Jean Jülich

Edelweißpirat (1929-2011)

Ansgar S. Klein (Bonn)

Jean Jülich um 1943/44 im Kölner Beethovenpark. (NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Der Köl­ner Jean Jü­lich ge­hör­te in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu ei­ner Grup­pe non­kon­for­mer Ju­gend­li­cher, den Edel­wei­ßpi­ra­ten.

Jean Jü­lich er­blick­te am 18.4.1929 in ei­ner ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne in der Bar­ba­ra­stra­ße in Köln-Riehl das Licht der Welt. Sein Va­ter, der Kell­ner Jo­hann Jü­lich (1901-1972), war ein Funk­tio­när der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD). Die Mut­ter An­na Ma­ria, ge­bo­re­ne Knoll (1908-um 1999) ar­bei­te­te in ei­ner Schirm­fa­brik. Jean Jü­lich hat­te ei­nen äl­te­ren Halb­bru­der, Franz.

Da der Va­ter auf­grund sei­ner po­li­ti­schen Tä­tig­keit 1933 in den Un­ter­grund ging und sei­ne Mut­ter ar­bei­te­te, wur­de Jean Jü­lich 1933 zu den Gro­ß­el­tern nach Köln-Sülz ge­bracht. Hier be­such­te er den Kin­der­gar­ten der Vin­cen­ti­ne­rin­nen und kam 1935 in die Volks­schu­le. Am 27.5.1936 wur­de der Va­ter ver­haf­tet, spä­ter auch die Gro­ß­mut­ter, so­dass der Gro­ßva­ter al­lein mit dem Kind blieb. Im Al­ter von sie­ben Jah­ren kam Jü­lich des­halb in ein Wai­sen­haus in Köln-Sülz. Erst als die Gro­ß­mut­ter aus der Haft ent­las­sen wor­den war, konn­te Jü­lich zu­rück zu sei­ner Fa­mi­lie.

1939, im Al­ter von zehn Jah­ren, er­folg­te wie üb­lich der Ein­tritt in die Hit­ler­ju­gend (HJ) be­zie­hungs­wei­se ins Jung­volk. Seit dem Spät­herbst 1942 hat­te Jü­lich über sei­nen Schul­freund Fer­di Stein­gass (1928-2009) Kon­takt zu den Grup­pen Ju­gend­li­cher, de­ren Treff­punkt der Man­der­schei­der Platz in Köln-Sülz war, den Edel­wei­ßpi­ra­ten.

 

Die Grup­pen von Ju­gend­li­chen, die sich in der Köl­ner Re­gi­on Edel­wei­ßpi­ra­ten, im Düs­sel­dor­fer Raum Kit­tel­bach­pi­ra­ten nann­ten, wa­ren Mit­te der 1930er Jah­re in vie­len Städ­ten des Rhein­lan­des ent­stan­den. Sie wa­ren nicht or­ga­ni­siert, son­dern lo­se Zu­sam­men­schlüs­se von Ju­gend­li­chen, die sich dem staat­lich ver­ord­ne­ten Drill in der Hit­ler­ju­gend ent­zo­gen. Sie un­ter­schie­den sich schon rein äu­ßer­lich von der Par­tei­ju­gend, tru­gen län­ge­re Haa­re, ei­ne ei­ge­ne Kluft aus bunt ka­rier­tem Hemd und Hals­tuch. Man­che von ih­nen hat­ten ver­steckt ein Edel­wei­ß­ab­zei­chen an ih­rer Klei­dung an­ge­bracht, wo­nach sie ih­ren Na­men er­hiel­ten. Sie un­ter­nah­men ver­bo­te­ne ei­ge­ne Fahr­ten, zum Bei­spiel ins Sie­ben­ge­bir­ge, wo sie sich mit Gleich­ge­sinn­ten aus an­de­ren Städ­ten tra­fen. Die bei der Hit­ler­ju­gend ver­ord­ne­te Ge­schlech­ter­tren­nung gab es bei ih­nen nicht.

Auch wenn die Edel­wei­ßpi­ra­ten sich nicht als po­li­tisch Han­deln­de ver­stan­den, so sah das NS-Re­gime in ih­ren Ak­ti­vi­tä­ten doch ei­nen po­li­ti­schen Wi­der­stand, den es rück­sichts­los zu bre­chen galt. Die Auf­merk­sam­keit der staat­li­chen Be­hör­den und ih­re Me­tho­den lie­ßen ei­nen Teil der Ju­gend­li­chen zu im­mer ge­fähr­li­che­ren Pro­vo­ka­tio­nen und ra­di­ka­le­rem Wi­der­stand über­ge­hen.

Die Freunde vom Manderscheider Platz, rechts Jean Jülich, links Ferdi. (NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

 

Edel­wei­ßpi­ra­ten in Köln-Eh­ren­feld, die sich im Blü­cher­park tra­fen, hat­ten seit dem Som­mer 1944 Kon­takt zu der so ge­nann­ten Eh­ren­fel­der Grup­pe be­zie­hungs­wei­se Stein­brück-Grup­pe. Hans Stein­brück (1921-1944) war 1943 aus dem KZ-Au­ßen­la­ger Köln-Mes­se ge­flüch­tet und hat­te sich bei sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin Cä­ci­lie „Cil­ly“ Ser­vé (ge­bo­ren 1919) in Köln-Eh­ren­feld ver­steckt. Zu­sam­men mit ihr und an­de­ren Hel­fern leg­te er im Kel­ler des Hau­ses ein Le­bens­mit­tel- und Waf­fen­la­ger an. Sie ver­steck­ten dar­in bald auch De­ser­teu­re, ge­flo­he­ne Häft­lin­ge und Zwangs­ar­bei­ter. Ju­gend­li­che aus Eh­ren­feld be­wun­der­ten Stein­brücks En­ga­ge­ment und schlos­sen sich ihm im Som­mer 1944 an, dar­un­ter auch ei­ni­ge aus der Grup­pe der Eh­ren­fel­der Edel­wei­ßpi­ra­ten, die nun vor al­lem in Stein­brücks Grup­pe ak­tiv wur­den. Die jun­gen Män­ner un­ter­nah­men Ein­brü­che zur Be­schaf­fung von Le­bens­mit­teln und Waf­fen. Nach ei­nem grö­ße­ren Dieb­stahl, der die Auf­merk­sam­keit der Be­hör­den auf sich ge­zo­gen hat­te, ver­lie­ßen meh­re­re Per­so­nen die Grup­pe.

Auf den Fahr­ten ins Sie­ben­ge­bir­ge hat­te Jean Jü­lich den aus Eh­ren­feld stam­men­den Bar­tho­lo­mä­us "Bart­hel" Schink (1927-1944) ken­nen­ge­lernt. Weil die Sül­zer in ei­nem Kel­ler Zünd­ap­pa­ra­te ge­fun­den hat­ten, führ­te Schink Jü­lich und sei­nen Freund Fer­di Stein­gass zu Stein­brück. Die­ser plan­te mit ei­ner Bom­be das Ge­sta­po-Haupt­quar­tier in Köln in die Luft zu spren­gen, be­saß aber noch nicht al­le be­nö­tig­ten Ma­te­ria­li­en.

Am 29.9.1944 er­hielt ei­ne Hee­res­strei­fe ei­nen Hin­weis auf das Ver­steck der Grup­pe. Bei der Durch­su­chung wur­den Waf­fen be­schlag­nahmt. Am nächs­ten Tag durch­such­te die Po­li­zei die Woh­nung von Cil­ly Ser­vé und ver­haf­te­te sie so­wie zwei dort ver­steck­te Jü­din­nen. Vor dem Haus kam es am Tag dar­auf zu ei­ner Schie­ße­rei zwi­schen der Stein­brück-Grup­pe und den Ver­fol­gungs­be­hör­den, bei der drei Per­so­nen ums Le­ben ka­men. Ab dem 4.10.1944 ver­haf­te­te die Ge­sta­po die Stein­brück-Grup­pe, ins­ge­samt 63 Per­so­nen, dar­un­ter 19 Ju­gend­li­che.

Jean Jü­lich wur­de am 10.10.1944 auf Grund sei­nes Kon­tak­tes zu Fer­di­nand Stein­gass von der Ge­sta­po ver­haf­tet und im EL-DE-Haus ver­hört. Der in der Nach­bar­zel­le in­haf­tier­te Bar­tho­lo­mä­us Schink wur­de am 10.11.1944 zu­sam­men mit zwölf wei­te­ren Mit­glie­dern der Stein­brück-Grup­pe oh­ne Ge­richts­ur­teil von der Ge­sta­po öf­fent­lich ge­hängt.

Bis Kriegs­en­de blieb Jü­lich oh­ne Ge­richts­ver­fah­ren in Schutz­haft, zu­nächst im Ge­sta­po-Ge­fäng­nis Ab­tei Brau­wei­ler (heu­te Stadt Pul­heim). Beim Nä­her­rü­cken der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen im Fe­bru­ar 1945 trans­por­tier­te die Ge­sta­po die In­sas­sen nach Os­ten ab. Jü­lichs nächs­te Haf­tor­te wa­ren die Zucht­häu­ser Sieg­burg und Butz­bach (Hes­sen). Zu­letzt war er im Ju­gend­ge­fäng­nis Ro­cken­berg (Hes­sen), wo ih­n  En­de März 1945 die Ame­ri­ka­ner be­frei­ten.

Nach dem Krieg pach­te­te er den Zei­tungs­ki­osk in Köln-Deutz vor dem dor­ti­gen Bahn­hof. Als der Zei­tungs- und Zeit­schrif­ten­han­del nicht mehr ge­nug ein­brach­te, wech­sel­te er das Me­tier und wur­de Gas­tro­nom, un­ter an­de­rem in der Köln-Mül­hei­mer Stadt­hal­le. Als Wirt des „Blo­me­körv­ge“ in der Jo­seph­stra­ße im Se­ve­rins­vier­tel er­rang er ei­nen eben­so ho­hen Be­kannt­heits­grad wie als Prä­si­dent der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft Alt-Se­ve­rin. 1961 hei­ra­te­te Jü­lich Ka­rin Nes­gen (ge­bo­ren 1938), die ihm 1963 ei­ne Toch­ter und 1965 ei­nen Sohn zur Welt brach­te.

Erst nach ei­nem Be­richt des Fern­seh­ma­ga­zins "Mo­ni­tor" vom 23.5.1978, der kri­ti­sier­te, dass Bar­tho­lo­mä­us Schink in den Ak­ten der Jus­tiz­be­hör­de im­mer noch als Kri­mi­nel­ler be­zeich­net wur­de, kam das The­ma Edel­wei­ßpi­ra­ten wie­der an die Öf­fent­lich­keit und ließ Jü­lich po­li­tisch ak­tiv wer­den. In Köln-Eh­ren­feld grün­de­te sich ei­ne Bür­ger­initia­ti­ve, Köl­ner Künst­ler en­ga­gier­ten sich.

Die ers­te Eh­rung, die Jü­lich er­fuhr, kam aus Is­ra­el: Die is­rae­li­sche Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem ehr­te ihn, Bart­hel Schink und Mi­cha­el Jo­vy (1920-1984) 1984 als „Ge­rech­te un­ter den Völ­kern“. 1991 er­hielt er das Bun­des­ver­dienst­kreuz, 2007 den Rhein­land­ta­ler des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land, 2008 die Hei­ne-Büs­te als Aus­zeich­nung für au­ßer­or­dent­li­che Ak­ti­vi­tä­ten im Sin­ne des kri­ti­schen und wi­der­stän­di­gen Geis­tes und schlie­ß­lich 2011 das Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de. Ei­ne Eh­rung, die ihm be­son­ders am Her­zen lag, weil sie ei­ne An­er­ken­nung sei­ner Hei­mat­stadt Köln be­deu­tet hät­te, die Aus­zeich­nung mit der Eh­ren­bür­ger­wür­de, schei­ter­te am Par­tei­en­streit im Stadt­rat.

In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren leis­te­te Jü­lich Auf­klä­rungs­ar­beit, gab In­ter­views, hielt Vor­trä­ge, nahm an Dis­kus­sio­nen in Schu­len teil und trat auf Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen wie dem Edel­wei­ßpi­ra­ten­fes­ti­val auf.

Jean Jü­lich starb am 19.10.2011 in sei­ner Ge­burts­stadt Köln und wur­de auf dem dor­ti­gen Süd­fried­hof bei­ge­setzt.

Werke

Kohl­dampf, Knast un Ka­mel­le - Ein Edel­wei­ßpi­rat er­zählt aus sei­nem Le­ben, Köln 2003.

Literatur

Brey­vo­gel, Wil­fried (Hg.), Pi­ra­ten, Swings und Jun­ge Gar­de. Ju­gend­wi­der­stand im Drit­ten Reich, Bonn 1991.

Go­eb, Alex­an­de, Er war sech­zehn, als man ihn häng­te. Das kur­ze Le­ben des Wi­der­stands­kämp­fers Bar­tho­lo­mä­us Schink, Rein­bek 1981.

Hell­feld, Mat­thi­as von, E­del­wei­ßpi­ra­ten in Köln. Ju­gend­re­bel­li­on ge­gen das Drit­te Reich, 2. Auf­la­ge, Köln 1983.

Koch, Ger­trud/Cars­ten­sen, Re­gi­na, Edel­weiß. Mei­ne Ju­gend als Wi­der­stands­kämp­fe­rin, Rein­bek 2006.

Peu­kert, Det­lev, Die E­del­wei­ßpi­ra­ten. Pro­test­be­we­gung ju­gend­li­cher Ar­bei­ter im Drit­ten Reich, Köln 1980.

Rusi­nek, Bernd A., Ge­sell­schaft in der Ka­ta­stro­phe. Ter­ror, Il­le­ga­li­tät, Wi­der­stand. Köln 1944/45, Es­sen 1989.

Thei­len, Fritz, E­del­wei­ßpi­ra­ten, Frank­furt a.M. 1984.

Online

http-blank://www.eg.ns­dok.de/de­fault.as­p­typ=in­ter­view&pid=47&ak­ti­on=ers­tes [On­line]

http-blank://www.ha­ga­lil.com/ar­chiv/2011/10/30/jue­lich/ [On­line]

http-blank://www.ha­ga­lil.com/ar­chiv/2011/12/05/dan­ke-schang/ [On­line]

http-blank://www.ha­ga­lil.com/ar­chiv/2011/12/05/jue­lich-2/ [On­line]

Es war in Schang­hai (Mu­sik­pro­be) [On­line]

http-blank://des.ge­nea­lo­gy.net/se­arch/show/6758173. [On­line]

Jean Jülich beim Edelweißpiratenfestival im Friedenspark Köln, 17.6. 2007.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Klein, Ansgar S., Jean Jülich, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jean-juelich/DE-2086/lido/57c9301edcfa73.28097565 (22.05.2018)