Jakob von Hoogstraten

Inquisitor (um 1460-1527)

Martin Bock (Frechen)

Defensio scholastica pri[n]cipum almanie […], Köln 1508, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

Mit „In­qui­si­ti­on“ ver­bin­den sich häu­fig Vor­stel­lun­gen mit­tel­al­ter­li­cher Un­rechts­tri­bu­na­le, be­setzt mit fa­na­ti­schen Glau­bens­kämp­fern. So wird auch Ja­kob von Hoogstra­ten be­reits im zeit­ge­nös­si­schen Ur­teil ge­ra­de­zu als Ver­kör­pe­rung ei­nes rück­wärts­ge­wand­ten Bö­sen sti­li­siert, ein Bild, das sich, da es über­wie­gend auf ei­ner hu­ma­nis­ti­schen Lein­wand ge­malt und da­mit in der Re­tro­spek­ti­ve als rich­tig emp­fun­den wur­de, bis in die neue­re For­schung hin­ein fin­det. Tat­säch­lich stand von Hoogstra­ten mit sei­nen aka­de­mi­schen Kol­le­gen im fort­dau­ern­den und un­er­bitt­lich ge­führ­ten Streit um die rich­ti­ge Leh­re und durf­te sich von da­her kei­ne bes­se­re Mei­nung er­hof­fen.

Ge­bo­ren ver­mut­lich um 1460 im flan­dri­schen Hoogstra­ten na­he Ant­wer­pen durch­lief Ja­kob ei­ne ty­pi­sche kirch­li­che Or­dens­lauf­bahn. Über sei­ne Fa­mi­lie ist nichts be­kannt, er selbst tritt über­haupt erst als Stu­dent an der Uni­ver­si­tät Lö­wen in Er­schei­nung. Die­se noch recht jun­ge Bil­dungs­stät­te hat­te sich in kur­zer Zeit zu ei­nem der in­tel­lek­tu­el­len Zen­tren Eu­ro­pas ent­wi­ckelt, des­sen Blü­te­zeit al­ler­dings erst im 16. Jahr­hun­dert fol­gen soll­te, vor al­lem in Ge­stalt des von Eras­mus von Rot­ter­dam (1466-1536) ge­grün­de­ten Drei­spra­chen­kol­legs.

In Lö­wen trat Ja­kob von Hoogstra­ten in den Or­den der Do­mi­ni­ka­ner ein, de­nen zwar der Ruf als „Hun­de des Herrn“ vor­aus­eil­te, die aber ei­ne im Ver­gleich sehr frei­heit­lich ver­fass­te Ge­mein­schaft wa­ren, in der sich vor al­lem In­tel­lek­tu­el­le und Ge­lehr­te sam­mel­ten, ganz ähn­lich den Je­sui­ten in spä­te­rer Zeit. 1496 wur­de er zum Pries­ter ge­weiht und 1500 zum Pri­or des Ant­wer­pe­ner Do­mi­ni­ka­ner­kon­ven­tes ge­wählt. Ver­mut­lich erst nach Ab­lauf der drei­jäh­ri­gen Amts­zeit ging er für ei­nen Stu­di­en­auf­ent­halt nach Köln, wo er sich zum Dok­tor der Theo­lo­gie pro­mo­vier­te und sich mög­li­cher­wei­se be­reits um 1498 ein­mal für kür­ze­re Zeit auf­ge­hal­ten hat­te.

 

Am Rhein bau­te er das stu­di­um ge­ne­ra­le sei­nes Or­dens auf, zu des­sen Pri­or er wie­der­um ge­wählt wur­de. Au­ßer­dem er­hielt er ei­ne Pro­fes­sur für Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Köln. Be­reits vor Über­nah­me die­ser Äm­ter ver­öf­fent­lich­te er im Jahr 1507 mit der „De­fen­sio fra­trum men­di­can­ti­um“ ei­ne ers­te Streit­schrift, in der er sei­nen ei­ge­nen Or­den und die als Bet­tel­or­den ver­wand­ten Fran­zis­ka­ner ge­gen Vor­wür­fe des Pri­vi­le­gi­en­miss­brauchs ver­tei­dig­te. Als Or­den­spri­or ge­riet er dann in ei­nen kur­zen, aber hef­ti­gen pu­bli­zis­ti­schen Streit mit dem Ju­ris­ten Pie­tro To­ma­si aus Ra­ven­na (um 1448-1508), der sich ge­gen den Brauch aus­sprach, ge­henk­te Ver­bre­cher noch ei­ni­ge Zeit zur Ab­schre­ckung am Gal­gen zu las­sen, und vor­schlug, die­sen so­fort nach ih­rer Hin­rich­tung ein christ­li­ches Be­gräb­nis zu­teil wer­den zu las­sen. Hoogstra­ten ver­fass­te da­ge­gen ei­ne ge­har­nisch­te Ant­wort der deut­schen Fürs­ten, de­nen er frei­lich sei­ne Wor­te in den Mund leg­te und de­ren Na­men er zur Le­gi­ti­ma­ti­on sei­ner Aus­füh­run­gen ge­brauch­te.

Destructio Cabale […], Köln 1519, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

 

Tra­di­tio­nell re­kru­tier­te sich das Per­so­nal der In­qui­si­ti­on vor­nehm­lich aus dem Do­mi­ni­ka­ner­or­den, und so wird Hoogstra­tens Er­nen­nung zum In­qui­si­tor, zum päpst­li­chen Un­ter­su­chungs­rich­ter, in ers­ter Li­nie mit der Über­nah­me des Prio­rats zu se­hen sein und we­ni­ger mit sei­ner un­nach­gie­bi­gen Hal­tung im vor­an­ge­gan­ge­nen Streit mit To­ma­si. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Hu­ma­nis­ten hat­te Hoogstra­ten je­doch auch in die­sem Am­t  zu füh­ren, ins­be­son­de­re mit Jo­han­nes Reuch­lin (1455-1522), der sich vor al­lem mit he­bräi­schen Schrif­ten be­schäf­tigt hat­te und so in die Schuss­li­nie des Ju­den­has­ses ge­ra­ten war. Die­ser hat­te in Köln zwar be­reits im frü­hen 15. Jahr­hun­dert sei­nen Hö­he­punkt er­reicht, war je­doch nach wie vor prä­sent; kon­ver­tier­te Ju­den wie Jo­han­nes Pfef­fer­korn (1469-1521) ver­such­ten, ih­re As­si­mi­la­ti­on  durch Ab­gren­zung zu un­ter­stüt­zen und en­ga­gier­ten sich mit Schmäh­schrif­ten und Ak­tio­nen ge­gen das Ju­den­tum.

Margarita moralis philosophie , Köln 1521, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

 

Aus­ge­hend von ei­nem kai­ser­li­chen Man­dat, das die Ver­nich­tung al­ler ge­gen den christ­li­chen Glau­ben ge­rich­te­ten jü­di­schen Bü­cher an­ord­ne­te, und der letzt­li­chen Wei­ge­rung Reuch­lins, als Be­ra­ter für die­sen Feld­zug zur Ver­fü­gung zu ste­hen, wur­de er un­ter dem Vor­wurf der Par­tei­nah­me für die Ju­den im Sep­tem­ber 1513 von Hoogstra­ten vor ein In­qui­si­ti­ons­ge­richt in Mainz ge­la­den. Ihm fehl­te je­doch die Rü­cken­de­ckung der Ku­rie, die die Ent­schei­dung dem Speye­rer Bi­schof Ge­org von der Pfalz (1486-1529) über­trug. Des­sen un­ge­ach­tet ließ Hoogstra­ten Reuch­lins „Au­gen­spie­gel“, ei­ne la­ko­ni­sche Be­ant­wor­tung des von Pfef­fer­korn ver­fass­ten „Hand­spie­gel­s“, öf­fent­lich in Köln ver­bren­nen. Mit der spä­ter von Papst Leo X. (Pon­ti­fi­kat 1513-1521) be­stä­tig­ten Ent­schei­dung Ge­orgs zu­guns­ten Reuch­lins er­litt Hoogstra­ten ei­ne emp­find­li­che Nie­der­la­ge, die ihn nicht nur das Prio­ra­t  der Köl­ner Do­mi­ni­ka­ner und sein Rich­ter­amt kos­te­te, son­dern auch zur Ziel­schei­be des öf­fent­li­chen, ins­be­son­de­re aka­de­mi­schen Spotts wer­den ließ.

Der be­kann­tes­te Aus­fluss die­ser Hä­me sind die so ge­nann­ten Dun­kel­män­ner­brie­fe, die erst­mals im Jahr 1516 an­onym er­schie­nen. Die Brie­fe ge­ben vor, von scho­las­ti­schen Ge­lehr­ten des Do­mi­ni­ka­ner­or­dens ver­fasst wor­den zu sein und las­sen ih­re ver­meint­li­chen Ur­he­ber nach Form und In­halt als dümm­li­che und be­hä­bi­ge Pfaf­fen da­ste­hen, de­nen je­de In­tel­li­genz zu feh­len scheint. In Hu­ma­nis­ten­krei­sen wur­den die Dun­kel­män­ner­brie­fe als geist­rei­che Sa­ti­re ge­lobt, bei Ge­lehr­ten al­ter Schu­le sorg­ten sie na­tur­ge­mäß für Auf­ruhr und Em­pö­rung. Ge­ra­de an der Köl­ner Uni­ver­si­tät gin­gen die Stu­den­ten­zah­len in­fol­ge der Ver­brä­mung des scho­las­ti­schen Lehr­per­so­nals mas­siv zu­rück. Hoogstra­ten wur­de zur Per­so­na non gra­ta und ver­tei­dig­te sich laut­stark, von Köln aus, teils di­rekt in Rom. Eras­mus von Rot­ter­dam ver­such­te zu ver­mit­teln, in­dem er mä­ßi­gend auf Hoogstra­ten, den er als Ge­lehr­ten durch­aus schätz­te, ein­wirk­te. Die­ser, si­cher­lich ver­letzt und ent­täuscht, streb­te je­doch sei­ne voll­stän­di­ge Re­ha­bi­li­tie­rung an, die ihm 1520 ge­lang, in­dem Papst Leo X. den Ur­teils­spruch Ge­orgs von der Pfalz kas­sier­te, Hoogstra­tens Ar­gu­men­ta­ti­on folg­te und ihn wie­der als In­qui­si­tor ein­setz­te.

Die letz­te Her­aus­for­de­rung, der Hoogstra­ten in die­sem Amt und auch als Theo­lo­gie­pro­fes­sor be­geg­ne­te, wa­ren die The­sen Mar­tin Lu­thers (1483-1546), die wäh­rend sei­nes Re­vi­si­ons­be­mü­hens ge­gen Reuch­lin er­schie­nen wa­ren. Wie schon bei des­sen Wer­ken be­tei­lig­te sich Hoogstra­ten auch an der Ver­bren­nung von Lu­thers Schrif­ten in Köln im No­vem­ber 1519 und ver­fass­te bis zu sei­nem Le­bens­en­de zahl­rei­che mehr oder we­ni­ger wis­sen­schaft­lich be­grün­de­te Schrif­ten ge­gen Lu­ther und für den al­ten Glau­ben. Im Üb­ri­gen hat­te Lu­ther selbst mas­siv ge­gen Hoogstra­ten po­le­mi­siert und die­sen ge­ra­de­zu zur Ge­gen­ak­ti­on her­aus­ge­for­dert.

Ja­kob von Hoogstra­ten starb im Al­ter von et­wa 70 Jah­ren 1527 in Köln. Sei­ne Auf­ga­be im Kampf ge­gen al­les, was in sei­nem mit­tel­al­ter­li­chen Ver­ständ­nis im Ver­dacht der Hä­re­sie stand, er­füll­te er mit Nach­druck und durch­aus auch Bru­ta­li­tät, viel­leicht auch zu­wei­len mit Zorn. Sei­ne Bio­gra­phie zeigt je­doch auf, dass auch die hu­ma­nis­ti­sche Ge­gen­par­tei, der die Sym­pa­thi­en vie­ler Zeit­ge­nos­sen und der Ge­schichts­schrei­bung ge­hör­ten, kei­nes­wegs frei war von Po­le­mik und Ag­gres­si­vi­tät, die im Zu­sam­men­spiel von Ak­ti­on und Re­ak­ti­on ein kul­tu­rel­les Schis­ma von blei­ben­dem Aus­maß be­grün­de­ten.

Werke (Auswahl)

De­fen­sio scho­las­ti­ca prin­ci­pum Ale­man­niae in eo, quod sce­le­ra­tos de­ti­nent ins­e­pul­tos in li­gno con­tra P. Ra­ven­na­tem, 1508.

Trac­ta­tus de ca­da­ve­ri­bus male­fi­co­rum mor­te pu­ni­to­rum, 1508.

Trac­ta­tus ma­gis­tra­lis, de­clarans quam gra­vi­ter pec­cent quae­ren­tes au­xi­li­um a male­fi­cis, 1510.

De­struc­tio cab­ba­lae, 1519.

Mar­ga­ri­ta mo­ra­lis phio­so­phiae in du­o­de­cim re­dac­ta li­bros, 1521.

De chris­tia­na li­ber­ta­te trac­ta­tus V con­tra Lu­ther­um, 1526.

Literatur

Bautz, Fried­rich Wil­helm, „Hoogs­traa­ten, Ja­kob von“, in Bio­gra­phisch-bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Band 2, Hamm 1990, Sp. 1042-1045.

Mo­li­tor, Hans­ge­org, Das Erz­bis­tum Köln im Zeit­al­ter der Glau­bens­kämp­fe (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 3), Köln 2008, S. 582-583.

Pe­ter­se, Hans, Ja­co­bus Hoogs­trae­ten ge­gen Jo­han­nes Reuch­lin. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des An­ti­ju­da­is­mus im 16. Jahr­hun­dert, Mainz 1995. 

Online

Gei­ger, Lud­wig, „Hoch­stra­ten, Ja­kob von“, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 12 (1880), S. 527-529.

Je­din, Hu­bert, „Hoogs­trae­ten, Ja­kob von“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 9 (1972), S. 605-606.

Adversvs Pestifervm Martini Lvtheri Tractatum […], [Antwerpen] 1526, Titelseite. (Bayerische Staatsbibliothek München)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Bock, Martin, Jakob von Hoogstraten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jakob-von-hoogstraten/DE-2086/lido/57c833c39d9465.39293667 (22.04.2018)