Hugo Rosendahl

Oberbürgermeister von Hamborn, Koblenz und Essen (1884–1964)

Michael A. Kanther (Duisburg)

Hugo Rosendahl, Porträtfoto. (Stadtbildstelle Essen)

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Der Ju­rist Hu­go Ro­sen­dahl präg­te in schwie­ri­gen Zei­ten zwi­schen 1915 und 1950 – mit Un­ter­bre­chung wäh­rend der NS-Zeit 1933-1945 – als kom­mu­na­ler Spit­zen­be­am­ter die Ent­wick­lung zu­nächst in der Stadt An­der­nach, da­nach in Ham­born, Ko­blenz un­d Es­sen ent­schei­dend mit. Be­son­de­re Ver­diens­te er­warb er sich 1945-1950 um den Wie­der­auf­bau der stark zer­stör­ten Stadt Es­sen.

Franz Hu­go Ro­sen­dahl wur­de am 28.12.1884 als Sohn des Theo­dor Ro­sen­dahl und sei­ner Ehe­frau Fran­zi­ka, ge­bo­re­ne Wol­ters, in Sterk­ra­de (heu­te Stadt Ober­hau­sen) ge­bo­ren. Der Va­ter war dort als In­ge­nieur beim „Gu­te­hoff­nungs­hüt­te Ac­ti­en­ver­ein für Berg­bau und Hüt­ten­be­trieb" be­schäf­tigt. Nach dem Be­such des Gy­ma­si­ums in Mül­heim an der Ruhr stu­dier­te Hu­go Ro­sen­dahl 1904 bis 1907 Rechts- und Staats­wis­sen­schaf­ten in Mar­burg, Mün­chen und Müns­ter. 1910 wur­de er in Hei­del­berg zum Dr.iur. pro­mo­viert. Die Aus­bil­dung als Ge­richts­re­fe­ren­dar wur­de 1908/1909 durch den Mi­li­tär­dienst un­ter­bro­chen. Nach der Zwei­ten Ju­ris­ti­schen Staats­prü­fung und ein­jäh­ri­ger Be­schäf­ti­gung als Ge­richt­s­as­ses­sor in Dins­la­ken trat Ro­sen­dahl 1913 als Stad­t­as­ses­sor in den Dienst sei­ner Hei­mat­stadt Sterk­ra­de. Dort hei­ra­te­te er am 22.10.1913 Pau­la (1886-1936), Toch­ter des Guts­be­sit­zers Schul­te-Ostrop zu Sterk­ra­de-Busch­hau­sen.

Bei Kriegs­be­ginn 1914 mel­de­te sich Ro­sen­dahl zu den Fah­nen und wur­de als Orts­kom­man­dant ei­ner Stadt in Flan­dern ein­ge­setzt. Nach­dem in Sterk­ra­de, das noch kei­nen haupt­amt­li­chen Bei­ge­ord­ne­ten hat­te, der durch po­li­ti­sche Que­re­len zer­mürb­te Bür­ger­meis­ter Dr. Eu­gen Ar­nold Carl Hein­rich zur Nie­den (1873-1937; Amts­zeit 1906-1915) im Ja­nu­ar 1915 aus dem Amt ge­schie­den war, wur­de Ro­sen­dahl En­de Ju­li 1915 als Ober­leut­nant der Re­ser­ve aus dem Heer ent­las­sen und zum Ers­ten Bei­ge­ord­ne­ten und In­te­rims­bür­ger­meis­ter von Sterk­ra­de be­ru­fen. Sei­ne Zeit als Bür­ger­meis­te­rei­ver­we­ser en­de­te mit der Amts­ein­füh­rung von Ot­to Most (1881-1971), dem Wunsch­kan­di­da­ten der mäch­ti­gen Gu­te­hoff­nungs­hüt­te, als neu­em Bür­ger­meis­ter am 3.1.1916.

Vom 19.6.1916 bis En­de Fe­bru­ar 1921 war Ro­sen­dahl Bür­ger­meis­ter der Stadt An­der­nach, um die er sich un­ter an­de­rem da­durch ver­dient mach­te, dass er öst­lich der Alt­stadt ein Ge­län­de für die An­sied­lung von In­dus­trie­be­trie­ben er­schlie­ßen ließ, auf dem 1920/1921 die Ver­ei­nig­te Stahl­wer­ke van der Zy­pen und Wis­se­ner Ei­sen­hüt­ten-AG (Neu­wied) ein Kalt­walz­werk er­rich­te­te. Ro­sen­dahl trat der Zen­trums­par­tei bei und ge­hör­te ihr bis zu der von der NS-Dik­ta­tur fak­tisch er­zwun­ge­nen „Selbst­auf­lö­sung" im Ju­li 1933 an.

Sei­ne Tä­tig­keit in An­der­nach qua­li­fi­zier­te Ro­sen­dahl für das Bür­ger­meis­ter­amt ei­ner Groß­stadt, und er nutz­te ei­ne sich ihm 1920 bie­ten­de Ge­le­gen­heit zum Auf­stieg. Am 1.3.1921 trat er als Nach­fol­ger von Pau­l Mül­hens, der zum ers­ten Prä­si­den­ten des Sied­lungs­ver­ban­des Ruhr­koh­len­be­zirk be­ru­fen wor­den war, das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters der Stadt Ham­born an, die seit der Stadt­er­he­bung 1911 nach der Ein­woh­ner­zahl auf dem sie­ben­ten Platz der Re­vier­städ­te stand. In po­li­tisch-so­zia­ler Hin­sicht war Ham­born in den ers­ten drei Amts­jah­ren Ro­sen­dahls, wie schon seit No­vem­ber 1918, re­la­tiv un­ru­hig (Ar­bei­ter­pro­tes­te ge­gen Le­bens­mit­telteue­rung, 1923 „Ruhr­kampf").

Ro­sen­dahls Macht­ba­sis in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung war ei­ne Ko­ali­ti­on von Zen­trum, Po­len­par­tei, SPD und DVP; da­ge­gen stand als stärks­te Op­po­si­ti­ons­par­tei die KPD. Zu den Her­aus­for­de­run­gen im Ham­born der 1920 er Jah­re ge­hör­ten die Ko­or­di­na­ti­on des ge­gen­über den Leis­tun­gen der Vor­kriegs­zeit kaum re­du­zier­ten Woh­nungs­bau­es, die städ­te­bau­li­che Ab­run­dung des „Be­hör­den-Fo­rums" am Rat­haus und der Aus­bau der 1920 noch we­nig sub­stan­ti­el­len kul­tu­rel­len In­fra­struk­tur. In Ro­sen­dahls Amts­zeit fal­len die Grün­dun­gen der Stadt­bi­blio­thek (1922) und des städ­ti­schen Mu­se­ums (1925) so­wie die Kom­mu­na­li­sie­rung des Stadt­thea­ters, das seit 1922 über zwei Spiel­stät­ten ver­füg­te. Mit der grö­ß­ten Be­rufs­schu­le in Preu­ßen, ei­ner gro­ßen Re­al­schu­le, ei­nem neu­en Po­li­zei­ge­bäu­de und ei­nem Hal­len­bad ent­stan­den in dem noch we­nig be­bau­ten Be­reich zwi­schen den zen­tra­len Stadt­tei­len Alt-Ham­born und Marxloh vor­bild­li­che Groß­bau­ten. Im west­li­chen Stadt­ge­biet bau­te die Stadt ein Sta­di­on und leg­te den drit­ten Ham­bor­ner Stadt­park (Volks­park Schwel­gern) an. 1923 schuf sich Ham­born ein gro­ßes Kin­ders­a­na­to­ri­um in dem Luft­kur­ort Ahl­horn in Ol­den­burg; auch der Aus­bau des schul­zahn­ärzt­li­chen Diens­tes und der Al­ko­ho­li­ker­für­sor­ge gal­ten als bei­spiel­haf­te Leis­tun­gen der Ham­bor­ner Ver­wal­tung. Ro­sen­dahl ver­trat die In­ter­es­sen der Ge­samt­heit der Ein­woh­ner­schaft auch in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den grö­ß­ten lo­ka­len Un­ter­neh­men, der Au­gust Thys­sen-Hüt­te, der Ge­werk­schaft Fried­rich Thys­sen, der Thys­sen­sche Gas- und Was­ser­wer­ke GmbH und der Ge­werk­schaft Neu­mühl, die als Ge­wer­be­steu­er­zah­ler und Ar­beit­ge­ber die stärks­ten po­li­ti­schen Mäch­te in der In­dus­trie­stadt wa­ren; sein per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu den In­dus­tri­el­len war von ver­bind­lich-freund­li­cher Art.

Der Ober­bür­ger­meis­ter kämpf­te er­bit­tert ge­gen die seit Herbst 1927 dro­hen­de Ein­ge­mein­dung der Stadt Ham­born nach Duis­burg, die von ei­ner gro­ßen Mehr­heit der Be­völ­ke­rung ab­ge­lehnt wur­de, konn­te sich aber ge­gen den gro­ßen Ein­fluss sei­nes Duis­bur­ger Amts­kol­le­gen Karl Jar­res in der preu­ßi­schen Po­li­tik und die Mi­nis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie in Ber­lin nicht durch­set­zen. Nach der Bil­dung des neu­en Stadt­krei­ses „Duis­burg-Ham­born" (seit 1935 nur noch „Duis­burg") blieb Ro­sen­dahl noch sie­ben Mo­na­te im Ham­bor­ner Rat­haus, wo er als stell­ver­tre­ten­der Ober­bür­ger­meis­ter der Ge­samt­stadt die Ver­wal­tungs­ge­schäf­te auf die Duis­bur­ger Äm­ter über­lei­te­te.

Am 8.7.1931 wähl­ten die Stadt­ver­ord­ne­ten von Ko­blenz Ro­sen­dahl zum Ober­bür­ger­meis­ter ih­rer Stadt. Ro­sen­dahl er­reich­te ei­ne er­heb­li­che Ver­bes­se­rung der hoch­pro­ble­ma­ti­schen Ver­kehrs­ver­hält­nis­se in Ko­blenz, vor al­lem durch den Bau ei­ner neu­en Mo­sel­brü­cke. Die „Macht­er­grei­fung" der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 30.1.1933 brach­te Ro­sen­dahl in Schwie­rig­kei­ten. Nach­dem er sich am 8.3.1933 un­ter Be­ru­fung auf den „Flag­gen­er­lass" der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung ge­wei­gert hat­te, ne­ben den Flag­gen von Preu­ßen und der Stadt Ko­blenz auch die Ha­ken­kreuz­fah­ne auf dem Rat­haus his­sen zu las­sen, wur­de er von den Ko­blen­zer Na­tio­nal­so­zia­lis­ten phy­sisch be­droht und für ab­ge­setzt er­klärt. Ei­ne Be­schwer­de beim preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Her­mann Gö­ring (1893-1946) führ­te nicht zum er­hoff­ten Er­folg; Ro­sen­dahl wur­de mit Wir­kung vom 15. März zwangs­be­ur­laubt und am 1.8.1933 of­fi­zi­ell in den Ru­he­stand ver­setzt.

In der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus leb­te Ro­sen­dahl in Es­sen-Bre­de­ney und ar­bei­te­te als Rechts­an­walt. Von 1936 bis 1942 war er au­ßer­dem als Kauf­män­ni­scher Ge­schäfts­füh­rer des Duis­bur­ger Kon­struk­ti­ons­bü­ros L. Win­kel & Co. tä­tig, das die von Leo Win­kel (1895-1981), dem Lei­ter des Bau­we­sens der Thys­sen­sche Gas- und Was­ser­wer­ke GmbH, er­fun­de­nen, zer­stö­rungs­si­che­ren Bun­ker­tür­me (Spitz­bun­ker) kon­stru­ier­te.

Nach der schritt­wei­sen Be­set­zung Es­sens durch US-ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen (31.3.-17.4.1945) wur­de Ro­sen­dahl am 20.5.1945 von der Stadt­kom­man­dan­tur, die ei­nem ge­mein­sa­men Vor­schlag der grö­ß­ten Par­tei­en CDP (spä­ter CDU), SPD und KPD folg­te, zum Ober­bür­ger­meis­ter er­nannt. Nach der Ab­lö­sung der Ame­ri­ka­ner als Be­sat­zungs­macht durch die Bri­ten führ­ten die­se in ih­rer Be­sat­zungs­zo­ne im Früh­jahr 1946 ei­ne neue Kom­mu­nal­ver­fas­sung ein, in der die Funk­tio­nen der „al­ten" Ober­bür­ger­meis­ter auf zwei Per­so­nen ver­teilt wur­den, den eh­ren­amt­li­chen „neu­en" Ober­bür­ger­meis­ter als Rats­vor­sit­zen­den und den haupt­amt­li­chen, aber „un­po­li­ti­schen" Ober­stadt­di­rek­tor als Lei­ter der Stadt­ver­wal­tung. Ro­sen­dahl, dem die Wahl zwi­schen die­sen Äm­tern frei­ge­stellt wur­de, ent­schied sich wie fast al­le Kol­le­gen im Rhein–Ruhr–Ge­biet für den Chef­ses­sel der Ver­wal­tung.

Die vor­dring­lichs­ten Auf­ga­ben in Es­sen, der ne­ben Dort­mund am stärks­ten zer­stör­ten Stadt im Ruhr­ge­biet, wa­ren der Wie­der­auf­bau der stark be­schä­dig­ten Ver­sor­gungs­net­ze für Was­ser und En­er­gie und der Ka­na­li­sa­ti­on, die Räu­mung von enor­men Trüm­mer­mas­sen, die Be­schaf­fung von Le­bens­mit­teln für die Ein­woh­ner­schaft, die Be­wirt­schaf­tung des Wohn­raums, von Haus­brand­koh­le und Tex­ti­li­en und die In­stand­set­zung der Schu­len. Erst nach ei­ni­ger Zeit konn­ten sich Ro­sen­dahl und der Bau­de­zer­nent Sturm Ke­gel (1892-1979) mit der kon­kre­ten Pla­nung für den Wie­der­auf­bau der Stadt­mit­te be­schäf­ti­gen. Die gro­ße Nach­fra­ge nach Koh­le be­schleu­nig­te die Wie­der­be­le­bung der Wirt­schaft in Es­sen. Das Pro­blem des Ver­lus­tes von rund 40.000 Ar­beits­plät­zen in den kriegs­zer­stör­ten oder von 1947 bis 1951 de­mon­tier­ten Krupp-Be­trie­ben („Krupp-Lü­cke") konn­te nach der Grün­dung der „In­dus­trie­för­de­rungs­ge­sell­schaft" durch die Stadt Es­sen und das Land Nord­rhein-West­fa­len am 17.12.1949 ra­scher als be­fürch­tet ge­löst wer­den.

Nach­dem Dif­fe­ren­zen zwi­schen ihm und dem im De­zem­ber 1949 ge­wähl­ten Ober­bür­ger­meis­ter Hans Tous­saint (1902-1977) ent­stan­den wa­ren, leg­te Ro­sen­dahl zum 31.8.1950 sein Amt nie­der und trat in den Vor­stand der Rhei­nisch-West­fä­li­sches Elek­tri­zi­täts­werk AG (Es­sen) ein; sein Res­sort bil­de­te die Ko­or­di­na­ti­on der Un­ter­neh­mens­po­li­tik mit den In­ter­es­sen der mehr als 60 kom­mu­na­len An­teils­eig­ner des RWE (Städ­te, Krei­se und Ge­mein­den). Im Al­ter von 71 Jah­ren schied Ro­sen­dahl 1955 aus dem Vor­stand des Un­ter­neh­mens aus. Als letz­te Auf­ga­be ver­blieb ihm die Lei­tung der Öf­fent­lich­keits­ar­beit und die Ko­or­di­nie­rung der Samm­lung von Geld­mit­teln für den Wie­der­auf­bau der im Luft­krieg zer­stör­ten Es­se­ner Müns­ter­kir­che. 1955 wur­de er mit dem Gro­ßen Ver­dienst­kreuz des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus­ge­zeich­net. Ro­sen­dahl starb am 23.4.1964 in Es­sen und wur­de auf dem Ab­t­eif­ried­hof in Duis­burg-Ham­born bei­ge­setzt.

Literatur

Kan­ther, Mi­cha­el A., Hu­go Ro­sen­dahl (1884–1964). Ein Por­trät, in: Das Müns­ter am Hell­weg, Jg. 1989, S. 82–119.
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 701.

 
Zitationshinweis

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Kanther, Michael A., Hugo Rosendahl, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hugo-rosendahl/DE-2086/lido/57cd2337e97790.72345189 (06.12.2018)