Johann Winter aus Andernach

Arzt und Humanist (1505–1574)

Thilo Heyl (Andernach)

Johann Winter, zeitgenössischer Kupferstich.

Jo­hann Win­ter war Über­set­zer an­ti­ker la­tei­ni­scher und grie­chi­scher Schrif­ten, Hu­ma­nist, pro­mo­vier­ter Arzt und Hoch­schul­pro­fes­sor in Pa­ris, wirk­te als prak­ti­scher Arzt in Metz und Straß­burg und ver­fass­te be­deu­ten­de me­di­zi­ni­sche so­wie geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Schrif­ten.

Jo­hann Win­ter wur­de als Sohn ei­nes Schnei­der­meis­ters, wahr­schein­lich in ei­ner Sei­ten­gas­se des An­der­nach­er Mark­plat­zes ge­bo­ren. Über das Jahr sei­ner Ge­burt, 1487, 1497 oder 1505, wa­ren sich die Bio­gra­phen lan­ge Zeit un­ei­nig, jün­ge­re For­schun­gen ha­ben sich nun auf das Jahr 1505 fest­ge­legt.

Nach­dem der sprach­be­gab­te Jun­ge ei­ni­ge Jah­re in sei­ner Hei­mat­stadt die La­tein­schu­le be­sucht hat­te, ver­ließ er wohl 1517 im Al­ter von zwölf Jah­ren An­der­nach und be­such­te im nie­der­län­di­schen Ut­recht die Schu­le der „Brü­der vom ge­mein­sa­men Le­ben", ei­ner re­li­giö­sen Lai­en­ge­mein­schaft. Hier stu­dier­te er La­tein und Grie­chisch. Fi­nan­zi­ell ging es Win­ter in die­ser Zeit sehr schlecht, er muss­te sich das Nö­tigs­te durch Bet­teln und Sin­gen auf der Stra­ße hin­zu ver­die­nen. Von Ut­recht zog es ihn An­fang 1520 nach Mit­tel­deutsch­land. Un­si­cher ist, ob er sich, au­ßer in Leip­zig, auch in Mar­burg und Gos­lar auf­ge­hal­ten hat. Zu Be­ginn des Jah­res 1523 kehr­te Win­ter in die Nie­der­lan­de zu­rück, um an dem im Jah­re 1517 ge­grün­de­ten Drei­spra­chen­kol­leg in Lö­wen sei­ne Kennt­nis­se der grie­chi­sche Spra­che zu ver­tie­fen. In die­ser Zeit lern­te Win­ter auch ei­nen der Grün­der des Kol­legs ken­nen, Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469–1536), und blieb mit ihm fort­an im Brief­wech­sel.

Wohl auf Drän­gen sei­nes Freun­des und Gön­ners Graf An­to­ni­us von der Marck (ge­stor­ben 1528), ent­schloss sich Jo­hann Win­ter von den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten zum lu­kra­ti­ve­ren Me­di­zin­stu­di­um zu wech­seln. Dies ge­schah je­doch nicht ganz über­gangs­los, denn zu­nächst schrieb er sich 1525 in Pa­ris für das Stu­di­um der Phi­lo­lo­gie ein, be­schäf­tig­te sich da­ne­ben aber schon mit The­men der Me­di­zin und un­ter­rich­te­te 1526 noch al­te Spra­chen in Lüt­tich.

In je­ner Über­gangs­zeit (1527) ver­öf­fent­lich­te Win­ter sein ers­tes Werk, ei­ne grie­chi­sche Gram­ma­tik. Dar­in nennt sich der Au­tor erst­mals Io­an­nes Guin­te­ri­us An­der­na­cus. Wie nicht we­ni­ge sei­ner Zeit­ge­nos­sen hat Win­ter sei­nen Na­men la­ti­ni­siert und da­bei das im La­tei­ni­schen un­be­kann­te „W" durch "Gu" er­setzt. In frü­hen Schrif­ten ver­wen­det er auch den Na­men Guin­the­rus. Nach sei­nem To­de wird Win­ters Na­me, auch auf­grund von Fehl­über­set­zun­gen, eben­falls mehr­fach ver­än­dert (Goun­the­ri­us, Gwyn­ther, Gün­ther). Er selbst nennt sich noch in ei­ner fran­zö­si­schen Fas­sung ei­ner sei­ner Schrif­ten: Jean Guin­ter. Ei­ne fran­zö­si­sche Bio­gra­phie aus dem Jah­re 1765 än­dert den Na­men schlie­ß­lich in J(ean) Gon­thier de An­der­nach.

Ab 1527 stu­dier­te Win­ter Me­di­zin an der Sor­bon­ne. Nach Er­lan­gung des Bak­ka­lau­re­ats leg­te er 1530 das Ma­gis­ter­ex­amen ab und pro­mo­vier­te schlie­ß­lich im Ok­to­ber 1532. Bis 1528 er­schie­nen in Pa­ris drei Über­set­zun­gen von Wer­ken des be­rühm­ten Arz­tes Ga­le­nus von Per­ga­mon (129/130-um 216), mit de­nen Win­ter Auf­se­hen un­ter Me­di­zi­nern und Hu­ma­nis­ten er­reg­te. Noch im­mer gal­ten die an­ti­ken me­di­zi­ni­schen Schrif­ten so­wohl in der Dia­gnos­tik als auch in der The­ra­pie als un­um­stö­ß­lich. Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te wa­ren je­doch auf­grund viel­fa­cher Kom­pi­la­tio­nen so­wie auf­grund der Durch­mi­schung mit Ein­flüs­sen der ara­bi­schen Me­di­zin zahl­rei­che Feh­ler und Irr­tü­mer in die me­di­zi­ni­sche Li­te­ra­tur ein­ge­gan­gen. Da­her wur­de zu­neh­mend die Hin­wen­dung zu den Ur­tex­ten der an­ti­ken Me­di­zin ge­for­dert. Jo­hann Win­ter, der her­vor­ra­gen­de Ken­ner an­ti­ker Spra­chen und eif­ri­ger Stu­dent der Me­di­zin er­warb mit sei­nen ge­nau­en Über­set­zun­gen der Schrif­ten des Galén (um 129-um 216), von de­nen er ei­ne dem fran­zö­si­schen Kö­nig Franz I. (Re­gie­rungs­zeit 1515-1547) wid­me­te, in Pa­ris gro­ßes An­se­hen. 1534 wur­de er zum or­dent­li­chen Pro­fes­sor und Leh­rer für Heil­kun­de er­nannt. Zu sei­nen be­rühm­tes­ten Stu­den­ten ge­hör­te An­dre­as Ve­sal oder Vesa­li­us, (1514-1564), der bis 1535 für Win­ter das Se­zie­ren der Lei­chen vor­nahm, wäh­rend Win­ter, wie da­mals üb­lich, vom Ka­the­der aus sei­nen Stu­den­ten die je­wei­li­gen Er­läu­te­run­gen vor­las. Vesa­li­us fie­len schon sehr bald die Wi­der­sprü­che zwi­schen den aus­schlie­ß­lich an Tie­ren ge­won­ne­nen ana­to­mi­schen Er­kennt­nis­sen Galéns und den ana­to­mi­schen Ge­ge­ben­hei­ten in den von ihm un­ter­such­ten Lei­chen auf. So kam es zwi­schen Win­ter, dem stren­gem An­hän­ger der ga­len­schen Leh­re und sei­nem Schü­ler im­mer wie­der zu Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten. Vesa­li­us wur­de 1537 in Pa­dua Pro­fes­sor für Ana­to­mie und ver­öf­fent­lich­te 1543 sein grund­le­gen­des Werk über den Bau des mensch­li­chen Kör­pers (Hu­ma­ni cor­po­ris fa­bri­ca), das ihn zum Be­grün­der der mo­der­nen Ana­to­mie mach­te.

An­fang 1535 hei­ra­te­te Win­ter die ver­wit­we­te fran­zö­si­sche Ade­li­ge Isa­bel­la von Tur­pis (ge­stor­ben 1541), die ei­nen Sohn mit in die Ehe brach­te. Als sich 1538 die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten in Pa­ris zu ei­nem Bür­ger­krieg aus­zu­wei­ten droh­ten, be­schloss Win­ter, der dem Pro­tes­tan­tis­mus zu­neig­te, mit sei­ner Fa­mi­lie in das da­mals noch re­la­tiv ru­hi­ge deut­sche Metz zu zie­hen, wo er schon bald als her­vor­ra­gen­der Arzt ge­schätzt wur­de. 1541 brach in Metz die Pest aus und Win­ter be­kämpf­te die Seu­che als Pest­arzt. Sei­ner Frau konn­te er je­doch nicht hel­fen, sie starb im glei­chen Jahr an der Krank­heit. 1542 er­schien sein ers­tes Buch über die Pest.

Im Jah­re 1543 nahm Win­ter an ei­ner Zu­sam­men­kunft füh­ren­der Re­for­ma­to­ren in Bonn teil. Un­ter den An­we­sen­den wa­ren auch Phil­ipp Me­lan­chthon (1497–1560) und sein lang­jäh­ri­ger Freund Jo­hann Sturm (1507-1589). Zu­rück in Metz wur­den auch hier die re­li­giö­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu­neh­mend un­er­träg­li­cher, wes­halb Win­ter und sei­ne zwei­te Frau Fe­li­ci­tas Frosch (ge­stor­ben 1562), die er 1543 ge­hei­ra­tet hat­te, ih­ren Wohn­sitz 1544 in die freie Reichs­stadt Straß­burg ver­leg­ten.

Hier er­öff­ne­te er wie­der ei­ne Arzt­pra­xis. Da­ne­ben las er als Pro­fes­sor an dem 1538 ge­grün­de­ten Gym­na­si­um, dass un­ter der Lei­tung Jo­hann Sturms stand, zu­nächst grie­chi­sche Au­to­ren und hielt ab 1551 auch me­di­zi­ni­sche Vor­le­sun­gen. Mit der Zeit ging aber die Zahl der Zu­hö­rer so­weit zu­rück, dass der Stadt­rat Win­ters Lehr­tä­tig­keit 1557 wie­der auf­hob. Als prak­ti­scher Arzt er­warb sich Win­ter schon nach kur­zer Zeit ei­nen der­art gu­ten Ruf, dass ihn der Pfalz­graf Wolf­gang von Zwei­brü­cken (Re­gie­rungs­zeit 1532-1569) 1549 zu sei­nem Leib­arzt mach­te.

Doch auch in Straß­burg ge­riet Jo­hann Win­ter wie­der in kon­fes­sio­nel­le Strei­tig­kei­ten, dies­mal in­ner­halb des pro­tes­tan­ti­schen La­gers. In sei­nen re­li­giö­sen An­sich­ten stand er, wie sei­ne Frau auch, den Leh­ren des Spi­ri­tua­lis­ten Kas­par von Schwenck­feld (1490-1561) na­he, der Kir­chen­be­su­che ver­damm­te und ein mehr in­ner­li­ches Chris­ten­tum pre­dig­te. Nicht nur, weil die lu­the­ri­schen Geist­li­chen des­halb sei­ner 1562 ver­stor­be­nen Frau die To­ten­fei­er ver­wei­ger­ten, son­dern auch auf­grund von wie­der­hol­ten An­fein­dun­gen aus de­ren Rei­hen, dach­te Win­ter be­reits wie­der dar­über nach, sei­nen Wohn­ort zu ver­las­sen, dies­mal mit sei­ner drit­ten Frau Cla­ra Hö­ck­lin von Ber­trin­ger, die er 1563 ge­hei­ra­tet hat­te. Da brach auch in Straß­burg die Pest aus. Als der Stadt­rat ihn ein­dring­lich bat zu blei­ben und mit ei­ni­gen an­de­ren Ärz­ten ei­ne Pest­schrift zu ver­fas­sen, wil­lig­te Win­ter ein, wor­auf der Rat ihm ei­ne un­ge­hin­der­te Tä­tig­keit zu­si­cher­te.

Die Ver­bin­dung zu sei­ner Va­ter­stadt An­der­nach hat Jo­hann Win­ter nie ab­ge­bro­chen. 1572 be­such­te er sie zum letz­ten Mal. Im Sep­tem­ber 1574 kehr­te Win­ter schwer er­krankt von ei­ner Rei­se zu ei­nem Pa­ti­en­ten nach Straß­burg zu­rück. Er starb nur we­ni­ge Ta­ge spä­ter, im 69. Le­bens­jahr, ver­mut­lich an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung.

Jo­hann Win­ter war, wie aus den Schrift­quel­len zu ent­neh­men ist, „ein Mann viel­fäl­ti­ger Ge­lehr­sam­keit, treu und fromm, von freund­li­chem Cha­rak­ter und lie­bens­wür­di­ger Mensch­lich­keit". Er hin­ter­ließ der Nach­welt 15 Wer­ke und 63, teils kom­men­tier­te Über­set­zun­gen. Win­ter gilt als Ent­de­cker der Funk­ti­on der Bauch­spei­chel­drü­se und er be­schrieb die Blut­ge­fä­ße der Hand.

Werke (Auswahl)

Be­richt/Re­gi­ment und Ord­nung wie bei di­sen ster­ben­den le­üf­fen/die Pestil­entz und Pestil­ent­zi­schen Fie­ber zu­er­kenn, wes sich in sol­li­chen zeit­ten zu hal­ten/auch wie man sich vor die­ser kranck­heit be­wa­ren/und mit was Art­z­ney die­selb zu cu­ri­ern und hei­len seie. Ge­truckt zu Strass­burg durch Jo­si­am Ri­hel, den 15. Ja­nu­a­ru 1564.
Clau­dii Ga­le­ni Per­ga­me­ni de ele­men­tis. Ex Hip­po­cra­tis sen­ten­tia Li­bri duo, Guin­te­rio Io­nan­ne An­der­na­co in­ter­pre­te. Pa­ri­siis, Apud Si­mo­ne­um Co­li­na­e­um, 1528.
In­sti­tu­ti­o­num Ana­to­mi­ca­ri­um se­cund­um Ga­le­ni sen­ten­ti­am, ad can­di­da­tos Me­di­ci­nae, Li­bri qua­tu­or per Io­an­nem Guin­te­ri­um An­der­na­cum Me­di­cum. Pa­ri­siis Apud Si­mona­e­um Co­li­na­e­um, 1536.
Syn­ta­xis grae­ca nunc re­cens, et na­ta, et aedi­ta, au­to­re Guin­te­rio Io­an­ne An­der­na­co. Lu­te­tiae apud Ae­gi­di­um Gor­mon­ti­um, Men­se Apri­li, An­no 1527.

Literatur

Schä­fer, Klaus (Hg.), Jo­hann Win­ter aus An­der­nach (Io­an­nes Guin­te­ri­us An­der­na­cus) 1505-1574. Ein Hu­ma­nist und Me­di­zi­ner des 16. Jahr­hun­derts, Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Stadt­mu­se­ums An­der­nach, An­der­nach 1989.
Ha­ber­ling, Wil­helm, Jo­hann Win­ther von An­der­nach. Ein rhei­ni­scher Arzt und Leh­rer der Heil­kun­de zu Pa­ris, Metz und Straß­burg (1505-1574), in: Kli­ni­sche Wo­chen­zeit­schrift 11 (1932), S. 1616-1620.
Hö­ve­ler, Jo­hann Jo­sef, Io­an­nes Guin­te­ri­us An­der­na­cus (Jo­hann Gün­ther von An­der­nach), in: Jah­res­be­richt über das Pro­gym­na­si­um zu An­der­nach für das Schul­jahr 1898-99, An­der­nach 1899, S. 3-21.
Mie­l­ke, Heinz-Pe­ter, Dr. med. Jo­han­nes Win­ter von An­der­nach, sein re­li­giö­ser Wan­del und die kri­ti­sche Me­di­zin sei­ner Zeit. Vor­trag zur 500. Wie­der­kehr sei­nes Ge­burts­jah­res am 16. Sep­tem­ber 2005, in: An­der­nach­er An­na­len 8 (2009/2010), S. 59-70.
Schaff, Ge­or­ges, Jean Gon­thier d’ An­der­nach (1497-1574) et la mé­di­ci­ne de son temps: Mé­di­ci­ne et As­sis­tence en Al­sace XVIè­me-Xxèm siècle XI, Stras­bourg 1976.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Heyl, Thilo, Johann Winter aus Andernach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-winter-aus-andernach/DE-2086/lido/57c9322fddb358.42917366 (22.05.2018)