Johann Heinrich Wiesmann

Generalsuperintendent der evangelischen Kirche in der Rheinprovinz (1799–1862)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Johann Heinrich Wiesmann, Porträt. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Jo­hann Hein­rich Wies­mann war evan­ge­li­scher Theo­lo­ge, Prä­ses der rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­syn­ode und da­nach als Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent der Vor­ge­setz­te al­ler evan­ge­li­schen Pfar­rer in der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz.

Ge­bo­ren wur­de Jo­hann Hein­rich Wies­mann am 20.7.1799 in Hat­tin­gen. Die Fa­mi­lie ge­hört zum Hat­tin­ger „Ur­ge­stein“ und war be­reits im spä­ten Mit­tel­al­ter dort an­säs­sig. Im 16. Jahr­hun­dert war der Pfar­rer Eras­mus Wies­mann der ers­te evan­ge­li­sche Pre­di­ger in der klei­nen Stadt an der Ruhr, hart an der Gren­ze zum Ber­gi­schen. An­ge­hö­ri­ge der Fa­mi­lie, die als wohl­ha­bend be­zeich­net wer­den darf, sind ge­le­gent­lich auch als Stif­ter her­vor­ge­tre­ten, im spä­ten 18. Jahr­hun­dert stif­te­ten sie bei­spiels­wei­se ei­ne drit­te Pfarr­stel­le in der ört­li­chen lu­the­ri­schen Ge­mein­de und be­an­spruch­ten folg­lich dar­über auch das Pa­tro­nat.

Wies­manns Va­ter Jo­hann Hein­rich al­ler­dings war kein Theo­lo­ge, son­dern ein er­folg­rei­cher Kauf­mann. Der Sohn muss ei­ne zur Pra­xis drän­gen­de Ver­an­la­gung von ihm ge­erbt ha­ben, wäh­rend die pie­tis­ti­sche, kon­fes­sio­nel­le Dog­men und Gren­zen über­win­den­de Fröm­mig­keit wohl eher von der Mut­ter Jo­han­na, ge­bo­re­ne Löb­er stammt. Wies­mann be­such­te die Rek­to­rats­schu­le in Hat­tin­gen und von Os­tern 1816 bis zum Herbst 1817 die Pri­ma des Gym­na­si­ums in Duis­burg.

Zum Stu­di­um der Theo­lo­gie ging er an­schlie­ßend an die Uni­ver­si­tät Hal­le und er­leb­te dort die „Nach­we­hen“ des Wart­burg­fes­tes 1817 und die na­tio­na­len Schwär­me­rei­en der Stu­den­ten, de­ren po­li­ti­sche Vor­stel­lun­gen noch von den er­folg­rei­chen Frei­heits­krie­gen ge­gen Na­po­le­on ge­prägt wa­ren. Auch Jo­hann Hein­rich Wies­mann konn­te sich die­ser Stim­mung nicht ent­zie­hen, er wur­de Mit­glied der Hal­len­ser Bur­schen­schaft. Nach zwei Jah­ren wech­sel­te er an die neue Uni­ver­si­tät Ber­lin, wo er vor al­lem Fried­rich Schlei­er­ma­cher (1768-1834) un­d Joa­chim Ne­an­der hör­te. Sei­ne Hei­mat­ge­mein­de Hat­tin­gen dräng­te ihn, schon jetzt die theo­lo­gi­schen Ex­ami­na ab­zu­le­gen, weil man ihn als Pfar­rer brauch­te. Aber Wies­mann war­te­te noch und mel­de­te sich 1821 zum ers­ten Ex­amen, das er vor dem Kon­sis­to­ri­um Mag­de­burg ab­leg­te, und zwar mit der­art glän­zen­dem Er­folg, dass man ihm das für den Pfarr­be­ruf ei­gent­lich not­wen­di­ge zwei­te Ex­amen er­ließ. Da­nach wur­de er zur prak­ti­schen Aus­bil­dung noch ein Jahr dem Se­mi­nar in Wit­ten­berg zu­ge­wie­sen und stand 1822 zur Wahl in ei­ne Pfarr­stel­le be­reit.

Doch in­zwi­schen hat­te die Ge­mein­de Hat­tin­gen ih­re freie Stel­le an­der­wei­tig be­setzt. Wies­mann wur­de statt­des­sen Pfar­rer in der klei­nen Ge­mein­de Blan­ken­stein an der Ruhr, ganz in der Nä­he Hat­tin­gens. In der länd­lich ge­präg­ten Ge­mein­de und wäh­rend der häu­fi­gen Be­su­che bei sei­nen Kol­le­gen in der Um­ge­bung lern­te er die so­zia­len Nö­te der Be­völ­ke­rung ken­nen. Als prak­tisch ver­an­lag­ter Mensch be­müh­te er sich, ih­re Not auch kon­kret zu lin­dern. So ver­an­stal­te­te er zum Bei­spiel Kol­lek­ten au­ßer­halb Blan­ken­steins und ging selbst als bet­teln­der Kol­lek­tant durch die Lan­de.

Das Wup­per­tal war nicht fern und so führ­ten ihn ge­le­gent­li­che Be­su­che auch zu sei­nen dor­ti­gen Pfarr­brü­dern, die sich re­gel­mä­ßig in ei­ner Farb­müh­le zwi­schen El­ber­feld und Bar­men (bei­des heu­te Stadt Wup­per­tal) tra­fen und ge­mein­sam ein­zel­ne Bü­cher der Bi­bel er­ör­ter­ten. Das Bei­spiel reg­te ihn an, ei­ne ähn­li­che Pfar­rer­kon­fe­renz in Blan­ken­stein ins Le­ben zu ru­fen. Vor al­lem aber wur­de er im Tal der Wup­per auf­merk­sam auf ei­ne neue Form der Not, auf das Elend vie­ler Men­schen, die von der frü­hen In­dus­tria­li­sie­rung er­fasst wur­den. Die Wup­per­ta­ler Kir­chen­ge­mein­den wa­ren der Men­ge hilfs­be­dürf­ti­ger Men­schen kaum noch ge­wach­sen, die Kom­mu­nen hat­ten des­halb ei­nen gro­ßen Teil der Hil­fe­leis­tung über­nom­men, stöhn­ten aber eben­falls un­ter der Last.

In­zwi­schen wa­ren ber­gi­sche Ge­mein­den auf den jun­gen, tat­kräf­ti­gen Pfar­rer auf­merk­sam ge­wor­den. 1825 folg­te Wies­mann ei­nem Ruf ins lu­the­ri­sche Len­nep (heu­te Stadt Rem­scheid). Dort wur­de er eben­falls rasch der Mit­tel­punkt al­ler dia­ko­ni­schen Be­mü­hun­gen um die Ar­men der Ge­mein­de, aber auch des evan­ge­li­schen Ver­eins­le­bens, das sich in je­nen Jah­ren in ber­gi­schen Ge­mein­den eta­blier­te, et­wa mit der ber­gi­schen Bi­bel­ge­sell­schaft, der Rhei­ni­schen Mis­si­on oder der Wup­per­ta­ler Trak­tat­ge­sell­schaft.

1826 hei­ra­te­te Wies­mann sei­ne ers­te Frau No­ra, ge­bo­re­ne Schrö­der, die je­doch schon we­ni­ge Wo­chen nach der Hoch­zeit ver­starb. 1829 ging er ei­ne zwei­te Ehe ein; Hen­ri­et­te Wald­hau­sen war die Toch­ter ei­ner wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie aus Es­sen. Sie starb 1857. Aus die­ser Ehe gin­gen zwei Töch­ter her­vor.

Die Syn­ode des Kir­chen­krei­ses Len­nep wähl­te Wies­mann 1844 zu ih­rem Su­per­in­ten­den­ten, nach­dem er meh­re­re Jah­re zu­vor die Stel­le des As­ses­sors, des stell­ver­tre­ten­den Su­per­in­ten­den­ten, be­klei­det hat­te. Be­reits 1838 war er von sei­ner Kreis­syn­ode zum De­le­gier­ten für die rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­syn­ode ge­wählt wor­den. Mit der neu­en, 1835 er­las­se­nen rhei­nisch-west­fä­li­schen Kir­chen­ord­nung war die Mit­wir­kung von Pfar­rern und Lai­en in Pres­by­te­ri­en und Syn­oden in den bei­den west­li­chen preu­ßi­schen Pro­vin­zen ge­re­gelt - ent­ge­gen der ur­sprüng­li­chen Auf­fas­sung des Kö­nigs, der der Kir­che, in der er sum­mus epi­sco­pus war, ei­ne kon­sis­to­ria­le Ver­fas­sung ge­ben woll­te und in dem „ver­samm­lungs­freu­di­gen rhei­ni­schen Pro­tes­tan­tis­mus“ ge­fähr­li­che de­mo­kra­ti­sche Ele­men­te ver­mu­te­te.

Seit 1844 nahm Wies­mann re­gel­mä­ßig an den Ver­hand­lun­gen der Pro­vin­zi­al­syn­ode teil. Bei je­ner Zu­sam­men­kunft mach­te er auf sich auf­merk­sam, weil er als ei­ner der ers­ten evan­ge­li­schen Pfar­rer im Rhein­land for­der­te, dass sich die Kir­che den neu­en so­zia­len Her­aus­for­de­run­gen, die mit der In­dus­tria­li­sie­rung ent­stan­den wa­ren und wei­ter ent­ste­hen wür­den, stel­len und ih­nen of­fen­siv be­geg­nen müs­se. 1853 wähl­te ihn die Pro­vin­zi­al­syn­ode zu ih­rem Prä­ses. Das Eh­ren­amt hob sei­nen Trä­ger aus der Men­ge der rhei­ni­schen Pfar­rer deut­lich her­vor, und so be­müh­ten sich jetzt auch an­de­re Ge­mein­den um ihn. 1853 er­hielt Wies­mann ei­nen eh­ren­vol­len Ruf aus der Bon­ner Ge­mein­de, dem er folg­te.

Ein Hö­he­punkt im Le­ben Wies­manns war sei­ne Teil­nah­me an der so ge­nann­ten Mon­bi­jou-Kon­fe­renz, be­nannt nach dem kö­nig­li­chen Schloss in Ber­lin, in der Nä­he des Ha­cke­schen Mark­tes, in dem 56 Per­sön­lich­kei­ten der evan­ge­li­schen Kir­che Preu­ßens vom 2.11.-5.12.1856 auf kö­nig­li­ches Ge­heiß über kirch­li­che Re­for­men be­rie­ten. So stan­den et­wa In­halt und Aus­maß der von Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) er­las­se­nen „Uni­on“ lu­the­ri­scher und re­for­mier­ter Ge­mein­den zur Dis­kus­si­on, wo­bei die Be­für­wor­ter der Uni­on auf der Kon­fe­renz zwar wei­ter­hin in der Mehr­zahl wa­ren, aber die „Kon­fes­sio­nel­len“, die die Uni­on ab­lehn­ten, in­zwi­schen ei­ne be­acht­li­che Min­der­heit dar­stell­ten. Bei der Be­ra­tung über die Ge­stal­tung des Got­tes­diens­tes bra­chen die Ge­gen­sät­ze zwi­schen Lu­the­ra­nern und Re­for­mier­ten deut­li­cher auf, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der For­mel, mit der das Abend­mahl aus­ge­teilt wur­de, der „Spen­de­for­mel“. Kon­tro­vers wur­de auch die Ein­füh­rung ei­nes Dia­ko­nats als ei­nes selb­stän­di­gen kirch­li­chen Am­tes ne­ben dem Pfarr­amt, wie es et­wa Jo­hann Hin­rich Wi­chern (1808-1881) vor­ge­schla­gen hat­te, dis­ku­tiert. We­nig kon­tro­vers war da­ge­gen das Vo­tum der Kon­fe­renz zur Wie­der­ver­hei­ra­tung Ge­schie­de­ner: Was nach staat­li­chen Ge­set­zen er­laubt sei, sol­le nur in we­ni­gen Aus­nah­men den Se­gen der Kir­che er­hal­ten, schon um ih­re Un­ab­hän­gig­keit vom Staat zu be­to­nen. Schlie­ß­lich hielt ei­ne Mehr­zahl der Teil­neh­mer we­nig von der Be­ru­fung ei­ner preu­ßi­schen Lan­des­syn­ode, so lan­ge nicht Pres­by­te­ri­en, Kreis- und Pro­vin­zi­al­syn­oden auch in den öst­lich ge­le­ge­nen preu­ßi­schen Pro­vin­zen ein­ge­rich­tet sei­en. Wi­chern, der für die Kon­fe­renz ein Gut­ach­ten an­ge­fer­tigt hat­te, wa­ren die­se kir­chen­po­li­ti­schen Kon­flik­te zu­tiefst zu­wi­der, er ur­teil­te: „Das Ge­schrei Kon­fes­si­on, Uni­on, Spen­de­for­mel über­tönt den se­li­gen Ruf des himm­li­schen Herrn, der al­le zu sich läd­t“.

Die Hal­tung Wies­manns zu die­sen die kirch­li­che Öf­fent­lich­keit da­mals be­we­gen­den Pro­ble­men ist nicht über­lie­fert. Es ist aber da­von aus­zu­ge­hen, dass er, von Hau­se aus pie­tis­tisch ge­prägt, wohl Wi­cherns Auf­fas­sung teil­te und in den Kon­flik­ten in der evan­ge­li­schen Kir­che um ei­ne ver­mit­teln­de Po­si­ti­on be­müht war, wur­de er doch nach Ab­lauf sei­ner ers­ten Amts­zeit 1859 von al­len rhei­ni­schen Syn­oda­len für ei­ne wei­te­re Amts­zeit zum Prä­ses ge­wählt. Am 22.7.1859 er­hielt er in An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te um die Be­frie­dung in­ner­kirch­li­cher Kon­tro­ver­sen den Eh­ren­dok­tor der Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn ver­lie­hen.

1860 starb der rhei­ni­sche Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent Dr. Ge­org Au­gust Schmidtborn, der als Wetz­la­rer Pfar­rer vor­her, wie Wies­mann, Prä­ses der Pro­vin­zi­al­syn­ode ge­we­sen war. Ei­gent­lich war er, ge­wis­ser­ma­ßen als „Ge­schäfts­trä­ger des Kö­nigs“, der ge­bo­re­ne Ge­gen­spie­ler zum Syn­odal­prä­ses, der in sei­ner Per­son die de­mo­kra­ti­schen Ele­men­te in der Kir­che ver­kör­per­te. Jo­hann Hein­rich Wies­mann wur­de zu sei­nem Nach­fol­ger be­ru­fen, ein Hin­weis dar­auf, dass die aus­glei­chen­de, kon­fes­sio­nel­le wie kir­chen­po­li­ti­sche Fron­ten über­win­den­de Tä­tig­keit Wies­manns auch beim Kul­tus­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin und beim Kö­nig er­kannt wor­den war und ge­wür­digt wur­de.

Die neue Auf­ga­be war mit der Tä­tig­keit ei­nes Ge­mein­de­pfar­rers nicht mehr ver­ein­bar. Wies­mann nahm sei­nen Ab­schied von Bonn und zog nach Ko­blenz, an den Sitz des Kon­sis­to­ri­ums und des Ober­prä­si­den­ten. Doch in sei­nem neu­en Amt war ihm nur ei­ne kur­ze Wir­kungs­zeit be­schie­den, er er­krank­te bald an ei­nem „Blut­hus­ten“ und starb am 10.8.1862. Be­gra­ben wur­de er auf dem evan­ge­li­schen Fried­hof in Bonn, ne­ben sei­ner zwei­ten Frau.

Literatur

Zur Er­in­ne­rung an den Ge­ne­ral-Su­per­in­ten­den­ten Dr. Wies­mann, ge­stor­ben zu Co­blenz den 10. Au­gust 1862, Ko­blenz 1862.

Con­rad, Joa­chim/Flesch, Ste­fan/Kurop­ka, Ni­co­le/Schnei­der, Tho­mas Mar­tin (Hg.), Evan­ge­lisch am Rhein. Wer­den und We­sen ei­ner Lan­des­kir­che, Düs­sel­dorf 2007.

Rog­ge, Joa­chim/Ruh­bach, Ger­hard (Hg.), Die Ge­schich­te der Evan­ge­li­schen Kir­che der Uni­on, Band 2, Leip­zig 1994.

 
Zitationshinweis

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Wittmütz, Volkmar, Johann Heinrich Wiesmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-heinrich-wiesmann/DE-2086/lido/57c92fd4458940.90978383 (12.12.2018)