Johann Esser

Dichter des Moorsoldatenliedes (1896 – 1971)

Bernhard Schmidt (Moers)

Johann Esser, Porträtfoto. (Kreisarchiv Wesel)

Als "Schutz­häft­ling" im Ems­land-Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bör­ger­moor dich­te­te der kom­mu­nis­ti­sche Berg­mann Jo­hann Es­ser aus Rhein­hau­sen (heu­te Stadt Duis­burg) im Au­gust 1933 die sechs Stro­phen des Moor­sol­da­ten­lie­des, die sein Haft­kol­le­ge Ru­dolf („Ru­di“) Go­guel (1908-1976) aus Düs­sel­dorf ver­ton­te.

Die Moor­sol­da­ten

Wo­hin auch das Au­ge bli­cket,
Moor und Hei­de nur rings­um.
Vo­gel­sang uns nicht er­qui­cket,
Ei­chen ste­hen kahl und krumm.
Wir sind die Moor­sol­da­ten
und zie­hen mit dem Spa­ten
ins Moor! 

Hier in die­ser öden Hei­de

ist das La­ger auf­ge­baut,

wo wir fern von je­der Freu­de

hin­ter Sta­chel­draht ver­staut.

Wir sind die Moor­sol­da­ten...  

Mor­gens zie­hen die Ko­lon­nen  in das Moor zur Ar­beit hin.

Gra­ben bei dem Brand der Son­ne,

doch zur Hei­mat steht der Sinn.

Wir sind die Moor­sol­da­ten... 

Heim­wärts, heim­wärts je­der seh­net

zu den El­tern, Weib und Kind.

Man­che Brust ein Seuf­zer deh­net,

weil wir hier ge­fan­gen sind.

Wir sind die Moor­sol­da­ten...  

Auf und nie­der gehn die Pos­ten,

kei­ner, kei­ner kann hin­durch.

Flucht wird nur das Le­ben kos­ten,

vier­fach ist um­zäunt die Burg.

Wir sind die Moor­sol­da­ten...  

Doch für uns gibt es kein Kla­gen,

ewig kann's nicht Win­ter sein.

Ein­mal wer­den froh wir sa­gen:

Hei­mat, du bist wie­der mein.

Dann ziehn die Moor­sol­da­ten

nicht mehr mit dem Spa­ten

ins Moor!

Quel­le: Bru­no Bach­ler, VVN Duis­burg.

 

Be­reits wäh­rend der NS-Zeit wur­den die "Moor­sol­da­ten" auch in an­de­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern als Lied des Wi­der­stands ge­gen die NS-Dik­ta­tur ge­sun­gen, be­kannt ge­macht auch im Aus­land durch das be­reits 1935 in Zü­rich er­schie­ne­ne au­to­bio­gra­phi­sche Buch "Moor­sol­da­ten – 13 Mo­na­te Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger" des da­mals eben­falls aus Düs­sel­dorf ver­haf­te­ten Wolf­gang Lang­hoff (1901-1966). Mit Ernst Busch (1900-1980) wur­de das ein­gän­gi­ge Lied zu ei­ner Hym­ne der Re­pu­bli­ka­ner im spa­ni­schen Bür­ger­krieg, als "Chant du ma­rais" ge­lang­te es in die fran­zö­si­sche Ré­sis­tan­ce. Auch in den Jahr­zehn­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg blieb das in zahl­rei­che Spra­chen über­setz­te Lied ein Fa­nal ge­gen Un­ter­drü­ckung und wur­de von vie­len Künst­lern in­ter­pre­tiert – wie Jo­an Ba­ez (ge­bo­ren 1941), Pe­te See­ger (ge­bo­ren 1919) oder Han­nes Wa­der (ge­bo­ren 1942).

Das Lied ent­stand im Au­gust 1933 bei der Vor­be­rei­tung ei­nes Un­ter­hal­tungs­nach­mit­tags, nach­dem die SS-Wach­mann­schaft ei­ne Häft­lings-Lai­en­auf­füh­rung des "Zir­kus Kon­zen­tra­za­ni" ge­neh­migt hat­te. Der Düs­sel­dor­fer Karl Scha­b­rod (1900-1981), spä­ter Au­tor meh­re­rer Bü­cher über den Wi­der­stand, und Wolf­gang Lang­hoff, be­reits da­mals ein be­kann­ter Schau­spie­ler und spä­ter In­ten­dant des Deut­schen Thea­ters in Ost­ber­lin, sa­ßen 1933 eben­falls im KZ Bör­ger­moor ein. Ihr Be­richt un­ter dem Ti­tel "Wir sind die Moor­sol­da­ten", der die Ent­ste­hung des Be­griffs der "Moor­sol­da­ten" erst der Schöp­fung die­ses Lie­des zu­schreibt, ist dem Buch "Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt" ent­nom­men:

"Ja, das war der Jo­hann Es­ser, ein Berg­mann aus Mo­ers [...] Der 'Dich­ter' war ein ru­hi­ger äl­te­rer Mann. Ich sag­te ihm 'Könn­test du nicht mal so ein Lied dich­ten, das wir dann al­le zu­sam­men im La­ger sin­gen kön­nen? Ver­stehst du, das darf na­tür­lich kein Lied sein, das die SS uns ver­bie­ten kann. Es mü­ß­te auf un­ser La­ger Be­zug neh­men und auf un­se­re Fa­mi­li­en zu Hau­se. Wei­ßt du, so ein Hei­mat­lied, bloß nicht so kit­schig [...]'. 'Ja, so et­was kann ich schon ma­chen', sag­te der Ka­me­rad be­däch­tig [...] Der Sonn­tag kam. Wir pro­bier­ten noch am Vor­mit­tag das neue Lied, das un­ser Berg­ar­bei­ter ge­dich­tet hat­te, und wo­zu ein kauf­män­ni­scher An­ge­stell­ter die Me­lo­die mach­te. Das war Ru­di Go­guel, auch aus un­se­rer Ba­ra­cke zehn [... ]Ei­ner sag­te: 'Ka­me­ra­den, wir sin­gen euch jetzt das Lied vom Bör­ger­moor, un­ser La­ger­lied. Hört gut zu und singt dann den Re­frain mit'. Schwer und dun­kel, im Marsch­rhyth­mus, be­gann der Chor [...]".

In der Ge­sta­po­ak­te von Paul Ul­rich, ei­nes wei­te­ren Mo­er­ser Wi­der­stands­kämp­fers, fin­det sich ein Le­bens­lauf des am 5.4.1896 in Wick­ra­th­hahn (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) ge­bo­re­nen Jo­hann Es­ser:

"Von mei­nem 6. bis zu mei­nem 14. Le­bens­jah­re be­such­te ich die kath. Volks­schu­le in Rhe­ydt. Ei­nen Be­ruf ha­be ich nicht er­lernt, son­dern ich ging gleich nach mei­ner Schul­ent­las­sung zur Spin­ne­rei und ha­be dort als Auf­ste­cker ge­ar­bei­tet. Im Jah­re 1919 ver­zog ich nach Rhein­hau­sen und ha­be dort bis zum Jah­re 1931 auf der Ze­che "Dier­gardt" als Berg­mann ge­ar­bei­tet. Da ich mich im Jah­re 1931 an dem wil­den Streik be­tei­ligt ha­be, wur­de ich noch mit meh­re­ren Berg­ar­bei­tern ent­las­sen. Seit die­ser Zeit bin ich er­werbs­los und be­zie­he Er­werbs­lo­sen­un­ter­stüt­zung.

Den Feld­zug ha­be ich beim Pio­nier-Battl. 24 (Köln) mit­ge­macht, und zwar an der Ost­front. Im Jah­re 1917 wur­de ich durch 'Dum-Dum-Ge­schos­se' an bei­den Un­ter­schen­keln schwer ver­wun­det. Von 1917 bis No­vem­ber 1918 ha­be ich im La­za­rett ge­le­gen [...]. Von 1924 bis zur Macht­über­na­me war ich Mit­glied der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Au­ßer in der Par­tei war ich noch Mit­glied in der R.H. [Ro­te Hil­fe], der Frei­schul­be­we­gung und der Frei­den­k­er­or­ga­ni­sa­ti­on. In der K.P.D. hat­te ich die Funk­ti­on ei­nes Agi­ta­tors [...] des U.B. [Un­ter­be­zirks] Duis­burg. In der Schul­be­we­gung war ich El­tern­bei­rats­vor­sit­zen­der [...] Heu­te bin ich Mit­glied der 'Deut­schen Ar­beits­front' und des 'Reichs­luft­schutz­bun­des'. An Spen­den und bei Samm­lun­gen der Ein­topf­ge­rich­te ha­be ich mich stets be­tei­ligt. We­gen mei­ner frü­he­ren po­li­ti­schen Tä­tig­keit wur­de ich am 1.3.1933 fest­ge­nom­men und ein Straf­ver­fah­ren we­gen Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat ge­gen mich ein­ge­lei­tet. Vom Ober­lan­des­ge­richt in Hamm wur­de ich am 28.7.1934 frei­ge­spro­chen und dar­auf­hin nach Rhein­hau­sen ent­las­sen."

Mit sei­ner Ver­haf­tung am 1.3.1933 ge­hört Jo­hann Es­ser zu je­nen zahl­rei­chen Ar­bei­ter­füh­rern, über­wie­gend Kom­mu­nis­ten, die be­reits seit 1931 vier­tel­jähr­lich bei der Mo­er­ser Kreis­po­li­zei auf­ge­lis­tet wur­den und für die mit dem Reichs­tags­brand am 27./28.2.1933 die Fal­le dann nur noch zu­schla­gen muss­te. Mit ei­nem Sam­mel­trans­port von 38 "Schutz­häft­lin­gen" aus dem Raum Mo­ers wur­de er am 1.8.1933 in das KZ Bör­ger­moor ver­bracht.

Da­bei war die KPD im in­dus­tria­li­sier­ten süd­li­chen Kreis Mo­ers al­les an­de­re als mi­no­ri­tär: mit 5.519 Stim­men lag sie bei der letz­ten frei­en Reichs­tags­wahl im No­vem­ber 1932 in Rhein­hau­sen an zwei­ter Stel­le hin­ter der NS­DAP (7.276), und da­mit auch weit vor der SPD (2.222). In den Ar­bei­ter­be­zir­ken lag sie über­all weit vorn.

Mit der Ver­schlep­pung in La­ger wie die des Ems­lan­des soll­ten in den ers­ten Jah­ren der NS-Dik­ta­tur vor al­lem po­li­ti­sche Kri­ti­ker aus­ge­schal­tet wer­den. Ne­ben ih­rer mensch­li­chen Er­nied­ri­gung soll­ten sie bei schwe­rer kör­per­li­cher Ar­beit die dor­ti­gen Moo­re kul­ti­vie­ren. Zu den rund 4.000 Häft­lin­gen in Bör­ger­moor oder Es­ter­we­gen ge­hör­ten auch der Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Carl von Os­sietz­ky (1889-1938) und pro­mi­nen­te So­zi­al­de­mo­kra­ten wie Fried­rich Ebert ju­ni­or (1894-1979), Sohn des Reichs­prä­si­den­ten Fried­rich Ebert (1871-1925, Reichs­prä­si­dent 1919-1925) und Ernst Heil­mann (1881-1940). Spä­ter wur­den die ins­ge­samt 15 La­ger auch als Straf- und Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ge­nutzt. Schät­zun­gen zu­fol­ge ka­men von den rund 80.000 Häft­lin­gen und über 100.000 Kriegs­ge­fan­ge­nen bis zu 30.000 Men­schen, über­wie­gend so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne, um.

Jo­hann Es­ser, der mit sei­ner ers­ten Frau vier Kin­der hat­te, war nach sei­ner Ent­las­sung aus den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Bör­ger­moor und Ora­ni­en­burg lan­ge Jah­re ar­beits­los, was nicht nur ihm zu­setz­te, son­dern auch die Ge­sund­heit sei­ner jun­gen Frau rui­nier­te. 1942 hei­ra­te­te er ei­ne Lei­dens­ge­nos­sin, de­ren ers­ter Mann bei ei­ner De­mons­tra­ti­on er­schos­sen wor­den war. Zu­vor hat­te er sich (gab es Dro­hun­gen?) ein Stück weit von den Macht­ha­bern ver­ein­nah­men las­sen, in­dem er 1940 auch Ver­se wie die fol­gen­den ver­fass­te (aus dem Ge­dicht "Wir ka­pi­tu­lie­ren nicht!" im Hei­mat­ka­len­der 1941 für den Kreis Mo­ers):

[...] In Po­len trie­ben wir zu Paa­ren
der Fein­de Scha­ren mit Elan
Der Franz­mann hat gar bald er­fah­ren,
daß man mit uns nicht spa­ßen kann
Was Eng­land im­mer plant und sinnt,
das wer­den wir pa­rie­ren.
Ein Volk, das mit dem Füh­rer ringt,
wird nie­mals ka­pi­tu­lie­ren.
Wir steh'n be­reit für Deutsch­lands Eh­re,
für Füh­rer, Volk und Va­ter­land.
In Treue hält zum deut­schen Hee­re
die Hei­mat fest und un­ver­wandt [...]. 

Das Lied der Moor­sol­da­ten macht bis heu­te sei­nen Weg über den Erd­ball. Im­mer wie­der wird es von Un­ter­drück­ten und bei Pro­test­ak­tio­nen ge­sun­gen. Für vie­le steht es da­für, dass es auch ein an­de­res Deutsch­land gab. Im­mer wie­der reiz­te es Künst­ler und Mu­sik­grup­pen zur In­ter­pre­ta­ti­on, zu­letzt die deut­sche Grup­pe "Die To­ten Ho­sen".

In Mo­ers, wo Jo­hann Es­ser von 1950 bis zu sei­nem Tod 1971 leb­te, oder in Rhein­hau­sen hat der Dich­ter des Moor­sol­da­ten­lie­des bis­lang kei­ner­lei öf­fent­li­che Wür­di­gung er­fah­ren; in Mo­ers soll ge­mäß ei­nem Rats­be­schluss von 1996 ei­ne Stra­ße nach ihm be­nannt wer­den.

Quellen

Das Lied der Moor­sol­da­ten. 1933 bis 2000 – Be­ar­bei­tun­gen, Nut­zun­gen, Nach­wir­kun­gen, Pa­pen­burg: Do­ku­men­ta­ti­ons- und In­for­ma­ti­ons­zen­trum Ems­land­la­ger 2002, Neu­auf­la­ge 2008, 2 CDs, Bei­heft. [Zahl­lo­se In­ter­net-Links, auch zum Down­load ver­schie­de­ner In­ter­pre­ta­tio­nen des Lie­des].

Literatur

Fack­ler, Gui­do, Lied und Ge­sang im KZ, in: Jahr­buch des Deut­schen Volks­lie­dar­chivs Frei­burg 46 (2001), S. 141-198.

Lang­hoff, Wolf­gang, Die Moor­sol­da­ten. 13 Mo­na­te ­Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Un­po­li­ti­scher Tat­sa­chen­be­richt, Zü­rich 1935 [zahl­rei­che Li­zenz­aus­ga­ben bis heu­te].

Lang­hoff, Wolf­gang/Scha­b­rod, Karl, Wir sind die Moor­sol­da­ten, in: Der ro­te Gro­ßva­ter er­zählt, Ber­lin 1983, S. 138-163.

Röh­rich, Wer­ner, Jo­hann Es­ser – Po­et und Pa­tri­ot, in: Hei­mat­ka­len­der Kreis We­sel 1980, S. 110-114.

Das Moorsoldaten-Lied. (Bruno Bachler, VVN Duisburg)

 
Zitationshinweis

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Schmidt, Bernhard, Johann Esser, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-esser-/DE-2086/lido/57c6a5f87818e7.53796429 (22.10.2018)