Johannes Handschumacher

Oberbürgermeister von Gladbach-Rheydt (1887-1957)

Lothar Weiß (Frechen)

Johannes Handschumacher, Porträtfoto. (Stadtarchiv Mönchengladbach)

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Jo­han­nes Hand­schu­ma­cher war Bei­ge­ord­ne­ter der Stadt Rhe­ydt und Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Glad­bach-Rhe­ydt (bei­de heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik so­wie In­ter­es­sen­ver­tre­ter der pri­va­ten Grund- und Haus­ei­gen­tü­mer in der Wie­der­auf­bau­zeit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Jo­hann Ja­kob (Jo­han­nes) Hand­schu­ma­cher wur­de am 5.7.1887 in Lin­dern (heu­te Stadt Gei­len­kir­chen) als Sohn des Land­wirts Wil­helm Hand­schu­ma­cher (1842-1919) und des­sen Frau Ger­trud, ge­bo­re­ne No­bis (1848-1918), ge­bo­ren.

Nach dem Ab­itur am Gym­na­si­um Sieg­burg im Jahr 1908 stu­dier­te Hand­schu­ma­cher von 1908 bis 1911 an den Uni­ver­si­tä­ten Bonn und Ber­lin Rechts- und Staats­wis­sen­schaf­ten so­wie Volks­wirt­schafts­leh­re. Nach dem ers­ten ju­ris­ti­schen Ex­amen zum Ge­richts­re­fe­ren­dar, ei­nem nur drei­mo­na­ti­gen Hee­res­dienst als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger we­gen Krank­heit, dem Kriegs­dienst ab 1915 bei ver­schie­de­nen Trup­pen­tei­len des Hee­res und dem Vor­be­rei­tungs­dienst be­stand Hand­schu­ma­cher 1917 die zwei­te ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung. Be­reits 1915 wur­de er an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg zum Dr. iur. pro­mo­viert. Nach dem Zu­sam­men­bruch der Mon­ar­chie im No­vem­ber 1918 war er bis En­de April 1919 beim Amts­ge­richt Heins­berg be­schäf­tigt.

Zur Be­wäl­ti­gung der Woh­nungs­not, der Wahr­neh­mung der ge­setz­lich er­wei­ter­ten Be­fug­nis­se des städ­ti­schen Miet­ei­ni­gungs­am­tes im Zu­ge der im­mer schär­fe­ren Woh­nungs­zwangs­wirt­schaft so­wie zur Be­ar­bei­tung der Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che in­fol­ge der bel­gisch-fran­zö­si­schen Be­sat­zung fand 1919 ein Aus­bau der Stadt­ver­wal­tung Rhe­ydt statt. Hand­schu­ma­cher trat da­bei im April 1919 die neu­ge­schaf­fe­ne Stel­le ei­nes ju­ris­ti­schen As­ses­sors an. Im Rah­men die­ser Auf­ga­be über­nahm er so­wohl die Po­li­zei- und Ord­nungs­ver­wal­tung als auch die Ver­wal­tung der in­di­rek­ten Steu­er. 1920 wur­de er, in ei­ner Zeit po­li­ti­scher Span­nun­gen und der sich be­schleu­ni­gen­den In­fla­ti­on, zum be­sol­de­ten Bei­ge­ord­ne­ten der Stadt Rhe­ydt ge­wählt. 1921 trat Hand­schu­ma­cher der Zen­trums­par­tei bei, der er bis zum 24.6.1933 an­ge­hör­te. Die Zeit re­la­ti­ver Sta­bi­li­tät und Ru­he in den so ge­nann­ten „Gol­de­nen Zwan­zi­gern" war je­doch kurz.

Durch die kom­mu­na­le Neu­glie­de­rung wa­ren 1929 Mün­chen–Glad­bach, Rhe­ydt, Oden­kir­chen, Gie­sen­kir­chen, Schel­sen und Hardt zu Glad­bach-Rhe­ydt zu­sam­men­ge­schlos­sen wor­den. Hand­schu­ma­cher über­nahm die Lei­tung der Ver­wal­tungs­stel­le Rhe­ydt. 1930 wur­de er zum Ober­bür­ger­meis­ter der neu­en Stadt ge­wählt.

Hand­schu­ma­cher stand vor zwei fun­da­men­ta­len Pro­ble­men. Zu­erst galt es, in den tur­bu­len­ten letz­ten Jah­ren der Wei­ma­rer De­mo­kra­tie die dis­pa­ra­ten Ver­wal­tun­gen und po­li­ti­schen Kul­tu­ren der Vor­gän­ger­kom­mu­nen zu ei­nem ent­schei­dungs­fä­hi­gen Mit­ein­an­der zu­sam­men­zu­füh­ren. Zu­gleich wur­den die ein­schnei­den­den Aus­wir­kun­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se im­mer spür­ba­rer. Die do­mi­nie­ren­de Tex­til­in­dus­trie, aber auch die Me­tall- und Ma­schi­nen­in­dus­trie bra­chen ein und mit ih­nen die Steu­er­ein­nah­men. Da­ge­gen ver­viel­fach­ten sich mit der Dau­er der Kri­se die Kos­ten für die Un­ter­stüt­zung der Er­werbs­lo­sen und ih­rer Fa­mi­li­en. Hand­schu­ma­cher or­ga­ni­sier­te die „Glad­bach-Rhe­ydter Not­ge­mein­schaft", an der sich die Stadt so­wie Ver­ei­ne und Ver­bän­de be­tei­lig­ten. Not­stands-, Für­sor­ge- und Pflicht­ar­bei­ten so­wie ein „Frei­wil­li­ger Ar­beits­dienst" be­schäf­tig­ten zahl­rei­che Er­werbs­lo­se und un­ter­stütz­ten Bau­pro­jek­te der Stadt. Mit ei­ner ri­gi­den Spar­po­li­tik, teils frei­wil­lig, teils ver­ord­net, si­cher­te Hand­schu­ma­cher das Über­le­ben der Stadt.

Durch die Kom­mu­nal­wahl am 12.3.1933 in Glad­bach-Rhe­ydt wur­de die NS­DAP zur mit Ab­stand stärks­ten Par­tei. Sie bau­te nun ei­ne Droh­ku­lis­se ge­gen den Zen­trums­po­li­ti­ker auf. Hand­schu­ma­cher blieb aber zu­nächst noch im Amt. Am 5.4.1933 er­öff­ne­te er die neue Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung mit ei­nem Ap­pell zur Zu­sam­men­ar­beit und nann­te Hit­ler "den ge­nia­len Sohn un­se­res Vol­kes" an der Sei­te Hin­den­burgs. In die­ser Sit­zung wur­de die Ver­lei­hung des Eh­ren­bür­ger­rechts an den ge­bür­ti­gen Rhe­ydter und neu­en Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Dr. Jo­seph Go­eb­bels be­schlos­sen. Drei Mo­na­te spä­ter brach die Amts­zeit des "Kri­sen­ma­na­gers" ab. Hand­schu­ma­cher wur­de am 10.7.1933 be­ur­laubt und im sel­ben Jahr in den Ru­he­stand ver­setzt. An sei­ner Stel­le am­tier­te kurz­zei­tig der Kreis­lei­ter der NS­DAP, Wil­helm Pel­zer (1895-1948). Ab 1934 be­tä­tig­te sich Hand­schu­ma­cher als Rechts­an­walt für Wirt­schafts­recht in Düs­sel­dorf. Wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus hat­te er meh­re­re Er­kran­kun­gen und war nicht im Kriegs­ein­satz. 1942 wur­de er durch ei­nen Bom­ben­an­griff in sei­nem Haus ver­schüt­tet und schwer ver­letzt.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg führ­te Hand­schu­ma­cher die An­walts­kanz­lei mit So­zii fort. Nach sei­nem To­de 1957 über­nahm der aus der 1921 in Rhe­ydt ge­schlos­se­nen Ehe mit Emi­lie An­to­ni­et­te Au­gus­te Mey­er (1894-1944) her­vor­ge­gan­ge­ne Sohn Dr. Ernst Wil­helm Hand­schu­ma­cher (ge­bo­ren 1924) die An­walts­kanz­lei; die­ser war von 1970 bis 1979 ers­ter Bür­ger­meis­ter der Stadt Meer­busch.

Hand­schu­ma­cher trat in die neu ge­grün­de­te CDU ein. Im Ja­nu­ar 1953 rück­te er über die CDU-Lan­des­lis­te Nord­rhein-West­fa­len an­stel­le des aus­ge­schie­de­nen Franz Et­zel als Ab­ge­ord­ne­ter für den Rest der ers­ten Wahl­pe­ri­ode des Deut­schen Bun­des­ta­ges nach. Er ge­hör­te als Or­dent­li­ches Mit­glied dem Aus­schuss für Wie­der­auf­bau und Woh­nungs­we­sen so­wie dem Son­der­aus­schuss zur Be­ra­tung der Ge­set­ze über deut­sche Aus­lands­schul­den an. Als Prä­si­dent des Zen­tral­ver­ban­des Deut­scher Haus- und Grund­be­sit­zer ver­trat Hand­schu­ma­cher seit 1948 die In­ter­es­sen der pri­va­ten Woh­nungs­wirt­schaft in der Grün­dungs­pe­ri­ode und der Wie­der­auf­bau­zeit der zwei­ten deut­schen De­mo­kra­tie für die Li­be­ra­li­sie­rung des Woh­nungs­we­sens in der Markt­wirt­schaft und die Über­win­dung der Woh­nungs­not. Au­ßer­dem wur­de er Vi­ze­prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Haus­be­sit­zer­ver­ban­des in Pa­ris. Für sein woh­nungs­po­li­ti­sches En­ga­ge­ment er­hielt Hand­schu­ma­cher 1957 das Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de.

Hand­schu­ma­cher über­nahm zahl­rei­che wei­te­re Äm­ter. So war er Mit­glied der deut­schen De­le­ga­ti­on bei der Lon­do­ner Schul­den­kon­fe­renz 1952 für die Re­ge­lung der Pri­vat­schul­den der Bun­des­re­pu­blik und ge­hör­te dem Kon­troll­aus­schuss beim Las­ten­aus­gleich­s­amt an. Er war Auf­sichts- be­zie­hungs­wei­se Ver­wal­tungs­rats­mit­glied ei­ner Rei­he von pri­vat­wirt­schaft­li­chen und öf­fent­lich-recht­li­chen Un­ter­neh­men, so un­ter an­de­rem der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau in Frank­furt a. M., der Bank für Ver­trie­be­ne und Ge­schä­dig­te (Las­ten­aus­gleichs­bank) AG in Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn), der Köl­ni­schen Le­bens- und Sach­ver­si­che­run­gen auf Ge­gen­sei­tig­keit in Köln als Vor­sit­zen­der und der Deut­schen Pfand­brief­an­stalt.

In der so ge­nann­ten „Grün­dungs­kri­se" der jun­gen Bun­des­re­pu­blik in den Jah­ren 1949 und 1950 ver­trat Hand­schu­ma­cher en­er­gisch die In­ter­es­sen des ge­werb­li­chen Mit­tel­stan­des. Als grö­ß­ter Zu­sam­men­schluss der mit­tel­stän­di­schen In­ter­es­sen ent­stand 1951 der „Deut­sche Mit­tel­stands­block", der sich aus Wirt­schafts­ver­bän­den und dem Deut­schen Be­am­ten­bund zu­sam­men­setz­te. Des­sen Prä­si­di­um ge­hör­te er an.

Als Jo­han­nes Hand­schu­ma­cher am 31.10.1957 in Bü­de­rich (heu­te Stadt Meer­busch) starb, ver­lor das Rhein­land ei­nen ver­sier­ten Ju­ris­ten und ein­fluss­rei­chen ka­tho­li­schen Kom­mu­nal-, Woh­nungs- und Mit­tel­stands­po­li­ti­ker.

Werke

Be­deu­tung und Schutz des Pri­vat­ei­gen­tums, o. O. 1948.
Durch­bruch zur Markt­wirt­schaft, Düs­sel­dorf 1954.
Kri­ti­sche Be­trach­tung über die Gast­wirts­haf­tung für ein­ge­brach­te Sa­chen nach dem Bür­ger­li­chen Ge­setz­bu­che, Hei­del­berg 1915 (Dis­ser­ta­ti­on).
Wie kann die Woh­nungs­wirt­schaft ge­sun­den? Vor­trag des Prä­si­den­ten des Zen­tral­ver­ban­des der Haus und Grund­be­sit­zer Dr. Jo­han­nes Hand­schu­ma­cher auf der Ta­gung des Ver­ban­des frei­er Woh­nungs­un­ter­neh­men in Ham­burg am 18. Mai 1949.

Literatur

Bo­land, Karl/Ko­wol­lik, Dag­mar, Heil­lo­se Zei­ten. Zur lo­ka­len So­zi­al- und Ge­sund­heits­po­li­tik in Mön­chen­glad­bach und Rhe­ydt von der Zeit der Wirt­schafts­kri­se 1928 bis in die ers­ten Jah­re der NS-Herr­schaft, hg. von der In­itia­ti­ve So­zia­le Si­cher­heit e. V., Mön­chen­glad­bach 1991.
Hüt­ter, Hans Wal­ter, Mön­chen­glad­bach. 11 Ge­mein­den bil­den ei­ne Stadt. Kom­mu­na­le Neu­ord­nun­gen im 19. und 20. Jahr­hun­dert, Mön­chen­glad­bach 1984.
Löhr, Wolf­gang (Hg.), Lo­ca De­si­de­ra­ta. Mön­chen­glad­ba­cher Stadt­ge­schich­te, Band 3.1, Köln 2003.
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 501.

 
Zitationshinweis

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Weiß, Lothar, Johannes Handschumacher, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-handschumacher-/DE-2086/lido/57c826385b1dd4.71829153 (14.12.2018)