köln, um als Di­rek­tor des Rö­misch-Ger­ma­ni­schen Mu­se­ums die Nach­fol­ge Ot­to Dop­pel­felds an­zu­tre­ten. Hu­go Bor­ger voll­brach­te das Kunst­stück, für den be­reits fer­tig ge­stell­ten Neu­bau des Mu­se­ums von Heinz Rö­cke (ge­stor­ben 2006) und Klaus Ren­ner aus Braun­schweig ein Aus­stel­lungs­kon­zept zu ent­wi­ckeln, das kon­se­quent auf die Be­dürf­nis­se der Mu­se­ums­be­su­cher ein­geht, ih­nen den Denk­mä­ler­be­stand in all­ge­mein ver­ständ­li­cher Wei­se und span­nen­der In­sze­nie­rung na­he bringt und so die Be­reit­schaft und Lust am Mu­se­ums­be­such stei­gert. Das Mu­se­um wur­de so zum Ent­de­ckungs­ort, das für na­he­zu je­den Bil­dungs­grad ei­ne Pro­jek­ti­ons­flä­che be­reit hielt. Der Ef­fekt wa­ren 1,3 Mil­lio­nen Be­su­cher im Er­öff­nungs­jahr 1974 - ei­ne Grö­ße, die auch heu­te noch be­ein­druckt.

Hu­go Bor­ger ist es zu ver­dan­ken, dass die ar­chäo­lo­gi­schen Mu­se­en des Rhein­lan­des in zu­vor nie ge­kann­ter Wei­se zum Schau­fens­ter der Bo­den­denk­mal­pfle­ge wur­den. Auf ein­mal be­griff man die Be­deu­tung der Bo­den­denk­mal­pfle­ge für die Er­for­schung und Ver­mitt­lung un­se­rer Ge­schich­te, sie wur­de durch die Ob­jek­te ge­ra­de­zu ma­ni­fest.

In den Jah­ren zwi­schen 1981 und 1990 war Hu­go Bor­ger zu­gleich Ge­ne­ral­di­rek­tor der Köl­ner Mu­se­en. In die­sem Amt setz­te er sich kon­se­quent für den Aus­bau der Samm­lun­gen und ei­ne bes­se­re Un­ter­brin­gung der ge­sam­ten Köl­ner Mu­se­en ein.

Als In­itia­tor und Vor­sit­zen­der des Ver­ban­des der Lan­des­ar­chäo­lo­gen leis­te­te er zwi­schen 1973 und 1988 wert­vol­le Lob­by­ar­beit für die Ak­zep­tanz der Bo­den­denk­mal­pfle­ge in der Öf­fent­lich­keit. Die Grün­dung der Zeit­schrift „Ar­chäo­lo­gie in Deutsch­land" 1984 geht auf sei­ne In­itia­ti­ve zu­rück; lan­ge Jah­re war Hu­go Bor­ger Chef­re­dak­teur des Ma­ga­zins. Seit 1965 Lehr­be­auf­trag­ter, lehr­te er von 1973 bis 1995 als Ho­no­rar­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bonn Kunst­ge­schich­te und Ar­chäo­lo­gie des Mit­tel­al­ters und führ­te ei­ne gro­ße Zahl von Schü­lern bis zur Pro­mo­ti­on. Da­bei bil­de­te er den wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuchs mit ei­nem aus­ge­präg­ten in­ter­dis­zi­pli­nä­ren An­satz aus. Die­ser in­te­gra­le und pra­xis­ori­en­tier­te An­satz ist si­cher ei­ner der Grün­de da­für, dass die früh­mit­tel­al­ter­li­che und mit­tel­al­ter­li­che Bau­for­schung des Rhein­lan­des auf au­ßer­ge­wöhn­lich ho­hem Ni­veau be­trie­ben wur­de und wei­ter­hin wird. Er zeigt zu­dem, wie sinn­voll und er­geb­nis­reich die Ver­bin­dung von Uni­ver­si­tät und amt­li­cher Denk­mal­pfle­ge und Bo­den­denk­mal­pfle­ge ist.

Mit der Ver­ga­be um­fang­rei­cher Gra­bungs­auf­ar­bei­tun­gen an Ex­amens- und Pro­mo­ti­ons­kan­di­da­ten hat Bor­ger ef­fek­tiv zum Ab­bau un­voll­ende­ter oder auf­ge­scho­be­ner Pro­jek­te bei­ge­tra­gen, was in­so­fern be­mer­kens­wert ist, als dass die­se für ihn stets mit ei­ner in­ten­si­ven und lang­jäh­ri­gen Be­treu­ung ver­bun­den wa­ren. Der Er­folg ist an ei­ner be­ein­dru­cken­den Lis­te ab­ge­schlos­se­ner und pu­bli­zier­ter Hoch­schul­ar­bei­ten er­sicht­lich.

Für Hu­go Bor­gers per­sön­li­che und wis­sen­schaft­li­che Ent­wick­lung dürf­te sei­ne frü­he Be­geg­nung mit Wal­ter Ba­der auf­grund des­sen ei­gen­wil­li­ger Per­sön­lich­keit und fach­li­cher Re­pu­ta­ti­on in ho­hem Ma­ße prä­gend ge­we­sen sein. Auf­bau­end auf ei­ner ex­zel­len­ten Denk­mä­ler­kennt­nis und „Grund­aus­bil­dung" - der jun­ge Hu­go Bor­ger muss­te zu Be­ginn sei­ner Xan­te­ner Zeit bei Wal­ter Ba­der ge­nau­so mit­tel­al­ter­li­ches La­tein wie Gra­bungs­tech­nik, ty­po­lo­gi­sche Me­tho­den und Stil­kri­tik „pau­ken" - ent­wi­ckel­te er die An­sät­ze sei­nes Men­tors wei­ter, zu­gleich lös­te er sich auf­grund ei­ge­ner For­schun­gen zur Mit­tel­al­ter­ar­chäo­lo­gie und zum Frü­hen Chris­ten­tum im Rhein­land von al­ten Denk­mo­del­len. In die­ser Hin­sicht ist der re­flek­tier­te Bei­trag Hu­go Bor­gers zu Mög­lich­kei­ten und Gren­zen ei­ner Ar­chäo­lo­gie des Mit­tel­al­ters bis heu­te rich­tung­wei­send und gül­tig.

Im­po­nie­rend wa­ren die rhe­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten Hu­go Bor­gers: in Vor­trä­gen, Fern­seh­be­rich­ten, Vor­le­sun­gen und Pu­bli­ka­tio­nen weck­te er die Be­geis­te­rung der Men­schen für die Denk­mä­ler und er­klär­te glei­cher­ma­ßen wis­sen­schaft­lich wie all­ge­mein­ver­ständ­lich die In­hal­te von Kunst und Denk­mal­pfle­ge. Sei­ne Fern­seh­rei­he „Denn sie bau­ten ein Ab­bild des Him­mels…" in der ARD setz­te auch me­di­al neue Maß­stä­be, in­dem ei­nem Mil­lio­nen­pu­bli­kum die ro­ma­ni­schen und go­ti­schen Kir­chen des Rhein­lands in ih­rer bau- und sied­lungs­ge­schicht­li­chen Be­deu­tung er­klärt wur­den.

Am 8.12.2003 er­hielt Hu­go Bor­ger den Karl-Fried­rich-Schin­kel-Ring, die höchs­te Aus­zeich­nung des Deut­schen Na­tio­nal­ko­mi­tees für Denk­mal­schutz für sein denk­mal­pfle­ge­ri­sches Le­bens­werk.

Hu­go Bor­ger, der sich als Aus­grä­ber und Mu­se­ums­fach­mann be­reits früh den Ruf er­wor­ben hat­te, sei­ne For­schun­gen und die sei­ner Kol­le­gen be­son­ders öf­fent­lich­keits­wirk­sam in­ter­pre­tie­ren zu kön­nen und so­mit ei­ner brei­ten Schar von in­ter­es­sier­ten Bür­gern und Bür­ge­rin­nen die Be­lan­ge der Denk­mal- und Bo­den­denk­mal­pfle­ge na­he zu brin­gen, im­po­niert auch heu­te noch. Da­von zeu­gen be­son­ders sei­ne um­fang­rei­che Pu­bli­ka­ti­ons­tä­tig­keit, ei­ne Viel­zahl be­deu­ten­der Aus­stel­lun­gen, so­wie die gro­ße Schar sei­ner Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten, die sich nach er­folg­tem Ab­schluss er­folg­reich in „sei­nen" Fä­chern durch­set­zen konn­ten.

Hu­go Bor­ger starb am 15.9.2004 in Bonn. Er war ver­hei­ra­tet mit Gi­se­la Bor­ger, ge­bo­re­ne Schlü­ter (ge­bo­ren 1925); aus die­ser Ehe ging die Toch­ter Ni­co­la (ge­bo­ren 1951) he­vor.

Werke (Auswahl)

Die Ab­bil­der des Him­mels in Köln. Kir­chen­bau­ten als Quel­le zur Sied­lungs­ge­schich­te des Mit­tel­al­ters, Band 1, Köln 1979.
Die Aus­gra­bun­gen an St. Qui­rin zu Neuss in den Jah­ren 1959-1964 (Vor­be­richt), in: Rhei­ni­sche Aus­gra­bun­gen 1, Köln 1968, S. 170-240.
Bei­trä­ge zur Früh­ge­schich­te des Xan­te­ner Vik­tor­stifts, Düs­sel­dorf 1969.
Ei­ni­ge An­mer­kun­gen zur Früh­ge­schich­te des Bon­ner Müns­ters, in: Sen­ner, Wal­ter (Hg.), Om­nia dis­ce: Kunst und Ge­schich­te als Er­in­ne­rung und Her­aus­for­de­rung. Wil­le­had Paul Eckert zum 70. Ge­burts­tag und Gol­de­nen Pro­fe­ßju­bi­lä­um, Köln 1996, S. 350-357.
[zu­sam­men mit] Zehn­der, Frank Gün­ter, Köln. Die Stadt als Kunst­werk. Stadt­an­sich­ten vom 15. bis 20. Jahr­hun­dert, 2. Auf­la­ge, Köln 1986.
Die Köl­ner Mu­se­en, Köln 1990.
Das Müns­ter St. Vi­tus zu Mön­chen­glad­bach, Es­sen 1958 (Dis­ser­ta­ti­on).
Hand­buch der His­to­ri­schen Stät­ten Deutsch­lands, 3. Band: Nord­rhein-West­fa­len, Lan­des­teil Nord­rhein, hg. von Walt­her Zim­mer­mann und Hu­go Bor­ger, Stutt­gart 1963.
Mög­lich­kei­ten und Gren­zen ei­ner Ar­chäo­lo­gie des Mit­tel­al­ters, dar­ge­legt am Bei­spiel Xan­ten, in: Früh­mit­tel­al­ter­li­che Stu­di­en 2 (1968), S. 251-277.
Stie­ge­ler, Hans­ge­org, Hu­go Bor­ger: ei­ne Bi­blio­gra­phie, in: Wall­raf-Ri­ch­artz-Jahr­buch 47 (1986), S. 261-271.

Festschriften

Beu­ckers, Klaus Ge­re­on, Kunst­ge­schicht­li­che Stu­di­en. Hu­go Bor­ger zum 70. Ge­burts­tag, Wei­mar 1995.
Preiss, Joa­chim, Das Mu­se­um, die Ent­wick­lung in den 80er Jah­ren. Fest­schrift für Hu­go Bor­ger zum 65. Ge­burts­tag, Mün­chen 1990.

Literatur (Auswahl)

Horn, Heinz Gün­ter, Hu­go Bor­ger zum 75. Ge­burts­tag, in: Köl­ner Mu­se­ums-Bul­le­tin 1 (2001), S. 49-58.

Nachruf

Vo­gel­sang, Ro­se­ma­rie, Zum Tod von Prof. Dr. Hu­go Bor­ger, in: Meer­bu­scher Ge­schichts­hef­te 21 (2004), S. 137-138.

 
Zitationshinweis

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Otten, Thomas, Hugo Borger, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hugo-borger-/DE-2086/lido/57c585cd424191.56479611 (25.05.2018)