Irmgard von Verdun

Grafentochter und Beteiligte im so genannten "Hammersteiner Ehestreit" (gestorben Ende 1042)

Matthias Koch (Bonn)

Irm­gard von Ver­dun, auch Irm­gard von Ham­mer­stein, ist da­durch be­kannt, dass sie sich ve­he­ment ge­gen die be­ab­sich­tig­te Auf­lö­sung ih­rer Ehe mit Ot­to von Ham­mer­stein (um 975-1036) zur Wehr setz­te. Mit ih­rer Ap­pel­la­ti­on nach Rom brüs­kier­te sie Kai­ser und Reich­se­pis­ko­pat und stärk­te den An­spruch des Paps­tes auf die obers­te Rich­ter­ge­walt in der Kir­che.

Irm­gard wur­de im letz­ten Drit­tel des 10. Jahr­hun­derts ge­bo­ren. Ihr ge­nau­es Ge­burts­jahr ist wie vie­les an­de­re aus ih­rem Le­ben nicht be­kannt. Selbst ih­re Her­kunft aus dem Ar­den­ner-Gra­fen­haus, ei­nem der be­deu­tends­ten loth­rin­gi­schen Ge­schlech­ter der Zeit, ist nicht zwei­fels­frei ge­si­chert, wird aber all­ge­mein an­ge­nom­men. Als ihr Va­ter gilt da­her Graf Gott­fried von Ver­dun (ge­stor­ben 995). Zu ih­ren Ver­wand­ten zähl­ten hoch­ran­gi­ge geist­li­che und welt­li­che Fürs­ten: Bi­schö­fe von Metz und von Ver­dun, ein Erz­bi­schof von Reims, Her­zö­ge von Ober- und Nie­der­loth­rin­gen.

Auch Irm­gards Ehe­mann, Graf Ot­to von Ham­mer­stein, ent­stamm­te ei­ner der mäch­tigs­ten Fa­mi­li­en des Rei­ches, den Kon­ra­di­nern, die von 911 bis 918 mit Kon­rad I. (um 881-918) so­gar kurz­zei­tig den Thron des Ost­fran­ken­reichs be­setzt hat­ten. Ih­re Macht­po­si­ti­on si­cher­te aus­ge­dehn­ter Grund­be­sitz an Mit­tel- und Ober­rhein so­wie im hes­si­schen Lahn­ge­biet. Über­dies wa­ren Ot­tos On­kel Kon­rad und sein Vet­ter Her­mann (ge­stor­ben 1003) Her­zö­ge von Schwa­ben. Her­mann kan­di­dier­te 1002 nach dem frü­hen Tod Kai­ser Ot­tos III. (Re­gie­rungs­zeit 996-1002) bei der Wahl ei­nes neu­en Herr­schers, un­ter­lag aber dem Bay­ern­her­zog Hein­rich (Re­gie­rungs­zeit 1014-1024) und starb schon ein Jahr dar­auf. Nach­dem 1016 auch sein äl­te­rer Bru­der Geb­hard ver­stor­ben war, scheint Ot­to der letz­te männ­li­che Ver­tre­ter der Fa­mi­lie ge­we­sen zu sein. Ent­spre­chend um­fas­sen­den Be­sitz dürf­te er in sei­ner Hand ver­eint ha­ben. Ver­mut­lich ist er es auch ge­we­sen, der als Graf im En­gers­gau auf ei­nem stei­len Ba­salt­fel­sen ge­gen­über von An­der­nach die mäch­ti­ge Burg Ham­mer­stein er­rich­ten ließ, de­ren Rui­nen noch heu­te sicht­bar sind.

Ot­tos Macht­stel­lung rief bald Wi­der­sa­cher auf den Plan: Erz­bi­schof Er­chan­bald von Mainz (Epis­ko­pat 1011-1021) und sei­nen Nach­fol­ger Ari­bo (Epis­ko­pat 1021-1031), al­len vor­an aber den 1002 ge­gen Ot­tos Vet­ter zum Kö­nig ge­wähl­ten und 1014 zum Kai­ser ge­krön­ten Hein­rich II. (ge­stor­ben 1024). Da­bei bot Ot­to sei­nen Geg­nern ein leich­tes, wenn­gleich heu­te nur noch schwer be­greif­ba­res Ziel: Sei­ne Ehe mit Irm­gard war nach dem da­mals gel­ten­den (Kir­chen-)Recht auf­grund der zwi­schen bei­den Part­nern be­ste­hen­den Bluts­ver­wandt­schaft an­fecht­bar. Zwar muss­te man, um auf den ge­mein­sa­men Vor­fah­ren zu kom­men, im Fal­le Irm­gards bis auf den Ur­gro­ßva­ter, im Fal­le Ot­tos so­gar auf den Ur­ur­gro­ßva­ter zu­rück­ge­hen. Den­noch reich­te die­ser Ver­wandt­schafts­grad nach den Nor­men der Zeit aus, um ei­ne Ehe ent­we­der von vorn­her­ein zu ver­hin­dern oder, so­fern be­reits ge­schlos­sen, wie­der zu schei­den.

Auf ei­ne sol­che Tren­nung rich­te­ten sich seit 1016 die Be­mü­hun­gen Hein­richs II. und der Main­zer Erz­bi­schö­fe. Wä­ren sie von Er­folg ge­krönt ge­we­sen, hät­te dies nicht nur Ot­to und Irm­gard zu ei­ner lang­jäh­ri­gen Bu­ße ge­zwun­gen, son­dern auch den Sohn Udo der Le­gi­ti­mi­tät und da­mit der Erb­fä­hig­keit be­raubt. Der aus­ge­dehn­te kon­ra­di­ni­sche Be­sitz wä­re nach Ot­tos Tod in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Kai­sers ge­fal­len. Mehr­fach wur­de Ot­to vor Syn­oden und Hof­ta­ge ge­la­den und auf­ge­for­dert, sei­ner Ehe zu ent­sa­gen. Wie­der­holt gab er dem Drän­gen mit Wor­ten und Ei­den nach, oh­ne doch tat­säch­lich die Ver­bin­dung zu lö­sen. 1020 es­ka­lier­te der Kon­flikt: Ot­to griff zu den Waf­fen, ver­wüs­te­te das Main­zer Erz­stift, wag­te so­gar ei­nen An­schlag auf Er­chan­bald selbst, der frei­lich miss­lang. Kai­ser Hein­rich schloss dar­auf­hin die Burg Ham­mer­stein mit Hee­res­macht ein und zwang Ot­to und Irm­gard nach fast vier­mo­na­ti­ger Be­la­ge­rung zur Über­ga­be.

Auch da­mit war der Streit nicht be­en­det. Zwar ver­lor Ot­to sei­ne Gra­fen­wür­de im En­gers­gau und in der Wet­terau, wel­che wei­te­ren Maß­nah­men Kai­ser und Kir­che ge­gen ihn und Irm­gard tra­fen, ist je­doch nicht über­lie­fert. Dass ih­re Ehe 1023 er­neut Ge­gen­stand ei­ner Syn­ode war, spricht je­den­falls für ihr wei­te­res Zu­sam­men­le­ben. Ot­to er­klär­te sich aber­mals zum Ver­zicht auf die Ehe be­reit. Irm­gard in­des wei­ger­te sich und rich­te­te, wie ein Zeit­ge­nos­se schrieb, „Recht und Ge­setz gänz­lich zu­grun­de": Sie zog nach Rom und ap­pel­lier­te an den Papst.

Über Irm­gards Mo­ti­ve lässt sich nur spe­ku­lie­ren. Ob sie aus Lie­be han­del­te oder aus Sor­ge um ih­ren Sohn, ob sie die po­li­ti­schen Ab­sich­ten ih­rer Geg­ner durch­schau­te oder ob sie und Ot­to ihr un­ter­schied­li­ches Vor­ge­hen wo­mög­lich ab­ge­spro­chen hat­ten, um das Ver­fah­ren in die Län­ge zu zie­hen, all dies ist denk­bar, lässt sich aber nicht be­wei­sen. Un­recht­mä­ßig war ih­re Hand­lungs­wei­se ent­ge­gen der Mei­nung des Chro­nis­ten üb­ri­gens nicht, un­ge­wöhn­lich und un­ge­bühr­lich ge­gen­über dem Main­zer Erz­bi­schof Ari­bo und der von ihm ge­lei­te­ten Syn­ode aber schon. Wirk­li­chen Er­folg ver­sprach die Ap­pel­la­ti­on in­des kaum. Das Papst­tum war für sei­ne stren­ge Hal­tung in Sa­chen Ver­wandt­schafts­ehen be­kannt. In­so­fern ver­hielt sich der ge­kränk­te Ari­bo un­ge­schickt, als er die Ap­pel­la­ti­on hin­ter­trieb. Be­ne­dikt VIII. (Pon­ti­fi­kat 1012-1024) war nicht ge­willt, sei­ne obers­te Ju­ris­dik­ti­ons­ge­walt in Zwei­fel zie­hen zu las­sen. Er sus­pen­dier­te Ari­bo vom Ge­brauch des Pal­li­ums, dem Ab­zei­chen sei­ner erz­bi­schöf­li­chen Wür­de, und sand­te Le­ga­ten nach Deutsch­land, um den Fall zu un­ter­su­chen. Viel­leicht hät­ten die­se so­gar Ari­bos Ur­teil be­stä­tigt und da­mit sei­ne Eh­re wie­der­her­ge­stellt. Da­zu kam es je­doch nicht, weil Kai­ser und Papst 1024 star­ben und die Le­ga­ten of­fen­bar nicht mehr tä­tig wur­den.

Irm­gard hat­te so­mit in ers­ter Li­nie Zeit ge­won­nen, wert­vol­le Zeit, wie sich her­aus­stell­te, denn der Ver­such Ari­bos, die Ehe­an­ge­le­gen­heit 1027 wie­der auf­zu­rol­len, schei­ter­te. Der neue Herr­scher Kon­rad II. (Re­gie­rungs­zeit 1024-1039) aus dem Hau­se der den Kon­ra­di­nern ver­bun­de­nen Sa­li­er schlug das Ver­fah­ren nie­der. Ot­tos und Irm­gards Ver­bin­dung wur­de seit­her still­schwei­gend ge­dul­det, Ot­to als Graf wie­der­ein­ge­setzt. Un­ge­trübt ver­lief Ot­tos und Irm­gards fer­ne­res Schick­sal aber nicht. Ihr ein­zi­ger Sohn Udo starb 1034, Ot­to starb zwei Jah­re spä­ter, wo­mit das kon­ra­di­ni­sche Er­be samt der Burg Ham­mer­stein tat­säch­lich an das Reich fiel. Irm­gard soll­te ih­ren Mann noch um ei­ni­ge Jah­re über­le­ben, be­vor sie En­de 1042 starb.

Be­rühmt­heit hat Irm­gard von Ham­mer­stein erst im 19. und 20. Jahr­hun­dert er­langt. Die Zeit­ge­nos­sen ver­ur­teil­ten ihr Ver­hal­ten durch­weg. Mo­der­ne Au­to­ren – dar­un­ter auch Dich­ter und Dra­ma­ti­ker – sa­hen in ihr da­ge­gen ab­wech­selnd ein Vor­bild ehe­li­cher Treue oder ei­ne Vor­kämp­fe­rin ge­gen frag­wür­di­ge kirch­li­che Nor­men. Es ist leicht er­sicht­lich, wie sehr bei­de Ur­tei­le zeit­ge­bun­de­nen Wert­vor­stel­lun­gen ver­haf­tet sind. Was Irm­gard wirk­lich dach­te und fühl­te, wis­sen wir nicht. Si­cher ist nur, dass sie mit ih­rer Ap­pel­la­ti­on aus dem Schat­ten ih­res Man­nes her­aus­trat und Kai­ser und Erz­bi­schof öf­fent­lich trotz­te. Al­lein dies war für ei­ne Frau ih­rer Zeit, auch wenn sie dem Hoch­adel an­ge­hör­te, un­ge­wöhn­lich.

Literatur

Koch, Mat­thi­as, Irm­gard von Ham­mer­stein, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 18 (2000), S. 7-26.

Rei­cke, Sieg­fried, Der Ham­mer­stein­sche Ehe­han­del im Lich­te der mit­tel­al­ter­li­chen Herr­schafts­ord­nung, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 38 (1974), S. 203-224.

Online

Le­wald, Ur­su­la, „Irm­gard v. Ham­mer­stein", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 10 (1974), S. 180-181. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Koch, Matthias, Irmgard von Verdun, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/irmgard-von-verdun/DE-2086/lido/57c92881a0e849.22259113 (21.07.2018)