Johann Viktor Bredt

Reichsminister (1879-1940)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Johann Viktor Bredt nach seinem Rücktritt als Reichsjustizminister, November 1930. (Bundesarchiv, Bild 102-10783/CC-BY-SA)

Jo­hann Vik­tor Bredt war Pro­fes­sor für Rechts- und Staats­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Mar­burg. Ei­nen the­ma­ti­schen Schwer­punkt sei­ner aka­de­mi­schen Ar­beit bil­de­te das Staats­kir­chen­recht, dem er sich in meh­re­ren Pu­bli­ka­tio­nen wid­me­te. Als kon­ser­va­ti­ver Po­li­ti­ker ge­hör­te er so­wohl dem preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus als auch dem Reichs­tag an und war 1918 Mit­be­grün­der der DNVP. 1930 war er kurz­zei­tig Reichs­jus­tiz­mi­nis­ter.

Die Fa­mi­lie Bredt ist ein al­tes Bar­mer (heu­te Stadt Wup­per­tal) Kauf­manns- und Fa­bri­kan­ten­ge­schlecht, des­sen An­ge­hö­ri­ge zu den Ho­no­ra­tio­ren zähl­ten und oft kom­mu­na­le Äm­ter be­klei­de­ten. Jo­hann Vik­tor Bredt war ein­zi­ger Sohn des Gro­ß­kauf­manns und Fa­brik­be­sit­zers Vik­tor Ri­chard Bredt (1849-1881) und sei­ner Frau Ama­lie Mo­li­n­eus, die gleich­falls aus ei­ner Ho­no­ra­tio­ren­fa­mi­lie stamm­te. Der Va­ter starb we­ni­ge Jah­re nach der Ge­burt des Soh­nes, der beim Gro­ßva­ter auf­wuchs. Nach dem Ab­itur ab­sol­vier­te er ei­ne ein­jäh­ri­ge Bank­leh­re und stu­dier­te dann Ju­ra, Volks­wirt­schafts­leh­re, Ge­schich­te und Phi­lo­so­phie an den Uni­ver­si­tä­ten Tü­bin­gen, Göt­tin­gen und Bonn. Mit 22 Jah­ren er­warb er den Dr. iur., drei Jah­re spä­ter den Dr. phil. Nach den ju­ris­ti­schen Staats­ex­ami­na wur­de er Re­fe­ren­dar, un­ter an­de­rem in der Stadt­ver­wal­tung von Bar­men und am Land­rats­amt Mar­burg. Er be­rei­te­te sich auf ei­ne Lauf­bahn in der staat­li­chen Ver­wal­tung vor. 1909 ha­bi­li­tier­te sich der jun­ge As­ses­sor an der Uni­ver­si­tät Mar­burg.

Po­li­tisch ak­tiv wur­de Bredt in der Frei­kon­ser­va­ti­ven Par­tei. Noch als Schü­ler hat­te er Ot­to von Bis­marck (1815-1898) ver­ehrt und dem „Ei­ser­nen Kanz­ler" zu des­sen 80. Ge­burts­tag ei­ne De­pe­sche ge­sandt. Man müs­se die al­ten Herr­schafts­ele­men­te stüt­zen und dann erst li­be­ra­le her­an­zie­hen, wenn die­se reif da­für sei­en – so et­wa kann man sei­ne Auf­fas­sung um­rei­ßen.

Ers­te par­la­men­ta­ri­sche Er­fah­run­gen sam­mel­te er seit 1910 in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung von Mar­burg, der er bis 1921 an­ge­hör­te. 1911 er­rang er als Nach­rü­cker ein Man­dat für das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus. Ei­ne Reichs­tags­kan­di­da­tur al­ler­dings schei­ter­te. Da er schon 1910 ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Pro­fes­sur für öf­fent­li­ches Recht in Mar­burg an­ge­tre­ten hat­te, be­weg­te er sich auf zwei Ar­beits­fel­dern, die ihn sehr be­an­spruch­ten. Er nahm sei­ne Lehr­ver­pflich­tun­gen ge­nau und be­rei­te­te sei­ne Re­den im preu­ßi­schen Par­la­ment wie sei­ne Vor­le­sun­gen und Se­mi­na­re an der Uni­ver­si­tät häu­fig in sei­nen Nacht­zug­fahr­ten vor.

1914 mel­de­te Bredt sich frei­wil­lig zum Heer. Schon we­ni­ge Wo­chen nach der Schlacht von Tan­nen­berg er­litt er ei­ne Ver­let­zung, die sei­ne wei­te­re Ver­wen­dung an der Front un­mög­lich mach­te. Das Kinn wur­de ihm weg­ge­schos­sen. Zeit­le­bens hat­te er un­ter der Wun­de zu lei­den. Den­noch war er auf sein kur­zes Sol­da­ten­tum stolz, wie er da­mals über­haupt das Mi­li­tä­ri­sche gro­ßar­tig fand. Erst spä­ter hat er sich da­von deut­lich dis­tan­ziert. Noch wäh­rend des Krie­ges stritt er ve­he­ment für ein neu­es Wahl­recht in Preu­ßen, das das al­te Drei­klas­sen­wahl­recht ab­lö­sen soll­te. Doch den Frau­en woll­te er das Stimm­recht nicht ge­ben.

Die Re­vo­lu­ti­on 1918 konn­te er nicht bil­li­gen, stell­te sich der neu­en Re­pu­blik aber bald zur Ver­fü­gung, wenn er auch lan­ge noch ei­ne Rück­kehr der Ho­hen­zol­lern für mög­lich hielt. Er ge­hör­te zu den Grün­dern der neu­en DNVP und er­ar­bei­te­te so­gar ei­nen ei­ge­nen Ver­fas­sungs­ent­wurf, der nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild die Äm­ter des Kanz­lers und des Prä­si­den­ten ver­ei­nig­te. Als im März 1920 sei­ne Par­tei die Put­schis­ten um den ehe­ma­li­gen ost­preu­ßi­schen Ge­ne­ral­land­schafts­di­rek­tor Wolf­gang Kapp (1858-1922) un­ter­stütz­te, ver­ließ er sie und trat in die Wirt­schafts­par­tei, die Par­tei des deut­schen Mit­tel­stan­des, ein, die seit 1921 eng mit dem Ver­band der Haus- und Grund­be­sit­zer zu­sam­men­ar­bei­te­te und des­halb nach An­sicht vie­ler kei­ne wirk­li­che Par­tei, son­dern eher ei­ne ein­sei­ti­ge In­ter­es­sen­grup­pe war. Bredt wur­de der „Chef­ideo­lo­ge" der Par­tei und mach­te vor al­lem durch ei­ne strik­te Ab­leh­nung vie­ler staat­li­cher Wirt­schafts­maß­nah­men auf sich auf­merk­sam.

1921 wur­de er Ab­ge­ord­ne­ter im preu­ßi­schen Land­tag, 1924 im Reichs­tag. Er ge­hör­te zu der Grup­pe von Ab­ge­ord­ne­ten, die 1925 nach dem Tod Fried­rich Eberts (1871-1925) Paul von Hin­den­burg (1847-1934) die Kan­di­da­tur für das Reichs­prä­si­den­ten­amt an­trug; 1926 war er Be­richt­er­stat­ter in dem Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Reichs­ta­ges zur Klä­rung der Um­stän­de des deut­schen Zu­sam­men­bruchs 1918. Aus die­ser Ar­beit er­wuchs sei­ne mehr­bän­di­ge Pu­bli­ka­ti­on „Der Reichs­tag im Welt­krieg".

Am 27.3.1930 stürz­te das Ka­bi­nett Her­mann Mül­ler (1876-1931), die letz­te par­la­men­ta­ri­sche Re­gie­rung der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Der Grund war die Un­fä­hig­keit der sie tra­gen­den Par­tei­en, an­ge­sichts der sich aus­brei­ten­den Wirt­schafts­kri­se ei­ne ge­mein­sa­me Fi­nanz­po­li­tik zu ent­wi­ckeln. Die Geis­ter schie­den sich an ei­nem Pro­blem der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung, die jetzt stark in An­spruch ge­nom­men wur­de. Die Ge­werk­schaf­ten woll­ten un­ter al­len Um­stän­den de­ren Leis­tun­gen auf­recht­er­hal­ten. Da­für hät­ten die Bei­trä­ge von 3,5 auf 4 Pro­zent er­höht wer­den, al­so Ar­beit­neh­mer wie Ar­beit­ge­ber je­weils 0,25 Pro­zent hö­he­re Bei­trä­ge zah­len müs­sen. Für wei­te­re Lü­cken wä­ren Reichs­zu­schüs­se oh­ne fes­te Be­gren­zung her­an­ge­zo­gen wor­den. Als die­ser Vor­schlag auf Wi­der­stand stieß, schlu­gen Zen­trum und De­mo­kra­ten vor, die Bei­trä­ge zu­nächst in ih­rer Hö­he zu be­las­sen, statt des­sen den Reichs­zu­schuss zu er­hö­hen und erst als ul­ti­ma ra­tio auch die Bei­trä­ge an­zu­he­ben oder die Leis­tun­gen zu kür­zen. Die SPD war un­eins, stimm­te aber schlie­ß­lich die­sem Kom­pro­miss nicht zu. Dar­auf brach die Re­gie­rung aus­ein­an­der.

Mit der Bil­dung ei­ner neu­en Re­gie­rung wur­de Hein­rich Brü­ning (1885-1970), der Vor­sit­zen­de der Zen­trums­frak­ti­on, be­auf­tragt. Sie wur­de nur von bür­ger­li­chen Par­tei­en der Mit­te, in­zwi­schen ei­ne Min­der­heit im Reichs­tag, im We­sent­li­chen aber vom Ver­trau­en des Reichs­prä­si­den­ten ge­tra­gen. Die Wirt­schafts­par­tei ent­sand­te ih­ren Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Jo­hann Vik­tor Bredt als Jus­tiz­mi­nis­ter ins Ka­bi­nett.

Bredt konn­te kei­ne gro­ße Wirk­sam­keit in sei­ner neu­en Stel­lung ent­fal­ten. Als „Kopf" sei­nes Mi­nis­te­ri­ums galt in der Öf­fent­lich­keit auch nicht der Mi­nis­ter, son­dern des­sen be­am­te­ter Staats­se­kre­tär, der be­reits seit 1920 am­tier­te. Als Reichs­kanz­ler Brü­ning den Reichs­tag am 18.7.1930 auf­lö­sen ließ und die Neu­wahl des Par­la­ments am 14.9.1930, die be­rühmt-be­rüch­tig­ten „Sep­tem­ber­wah­len", ei­nen erd­rutsch­ar­ti­gen Er­folg für die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten brach­te, konn­te die Wirt­schafts­par­tei ih­re Zahl der Man­da­te – 23 – un­ver­än­dert hal­ten, wäh­rend SPD und die meis­ten Par­tei­en der bür­ger­li­chen Mit­te ge­ra­de­zu da­hin schmol­zen.

Aber auch Jo­hann Vik­tor Bredt konn­te sich dem Sog, der von den plötz­li­chen Wahl­er­fol­gen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten aus­ging, nicht ent­zie­hen. An­ders als bür­ger­li­che Po­li­ti­ker wie zum Bei­spiel der ehe­ma­li­ge Reichs­kanz­ler und da­ma­li­ge In­nen­mi­nis­ter Jo­sef Wirth (1879-1956) glaub­te er, dass die NS­DAP re­gie­rungs­fä­hig sei und dass sie ih­re zur Schau ge­tra­ge­ne Ra­di­ka­li­tät ver­lie­ren wer­de, wenn ih­re füh­ren­den Leu­te ein­mal in ver­ant­wor­tungs­vol­le Äm­ter ge­wählt wer­den wür­den. Die zu­tiefst an­ti­de­mo­kra­ti­sche Pro­gram­ma­tik und Hal­tung der Par­tei wur­de von ihm ver­harm­lost.

Am 26.9.1930 be­schloss die Wirt­schafts­par­tei ge­gen die Stim­me Bredts, die Un­ter­stüt­zung der Re­gie­rung Brü­ning auf­zu­ge­ben, weil die SPD sich an­schick­te, eben die­ser Re­gie­rung ih­re Un­ter­stüt­zung zu­teil wer­den zu las­sen. Brü­ning konn­te noch ei­nen Auf­schub die­ser Ent­schei­dung bis En­de No­vem­ber 1930 er­rei­chen, doch am 5.12.1930 muss­te Bredt ge­gen sei­nen Wil­len zu­rück­tre­ten. Er war das Op­fer par­tei­in­ter­ner Macht­kämp­fe ge­wor­den. Seit den Sep­tem­ber­wah­len 1930 litt die Par­tei un­ter Aus­zeh­rung, füh­ren­de Leu­te der Par­tei sym­pa­thi­sier­ten of­fen mit den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und vie­le schlos­sen sich ih­nen so­gar an.

1932 un­ter­stütz­te Bredt mit sei­ner Par­tei die er­neu­te Kan­di­da­tur Hin­den­burgs. Die ver­blie­be­nen Par­tei­mit­glie­der stan­den weit­ge­hend ge­schlos­sen hin­ter dem Reichs­prä­si­den­ten. In den Ju­li-Wah­len 1932 zum Reichs­tag ging die Wirt­schafts­par­tei ei­ne Lis­ten­ver­bin­dung mit der Baye­ri­schen Volks­par­tei ein, er­rang aber nur zwei Man­da­te. Die No­vem­ber­wah­len des­sel­ben Jah­res fie­len noch kläg­li­cher aus, die Par­tei konn­te nur noch ei­nen Ab­ge­ord­ne­ten – Jo­hann Vik­tor Bredt - in den Reichs­tag ent­sen­den. Zu den März­wah­len 1933 trat sie nicht mehr an.

Bredt zog sich aus dem po­li­ti­schen Le­ben in die Idyl­le Mar­burgs zu­rück. 1931 war er zu ei­ner Kan­di­da­tur für den Pos­ten des Ober­bür­ger­meis­ters der 1929 ge­bil­de­ten Stadt Wup­per­tal ge­drängt wor­den, hat­te aber ab­ge­lehnt. Er kam häu­fig in sei­ne Hei­mat­stadt, ge­hör­te er doch zur Lei­tung, dem „Mo­dera­men", des Re­for­mier­ten Bun­des, der Ver­ei­ni­gung re­for­mier­ter Kir­chen in Deutsch­land. Das recht­li­che Ver­hält­nis von Kir­che und Staat in­ter­es­sier­te ihn seit dem En­de des sum­me­pis­ko­palen Kir­chen­re­gi­ments 1918, und er ver­öf­fent­lich­te das drei­bän­di­ge Stan­dard­werk „Neu­es Kir­chen­recht für Preu­ßen". Zu den his­to­ri­schen Ar­bei­ten, die nach sei­nem Rück­zug aus der Po­li­tik ent­stan­den und die Zeug­nis ab­le­gen von sei­ner Art und Wei­se, vor der Zu­dring­lich­keit des „Drit­ten Rei­ches" in die Ver­gan­gen­heit zu flüch­ten und sich dort häus­lich ein­zu­rich­ten, ge­hö­ren „Die Ver­fas­sung der re­for­mier­ten Kir­che in Cle­ve-Jü­lich-Berg-Mark", die „Stu­di­en zur Rechts­ge­schich­te von Bar­men" und vor al­lem sei­ne gro­ßen Wup­per­ta­ler Fa­mi­li­en­ge­schich­ten – über die Bredt, die Sie­bel, die Mo­li­n­eus und die Greff.

Jo­hann Vik­tor Bredt starb am 1.12.1940 und wur­de in Bar­men be­gra­ben.

Werke (Auswahl)

Der Geist der Deut­schen Reichs­ver­fas­sung, Ber­lin 1924.
Die Ver­fas­sung der re­for­mier­ten Kir­che in Cle­ve-Jü­lich-Berg-Mark, Neu­kir­chen 1938.
Die Tren­nung von Kir­che und Staat, Ber­lin 1919.
Die Ver­fas­sungs­än­de­rung in Preus­sen, Ber­lin 1913.
Ent­wurf ei­ner Reichs­ver­fas­sung, Ber­lin 1919.
Ge­schich­te der Fa­mi­lie Bredt, Ber­lin 1934 (2. Auf­la­ge 1936).

Literatur (Auswahl)

Goe­bel, Klaus, Jo­hann Vic­tor Bredt, in: Born, Heinz (Hg.), Wup­per­ta­ler ­Bio­gra­phi­en Band 8, Wup­per­tal 1969, S. 22-37. 

Goe­bel, Klaus, Jo­hann Vic­tor Bredt, in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 5 (1973), S. 243-257.

 
Zitationshinweis

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Wittmütz, Volkmar, Johann Viktor Bredt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-viktor-bredt-/DE-2086/lido/57c587e8de8fa1.71546663 (25.05.2018)