Jan Joest

Maler (circa 1460-1519)

Ulrike Wolff-Thomsen (Kiel)

Jan Joest von Kalkar, Die Erweckung des Lazarus (vor einer Stadtkulisse mit dem Rathaus der Stadt Kalkar), Gemälde auf dem Hochaltarretabel der Katholischen Pfarrkirche St. Nikolai in Kalkar, 1506-1508, Foto: Michael Jeiter. (Bildarchiv Foto Marburg)

Jan Joest, land­läu­fig nach sei­nem Haupt­werk ge­nannt von Kal­kar, war ei­ner der be­deu­tends­ten Ma­ler des nie­der­rhei­ni­schen/nie­der­län­di­schen Raums um 1500. Als sein Haupt­werk gel­ten die zwi­schen 1505 und 1508 ge­schaf­fe­nen Bild­ta­feln des Hoch­al­tar­re­ta­bels in der Pfarr­kir­che St. Ni­co­lai in Kal­kar.

Jan Joest, als des­sen Ge­burts­ort We­sel an­ge­nom­men wird, des­sen Ge­burts­da­tum ar­chi­va­lisch je­doch nicht ge­si­chert ist, war ver­mut­lich ein Nef­fe des west­fä­lisch-nie­der­rhei­ni­schen Ma­lers De­rick Ba­e­gert. Ob­wohl dar­aus ge­fol­gert wer­den dürf­te, dass er in des­sen Werk­statt zu­min­dest zeit­wei­lig aus­ge­bil­det wor­den ist, tre­ten grö­ße­re for­ma­le, sti­lis­ti­sche und er­zäh­le­ri­sche Un­ter­schie­de zwi­schen den Oeu­vres bei­der Meis­ter zu­ta­ge. Zu­dem be­rei­ten die Häu­fig­keit des Na­mens Jan Joest in den zeit­ge­nös­si­schen Quel­len im nie­der­rhei­nisch-nie­der­län­di­schen Raum und die Tä­tig­keit ei­nes gleich­na­mi­gen Ma­lers, der in Haar­lem mit qua­li­tät­vol­len Auf­trä­gen be­traut wur­de und der als Meis­ter im ers­ten Re­gis­ter der Haar­le­mer St. Lu­kas­gil­de (1502-1507) ge­führt wur­de, Pro­ble­me, mit letz­ter Ge­wiss­heit die Iden­ti­tät des in Kal­kar zeit­wei­lig ar­bei­ten­den Ma­lers Jan Joest zu klä­ren.

1505 wur­de die­sem der Auf­trag er­teilt, 20 Ta­feln der Flü­gel des Kalka­rer Hoch­al­tar­re­ta­bels zu be­ma­len. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te so­wie Auf­trags­ver­ga­be des Re­ta­bels durch die Kalka­rer Bru­der­schaft „Un­ser Lie­ben Frau" sind sehr gut do­ku­men­tiert. Da­nach ver­leg­te Joest sei­ne Werk­statt dort­hin; sei­ne Mit­ar­bei­ter wa­ren mit ho­her Wahr­schein­lich­keit der nam­haf­te, seit 1511 als Frei­meis­ter in Ant­wer­pen tä­ti­ge Joos van der Be­ke, ge­nannt von Cle­ve (cir­ca 1485-1540), so­wie der noch jun­ge, spä­ter in Köln zu gro­ßem Re­nom­mee ge­lang­te Bar­tho­lo­mä­us Bruyn der Äl­te­re der ver­mut­lich auch Joe­sts Schwie­ger­sohn wur­de.

Das Al­tar­re­ta­bel mit ho­hem Aus­zug ist für zwei Wand­lun­gen vor­ge­se­hen: Den äu­ße­ren un­be­mal­ten Flü­gel­paa­ren fol­gen ein gro­ßes und ein klei­nes be­mal­tes Flü­gel­paar, die auf den Au­ßen­sei­ten be­gin­nend mit der „Ver­kün­di­gung an Ma­ria" die Kind­heits­ge­schich­te und das jun­ge Er­wach­se­nen­le­ben Je­su Chris­ti the­ma­ti­sie­ren. Die In­nen­sei­ten füh­ren die Er­zäh­lung mit Pas­si­ons­sze­nen fort. Der Mit­tel­schrein, der von den Bild­hau­ern Arnt van Zwol­le und dem aus Mar­burg kom­men­den Lud­wig Ju­pan (1486-1538) ge­schaf­fen wur­de, zeigt ein fi­gu­ren­rei­ches, um die Kreu­zi­gung Chris­ti ge­stal­te­tes Pan­ora­ma, an­ge­rei­chert mit Pas­si­ons­sze­nen.

Ur­sprüng­lich konn­te die Pre­del­la, die Sze­nen des Ein­zugs nach Je­ru­sa­lem, des Abend­mahls und der Fuß­wa­schung zeigt, mit zwei von Jan Joest be­mal­ten, nicht er­hal­ten ge­blie­be­nen Pre­del­len­schie­bern ver­schlos­sen wer­den. Das Re­ta­bel, das 1508/1509 voll­endet wur­de, stellt nicht nur auf­grund sei­ner im­po­san­ten Grö­ße ei­nes der be­deu­tends­ten Haupt­wer­ke der Kunst um 1500 dar.

Die Kunst Jan Joe­sts zeich­net sich durch ei­ne ho­he An­eig­nung der Wirk­lich­keit aus, kennt­lich in der Er­schlie­ßung des Bild­raums mit noch nicht voll­stän­dig über­zeu­gen­der, doch ge­lun­ge­ner In­te­gra­ti­on der Fi­gu­ren in den Land­schafts- und Ar­chi­tek­tur­raum und der Wie­der­ga­be von Na­tur­be­ob­ach­tun­gen. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit schenk­te Joest Licht­phä­no­me­nen – so schuf er ei­ne der ers­ten er­hal­ten ge­blie­be­nen Nacht­dar­stel­lun­gen sei­ner Zeit. Sei­nen Er­zähl­stil – vor­ge­tra­gen mit ei­nem psy­chisch mo­ti­vier­ten Mie­nen­spiel der Prot­ago­nis­ten so­wie ex­pres­si­ven Ge­bär­den ein­zel­ner Fi­gu­ren – er­lebt der Be­trach­ter mit ho­her Ein­dring­lich­keit. Auch die In­ten­si­tät des Ko­lo­rits spricht für die ho­he Qua­li­tät sei­ner Kunst. Nicht nur wur­den Por­traits der Stif­ter mit in das nar­ra­ti­ve Pro­gramm in­te­griert, auch mar­kan­te Ge­bäu­de der Stadt Kal­kar bil­den die zeit­ge­nös­si­sche Ku­lis­se für das his­to­ri­sche Ge­sche­hen.

Jan Joe­sts Kunst weist gro­ße Par­al­le­len (un­ter an­de­rem in Stil, Ty­pen­bil­dung, Ko­lo­rit) mit der alt­nie­der­län­di­schen Ma­le­rei auf, be­son­ders mit der Kunst von Ge­rard Da­vid (cir­ca 1460-1523) und Hans Mem­ling (1433/1440-1494), so dass ein vor­an­ge­gan­ge­ner Auf­ent­halt Joe­sts in Brüg­ge wahr­schein­lich ist. An­re­gun­gen wird er zu­dem über die zeit­ge­nös­si­sche Druck­gra­phik, un­ter an­de­rem durch Is­ra­hel van Me­cke­nem (cir­ca 1440-1503) und Mar­tin Schon­gau­er (1445/1450-1491) emp­fan­gen ha­ben. Ein Ver­gleich zwi­schen den Schrif­ten von An­hän­gern der de­vo­tio mo­der­na und den Bild­in­sze­nie­run­gen Jan Joe­sts lässt gro­ße Par­al­le­len im Stim­mungs­ge­halt bei­der Me­di­en of­fen­kun­dig wer­den. Der ge­stei­ger­te emp­find­sa­me Aus­druck in den Tex­ten scheint ei­ne Um­set­zung in der in­di­vi­du­el­len ge­fühls­be­ton­ten Bild­spra­che Joe­sts ge­fun­den zu ha­ben.

Nach sei­ner Kalka­rer Tä­tig­keit über­sie­del­te Joest ver­mut­lich nach Haar­lem, wo der dort in der St. Lu­kas­gil­de ein­ge­schrie­be­ne Ma­ler für Auf­trä­ge in der St. Ba­vo­kir­che her­an­ge­zo­gen wur­de. Ne­ben der Ver­gol­dung ei­ner Lieb­frau­en­skulp­tur (1509) fass­te er ei­ne Skulp­tur des Hei­li­gen Wil­li­brord und be­mal­te kunst­voll ei­nen Pfei­ler (1512). Das seit 1710 ver­schol­le­ne Hoch­al­tar­re­ta­bel der Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei Wer­den wur­de – folgt man spä­te­ren Quel­len – 1512 bei Joest in Auf­trag ge­ge­ben. Als Pro­gramm zeig­te es Pas­si­ons­sze­nen so­wie Epi­so­den aus dem Le­ben des Hei­li­gen Luid­ger.

Ein­fluss ge­nom­men hat Joe­sts Kunst vor al­lem über Bar­tho­lo­mä­us Bruyn auf die Köl­ner Ma­le­rei, ins­be­son­de­re auf die Glas­ma­le­rei mit ih­ren Zeug­nis­sen in der heu­ti­gen Trap­pis­ten­ab­tei Ma­ria­wald (Stadt Heim­bach) und dem ehe­ma­li­gen Klos­ter Stein­feld (heu­te Lon­don, V & A Mu­se­um). Ein­zig ei­ne nur als Fo­to do­ku­men­tier­te „Ec­ce-Ho­mo"-Ta­fel könn­te sich als wei­te­res ei­gen­hän­di­ges Werk er­wei­sen.

Jan Joest starb ver­mut­lich 1519 in Haar­lem und hin­ter­ließ sei­nen Er­ben ein an­sehn­li­ches Ver­mö­gen.

Literatur

Ro­elen, Mar­tin Wil­helm, We­sel – Haar­lem – Köln. Neu­es zum Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis von Jan Joest und Bar­tho­lo­mä­us Bruyn d. Ä., in: Arand, Wer­ner (Hg), Neue Schät­ze, Städ­ti­sches Mu­se­um We­sel, Aus­wahl der Neu­er­wer­bun­gen 1994-2000, We­sel 2000, S. 12-22.

Scholl­mey­er, Lio­ba, Jan Joest. Ein Bei­trag zur Kunst­ge­schich­te des Rhein­lan­des um 1500, Bie­le­feld 2004.

Wolff-Thom­sen, Ul­ri­ke, Jan Joest von Kal­kar. Ein nie­der­län­di­scher Ma­ler um 1500, Bie­le­feld 1997.

Online

Wall­rath, Rolf, Ar­ti­kel "Jan, gen. von Kal­kar, Joest", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 10 (1974), S. 465-466. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Wolff-Thomsen, Ulrike, Jan Joest, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jan-joest-/DE-2086/lido/57c92d5348ba02.79529473 (22.04.2018)