Johannes Bell

Reichsminister (1868-1949)

Joachim Lilla (Krefeld)

Johannes Bell, Porträtfoto, 1908. (Bundesarchiv, Bild 146-2007-0217)

Jo­han­nes Bell war Ju­rist und be­tä­tig­te sich früh­zei­tig in der Zen­trums­par­tei, Von 1908 bis 1921 ge­hör­te er dem preu­ßi­schen Land­tag und von 1912 bis 1933 dem Deut­schen Reichs­tag an, des­sen Vi­ze­prä­si­dent er von 1920 bis 1926 war. Er war 1919 der ein­zi­ge Reichs­ko­lo­ni­al­mi­nis­ter der Wei­ma­rer Re­pu­blik, von Ju­ni 1919 bis En­de April 1920 de­ren ers­ter Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ter. In die­ser Ei­gen­schaft be­wäl­tig­te er die „Ver­reich­li­chun­g“ der Län­de­rei­sen­bah­nen. 1926 bis 1927 be­klei­de­te er noch die Äm­ter des Reichs­jus­tiz­mi­nis­ters und des Reichs­mi­nis­ters für die be­setz­ten Ge­bie­te. Zu­dem hat­te er in der Wei­ma­rer Zeit als pro­mi­nen­ter (par­tei)po­li­ti­scher Pu­bli­zist ei­nen Na­men.

Jo­han­nes (Hans) Jo­sef Alex­an­der Bell wur­de am 23.9.1868 in Es­sen als Sohn des Geo­me­ters Jo­sef Bell und sei­ner Ehe­frau Jo­se­fi­ne, ge­bo­re­ne Steu­er, ge­bo­ren; die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. Bell be­such­te Gym­na­si­en in Min­den, Dort­mund und Es­sen, leg­te Os­tern 1886 am Burg­gym­na­si­um in Es­sen das Ab­itur ab, stu­dier­te vom Som­mer­se­mes­ter 1886 bis zum Som­mer­se­mes­ter 1889 Rechts- und Staats­wis­sen­schaf­ten in Tü­bin­gen (Mai 1886 Mit­glied der AV Guest­fa­lia Tü­bin­gen im CV), Leip­zig (1886 bis 1888) und Bonn (1888-1889), wo er das Stu­di­um am 1.6.1889 mit der ers­ten ju­ris­ti­schen Staats­prü­fung ab­schloss. Im glei­chen Jahr wur­de er zum Dr. iur. utr. pro­mo­viert. Sei­nen ju­ris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst leis­te­te er im Be­zirk des Ober­lan­des­ge­rich­tes Hamm (in Wer­den, Es­sen und Hamm) ab und wur­de nach der Gro­ßen ju­ris­ti­schen Staats­prü­fung am 23.11.1893 zum Ge­richt­s­as­ses­sor er­nannt. Bell schied aus dem Jus­tiz­dienst und ließ sich ab 8.1.1894 als Rechts­an­walt in Es­sen nie­der; 1900 er­folg­te zu­sätz­lich sei­ne Er­nen­nung zum No­tar, 1912 wur­de ihm der Ti­tel Jus­tiz­rat ver­lie­hen. 1896 hat­te er Tru­de Nün­ning ge­hei­ra­tet.

 

In Es­sen be­tä­tig­te sich Bell in der Zen­trums­par­tei und wur­de 1909 de­ren Vor­sit­zen­der; ab 1905 ge­hör­te er dem Pro­vin­zi­al­aus­schuss, spä­ter auch dem Vor­stand der rhei­ni­schen Zen­trums­par­tei an. Von 1900 bis 1919 war er Stadt­ver­ord­ne­ter in Es­sen, 1908 wur­de er in das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus (Wahl­kreis Düs­sel­dorf 13: Stadt­kreis Es­sen) und im Ja­nu­ar 1912 in den Reichs­tag (Wahl­kreis Düs­sel­dorf 7: Mo­ers-Rees) ge­wählt; bei­den Par­la­men­ten ge­hör­te er bis 1918 an. Bell hat­te sei­nen Haupt­wohn­sitz bis 1926 in Es­sen, dann sie­del­te er nach Ber­lin-Lank­witz über.

Sei­ne po­li­ti­sche Tä­tig­keit setz­te Bell ab 1919 fort. Zwar ge­hör­te er noch von 1919 bis 1921 der preu­ßí­schen Lan­des­ver­samm­lung an, der Schwer­punkt lag aber fort­an auf der Reichs­po­li­tik. Im Ja­nu­ar 1919 wur­de er (im Wahl­kreis 23: Düs­sel­dorf 2) in die Deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­wählt, zwi­schen Ju­ni 1920 und No­vem­ber 1933 ge­hör­te er dem Reichs­tag an, je­weils ge­wählt im Wahl­kreis 26 be­zie­hungs­wei­se 23: Düs­sel­dorf-West. Be­reits am 13.2.1919 be­rief ihn Reichs­mi­nis­ter­prä­si­dent Phil­ipp Schei­de­mann (1865-1939) in sein Ka­bi­nett, in dem ihm als Reichs­mi­nis­ter die Lei­tung des aus dem kai­ser­li­chen Reichs­ko­lo­ni­al­amt her­vor­ge­gan­ge­nen Reichs­ko­lo­ni­al­mi­nis­te­ri­ums über­tra­gen wur­de. Die­sem Mi­nis­te­ri­um ob­lag vor al­lem die Ab­wick­lung der noch lau­fen­den Ge­schäf­te und Ver­pflich­tun­gen der Ko­lo­ni­al­ver­wal­tung auf zen­tra­ler wie auf re­gio­na­ler Ebe­ne; da dies aber nicht die Grund­la­ge für ei­nen dau­er­haf­ten Fort­be­stand des Mi­nis­te­ri­ums sein konn­te, be­schloss die Reichs­re­gie­rung auf An­trag Bells am 4.11.1919, das Reichs­ko­lo­ni­al­mi­nis­te­ri­um in stark ver­klei­ner­ter Form dem neu zu bil­den­den Reichs­mi­nis­te­ri­um für Wie­der­auf­bau an­zu­glie­dern; als Fol­ge wur­de Bell am 7.11.1919 durch Reichs­prä­si­dent Fried­rich Ebert (1871-1925, Reichs­prä­si­dent 1919-1925) von sei­nen Pflich­ten in der Lei­tung des Reichs­ko­lo­ni­al­mi­nis­te­ri­ums ent­bun­den.

Erste Sitzung des Kabinetts Scheidemann, Weimar, Februar 1919. (Bundesarchiv, Bild 146-1982-092-29)

 

Mit der Bil­dung des Ka­bi­netts von Gus­tav Bau­er (1870-1944) am 21.6.1919 (Reichs­kanz­ler 21.6.1919-26.3.1920) - mit dem er we­ni­ge Ta­ge spä­ter den Ver­sailler Ver­trag un­ter­zeich­nen muss­te - war Bell aber ei­ne wei­te­re, zu­kunfts­träch­ti­ge­re Auf­ga­be in­ner­halb der Reichs­re­gie­rung über­tra­gen wor­den: Er wur­de mit dem Auf­bau ei­nes Reichs­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums be­auf­tragt und nach Schaf­fung der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Rah­men­be­din­gun­gen am 5.11.1919 zum ers­ten Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ter er­nannt. Im Mit­tel­punkt der Tä­tig­keit des neu­en Mi­nis­te­ri­ums stand - ne­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner reichs­wei­ten Ver­kehrs­ver­wal­tung - der von der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung nor­mier­te Über­gang der Ei­sen­bah­nen der Län­der (Preu­ßen-Hes­sen, Bay­ern, Sach­sen, Würt­tem­berg, Ba­den, Meck­len­burg, Ol­den­burg) auf das Reich, der zum 1.4.1920 wirk­sam wur­de. Da er die­se Auf­ga­be in je­dem Fall zu En­de füh­ren woll­te, wur­de Bell bei der Bil­dung der Re­gie­rung Her­mann Mül­ler (1876-1931) I (27.3.-8.6.1920) am 27.3.1920 er­neut zum Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ter er­nannt. Ir­ri­ta­tio­nen rief her­vor, dass die of­fi­ziö­se „Deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tun­g“ am 28. März die­se Er­nen­nung als „vor­läu­fi­g“ apo­stro­phier­te, was star­ke Ver­stim­mung im Zen­trum her­vor­rief. Bell ver­blieb im Amt des Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ters, bis die Na­tio­nal­ver­samm­lung En­de April 1920 der Ver­ein­heit­li­chung der Ei­sen­bah­nen zu­ge­stimmt hat­te und trat am 1. Mai als Reichs­ver­kehrs­mi­nis­ter zu­rück.

In der Fol­ge­zeit be­tä­tig­te sich Bell vor­nehm­lich im Vor­stand der Reichs­tags­frak­ti­on des Zen­trums, im Reichs­aus­schuss be­zie­hungs­wei­se Reichs­par­tei­aus­schuss des Zen­trums (ab 1925), im Prä­si­di­um des Reichs­tags (ers­ter Vi­ze­prä­si­dent 25.6.1920- 27.5.1924, zwei­ter Vi­ze­prä­si­dent 28.5.1924-17.7.1926) so­wie als po­li­ti­scher und ju­ris­ti­scher Pu­bli­zist. Er wirk­te un­ter an­de­rem in fol­gen­den Reichs­tags­aus­schüs­sen mit: Aus­schuss für so­zia­le An­ge­le­gen­hei­ten (1920–1924, Vor­sit­zen­der), Ge­schäfts­ord­nungs­aus­schuss (1920–1924, 1924–1928, 1932, zeit­wei­se Vor­sit­zen­der), Rechts­aus­schuss (1924–1930), Aus­schuss für das Reichs­straf­ge­setz­buch (1928–1930, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der), Straf­rechts­aus­schuss (1930–1932, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der), Aus­schuss für Aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten (1932–1933). Fer­ner war er Vor­sit­zen­der des Reichs­tags­un­ter­su­chungs­aus­schus­ses für Völ­ker­rechts­ver­let­zun­gen im Ers­ten Welt­krieg.

Johannes Bell auf dem Weg zum Reichstag in Berlin, Juni 1928. (Bundesarchiv, Bild 102-06074)

 

Als sich die Hoff­nun­gen auf die Bil­dung ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on durch Reichs­kanz­ler Wil­helm Marx im Som­mer 1926 zer­schla­gen hat­ten, wur­de Bell am 16. Ju­li zum Reichs­jus­tiz­mi­nis­ter er­nannt und zu­gleich mit der Wahr­neh­mung der Ge­schäf­te des Mi­nis­ters für die be­setz­ten Ge­bie­te be­auf­tragt (bei­de Res­sorts wa­ren vor­sorg­lich nicht be­setzt wor­den). Nach dem Rück­tritt der Re­gie­rung Marx III (3.6.-17.12.1926) am 17.12.1926 blieb Bell noch bis zur Bil­dung ei­ner neu­en Re­gie­rung am 29.1.1927 im Amt. Nach der Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 zog sich Bell aus der Po­li­tik zu­rück.

Ne­ben sei­nen viel­fäl­ti­gen po­li­ti­schen Äm­tern war Bell Auf­sichts­rats­mit­glied der Rhei­nisch-West­fä­li­schen Elek­tri­zi­täts­wer­ke (RWE) und Ku­ra­to­ri­ums- und Vor­stands­mit­glied zahl­rei­cher wirt­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Ver­ei­ne und Ein­rich­tun­gen. Bis zu sei­ner Eva­ku­ie­rung im April 1943 leb­te er in Ber­lin, da­nach in Wür­gas­sen an der We­ser, wo er am 21.10.1949 ge­stor­ben ist.

Quellen

Teil­nach­läs­se im Bun­des­ar­chiv Ko­blenz und im Ar­chiv des Erz­bis­tums Pa­der­born.
Ak­ten der Reichs­kanz­lei. Wei­ma­rer Re­pu­blik: Das Ka­bi­nett Schei­de­mann I (1919), be­arb. von Ha­gen Schul­ze, Bop­pard 1971. - Das Ka­bi­nett Schei­de­mann I (1919/1920), be­arb. von An­ton Gole­cki, Bop­pard 1980. - Das Ka­bi­nett Mül­ler I (1920), be­arb. von Mar­tin Vogt, Bop­pard 1971. - Das Ka­bi­nett Marx III und IV (1926 bis 1928), be­arb. von Gün­ter Ab­ra­mow­ski, Bop­pard 1988. [On­line]

Schriften

Volks­wirt­schaft­li­che und mit­tel­stän­di­sche Fra­gen für die Kriegs- und Über­gangs­zeit, 1918.
Volks­staat und Staats­volk, 1928.
Deut­sche und ös­ter­rei­chi­sche Straf­rechts­re­form, 1930. 

Herausgeberschaft

Völ­ker­recht im Welt­krieg, 1930.

Literatur

Dick­hoff, Er­win, Es­se­ner Köp­fe, Es­sen 1985, S. 18.
Ge­samt­ver­zeich­nis des CV 1931, [Mün­chen] 1931.
Haun­fel­der, Bernd, Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te der Deut­schen Zen­trums­par­tei. Bio­gra­phi­sches Hand­buch und his­to­ri­sche Bio­gra­phi­en, Düs­sel­dorf 1999, S. 128-129.
Mann, Bern­hard, Bio­gra­phi­sches Hand­buch für das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus (1867-1918), Düs­sel­dorf 1988, S. 59-60.
Reichs­hand­buch der Deut­schen Ge­sell­schaft. Das Hand­buch der Per­sön­lich­kei­ten in Wort und Bild, 2 Bän­de, Ber­lin 1931, Band 1, S. 98-99.
Schu­ma­cher, Mar­tin, M.d.R. Die Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten der Wei­ma­rer Re­pu­bli­k in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Po­li­ti­sche Ver­fol­gung, Emi­gra­ti­on und Aus­bür­ge­rung 1933–1945. Ei­ne bio­gra­phi­sche Do­ku­men­ta­ti­on, 3. er­wei­ter­te Auf­la­ge Düs­sel­dorf 1994, S. 30.

Online

Mi­latz, Al­fred, „Bell, Jo­han­nes“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 2 (1955), S. 29. [On­line]

Das Kabinett Gustav Bauer (21.6.1919-26.3.1920), Weimar 1919, von links: Reichswehrminister Gustav Noske, Pressechef der Reichsregierung Ulrich Rauscher, vorn Reichsschatzminister Wilhelm Mayer-Kaufbeuren, dahinter Reichskanzler Gustav Bauer, Reichs. (Bundesarchiv, Bild 183-R00549)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Lilla, Joachim, Johannes Bell, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-bell-/DE-2086/lido/57c57aba0a3756.88014820 (25.05.2018)