Johannes Pohlschneider

Bischof von Aachen (1899-1981)

Herbert Arens

Bischof Johannes Pohlschneider bei der Aachener Heiligtumsfahrt, 1972, Foto: Michael Jeiter.

Jo­han­nes Pohl­schnei­der, als ers­ter Aa­che­ner Bi­schof Teil­neh­mer ei­nes Öku­me­ni­schen Kon­zils, in Deutsch­land be­kannt als „Schul­bi­schof", sorg­te für die kon­se­quen­te Um­set­zung der Be­schlüs­se des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils im Bis­tum Aa­chen.

Jo­han­nes Pohl­schnei­der wur­de am 18.4.1899 in Os­ter­fei­ne (Ol­den­bur­ger Müns­ter­land) als zwei­tes von zwölf Kin­dern des Kauf­manns Ber­nard Pohl­schnei­der (ge­stor­ben 1935) und des­sen Ehe­frau Ma­ria Schmie­sing (ge­stor­ben 1952) ge­bo­ren. Nach dem Ab­itur 1917 in Müns­ter woll­te Pohl­schnei­der sich im Col­le­gi­um Ger­ma­ni­cum in Rom auf den Pries­ter­be­ruf vor­be­rei­ten, konn­te aber we­gen des Krie­ges nach je ei­nem Se­mes­ter in Ber­lin und in Müns­ter erst ab Ok­to­ber 1919 das Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na auf­neh­men und 1925 mit den Pro­mo­tio­nen zum Dok­tor der Phi­lo­so­phie und zum Dok­tor der Theo­lo­gie ab­schlie­ßen. Am 19.4.1924 wur­de er in der La­ter­an­ba­si­li­ka zum Pries­ter ge­weiht.

Nach der Vi­kars­zeit im dörf­li­chen Gol­den­stett-Lut­ten wur­de Pohl­schnei­der 1929 Ka­plan in der Dia­spo­ra- und Ar­bei­ter­ge­mein­de Ol­den­burg-Os­tern­burg. Den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus lehn­te er ent­schie­den ab, wie ei­ne Äu­ße­rung im Jahr 1932 zeigt: „Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in sei­ner ge­gen­wär­ti­gen Form ver­folgt oh­ne Zwei­fel re­li­giö­se und kul­tur­po­li­ti­sche Zie­le, die mit der christ­li­chen Re­li­gi­on nicht ver­ein­bar sind." äu­ßer­te er im Jahr 1932.

Am 3.5.1940 be­stell­te der Müns­te­ra­ner Bi­schof Cle­mens Au­gust Graf von Ga­len (Epis­ko­pat 1933-1946) Pohl­schnei­der zum Nach­fol­ger des aus dem Ol­den­bur­ger Land aus­ge­wie­se­nen Of­fi­zi­als Franz Vor­werk (1884-1963). Die Be­hör­den ver­sag­ten die An­er­ken­nung, lie­ßen das Dienst­ge­bäu­de zwangs­räu­men und die Do­ta­ti­on sper­ren. Pohl­schnei­der am­tier­te in ei­nem Ex­er­zi­ti­en­haus in Ve­ch­ta. Am 27.1.1943 wur­de er Päpst­li­cher Hausprä­lat. Die en­ge Ko­ope­ra­ti­on mit Bi­schof von Ga­len um­fass­te auch des­sen Pre­dig­ten.

Nach dem Krieg en­ga­gier­te sich Pohl­schnei­der un­ter an­de­rem für die Wie­der­er­rich­tung von Be­kennt­nis­schu­len und ka­tho­li­schen Pri­vat­schu­len, für die Grün­dung der ka­tho­li­schen Päd­ago­gi­schen Aka­de­mie in Ve­ch­ta und für die pas­to­ra­le In­te­gra­ti­on der Hei­mat­ver­trie­be­nen. Am 17.12.1945 wur­de er Nicht­re­si­die­ren­der Dom­ka­pi­tu­lar in Müns­ter.

Mit Bi­schof Mi­cha­el Kel­ler (Epis­ko­pat 1947-1961), der ihn am 8.10.1948 zum Ge­ne­ral­vi­kar für den rhei­nisch-west­fä­li­schen Teil des Bis­tums Müns­ter er­nann­te, be­trieb Pohl­schnei­der den wei­te­ren Wie­der­auf­bau, die neue De­ka­nats­ein­tei­lung, die Grün­dung ka­tho­li­scher Schu­len, den Auf­bau des ka­tho­li­schen Bil­dungs­we­sens und die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on der Diö­ze­san­ver­wal­tung.

Am 30.8.1954 er­nann­te Papst Pi­us XII. (Pon­ti­fi­kat 1939-1958) Pohl­schnei­der zum vier­ten Bi­schof des Bis­tums Aa­chen. Die Bi­schofs­wei­he im Aa­che­ner Dom er­folg­te am 18.11.1954 durch den Köl­ner Erz­bi­schof Jo­sef Kar­di­nal Frings. Als Leit­spruch wähl­te Pohl­schnei­der das Wort: „Chris­tus pax nos­tra - Chris­tus un­ser Frie­den".

Die ers­te Pha­se von Pohl­schnei­ders Amts­zeit bis zum Kon­zil be­stim­men drei Mo­men­te: die Be­reit­schaft zur Kon­ti­nui­tät mit der bis­he­ri­gen Bis­tums­lei­tung, sei­ne Er­fah­run­gen aus dem Bis­tum Müns­ter und die neu­en Her­aus­for­de­run­gen. So setz­te er die Be­mü­hun­gen Bi­schof Jo­han­nes Jo­seph van der Vel­dens um die kirch­li­che Mit­wir­kung der Lai­en fort und führ­te die Diö­ze­san­syn­ode 1959 mit den Diö­ze­san­sta­tu­ten, ei­nem Kom­pen­di­um der gel­ten­den Be­stim­mun­gen, zu En­de. Zu­gleich wid­me­te Pohl­schnei­der sich der Be­sei­ti­gung von Kriegs­schä­den und der Sa­nie­rung der Bis­tums­fi­nan­zen. Die Seel­sor­ge stütz­te er durch zahl­rei­che Ge­mein­de­grün­dun­gen und Kir­chen­bau­ten. Be­mer­kens­wert auch die Ein­rich­tung ei­ner Pres­se­stel­le so­wie von so­zia­len und länd­li­chen Se­mi­na­ren. In der Bi­schofs­kon­fe­renz warb er er­folg­reich für das so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che In­sti­tut in der Tra­di­ti­on des Volks­ver­eins in Mön­chen­glad­bach.

Seit 1955 lei­te­te Pohl­schnei­der die bi­schöf­li­che Kom­mis­si­on für Fa­mi­lie, Schu­le und Er­zie­hung mit dem An­lie­gen, die kon­fes­sio­nel­le Volks­schu­le und Leh­rer­bil­dung zu be­wah­ren. Sei­ne schul­po­li­ti­schen Ziel­set­zun­gen er­fuh­ren je­doch 1968 mit dem Lan­des­ge­setz zur Än­de­rung des Schul­we­sens ei­ne schmerz­li­che Nie­der­la­ge. In kirch­lich ge­tra­ge­nen Schu­len sah Pohl­schnei­der aber wei­ter­hin die Chan­ce zur ka­tho­li­schen Bil­dung im Sin­ne der Ein­heit von Glau­ben und Wis­sen. Dar­über hin­aus hat­te Pohl­schnei­der den Be­reich der der Er­wach­se­nen­bil­dung im Blick (un­ter an­de­rem Bi­schöf­li­che Aka­de­mie, Ex­er­zi­ti­en­haus, Land­volk­hoch­schu­le, Bis­tums­ver­lag, Ka­te­che­ti­sches In­sti­tut, Ka­tho­li­sche Fach­hoch­schu­le für So­zi­al­ar­beit). Für die Be­hand­lung pas­to­ra­ler Fra­gen für das Ge­samt­bis­tum schuf er die ab 1955 jähr­lich ta­gen­de Diö­ze­san­kon­fe­renz, de­ren letz­te 1968 die vom Kon­zil vor­ge­se­he­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren vor­be­rei­te­te. Schon 1957 (Diö­ze­san­kon­fe­renz) ahn­te Pohl­schnei­der die Ge­fähr­dung des kirch­li­chen Le­bens: „Es ist zu be­fürch­ten, dass in 10-20 Jah­ren ein stär­ke­rer Schwund im re­li­giö­sen Le­ben auch un­se­res Bis­tums ein­tritt." Die Re­so­nanz der Hei­lig­tums­fahrt 1958 mit 350.000 Pil­gern schien dem noch zu wi­der­spre­chen. Im sel­ben Jahr be­stä­tig­te Rom die Hei­li­gen­ver­eh­rung des Her­mann-Jo­sef von Stein­feld. Seit dem Som­mer 1963 ent­wi­ckel­ten sich die Ver­bin­dun­gen des Bis­tums Aa­chen mit der Kir­che in Ko­lum­bi­en zu ei­ner in­ten­si­ven Part­ner­schaft.

Das Er­leb­nis der ers­ten Kon­zils­ses­si­on ver­wan­del­te Pohl­schnei­ders an­fäng­li­che Skep­sis in Be­geis­te­rung. Bei den Be­ra­tun­gen über die christ­li­che Er­zie­hung ver­lang­te er in der Kon­zils­au­la am 19.11.1964 die Be­ach­tung fol­gen­der Grund­la­gen: das Recht je­des Men­schen auf an­ge­mes­se­ne Er­zie­hung, die Ab­leh­nung jeg­li­chen Schul­mo­no­pols, die Ver­pflich­tung des Staats, die pri­va­ten ka­tho­li­schen Schu­len bei glei­chen Leis­tun­gen wirt­schaft­lich wie die öf­fent­li­chen Schu­len zu un­ter­stüt­zen, die Tren­nung der äu­ße­ren Schul­be­din­gun­gen, für die der Staat zu sor­gen hat, von den in­ne­ren Prin­zi­pi­en der Er­zie­hung, die Sa­che der el­ter­li­chen Ge­wis­sens­über­zeu­gung sind. Die­se An­stö­ße sind in die Kon­zil­s­er­klä­rung über die christ­li­che Er­zie­hung vom 28.10.1965 ein­ge­flos­sen.

Nach dem Kon­zil sorg­te Pohl­schnei­der für ei­ne kon­se­quen­te, aber ma­ß­vol­le Um­set­zung der Be­schlüs­se, ein Vor­ha­ben, das ihm bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung ge­lang (Bis­tums­glie­de­rung in Re­gio­nen, Rä­te­struk­tur, Re­form des Ge­ne­ral­vi­ka­ri­ats). Al­le die­se Ein­rich­tun­gen soll­ten der Kom­mu­ni­ka­ti­on über In­hal­te und der Stär­kung der kirch­li­chen Ge­mein­schaft im Glau­ben die­nen.

Auch auf dem Ge­biet der Pries­ter­bil­dung hat Pohl­schnei­der Zei­chen ge­setzt (un­ter an­de­rem Priest­er­haus „Ma­ria Rast", Über­nah­me des Bon­ner Col­le­gi­um Leo­ni­num, neu­es Kon­zept für das Aa­che­ner Pries­ter­se­mi­nar). 1971 weih­te Pohl­schnei­der den ers­ten Stän­di­gen Dia­kon. Zu­gleich un­ter­stütz­te er die An­fän­ge der pas­to­ra­len Lai­en­be­ru­fe.

Als be­son­de­re Er­eig­nis­se in der Amts­zeit Pohl­schnei­der nach dem Kon­zil sind zu nen­nen die Aa­che­ner Hei­lig­tums­fahr­ten (1972 mit 175.000 Be­su­chern), der Mön­chen­glad­ba­cher Ka­tho­li­ken­tag 1974 so­wie die Se­lig­spre­chun­gen der aus dem Bis­tum stam­men­den Or­dens­grün­de­rin­nen The­re­se Wüllen­we­ber (1833-1907) 1968 und Fran­zis­ka Scher­vier im Jahr 1974.

Die An­nah­me des Rück­tritts­ge­such Pohl­schnei­ders durch Papst Paul VI. (Pon­ti­fi­kat 1963-1978) am 6.12.1974 war ver­bun­den mit der Er­nen­nung zum Apos­to­li­schen Ad­mi­nis­tra­tor bis zum Amts­an­tritt von Bi­schof Klaus Hem­mer­le am 30.10.1975. Pohl­schnei­der war in Aa­chen wei­ter­hin ak­tiv mit Aus­hil­fen, als Rat­ge­ber und als Au­tor von Text­bei­trä­gen. Er starb am 7.3.1981 und wur­de in der Bi­schofs­gruft des Aa­che­ner Do­mes bei­ge­setzt.

Die mit 21 Jah­ren bis­lang längs­te Amts­zeit ei­nes Aa­che­ner Bi­schofs füll­te ein enor­mes Ar­beits­pen­sum. Pohl­schnei­der wur­de als kon­ser­va­tiv ein­ge­schätzt. Wie er dies war, be­zeugt sei­ne Ein­stel­lung zum Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil, das er nach­hal­tig in das Bis­tum hin­ein­ge­tra­gen hat. Die Be­völ­ke­rung be­geg­ne­te Pohl­schnei­der mit Hoch­ach­tung. Er galt als ehr­lich, of­fen und ge­recht. 1964 er­hielt er das gro­ße Bun­des­ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik mit Stern. Als Ol­den­bur­ger konn­te er sich aber die Her­zen der Rhein­län­der nie ganz er­obern.

Literatur

Bre­cher Au­gust, Bi­schof ei­ner Wen­de­zeit. Dr. Dr. Jo­han­nes Pohl­schnei­der 1899-1981, Aa­chen 1997 [mit Schrif­ten­ver­zeich­nis, S. 262-264].

Bre­cher, Au­gust, Papst Paul VI. und Bi­schof Jo­han­nes Pohl­schnei­der: Ge­mein­sa­me Grund­hal­tun­gen - Über­ein­stim­mun­gen - per­sön­li­che Be­kannt­schaft, in: Ge­schich­te im Bis­tum Aa­chen, Bei­heft 1, Neu­stadt a. d. Aisch 1999, S. 139-151.

De­lahaye, Karl/Gatz Er­win/Jo­r­is­sen Hans (Hg), Be­stellt zum Zeug­nis. Fest­ga­be für Bi­schof Dr. Jo­han­nes Pohl­schnei­der, Aa­chen 1974.

Gatz, Er­win, Ge­schich­te des Bis­tums Aa­chen in Da­ten 1930-1985. Der Weg ei­ner Orts­kir­che, Aa­chen 1986, S. 81-153.

Gatz, Er­win, Die Bi­schö­fe der deutsch­spra­chi­gen Län­der 1945-2001, Ber­lin 2002, S. 41-43.

Sau­ser, Ek­kart, Ar­ti­kel "Pohl­schnei­der, Jo­han­nes", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 21 (2003), Sp. 1189-1190.

Wä­ckers, An­ton Jo­sef, Er­leb­te und ge­leb­te Kir­che von Aa­chen, Aa­chen 1995, S. 179-338.

 
Zitationshinweis

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Arens, Herbert, Johannes Pohlschneider, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-pohlschneider/DE-2086/lido/57c95b2da63e25.30094347 (16.07.2018)