Johann Wilhelm Joseph Braun

Katholischer Theologe (1801-1863)

Nina Streeck (München)

Johann Wilhelm Joseph Braun, Porträtfoto.

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Jo­hann Wil­helm Jo­seph Braun war ein Pries­ter und ka­tho­li­scher Theo­lo­ge, der sein En­ga­ge­ment für die Leh­ren des päpst­lich ver­ur­teil­ten Her­me­sia­nis­mus mit dem Ent­zug sei­ner Lehr­er­laub­nis und der Sus­pen­die­rung als Pries­ter be­zahl­te. Nach dem Ver­lust des Lehr­stuhls kon­zen­trier­te er sich auf sei­ne viel­fäl­ti­gen geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­sen und schlug ei­ne zwei­te Kar­rie­re in der Po­li­tik ein.

Jo­hann Wil­helm Jo­seph Braun wur­de am 27.4.1801 als Sohn der Guts­be­sit­zer Chris­toph Braun (ge­stor­ben 1821) und Cä­ci­lia La­schet in Gro­nau bei Dü­ren ge­bo­ren. Er war das jüngs­te von sechs Kin­dern. Ganz im Ein­klang mit sei­nen El­tern wünsch­te sich der jun­ge Jo­seph, Pries­ter zu wer­den. Dem Schul­be­such in Dü­ren folg­te 1920 zu­nächst ein ein­jäh­ri­ges Stu­di­um der Phi­lo­so­phie in Köln, dann nahm er das Stu­di­um der Theo­lo­gie in Bonn auf. Sei­nen viel­fäl­ti­gen In­ter­es­sen fol­gend be­such­te er auch vie­le Vor­le­sun­gen der Alt­phi­lo­lo­gie, der Ori­en­ta­lis­tik, der neu­en Spra­chen (Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch), der Phi­lo­so­phie und Psy­cho­lo­gie. Der un­an­ge­foch­te­ne Star der theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät war da­mals Ge­org Her­mes, der Braun stark prä­gen soll­te, eben­so wie sein kir­chen­ge­schicht­li­cher Leh­rer Jo­seph Ignaz Rit­ter (1787-1857).

Rit­ter mo­ti­vier­te sei­nen Stu­den­ten, ei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn ein­zu­schla­gen. 1825 wur­de Braun der Dok­tor­grad in Phi­lo­so­phie für ei­ne his­to­ri­sche Ar­beit über die Grün­de der Chris­ten­ver­fol­gun­gen durch die Uni­ver­si­tät Gie­ßen ver­lie­hen, ein Jahr spä­ter er­folg­te die theo­lo­gi­sche Pro­mo­ti­on durch die Uni­ver­si­tät Bres­lau. Zwi­schen 1825 und 1826 schloss Braun wei­te­re Stu­di­en in Wien an, wo er 1825 zum Pries­ter ge­weiht wur­de. Au­ßer­dem be­geg­ne­te er dort Fried­rich Schle­gel (1772-1829), mit dem er sich an­freun­de­te und der ihm die Mys­tik na­he brach­te. 1827 zog er wei­ter nach Rom, wo zu blei­ben er zeit­wei­se über­leg­te. An­fang 1828 trat er je­doch ei­ne Stel­le als Kon­viktsre­pe­tent in Köln an. Der Ha­bi­li­ta­ti­on im sel­ben Jahr folg­te die Er­nen­nung zum au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor 1829. Vier Jah­re spä­ter er­hielt er den Lehr­stuhl für Kir­chen­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bonn als Nach­fol­ger sei­nes Leh­rers Rit­ter.

Nach dem Tod Her­mes’ 1831 wa­ren des­sen Leh­re, der so ge­nann­te Her­me­sia­nis­mus, so­wie des­sen Schrif­ten von Papst Gre­gor XVI. (Pon­ti­fi­kat 1831-1846) 1835 durch das Bre­ve „Dum acer­bis­si­mas“ ver­bo­ten wor­den. Her­mes ging es um ei­ne ra­tio­na­le Recht­fer­ti­gung des Glau­bens vor der Ver­nunft und er hat­te ein kri­ti­zis­ti­sches, an­thro­po­lo­gi­sches und psy­cho­lo­gi­sches Sys­tem ge­schaf­fen. Der päpst­li­chen Ver­ur­tei­lung gin­gen ei­ne Rei­he po­le­mi­scher Ver­öf­fent­li­chun­gen im aka­de­mi­schen Deutsch­land vor­an, de­ren Au­to­ren sich je­doch oft nicht die Mü­he mach­ten, den Her­me­sia­nis­mus ein­ge­hend zu stu­die­ren. So ent­flamm­ten ve­ri­ta­ble Strei­tig­kei­ten rund um die Bon­ner Fa­kul­tät, wo Her­mes-An­hän­ger wie -Geg­ner un­ter­rich­te­ten, wo­durch man im Va­ti­kan ab 1833 erst auf­merk­sam auf die Leh­re ge­wor­den war.

Auch im Bre­ve fehl­te die de­tail­lier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Her­me­sia­nis­mus. Ver­ur­teilt wur­den nicht ein­zel­ne Leh­ren, son­dern le­dig­lich pau­schal das ge­sam­te Sys­tem. Die An­hän­ger Her­mes’ wur­den von dem Bre­ve über­rascht und wa­ren tief ge­trof­fen, ja, sie mein­ten, die ver­ur­teil­ten Leh­ren ih­res Meis­ters sei­en nicht ein­mal in des­sen Schrif­ten zu fin­den, so dass sie auf den Er­folg ei­nes Be­ru­fungs­ver­fah­rens beim Papst ver­trau­ten. Als ei­ner der ers­ten trat der Her­mes­schü­ler und Bres­lau­er Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor Pe­ter Jo­seph El­ve­nich (1796-1886) mit ei­ner Schrift an die Öf­fent­lich­keit, in der er den Her­me­sia­nis­mus ge­schickt ver­tei­dig­te, in­dem er des­sen un­be­zwei­fel­bar recht­gläu­bi­ge Leh­ren – ins­be­son­de­re ge­gen­über dem Fideis­mus – be­ton­te. Ihm folg­ten der Kir­chen­his­to­ri­ker Rit­ter und zu­letzt Braun, in­dem er ein Buch des Theo­lo­gen Lud­wig An­ton Mu­ra­to­ri (1672-1750) her­aus­gab, mit dem er al­ler­dings nur in­di­rekt auf den Her­me­sia­nis­mus Be­zug nahm. Je­doch un­ter­sag­te der Köl­ner Erz­bi­schof Cle­mens Au­gust Dros­te zu Vi­sche­ring - ein ein­ge­fleisch­ter Her­mes-Geg­ner - die Ver­öf­fent­li­chung und ging ab 1837 ak­tiv ge­gen den Her­me­sia­nis­mus vor: Er ver­bot den Stu­die­ren­den, Vor­le­sun­gen von Her­me­sia­nern zu be­su­chen, und ent­fach­te da­mit ei­nen hef­ti­gen Kon­flikt an der na­he­zu lahm ge­leg­ten Bon­ner Fa­kul­tät. Zu­dem ver­fass­te er 18 an­ti­her­me­sia­ni­sche The­sen, die zu un­ter­zei­chen er den Kle­rus sei­ner Diö­ze­se ver­pflich­ten woll­te.

Im Früh­jahr 1837 reis­ten Braun und El­ve­nich nach Rom, um beim Papst vor­zu­spre­chen und, so die Hoff­nung, das Bre­ve aus dem Weg zu räu­men oder we­nigs­tens zu ent­schär­fen. Der Papst ge­stand den bei­den Pro­fes­so­ren zwar zu, an­hand ei­ner von ih­nen selbst ab­ge­seg­ne­ten Über­set­zung der Schrif­ten Her­mes’ die Lehr­ver­ur­tei­lun­gen zu be­grün­den, nach­dem die­se aber ver­säumt hat­ten, ei­ne sol­che Über­set­zung vor­zu­le­gen, be­kräf­tig­te der Papst noch ein­mal sein Ur­teil. Als ih­nen, nach wei­te­ren Ver­su­chen der Recht­fer­ti­gung des Her­me­sia­nis­mus, die Aus­sichts­lo­sig­keit ih­res Un­ter­fan­gens klar wur­de, ver­lie­ßen Braun und El­ve­nich 1838 Rom, nach­dem sie sich ge­wei­gert hat­ten, sich dem päpst­li­chen Ur­teil zu un­ter­wer­fen – mit der Be­grün­dung, die ver­ur­teil­ten Leh­ren hät­ten we­der Her­mes noch sie selbst je ver­tre­ten und die­se sei­en in des­sen Schrif­ten auch nicht zu fin­den. Zu­rück zu­hau­se setz­te sich der öf­fent­li­che Streit zwar fort, das En­de des Her­me­sia­nis­mus war je­doch be­sie­gelt, die Her­me­sia­ner ver­stumm­ten all­mäh­lich.

Braun hoff­te ver­geb­lich, um ei­ne for­mel­le Un­ter­wer­fungs­er­klä­rung her­um zu kom­men, und ver­strick­te sich so­dann in lang­wie­ri­ge Dis­kus­sio­nen über den Wort­laut ei­ner sol­chen Er­klä­rung mit dem bi­schöf­li­chen Ko­ad­ju­tor Jo­han­nes von Geis­sel, der je­doch mit dem Ziel an­ge­tre­ten war, Braun von sei­nem Lehr­stuhl zu ent­fer­nen. Schlie­ß­lich ent­zog die­ser 1843 Braun die Mis­sio ca­no­ni­ca. Nach­dem Braun ge­mein­sam mit ei­nem Kol­le­gen ei­ne wei­te­re öf­fent­li­che Er­klä­rung ver­fasst hat­te, in der sie sich zwar dem Ver­bot der her­me­si­schen Schrif­ten un­ter­war­fen und das päpst­li­che Bre­ve an­er­kann­ten, je­doch er­neut be­ton­ten, die ver­ur­teil­ten Leh­ren sei­en in Her­mes’ Bü­chern nicht ent­hal­ten, sus­pen­dier­te Geis­sel bei­de Pries­ter von ih­rem Amt und er­laub­te ih­nen le­dig­lich, wei­ter­hin stil­le Mes­sen zu ze­le­brie­ren. Erst im To­des­jahr Brauns, 1863, lo­cker­te er die Sus­pen­si­on und ge­stat­te­te bei­den die Fei­er der Mes­se. Nach ei­ner letz­ten theo­lo­gi­schen Ver­öf­fent­li­chung, der „Bi­blio­the­ca re­gu­lar­um fidei“, 1844, ver­ab­schie­de­te sich Braun von der Theo­lo­gie und un­ter­stütz­te le­dig­lich sei­nen al­ten Leh­rer Rit­ter bei der Neu­auf­la­ge von des­sen Hand­buch der Kir­chen­ge­schich­te. Statt­des­sen wid­me­te er sich vor al­lem der nie­der­rhei­ni­schen Ge­schich­te so­wie der Ar­chäo­lo­gie.

Au­ßer­dem be­gann Braun nach dem Ver­lust des Lehr­stuhls ei­ne neue Lauf­bahn in der Po­li­tik. 1848 sand­te ihn sein Wahl­kreis Dü­ren-Jü­lich als Ab­ge­ord­ne­ten in die Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung und zwei Jah­re spä­ter in das Uni­ons­par­la­ment nach Er­furt. In der Na­tio­nal­ver­samm­lung hielt man ihn dank sei­ner ka­tho­li­schen Grund­sät­ze für ei­nen „Ul­tra­mon­ta­nen“. Er war ein An­hän­ger der Gro­ß­deut­schen Lö­sung und lehn­te das Erb­kai­ser­tum ab, wes­halb er Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gie­rungs­zeit 1840-1858) sei­ne Stim­me bei der Wahl zum Deut­schen Kai­ser ver­wei­ger­te. Nach sei­nen Er­fah­run­gen in der Pauls­kir­che wid­me­te er sich ver­stärkt der po­li­ti­schen Pu­bli­zis­tik. Ab 1852 ge­hör­te er dem preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus an. Als er 1862 nicht wie­der ge­wählt wur­de, be­en­de­te er sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re. Im Jahr dar­auf, am 30.9.1863, starb Braun in Bonn und wur­de in sei­nem Hei­mat­ort bei­ge­setzt.

Werke (Auswahl)

Die Leh­ren des sog. Her­me­sia­nis­mus über das Ver­hält­nis von Ver­nunft und Of­fen­ba­rung, Bonn 1835.

Me­le­te­ma­ta theo­lo­gi­ca, Han­no­ver 1837.

Ac­ta Ro­ma­na, Han­no­ver 1838 (mit Pe­ter Jo­seph El­ve­nich; Be­richt über ih­re Rom­rei­se).

Bi­blio­the­ca re­gu­lar­um fidei, 2 Bän­de, Bonn 1844.

Deutsch­land und die deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung, 1849.

Die Ka­pi­to­le, Bonn 1849.

Raf­fa­els Dis­pu­ta, Düs­sel­dorf 1859.

Er­klä­rung des an­ti­ken Sar­ko­phags in Trier, Bonn 1850.

Li­te­ra­tur

Brück, Hein­rich, Ge­schich­te der ka­tho­li­schen Kir­che in Deutsch­land im 19. Jahr­hun­dert, Mainz 1903.

Lau­scher, Al­bert, Die ka­tho­lisch-theo­lo­gi­sche >Fa­kul­tät zu Bonn 1818-1918, Düs­sel­dorf 1920.

Schrörs, Hein­rich, Ein ver­ges­se­ner Füh­rer aus der rhei­ni­schen Geis­tes­ge­schich­te des 19. Jahr­hun­derts, Bonn/Leip­zig 1925.

Literatur

Brück, Hein­rich, Ge­schich­te der ka­tho­li­schen Kir­che in Deutsch­land im 19. Jahr­hun­dert, Mainz 1903.

Lau­scher, Al­bert, Die ka­tho­lisch-theo­lo­gi­sche >Fa­kul­tät zu Bonn 1818-1918, Düs­sel­dorf 1920.

Schrörs, Hein­rich, Ein ver­ges­se­ner Füh­rer aus der rhei­ni­schen Geis­tes­ge­schich­te des 19. Jahr­hun­derts, Bonn/Leip­zig 1925.

Online

He­gel, Edu­ard, Ar­ti­kel „Braun, Jo­se­f“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 2 (1955), S. 552-553. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Streeck, Nina, Johann Wilhelm Joseph Braun, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-wilhelm-joseph-braun-/DE-2086/lido/57c5876fa92264.98807496 (12.11.2018)