Johann Arnold Nehring

Baumeister (1659-1695)

Thomas Ohl (Wesel)

Schloss Charlottenburg (Berlin), Porzellankammer, 1920. (Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin)

Jo­hann Ar­nold Neh­ring stamm­te aus We­sel und war ein be­deu­ten­der Bau­meis­ter des Ba­rock in Ber­lin und Bran­den­burg.

Jo­hann Ar­nold Neh­ring (auch die Schreib­wei­se Ne­ring ist ge­bräuch­lich) wur­de ver­mut­lich am 13.1.1659 in We­sel als Sohn des pro­mo­vier­ten Ju­ris­ten und spä­te­ren Bür­ger­meis­ters von We­sel, Lau­rens Neh­ring und des­sen Frau Su­san­ne, ge­bo­re­ne Knob­be, ge­bo­ren. Die Vor­fah­ren der Neh­rings wa­ren im 16. Jahr­hun­dert als Glau­bens­flücht­lin­ge aus der nie­der­län­di­schen Han­se­stadt Ti­el nach We­sel ge­kom­men. Lau­rens Neh­ring hat­te in Ut­recht und Mar­burg Ju­ra stu­diert, be­vor er in sei­ne Hei­mat­stadt We­sel zu­rück­kehr­te. Hier war er lan­ge Jah­re Schöf­fe und 1685 Ers­ter Bür­ger­meis­ter der nie­der­rhei­ni­schen Han­se­stadt.

 

Jo­hann Ar­nold Neh­ring war das äl­tes­te von sechs Kin­dern und wur­de am 17.3.1659 in der Wil­li­bror­di­kir­che ge­tauft. Ob der jun­ge Neh­ring „schon in sei­ner Ju­gend­zeit durch den gro­ßzü­gi­gen Fes­tungs­bau in We­sel für das Bau- und In­ge­nieur­fach in­ter­es­siert" wur­de, darf Spe­ku­la­ti­on blei­ben. Tat­sa­che da­ge­gen ist, dass ihm im Al­ter von 17 Jah­ren ein Staats­sti­pen­di­um „zur Er­ler­nung der Forti­fi­ka­ti­on" ge­währt wur­de. Neh­ring war zu die­ser Zeit in Aus­bil­dung bei dem in bran­den­bur­gi­schen Diens­ten ste­hen­den Mi­cha­el Mat­thi­as Smids (1626-1692). Dort er­hielt er ei­ne grund­le­gen­de prak­ti­sche Un­ter­wei­sung, die durch das Sti­pen­di­um und den da­mit ver­bun­de­nen drei­jäh­ri­gen theo­re­ti­schen An­schau­ungs­un­ter­richt im Aus­land, ins­be­son­de­re in Ita­li­en, er­gänzt wer­den soll­te.

Mit ziem­li­cher Si­cher­heit wird Neh­ring aber nicht die ge­sam­te Zeit sei­ne Sti­pen­di­ums im Aus­land ge­we­sen sein, denn be­reits ab 1678 wird er in Ber­li­ner Do­ku­men­ten als In­ge­nieur er­wähnt. Seit die­sem Zeit­punkt ent­fal­te­te er oh­ne Un­ter­bre­chung sei­ne Bau­tä­tig­keit in Ber­lin und Bran­den­burg. Zu­nächst war Neh­ring mit Ar­bei­ten bei der Aus­füh­rung des kur­fürst­li­chen Stadt­schlos­ses in Pots­dam be­traut (1679-1682). Zeit­gleich be­gann er mit dem Ent­wurf der Ar­ka­den an der Süd­front des Ber­li­ner Schlos­ses (1680). Zu ers­tem Ruhm ver­half ihm die ei­gen­stän­di­ge Voll­endung des Leip­zi­ger To­res (1683), die ihm auch die Er­nen­nung zum kur­fürst­li­chen Ober-In­ge­nieur ein­brach­te. Im Jah­re 1685 wur­de er schlie­ß­lich zum In­ge­nieur-Oberst im Ge­ne­ral­stab des Kur­fürs­ten Fried­rich Wil­helm (Re­gie­rungs­zeit 1640-1688) er­nannt.

Königliche Akademie für Kunst und Wissenschaft (ehemaliger Marstall) Berlin, 1902, 1903 abgebrochen. (Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin)

 

Ber­lin war im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg hef­tig ver­wüs­tet wor­den. Die Spu­ren der lan­gen Aus­ein­an­der­set­zung konn­ten im Lau­fe der zwei­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts nur lang­sam be­sei­tigt wer­den. Zu­gleich ver­moch­te sich das Kur­fürs­ten­tum Bran­den­burg in der Re­gie­rungs­zeit Kur­fürst Fried­rich Wil­helms in zu­neh­men­den Ma­ße von äu­ße­rer Be­ein­flus­sung zu be­frei­en (Frie­den von Oli­va 1660, Schlacht von Fehr­bel­lin 1675), und der bran­den­bur­gi­sche Herr­scher wur­de zu ei­ner be­stim­men­den Per­sön­lich­keit im Kur­fürs­ten­kol­le­gi­um. Als äu­ße­res Zei­chen sei­ner ver­grö­ßer­ten Macht­stel­lung wur­de Ber­lin be­fes­tig­te Re­si­denz­stadt. Zu­sätz­lich zum Bau des Fes­tungs­gür­tels wur­den – nicht zu­letzt durch die er­folg­rei­che Be­völ­ke­rungs- und Fi­nanz­po­li­tik des Gro­ßen Kur­fürs­ten be­dingt – im­mer wie­der neue Wohn­ge­bie­te be­nö­tigt. So wur­de zum Bei­spiel die Do­ro­the­en­stadt für die nach dem Edikt von Pots­dam 1685 ein­ge­wan­der­ten Glau­bens­flücht­lin­ge aus Frank­reich an­ge­legt.

Wäh­rend die­ses Ber­li­ner ‚Bau­booms’ wid­me­te sich Neh­ring al­len an­ste­hen­den Auf­trä­gen. Grund­le­gen­de In­ge­nieur­auf­ga­ben, Mi­li­tär- und Fes­tungs­bau­wer­ke, Ver­wal­tungs- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­bau­ten bis hin zur Pla­nung gan­zer Stadt­tei­le wie der Fried­rich­stadt (ab 1688) um­fass­ten sein Schaf­fen. Hier muss ein Über­blick über die von Neh­ring er­rich­te­ten Bau­wer­ke ge­nü­gen, aber schon die Auf­lis­tung al­lein zeugt von sei­ner rast­lo­sen Bau­tä­tig­keit. Ei­ne tie­fer ge­hen­de Be­hand­lung der Neh­ring­s­chen Bau­ten ist auch in­so­fern schwie­rig, als die ur­sprüng­lich von ihm ge­plan­ten Ge­bäu­de häu­fig schon wäh­rend ih­rer Aus­füh­rung ver­än­dert, be­zie­hungs­wei­se die von ihm ab­ge­schlos­se­nen Bau­wer­ke fast al­le im Lau­fe der Zeit zer­stört wor­den sind. Zu sei­nen Wer­ken ge­hör­ten die Lan­ge Brü­cke, die ers­te stei­ner­ne Brü­cke Ber­lins (1692-1694, heu­te Rat­haus­brü­cke), der Müh­len­damm (1687), die Schloss­ka­pel­le zu Kö­pe­nick (1684-1685, der ein­zig er­hal­te­ne und un­ver­än­dert ge­blie­be­ne Bau Neh­rings) so­wie die Burg­kir­che zu Kö­nigs­berg (1690-1696). Von ihm stam­men auch die Ent­wür­fe für die Ber­li­ner Pa­ro­chi­al­kir­che (1695) und das Schloss Char­lot­ten­burg (1695), er voll­ende­te die Schlös­ser Schwedt (1687-1688) und Nie­der­schön­hau­sen (1691-1693) und zeich­ne­te für ver­schie­de­ne Stadt­häu­ser und Pa­lais für bran­den­bur­gi­sche Ge­ne­rä­le und Mi­nis­ter, Gar­ten­an­la­gen und Ar­ka­den so­wie für die Bau­lei­tung am Ber­li­ner Zeug­haus (1695) ver­ant­wort­lich. Auch die An­la­ge des Gen­dar­men­mark­tes – für vie­le heu­te der schöns­te Platz Ber­lins –, soll auf ei­ne An­re­gung Neh­rings zu­rück­ge­hen. In An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te wur­de er für die­se Tä­tig­kei­ten be­reits im Jah­re 1691 von Kur­fürst Fried­rich III. (Re­gie­rungs­zeit 1688-1713, ab 1701 als Kö­nig Fried­rich I.) zum kur­fürst­li­chen Ober­bau­di­rek­tor er­nannt. Neh­ring war da­mit der obers­te Bau­be­am­te in Bran­den­burg-Preu­ßen – und das im Al­ter von 32 Jah­ren.

Sti­lis­tisch hat­te sich Neh­ring von der hol­län­di­schen Bau­wei­se, die im 17. Jahr­hun­dert, dem Gol­de­nen Zeit­al­ter der Nie­der­lan­de, und auf­grund der ver­wandt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ver­bin­dun­gen zum Hau­se Ora­ni­en – in ers­ter Ehe war Kur­fürst Fried­rich Wil­helm mit Lui­se Hen­ri­et­te von Ora­ni­en-Nas­sau ver­hei­ra­tet – auch in Bran­den­burg Stil prä­gend ge­we­sen war, zu­neh­mend eman­zi­piert. Hier mö­gen die Ein­drü­cke sei­nes Stu­di­en­auf­ent­hal­tes in Ita­li­en nach­ge­wirkt ha­ben, denn die star­ken ita­lie­ni­schen und fran­zö­si­schen Ein­flüs­se auf Neh­rings Ar­chi­tek­tur sind nicht von der Hand zu wei­sen. Da­mit be­fand er sich im Ein­klang mit den An­lie­gen sei­nes Lan­des­herrn, „der sei­ner Re­si­denz Ber­lin das Ant­litz ei­nes ‚zwei­ten Rom’ ver­lei­hen woll­te". Zu­gleich brin­gen Neh­rings Bau­ten ei­ne ein­heit­li­che Sach­lich­keit, mit­un­ter so­gar Nüch­tern­heit zum Aus­druck. Mit sei­nem stren­gen Ba­rock wird der Bau­meis­ter aus We­sel da­her auch als Be­grün­der der „Ber­li­ner Schu­le" und als „rich­tungs­wei­send für ganz Nord­deutsch­land" be­zeich­net.

Die­sen be­deu­ten­den Ein­fluss hat­te Neh­ring er­reicht, ob­wohl ihm nur kur­ze Zeit für sei­ne um­fang­rei­chen Ar­bei­ten ver­gönnt war. Denn be­reits am 21.10.1695 ist Neh­ring im Al­ter von nur 36 Jah­ren bei ei­nem kur­zen Auf­ent­halt zwi­schen zwei Dienst­rei­sen in Ber­lin ver­stor­ben. Er wur­de in der Do­ro­the­en­städ­ti­schen Kir­che bei­ge­setzt. Von Nach­kom­men oder ei­ner Wit­we ist nichts be­kannt, so dass da­von aus­zu­ge­hen ist, dass er un­ver­hei­ra­tet ver­starb. Sei­ne Erb­schafts­an­ge­le­gen­hei­ten wur­den fol­ge­rich­tig von sei­nen Ge­schwis­tern er­le­digt.

Neh­rings Be­deu­tung für das Ber­li­ner Ba­rock wur­de lan­ge Zeit ver­kannt – ein Um­stand, der mit der häu­fi­gen Ver­än­de­rung oder gar Zer­stö­rung sei­ner Bau­wer­ke teil­wei­se er­klärt wer­den kann. Erst seit dem aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert er­fährt er wie­der ei­ne hö­he­re Wert­schät­zung, die sei­ne Ver­knüp­fung von nie­der­län­di­schen und ita­lie­ni­schen Ele­men­ten des Ba­rock in den Vor­der­grund stellt. Die da­bei un­ter Be­weis ge­stell­te Ei­gen­stän­dig­keit und der un­er­müd­li­che Fleiß in ei­ner nur kur­zen Schaf­fens­pha­se nö­ti­gen auch heu­te noch gro­ßen Re­spekt vor Neh­rings Le­bens­werk ab.

1892 wur­de ei­ne Stra­ße in der Nä­he des Schlos­ses Char­lot­ten­burg nach Neh­ring be­nannt.

Literatur

En­gel, Hel­mut, Jo­hann Ar­nold Ne­ring, in: Rib­be, Wolf­gang/Schä­che, Wolf­gang (Hg.), Bau­meis­ter-Ar­chi­tek­ten-Stadt­pla­ner. Bio­gra­phi­en zur bau­li­chen Ent­wick­lung Ber­lins, Ber­lin 1987, S. 35-46.

Mül­ler, Re­gi­na, Das Ber­li­ner Zeug­haus. Die Bau­ge­schich­te, Ber­lin 1994.

Neh­ring, Ger­da, Jo­hann Ar­nold Ne­ring. Ein preu­ßi­scher Bau­meis­ter, Es­sen 1985.

Schloss Lützenburg, das spätere Charlottenburg, Planung von Johann Arnold Nehring, vollendet von Andreas Schlüter (1659-1714). Stich von Lorenz Berger (1653-1705), in: Lorenz Berger, Thesaurus Brandenburgicus selectus, um 1700.

 
Zitationshinweis

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Ohl, Thomas, Johann Arnold Nehring, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-arnold-nehring/DE-2086/lido/57c953139f88b6.21165459 (16.07.2018)