Johannes Johansen

Oberbürgermeister von Krefeld (1870–1945)

Joachim Lilla (Krefeld)

Johannes Johansen, Porträtfoto, 1920er Jahre. (Stadtarchiv Krefeld)

Jo­han­nes Jo­han­sen war ei­ner der be­deu­tends­ten Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Kre­feld im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Jo­han­sens Amts­füh­rung fiel in schwie­ri­ge Zei­ten, um­fass­te den Ers­ten Welt­krieg, die nach­fol­gen­den Jah­re des Zu­sam­men­bruchs, die Zeit der bel­gi­schen Be­sat­zung, der In­fla­ti­on und der Se­pa­ra­tis­ten­un­ru­hen, schlie­ß­lich der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Schein­blü­te der spä­te­ren 1920er Jah­re, die mit der Wirt­schafts­kri­se des Jah­res 1929 ein ab­rup­tes En­de fand. Mit sei­nen Na­men un­trenn­bar ver­bun­den sind die Schaf­fung des Kre­fel­der Grün­gür­tels so­wie die Ein­ge­mein­dun­gen von 1929. We­gen sei­ner gro­ßen Ver­diens­te er­nann­te ihn die Stadt am 30.5.1930 zu ih­rem Eh­ren­bür­ger.

Jo­han­nes Det­lev Ernst Jo­han­sen wur­de am 25.9.1870 in Ha­nerau (Kreis Rends­burg) als Sohn ei­nes Arz­tes ge­bo­ren. Nach Be­such des Gym­na­si­ums in Glück­stadt und dem Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten in Frei­burg, Leip­zig und Kiel leg­te er im Herbst 1892 die 1. ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung in Kiel ab und leis­te­te ab 3.1.1893 als Ge­richts­re­fe­ren­dar sei­nen Vor­be­rei­tungs­dienst im Be­zirk des Ober­lan­des­ge­richts Kiel, un­ter­bro­chen durch die Dienst­zeit als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger. 1898 wur­de er an der Uni­ver­si­tät Kiel zum Dr. iur. pro­mo­viert und leg­te im glei­chen Jahr die gro­ße ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung ab. Vom 2.1. bis Mai 1899 war er zur un­ent­gelt­li­chen in­for­ma­to­ri­schen Be­schäf­ti­gung beim Ma­gis­trat der Stadt Kiel an­ge­stellt, wur­de dann für ei­ne acht­wö­chi­ge mi­li­tä­ri­sche Übung be­ur­laubt.

 

Jo­han­sen hei­ra­te­te am 19.6.1897 in Ham­burg Eli­sa­beth An­na Mar­ga­re­ta (El­se) Heesch (1870-1956), Toch­ter des Ham­bur­ger Fa­bri­kan­ten Heesch. Mit ihr hat­te er ei­ne Toch­ter.

Am 16. 6.1899 wähl­ten die Min­de­ner Stadt­ver­ord­ne­ten Dr. Jo­han­sen auf zwölf Jah­re zum be­sol­de­ten Bei­ge­ord­ne­ten der Stadt Min­den (Amts­be­zeich­nung: Zwei­ter Bür­ger­meis­ter), ab 22.7.1899 nahm er die­ses Amt kom­mis­sa­risch wahr, die of­fi­zi­el­le Amts­ein­füh­rung er­folg­te am 2.11.1899. Am 6.8.1903 wur­de er, oh­ne dass die Stel­le aus­ge­schrie­ben wor­den war, auf zwölf Jah­re zum ers­ten Bür­ger­meis­ter der Stadt Min­den ge­wählt und am 8.10.1903 in die­ses Amt ein­ge­führt. Da dienst­li­che Be­ur­tei­lun­gen über Jo­han­sen an­sons­ten nicht über­lie­fert sind, sei ei­ne Aus­sa­ge über ihn an­läss­lich der Ab­schieds­fei­er in Min­den zi­tiert, die des Ver­tre­ters des Re­gie­rungs­prä­si­den­ten in Min­den, Ober­re­gie­rungs­rat Rein­hold Fried­rich von Borstell. Die­ser stell­te das er­sprie­ß­li­che Ver­hält­nis zwi­schen Stadt und Auf­sichts­be­hör­de her­aus als Fol­ge der gro­ßzü­gi­gen Auf­fas­sung Dr. Jo­han­sens, der nie in sei­ner 11-jäh­ri­gen Tä­tig­keit die not­wen­di­ge Rück­sicht­nah­me auf die All­ge­mein­heit ver­ges­sen ha­be. Oft­mals ha­be er wie "ein Lö­we’" ge­kämpft; was er dem Gan­zen schul­de, sei ihm nie aus dem Sinn ge­kom­men. Dar­um sei­en die Be­zie­hun­gen so er­freu­li­che ge­we­sen und die Re­gie­rung be­daue­re sein Schei­den. In­fol­ge sei­ner Wahl zum Bür­ger­meis­ter der Stadt Kre­feld wur­de er am Abend des 13.2.1911 in Min­den fei­er­lich ver­ab­schie­det und ver­ließ die Stadt am über­nächs­ten Tag in Rich­tung Kre­feld.

In Kre­feld stand En­de 1910 die Neu­wahl des Bür­ger­meis­ters an, nach­dem der bis­he­ri­ge Stell­e­inha­ber Adal­bert Oeh­ler (1860-1943) zum Ober­bür­ger­meis­ter in Düs­sel­dorf ge­wählt wor­den war. Fa­vo­rit war zu­nächst der Ge­hei­me Re­gie­rungs­rat und Vor­tra­gen­de Rat im Reich­s­amt des In­nern, Dr. Ot­to Wied­feldt (1871-1926), der aber nicht kurz­fris­tig aus sei­nem Am­te schei­den konn­te. Wann und wie die Kan­di­da­tur von Dr. Jo­han­sen ins Spiel kam, er­hellt sich aus den Ak­ten nur in­di­rekt, im Er­geb­nis be­schloss die Fin­dungs­kom­mis­si­on am 28. No­vem­ber ein­stim­mig, der Stadt­ver­ord­ne­ten-Ver­samm­lung die Wahl des Herrn Dr. Jo­han­sen zum Bür­ger­meis­ter der Stadt Kre­feld vor­zu­schla­gen. Die Be­schluss­fas­sung über die Fest­set­zung der An­stel­lungs­be­din­gun­gen für den zu wäh­len­den Bür­ger­meis­ter und die ein­stim­mi­ge Wahl Jo­han­sens zum Bür­ger­meis­ter der Stadt Kre­feld auf 12 Jah­re in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung am 1.12.1910 war nur noch ei­ne For­ma­li­tät. Die Stadt­ver­ord­ne­ten spra­chen fer­ner den Wunsch aus, daß dem neu­ge­wähl­ten Bür­ger­meis­ter der Ti­tel ‚O­ber­bür­ger­meis­ter’ ver­lie­hen wer­de. Sei­ner Be­richt­er­stat­tung über die Wahl füg­te Ober­bür­ger­meis­ter Oeh­ler auch fol­gen­de po­li­ti­sche Be­ur­tei­lung Jo­han­sens hin­zu: Er ist in po­li­ti­scher Hin­sicht nicht her­vor­ge­tre­ten, aber be­zeich­net sich als zwi­schen der Na­tio­nal­li­be­ra­len und Frei­kon­ser­va­ti­ven Par­tei ste­hend.

Nach kö­nig­li­cher Be­stä­ti­gung vom 10.1.1911 (mit gleich­zei­ti­ger Ver­lei­hung des Ti­tels Ober­bür­ger­meis­ter) führ­te  der Düs­sel­dor­fer Re­gie­rungs­prä­si­dent Fran­cis Kru­se (1854-1930) am 16. Fe­bru­ar Jo­han­sen in sein neu­es Amt ein; fünf Ta­ge spä­ter prä­sen­tier­ten die Stadt­ver­ord­ne­ten ihn noch für die Wahl in das preu­ßi­sche Her­ren­haus.

Als Jo­han­sen an die Spit­ze des Stadt­re­gi­ment in Kre­feld trat, war die La­ge der Stadt pros­pe­rie­rend: Durch die Ein­ge­mein­dun­gen von Linn (1901) und Bock­um-Ver­berg so­wie Op­pum (1907) war die Stadt einst­wei­len ar­ron­diert wor­den mit aus­rei­chen­den Er­wei­te­rungs­mög­lich­kei­ten für Ge­wer­be und Woh­nungs­bau; der 1906 er­öff­ne­te Rhein­ha­fen schaff­te ei­nen An­schluss der Stadt an die na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Was­ser­stra­ßen.

Mit Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges hat­te sich der Ober­bür­ger­meis­ter zu­neh­mend mit der Ver­wal­tung des Man­gels aus­ein­an­der­zu­set­zen, vor al­lem der Si­cher­stel­lung der Er­näh­rung der Be­völ­ke­rung. Nach Kriegs­en­de stell­te die zu­neh­men­de In­fla­ti­on, die 1923 zu ei­nem Kol­laps der Wäh­rung führ­te, die Stadt­vä­ter vor neue Her­aus­for­de­run­gen, eben­so wie die Be­sat­zung durch die Bel­gi­er. Schlie­ß­lich schuf die neue re­pu­bli­ka­ni­sche Staats­form ver­än­der­te po­li­ti­sche Ge­ge­ben­hei­ten. Be­herzt trat Ober­bür­ger­meis­ter Jo­han­sen im Herbst 1923 den Se­pa­ra­tis­ten ge­gen­über und war als Ver­tre­ter des be­setz­ten Ge­biets Teil­neh­mer an zahl­rei­chen Be­spre­chun­gen des Rhein-Ruhr-Aus­schus­ses des Reichs­ka­bi­netts mit Ver­tre­tern des be­setz­ten Ge­biets und der be­sat­zungs­be­trof­fe­nen Lan­des­re­gie­run­gen zwi­schen De­zem­ber 1923 und März 1924 in Ber­lin.

Die nach 1923 ein­set­zen­de vor­über­ge­hen­de Schein­blü­te der Wei­ma­rer Re­pu­blik er­mög­lich­te der Stadt Kre­feld ei­ne Zeit auch der per­spek­ti­vi­schen und ge­stal­ten­den Po­li­tik, die in ers­ter Li­nie in der Schaf­fung ei­nes Grün­gür­tels vor­nehm­lich im Os­ten der Stadt (im Wes­ten blie­ben die Pla­nun­gen Stück­werk) be­stand. Am En­de der Amts­zeit von Jo­han­sen stand der Kraft­akt der Neu­glie­de­rung des rhei­nisch-west­fä­li­schen In­dus­trie­ge­biets 1929, durch die Kre­feld vor al­lem mit der Ein­ge­mein­dung von Uer­din­gen, Gel­lep-Stra­tum, Fi­scheln, Tra­ar und Ben­rad ei­nen er­heb­li­chen Zu­wachs sei­nes Stadt­ge­biets er­fuhr. Die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Be­gleit­erschei­nun­gen die­ser Ein­ge­mein­dun­gen führ­ten al­ler­dings auch zu ei­nem vor­zei­ti­gen En­de der Amts­zeit von Jo­han­sen, der im Mai 1922 auf wei­te­re zwölf Jah­re als Ober­bür­ger­meis­ter wie­der­ge­wählt wor­den war.

Ne­ben dem preu­ßi­schen Her­ren­haus, dem Jo­han­sen be­reits in sei­ner Min­de­ner Zeit an­ge­hör­te, ver­trat Jo­han­sen die Stadt Kre­feld 1911 bis 1921 im Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag. Bei­den Kör­per­schaf­ten ge­hör­te Jo­han­sen qua­si ex of­fi­cio an: bei der Prä­sen­ta­ti­on zum Her­ren­haus brach­te die Stadt Kre­feld seit 1854 mit ei­ner Aus­nah­me stets ih­ren Ober­bür­ger­meis­ter in Vor­schlag, und bei den (drei) von den Stadt­ver­ord­ne­ten zu wäh­len­den Kre­fel­der Ab­ge­ord­ne­ten zum Pro­vin­zi­al­land­tag hat­te sich seit 1903 der Brauch ein­ge­bür­gert, ein Man­dat mit dem je­wei­li­gen Ober­bür­ger­meis­ter zu be­set­zen. Im Her­ren­haus er­griff Jo­han­sen häu­fi­ger das Wort, er­mit­telt wur­den 13 Re­de­bei­trä­ge zwi­schen 1905 und 1915, vor­nehm­lich zu Fra­gen von kom­mu­na­ler Ver­fas­sung und kom­mu­na­lem Fi­nanz­we­sen; im Her­ren­haus ge­hör­te er be­reits seit sei­ner Min­de­ner Zeit der „Neu­en Frak­ti­on“, ei­ner lo­cke­ren Grup­pie­rung vor­wie­gend na­tio­nal­li­be­ra­ler Mit­glie­der, an.

Jo­han­sen war ein Be­am­ter mit po­li­ti­schem Ge­spür, aber kein Par­tei­po­li­ti­ker, und er wur­de nach 1918 nicht mü­de, den aus sei­ner Sicht schäd­li­chen zu­neh­men­den Ein­fluss der Par­tei­en auf das po­li­ti­sche Ge­sche­hen zu be­kla­gen. Bis En­de 1918 hat­te er sich mit Par­teifra­gen kaum zu be­schäf­ti­gen, das Drei­klas­sen­wahl­recht ga­ran­tier­te ei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit der Na­tio­nal­li­be­ra­len, al­so des be­sit­zen­den evan­ge­li­schen und men­no­ni­ti­schen Bür­ger­tums, in der Kre­fel­der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, der po­li­ti­schen Rich­tung al­so, der Jo­han­sen oh­ne­hin na­he­stand. Wie selbst­ver­ständ­lich die­se Si­tua­ti­on selbst noch im Früh­jahr 1918 war, er­hellt fol­gen­de Epi­so­de: Bei der Er­nen­nung ei­nes Stad­t­as­ses­sors er­hob der Zen­trums­stadt­ver­ord­ne­te Eu­gen An­ger­hau­sen in der Fi­nanz­kom­mis­si­on den An­spruch, die nächs­te freie Bei­ge­ord­ne­ten­stel­le mit ei­nem Zen­trums­mann zu be­set­zen. Jo­han­sen er­klär­te hier­auf, die Wahl ei­nes nicht li­be­ra­len Bei­ge­ord­ne­ten wür­de die Ein­heit­lich­keit der Ver­wal­tung stö­ren. We­ni­ger ei­ner grund­sätz­li­chen Skep­sis den Par­tei­en ge­gen­über, als viel­mehr der Ab­leh­nung der frag­li­chen Par­tei dürf­te sei­ne Re­ak­ti­on auf die im De­zem­ber 1917 er­folg­te An­kün­di­gung sei­ner Wahl in den Haupt­aus­schuss des Kre­fel­der Orts­ver­eins der kurz zu­vor ge­grün­de­ten ul­tra­na­tio­na­len Deut­sche Va­ter­lands­par­tei ent­sprun­gen sein: "Die Wahl in den Haupt­aus­schuß der Va­ter­lands-Par­tei kann ich nicht an­neh­men. Ich bin mit der Grün­dung die­ser Par­tei nicht ein­ver­stan­den."

Nach 1918 hat­te Jo­han­sen es mit ei­ner po­li­ti­schen stär­ker ak­zen­tu­ier­ten Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung zu tun. In der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung der am 14.12.1919 erst­mals nach dem all­ge­mei­nen und glei­chen Wahl­recht ge­wähl­ten Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung warn­te Jo­han­sen die Da­men und Her­ren, "durch die Be­ob­ach­tung an­de­rer zu­nächst [zu] ler­nen, wie wir es nicht ma­chen dür­fen. Se­hen Sie die Ver­hand­lun­gen in der Na­tio­nal­ver­samm­lung, der preu­ßi­schen Lan­des­ver­samm­lung und in man­cher neu­en Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, in der ge­re­det, ge­re­det und noch­mals ge­re­det wird, zum Fens­ter hin­aus, aus po­li­ti­schem Ehr­geiz, aus Wahl­rück­sich­ten, wäh­rend Reich, Land und Stadt Ar­beit und noch­mals Ar­beit ver­lan­gen."

Jo­han­sen hat­te sich und der Öf­fent­lich­keit nie ver­schwie­gen, dass er nach po­li­ti­scher Her­kunft und Kon­fes­si­on nicht die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung re­prä­sen­tier­te. Sei­ne Vor­stel­lung von Ver­wal­tung und Ent­wick­lung der Stadt konn­te er je­doch auch mit der nach 1919 neu­en Mehr­heit von Zen­trum und Bür­ger­li­chen zu­nächst ver­wirk­li­chen. Ab­ge­se­hen von ei­ner Per­so­nal­sa­che ist nur ein Fall von Ge­wicht be­kannt, in dem die Mehr­heit der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ihm nicht folg­te, über­ra­schen­der­wei­se in ei­ner Thea­ter­fra­ge. Po­li­ti­sche Klug­heit und Weit­sicht konn­te man ihm nicht ab­spre­chen. Er­in­nert sei an die Be­stel­lung ei­nes so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bei­ge­ord­ne­ten (Ar­thur Me­bus), der sich glän­zend be­währ­te. Auch ist nicht zu ver­ken­nen, dass er die sach­ori­en­tier­te Ar­beit der Ver­wal­tung, wie er sie ver­stand, lan­ge mit den von den Mehr­heits­par­tei­en ver­tre­te­nen Vor­stel­lun­gen in Ein­klang zu brin­gen wuss­te.

Die Fra­ge der Ein­ge­mein­dun­gen, vor al­lem der­je­ni­gen von Uer­din­gen, ließ sich nicht auf die ge­wohn­te Wei­se er­le­di­gen, zu­mal sein Kon­tra­hent Wil­helm Warsch je­des Ein­ver­ständ­nis ver­wei­ger­te. Im Streit­fall war sein kei­nes­wegs un­po­li­ti­sches, doch über­par­tei­li­ches Amts­ver­ständ­nis, das sich aus wel­chen Grün­den auch im­mer par­tei­po­li­ti­scher Ein­fluss­nah­me zur Durch­set­zung des als rich­tig Er­kann­ten, ent­hal­ten muss­te, un­ter­le­gen. Über die La­ge ei­nes Stadt­ober­haupts, das kei­ner po­li­ti­schen Par­tei an­ge­hört, dem al­le Tü­ren ver­schlos­sen, al­le We­ge ver­sperrt sind, die zu den Par­tei­freun­den in den zen­tra­len und pro­vin­zi­el­len Be­hör­den und zu den Aus­schüs­sen der ge­setz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten füh­ren, hat­te sich Jo­han­sen schon seit län­ge­rem kei­ne Il­lu­sio­nen ge­macht. Zu­gleich schie­nen ihm die de­mo­kra­ti­schen Pro­ze­du­ren für ein zü­gi­ges Vor­an­kom­men manch­mal durch­aus hin­der­lich, wenn die Par­tei­en mit Blick auf Wah­len die ei­ge­nen In­ter­es­sen ver­tra­ten. Sol­ches muss­te ei­nen Mann wie Jo­han­sen, der sei­nen Stand jen­seits al­ler Par­tei­po­li­tik ge­fun­den zu ha­ben glaub­te, zu­neh­mend be­un­ru­hi­gen.

Das En­de sei­ner Amts­zeit kam in der Fol­ge der kom­mu­na­len Neu­glie­de­rung von 1929. Mit der Schaf­fung der neu­en Stadt Kre­feld-Uer­din­gen a. Rh. am 1.8.1929 war die bis­he­ri­ge Stadt Kre­feld, die An­stel­lungs­kör­per­schaft des Ober­bür­ger­meis­ters Jo­han­sen, er­lo­schen; er am­tier­te zu­nächst als vom Re­gie­rungs­prä­si­den­ten er­nann­ter kom­mis­sa­ri­scher Bür­ger­meis­ter der neu­en Stadt wei­ter, war im Üb­ri­gen ein Be­am­ter oh­ne Amt. Ihm war klar, dass er bei der er­for­der­li­chen Neu­wahl des Ober­bür­ger­meis­ters der neu­en Stadt kei­ne Chan­ce mehr ha­ben wer­de, wes­halb er auf ei­ne Kan­di­da­tur ver­zich­te­te. Als neu­es Stadt­ober­haupt wur­de der bis­he­ri­ge, dem Zen­trum an­ge­hö­ren­de Neus­ser Ober­bür­ger­meis­ter Hein­rich Hüp­per ge­wählt.  Jo­han­sen schied zum 1.6.1930 aus dem Amt. Da er aber bis zum 15.2.1935 ge­wählt war, er­hielt er bis da­hin sei­ne vol­len Be­zü­ge, da­nach das ge­setz­li­che Ru­he­ge­halt. Sei­ne Ver­diens­te um Kre­feld wür­dig­te die ihm am 30.5.1930 zu­er­kann­te Eh­ren­bür­ger­schaft der Stadt Kre­feld-Uer­din­gen a.Rh.

Am 27.5.1930, al­so noch kurz vor sei­nem of­fi­zi­el­len Aus­schei­den aus den Diens­ten der Stadt, mel­de­te Jo­han­sen sich po­li­zei­lich von Kre­feld als auf Rei­sen ab. Dank der über­aus leb­haf­ten Kor­re­spon­denz über die Fort­zah­lung sei­ner Ge­halts be­zie­hungs­wei­se die Zah­lung sei­ner Ren­te las­sen sich die Or­te, in de­nen er sich in der Fol­ge­zeit auf Rei­sen oder vor­über­ge­hend auf­ge­hal­ten hat, zu­min­dest teil­wei­se re­kon­stru­ie­ren: Au­gust 1930 vor­über­ge­hend in ei­nem Kur­heim in Mül­heim a.d. Ruhr-Spel­dorf, No­vem­ber 1930 vor­über­ge­hend Kre­feld, Ja­nu­ar 1931 bis 1933 Ham­burg-Win­ter­hu­de, Ju­li 1931 vor­über­ge­hend Kling­berg am See (Ost­hol­stein), Ok­to­ber 1931 vor­über­ge­hend wie­der Kre­feld, 1933 Ham­burg, Sep­tem­ber 1933 vor­über­ge­hend Re­ma­gen. Von Ham­burg aus zog Jo­han­sen En­de Sep­tem­ber 1933 nach Düs­sel­dorf-Kai­sers­werth. In Kai­ser­werth war er von Ja­nu­ar 1936 bis März 1939 als Vor­stands­mit­glied (Schatz­meis­ter) des Rhei­nisch-West­fä­li­schen Dia­ko­nis­sen­ver­eins tä­tig. An­fang De­zem­ber 1939 kehr­te er wie­der nach Kre­feld zu­rück. Zu­nächst wohn­te er im Hau­se Crous­stra­ße 18, nach des­sen Kriegs­zer­stö­rung wohl ab Ju­ni 1943 am Hül­ser Berg in ei­nem Block­haus der ihm be­freun­de­ten Fa­mi­lie Men­gel­berg. Am 21.4. 1945 war er Mit­grün­der (und dann ers­ter Lei­ter) der Kre­fel­der Not­hil­fe (spä­te­re Kre­fel­der Fa­mi­li­en­hil­fe). Die­ses Hilfs­werk sam­mel­te mit sei­nen zeit­wei­se mehr als Tau­send frei­wil­li­gen Hel­fern al­lein in den ers­ten drei Jah­ren zwei Mil­lio­nen Mark, un­zäh­li­ge Klei­dungs­stü­cke und Haus­halts­ge­gen­stän­de. Sei­ne Be­treu­ungs­kar­tei um­fass­te 1948 nicht we­ni­ger als 55.000 Per­so­nen, al­so fast ein Drit­tel der Ein­woh­ner.

Im Früh­som­mer 1945 konn­te ihn der Kre­fel­der Ober­bür­ger­meis­ter Jo­han­nes Step­kes (1884-1966) für ei­nen Wie­der­ein­tritt in die Ver­wal­tung ge­win­nen. Jo­han­sen soll­te nach dem ab­seh­ba­ren Aus­schei­den von Stadt­käm­me­rer Paul Wit­ten als eh­ren­amt­li­cher De­zer­nent das Fi­nanz­de­zer­nat über­neh­men, wur­de dann aber zu­nächst mit dem Kran­ken­haus­de­zer­nat be­traut. Nach der Grün­dung der CDU in Kre­feld ge­hör­te Jo­han­sen zu den ernst zu neh­men­den kri­ti­schen Stim­men. So rüg­te er die en­ge Ver­ban­de­lung des Ober­bür­ger­meis­ters mit dem ka­tho­li­schen Kle­rus und kri­ti­sier­te das Pro­gramm der neu­en Par­tei: Über das – vor­läu­fig ent­wor­fe­ne – Pro­gramm der christ­lich de­mo­kra­ti­schen Par­tei war er em­pört, weil es ein fö­de­ra­lis­ti­sches Deutsch­land und ein ‚christ­li­ches Na­tur­recht‘ for­dert. Zehn Ta­ge nach Voll­endung sei­nes 75. Le­bens­jah­res be­ging der lan­ge an den Fol­gen ei­nes schwe­ren Stur­zes lei­den­de Dr. Jo­han­sen am 5.10.1945 Selbst­mord. Die Kos­ten für das Be­gräb­nis in ei­ner Grab­stät­te im Schön­was­ser­park, ei­nem Teil des von ihm ge­schaf­fe­nen Grün­gür­tels, über­nahm die Stadt als ei­ne Eh­ren­pflicht ge­gen­über ih­rem Eh­ren­bür­ger und frü­he­ren Ober­bür­ger­meis­ter.

Quellen

Per­so­nal­ak­te Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Jo­han­sen (Stadt­ar­chiv Kre­feld P 83).

Literatur

Fei­nen­de­gen, Rein­hard/Vogt, Hans (Hg.), Kre­feld. Ge­schich­te der Stadt, Band 3:  Von der Fran­zo­sen­zeit bis zum En­de des Ers­ten Welt­krie­ges (1794-1918), Kre­feld 2006 [dar­in Bei­trag von Wil­helm Strat­mann]; Band 5: Vom En­de des Ers­ten Welt­krie­ges bis zur Ge­gen­wart (1918-2004), Kre­feld 2010 [dar­in Bei­trä­ge von He­ri­bert Hou­ben und Joa­chim Lil­la].

Lil­la, Joa­chim (Hg.), Kre­fel­der Ab­ge­ord­ne­te. Ab­ge­ord­ne­te aus Kre­feld in über­ört­li­chen Par­la­men­ten un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges, Kre­feld 2000.

Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994. S. 558.

Johannes Johansen, Porträt, Gemälde von Hugo Ziegler (1957), Original im Eingangsbereich der Johansenschule in Krefeld-Linn, Foto: Stefanie Zimmermann. (Stadtarchiv Krefeld)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Lilla, Joachim, Johannes Johansen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-johansen/DE-2086/lido/57c92f5951be96.32633243 (16.07.2018)