Johannes Horion

Landeshauptmann der Provinzialverwaltung (1876−1933)

Wolfgang Schaffer (Köln)

Landeshauptmann Johannes Horion, Gemälde von Fritz Reusing (1874-1957), 1926, LVR-LandesMuseum Bonn. (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

Jo­han­nes Ho­ri­on zählt als Lan­des­rat und dann Lan­des­haupt­mann der Rhein­pro­vinz zu den füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten der rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung. Es ge­lang ihm, die Be­deu­tung des rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­ban­des auf zahl­rei­chen Ge­bie­ten zu stei­gern und ins­be­son­de­re im so­zi­al-für­sor­ge­ri­schen Be­reich neue Ak­zen­te zu set­zen.

Jo­han­nes Ho­ri­on wur­de am 27.3.1876 in Ma­ri­en­forst (heu­te Bonn-Bad Go­des­berg) als Sohn des Guts­be­sit­zers Jo­hann Ho­ri­on (1839-1910) und der Si­byl­la Ra­der­ma­cher (1839-1914) ge­bo­ren. Kind­heit und Ju­gend ver­brach­te er auf dem 1879 von sei­nem Va­ter er­wor­be­nen „Kopshof" in Sin­ners­dorf bei Köln. Seit Os­tern 1887 be­such­te er das Kai­ser-Wil­helm-Gym­na­si­um in Köln, wo er auch Os­tern 1894 das Ab­itur ab­leg­te. Von 1894 bis Os­tern 1897 folg­te das Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten und Na­tio­nal­öko­no­mie an den Uni­ver­si­tä­ten Bonn, Mün­chen und Ber­lin. Am 28.5.1897 be­stand er das Ex­amen als Ge­richts­re­fe­ren­dar beim Ober­lan­des­ge­richt Köln mit der No­te „gut". Am 11.9.1897 pro­mo­vier­te er in Er­lan­gen mit ei­ner Ar­beit über „Die ju­ris­ti­sche Na­tur der „ge­mein­schaft­li­chen Mau­er" nach ge­mei­nem Recht und nach dem Bür­ger­li­chen Ge­setz­buch für das Deut­sche Reich" zum Dok­tor der Rech­te.

Es folg­ten Sta­tio­nen als Ge­richts­re­fe­ren­dar beim Amts­ge­richt Gre­ven­broich, beim Land­ge­richt, der Staats­an­walt­schaft, bei ei­nem Rechts­an­walt und No­tar so­wie am Ober­lan­des­ge­richt Köln. Am 6.11.1901 be­stand er das Ge­richt­s­as­ses­sor­ex­amen vor der Jus­tiz­prü­fungs­kom­mis­si­on mit der No­te „gut". Im An­schluss über­nahm er vom 15.12.1901 bis 10.2.1902 die Ge­ne­ral­ver­tre­tung des Rechts­an­walts Jus­tiz­rat Karl Trim­born in Köln, das hei­ßt er üb­te des­sen Rechts­an­walts­pra­xis für die Dau­er der Ver­hin­de­rung Trim­borns wäh­rend der Reichs­tags­ses­si­on aus.

Trim­born cha­rak­te­ri­sier­te Ho­ri­on als „tüch­ti­ger Ar­bei­ter von ge­sun­dem Urt­heil, von rei­chem theo­re­ti­schem und prak­ti­schem Wis­sen und von gro­ßer, auch red­ne­ri­scher Ge­wandt­heit".

Am 8.4.1902 hei­ra­te­te Ho­ri­on in Kö­nigs­ho­ven (heu­te Stadt Bed­burg) in ers­ter Ehe Ma­ria Kra­he (1877-1926), Toch­ter des Guts­be­sit­zers Ger­win Kra­he und der Si­bil­la Da­ni­els. Zwei Jah­re nach dem To­de sei­ner Ehe­frau ging Ho­ri­on am 10.1.1928 in Ma­ria Laach mit Em­ma Abeck ver­wit­we­te Kür­ten (1889-1982), Toch­ter des Ober­schul­rats Dr. Fried­rich Abeck und der Ma­ria Kinghs, ei­ne zwei­te Ehe ein.

Am 10.2.1902 trat Ho­ri­on als wis­sen­schaft­li­cher Hilfs­ar­bei­ter bei der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung in Düs­sel­dorf ein. Zu­nächst wur­de er in der In­va­li­den­ver­si­che­rungs­an­stalt be­schäf­tigt, aber be­reits am 1.3.1902 in die Zen­tral­ver­wal­tung be­ru­fen und ihm das De­zer­nat für das Land­ar­men­we­sen über­tra­gen. Zeit­wei­se über­nahm er auch die Ge­schäf­te des Jus­ti­ti­ars der Stra­ßen­ver­wal­tung und der Für­sor­ge­er­zie­hung. Am 1.4.1904 wur­de er nach Wahl durch den Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag als Lan­des­rat zum Lei­ter des ge­sam­ten Wohl­fahrts­we­sens in der Rhein­pro­vinz (Ir­ren­we­sen, An­stalts­ver­wal­tung, Kor­ri­gen­den­we­sen, Land­ar­men­we­sen, Krüp­pel­für­sor­ge) be­ru­fen. Ho­ri­on zeich­ne­te sich bald als gründ­li­cher Ken­ner des rhei­ni­schen An­stalts­we­sens aus. So lässt sich un­ter an­de­rem der Bau der Pro­vin­zi­al- Heil- und Pfle­ge­an­stalt Bed­burg-Hau bei Kle­ve auf ihn zu­rück­füh­ren.

Im Ers­ten Welt­krieg trug er ma­ß­geb­lich zur Neu­or­ga­ni­sa­ti­on der Wie­der­her­stel­lung und Bes­se­rung der Er­werbs­fä­hig­keit der Kriegs­be­schä­dig­ten bei. Für die­ses En­ga­ge­ment, das ihm auch den eh­ren­vol­len Bei­na­men „Va­ter der Kriegs­be­schä­dig­ten­für­sor­ge" ein­brach­te, wur­de Ho­ri­on im Jah­re 1919 die Eh­ren­dok­tor­wür­de der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn ver­lie­hen.

Im Ja­nu­ar 1920 wur­de Ho­ri­on mit den sich aus der Ab­tre­tung des Saar­ge­bie­tes und der Krei­se Eu­pen und Malme­dy an Bel­gi­en für die Rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung be­tref­fen­den An­ge­le­gen­hei­ten be­traut. Er trat da­bei als Ver­hand­lungs­füh­rer der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung mit den Ver­tre­tern der bel­gi­schen Re­gie­rung und der Re­gie­rungs­kom­mis­si­on des Saar­ge­bie­tes auf. Im Sep­tem­ber 1924 wur­de Ho­ri­on zu­dem die Lei­tung der so ge­nann­ten tech­ni­schen Kon­fe­ren­zen über­tra­gen, so­wie al­ler sons­ti­gen im be­setz­ten Ge­biet auf Grund der Lon­do­ner Ab­ma­chun­gen mit der Rhein­land­kom­mis­si­on und dem Ober­be­fehls­ha­ber der Be­sat­zungs­trup­pen zu füh­ren­den Re­gie­rungs­ver­hand­lun­gen. 1924 er­hielt er in An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te bei den Ver­hand­lun­gen mit den Al­li­ier­ten um die Wie­der­her­stel­lung der Ein­heit des Rei­ches den „Dr. rer. pol. h.c." der Uni­ver­si­tät Bonn ver­lie­hen.

War Ho­ri­on be­reits seit dem 1.4.1921 stän­di­ger Ver­tre­ter des Lan­des­haupt­manns ge­we­sen, so rück­te er am 14.3.1922 durch Wahl des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges zum Lan­des­haupt­mann, das hei­ßt zum obers­ten Be­am­ten der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung, auf. Schon als Lan­des­rat hat­te sich Ho­ri­on auch auf dem Ge­biet der Krüp­pel­für­sor­ge, der Blin­den­für­sor­ge, in der Schaf­fung vor­bild­li­cher An­stal­ten für Geis­tes­kran­ke, vor al­lem auf dem Ge­biet des Ju­gend­wohl­fahrts­we­sens in­ten­siv be­tä­tigt. Als Lan­des­haupt­mann wa­ren ihm die­se Be­rei­che wei­ter­hin ein be­son­de­res An­lie­gen. Ge­lei­tet war er da­bei von dem Grund­ge­dan­ken, dass pri­va­te und öf­fent­li­che Wohl­fahrts­pfle­ge nicht Ge­gen­sät­ze, son­dern Ver­bün­de­te sein müss­ten. Es war Ho­ri­ons Ak­ti­vi­tä­ten zu ver­dan­ken, dass 1924 in der Für­sor­ge­pflicht­ver­ord­nung die Grund­la­gen des Wohl­fahrts­staa­tes ge­legt wur­den.

Auch der Idee des Denk­mal­schut­zes und der prak­ti­schen Denk­mal­pfle­ge fühl­te sich Ho­ri­on als Lan­des­haupt­mann in be­son­de­rer Wei­se ver­pflich­tet. Der In­ten­si­vie­rung der Denk­mal­pfle­ge, der Denk­mä­ler-In­ven­ta­ri­sa­ti­on und der Grün­dung der Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le Rhein­land 1929 nahm er sich in be­son­de­rer Wei­se an. Auf sei­ne In­itia­ti­ve hin ent­stand zu­dem die am 6.8.1932 er­öff­ne­te Reichs­au­to­bahn Köln–Bonn.

Ho­ri­on fühl­te sich sei­nen Funk­tio­nen in der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung engs­tens ver­pflich­tet und üb­te die­se mit gro­ßem En­ga­ge­ment aus. Auf Grund die­ser Ver­bun­den­heit ließ er sich auch nicht da­zu be­we­gen, in den staat­li­chen Dienst zu wech­seln oder gar das Rhein­land zu ver­las­sen. So lehn­te er am 7.4.1921 die Stel­le ei­nes Staats­se­kre­tärs für die be­setz­ten Ge­bie­te we­gen der durch den even­tu­el­len Weg­gang in der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung ent­ste­hen­den gro­ßen Schwie­rig­kei­ten ab. Aus ähn­li­chen Grün­den ver­zich­te­te er am 10.11.1924 auf die Über­nah­me ei­ner Spit­zen­kan­di­da­tur für den Reichs­tag im Wahl­kreis Köln-Aa­chen und am 31.1.1925 auf ei­ne even­tu­el­le An­nah­me des Am­tes des preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Nach Rück­spra­che mit Kon­rad Ade­nau­er, der da­mals un­ter an­de­rem Vor­sit­zen­der des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses war, hielt er auch we­gen der grö­ße­ren fi­nan­zi­el­len Si­cher­heit (er war ge­wählt auf zwölf Jah­re) am Amt des Lan­des­haupt­manns fest.

Auch Ho­ri­ons Ak­ti­vi­tä­ten au­ßer­halb der en­ge­ren Ver­wal­tung wa­ren viel­fäl­tig. Er­wähnt sei­en sein Ein­satz als füh­ren­des Mit­glied der rhei­ni­schen Zen­trums­par­tei. Mit sei­nen dienst­li­chen Zu­stän­dig­kei­ten ver­band sich ein star­kes En­ga­ge­ment auch auf ka­ri­ta­ti­vem Ge­biet, ins­be­son­de­re als Lei­ter des Für­sor­ge­ver­eins „Not­burga­haus" und durch die Er­rich­tung der Für­sor­ge­er­zie­hungs­an­stalt für ka­tho­li­sche weib­li­che Zög­lin­ge in Neuss. Sei­ne kon­fes­sio­nel­le Prä­gung brach­te er im Ver­band der Ver­ei­ne der aka­de­misch ge­bil­de­ten Ka­tho­li­ken ein, wie er auch von 1924 bis 1926 ers­ter Vor­sit­zen­der des Düs­sel­dor­fer Ver­eins ka­tho­li­scher Aka­de­mi­ker war, 1926 über­nahm er die Prä­si­dent­schaft des Deut­schen Ka­tho­li­ken­ta­ges in Bres­lau.

Die Ver­lei­hung des Ti­tels und Or­dens „Com­tur des St. Gre­go­ri­us-Or­dens mit Stern" 1926 durch Papst Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939) war eben­so ei­ne Kon­se­quenz die­ses Wir­kens, wie im Jah­re 1928 die Ver­lei­hung der Eh­ren­bür­ger­wür­de der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Aa­chen für sei­ne Ver­diens­te um die För­de­rung und Un­ter­stüt­zung der Stu­den­ten­schaft in ih­ren ge­mein­nüt­zi­gen An­ge­le­gen­hei­ten.

Ers­te Dif­fa­mie­rungs­ver­su­che der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pres­se we­gen sei­ner lang­jäh­ri­gen Zu­sam­men­ar­beit mit der SPD und „schwarz­ro­ter Ver­bon­zung" im Jah­re 1932 konn­ten Ho­ri­on nichts an­ha­ben. Sein Tod am 19.2.1933 im Al­ter von nicht ein­mal 57 Jah­ren dürf­te ihn da­vor be­wahrt ha­ben, dem neu­en Re­gime un­mit­tel­bar zum Op­fer zu fal­len.

Zur Wür­di­gung der viel­fäl­ti­gen Ver­diens­te Ho­ri­ons wur­den zahl­rei­che Stra­ßen und Ein­rich­tun­gen nach ihm be­nannt. Sein eins­ti­ges Wohn­haus, die Vil­la Ho­ri­on in Düs­sel­dorf, dien­te bis 1999 als Sitz des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Nord­rhein-West­fa­len. In Köln-Deutz wur­de das im Jahr 2000 fer­tig ge­stell­te Ho­ri­on-Haus des LVR nach ihm be­nannt.

Quellen

Ar­chiv für Christ­lich-De­mo­kra­ti­sche Po­li­tik der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung, I-006-001/1 Nach­lass Ho­ri­on, Jo­han­nes.

Ar­chiv des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land (AL­VR), Nach­lass Ho­ri­on so­wie Ak­ten Nr. 14978 und Nr. 28330.

Literatur

N.N., Rhei­ni­sche Köp­fe – Jo­han­nes Ho­ri­on, in: Rhei­ni­scher Be­ob­ach­ter V, Nr. 15/16 (1926), S. 227–230.

Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816−1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 543.

Sin­ners­dor­fer Hei­mat­kun­de (Hg.), Zum Ge­den­ken an den Lan­des­haupt­mann der Rhein­pro­vinz 1922-1933 Jo­han­nes Ho­ri­on, Sin­ners­dorf / Pul­heim 1984.

Die Wohl­fahrts­pfle­ge in der Rhein­pro­vinz 9/4 (1933), S. 49−50 (Nach­ruf).

Online

Ge­schich­te der Land­schafts­ver­bän­de in NRW (In­for­ma­ti­on auf der Home­page des LVR).

Nach­lass Dr. Jo­han­nes Ho­ri­on (Web­site Ar­chi­ve in NRW / Ar­chiv des LVR).

 
Zitationshinweis

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Schaffer, Wolfgang, Johannes Horion, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-horion/DE-2086/lido/57c83407328a16.93157267 (23.06.2018)