Josef Kaiser

Unternehmer (1862-1950)

Martin Pesch (Bonn)

Porträt anlässlich seiner Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Viersen, 1932.

Jo­sef Kai­ser, Grün­der der „Kai­ser‘s-Kaf­fee-Ge­schäft Gmb­H“ und be­deu­ten­der Un­ter­neh­mer, ge­lang es, den fa­mi­liä­ren Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zu ei­ner der grö­ß­ten Ge­nuss- und Le­bens­mit­tel­fir­men auf deut­schem Ge­biet aus­zu­bau­en. Sein neu­ar­ti­ges Kon­zept des Fi­li­al­sys­tems mit ver­kürz­ten Ver­triebs­we­gen und ei­ner re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­kaufs­phi­lo­so­phie war weg­be­rei­tend für den mo­der­nen Ein­zel­han­del in Deutsch­land.

 

Jo­sef Kai­ser wur­de am 20.10.1862 als zweit­äl­tes­ter Sohn des Vier­sener Lei­nen­we­bers Her­mann Kai­ser (1821-1890) und des­sen Frau Ma­ria Ger­trud, ge­bo­re­ne Lie­se­manns (1822-1888), im west­fä­li­schen Neu­en­kir­chen ge­bo­ren. Der Va­ter Her­mann war dort zu die­ser Zeit als Werk­meis­ter bei der Er­rich­tung ei­nes Tex­til­be­triebs tä­tig. Ne­ben dem eben­falls in Neu­en­kir­chen ge­bo­re­nen äl­te­ren Bru­der Au­gust hat­te Kai­ser noch die bei­den Ge­schwis­ter Pe­ter Hein­rich (1855-um 1906/07) und Eva-Ma­ria (*1867). Ei­ne wei­te­re Schwes­ter na­mens An­na Eli­sa­beth, die 1852 ge­bo­ren wur­de, starb 1858 im Al­ter von sechs Jah­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch.

Josef Kaisers Geburts- und Wohnhaus. Mit dem Kolonialwarenladen der Eltern, 1880.

 

Nach Rück­kehr der Fa­mi­lie in die Hei­mat­stadt Vier­sen be­trieb der Va­ter im Orts­teil Ho­ser ei­ne Hand­we­be­rei, in der auch die Kin­der Zu­lie­fe­rer­ar­bei­ten ver­rich­te­ten. Mit dem Auf­dre­hen von Spu­len ver­dien­te sich Jo­sef Kai­ser als Kind bis zu ei­ner Mark am Tag. Im Zweiter­werb be­saß die Fa­mi­lie ei­nen klei­nen Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den, der von der Mut­ter im Wohn­haus ge­führt wur­de, und der den Grund­stein für Kai­sers Fir­men­im­pe­ri­um bil­den soll­te. 1877 be­gann Kai­ser ei­ne drei­jäh­ri­ge Leh­re in ei­ner Schlos­se­rei und Kup­fer­schmie­de, wel­che ihm das nö­ti­ge Wis­sen im Hin­blick auf ma­schi­nen­bau­li­che An­ge­le­gen­hei­ten beim spä­te­ren Auf­bau sei­ner Fir­ma mit­gab. 1880 kehr­te er in den el­ter­li­chen Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den zu­rück, wo er sich zu­neh­mend auf die Rös­te­rei und den Ver­kauf von Kaf­fee kon­zen­trier­te. An­ge­sichts der zur da­ma­li­gen Zeit häu­fig feh­ler­haf­ten Zu­be­rei­tung der Boh­nen durch die Kun­den auf dem hei­mi­schen Herd er­kann­te Kai­ser die Ab­satz­mög­lich­kei­ten ei­nes qua­li­ta­tiv gleich­blei­ben­den, hoch­wer­ti­gen Kaf­fees. Zur bes­se­ren Ver­mark­tung sei­nes im fa­mi­li­en­ei­ge­nen Hand­rös­ter her­ge­stell­ten Pro­dukts brach­te Kai­ser die Wa­re mit Pfer­de­wa­gen di­rekt zu den Kun­den, wor­in sich be­reits ein Grund­satz sei­nes spä­te­ren Fi­li­al­ge­schäfts­mo­dell äu­ßer­te, wo­nach die Wa­re auf kür­zes­tem We­ge um­ge­schla­gen wer­den müs­se. Dass Kai­sers Kon­zept funk­tio­nier­te, zeigt sich dar­an, dass zur Pro­duk­ti­ons­ver­grö­ße­rung be­reits 1882 zwei Röst­trom­meln aus Kal­den­kir­chen (heu­te Stadt Net­te­tal) er­wor­ben wur­den, die man seit 1885 durch Gas­mo­to­ren be­trieb. Mit der Er­öff­nung ei­nes ers­ten Zweig­ge­schäfts in der Beeck­stra­ße 39 in Duis­burg am 1.5.1885 - un­ter Lei­tung des äl­te­ren Bru­ders Au­gust - war der Be­ginn des ra­sant wach­sen­den Kai­ser­schen Fi­li­al­sys­tems mar­kiert, wel­chem im glei­chen Jahr zwei wei­te­re Lä­den in den Ruhr­ge­biets­städ­ten Es­sen und Bo­chum folg­ten. Die Stand­or­te wa­ren si­cher­lich nicht oh­ne Be­dacht ge­wählt, avan­cier­te Kaf­fee im 19. Jahr­hun­dert doch zum Ge­nuss­mit­tel im­mer brei­te­rer Be­völ­ke­rungs­schich­ten, die zur Jahr­hun­dert­wen­de ei­ne ste­tig wach­sen­de Kauf­kraft ge­ne­rier­ten. Fer­ner bo­ten die drei Städ­te ei­ne gro­ße Be­völ­ke­rungs­dich­te und Nä­he zum Pro­duk­ti­ons­stand­ort Vier­sen. Kai­sers Fi­li­al­prin­zip ei­nes nied­rig­prei­si­gen, über­schau­bar ge­hal­te­nen Sor­ti­ments von qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Stan­dard­waren trug zur Ge­win­nung ei­nes gro­ßen Kun­den­stamms bei. Ei­ne Ge­währ­leis­tung von Qua­li­tät, Preis und schnel­lem Ab­satz er­reich­te Kai­ser zu­nächst durch den Wa­ren­ein­kauf bei Ver­stei­ge­run­gen un­ter an­de­rem in Rot­ter­dam und Lon­don, wo er die an­ge­bo­te­ne Wa­ren­qua­li­tät selbst über­prü­fen konn­te. Spä­ter kauf­te er in Le Hav­re und Ham­burg, wo er mit der im bra­si­lia­ni­schen Kaf­fee­im­port tä­ti­gen Fir­ma „Theo­dor Wil­le“ zu­sam­men­ar­bei­te­te. Durch die di­rek­te Wa­ren­ab­nah­me und die Hin­wen­dung zum süd­ame­ri­ka­ni­schen Markt, der zu die­ser Zeit noch im Schat­ten des ja­vai­schen Kaf­fees stand, der Pro­dukt­preis wei­ter ge­senkt wer­den.

Porträt des 37-jährigen Josef Kaiser, 1899.

 

1888 wur­de die Fir­ma als of­fe­ne Han­dels­ge­sell­schaft ins Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Im Fol­ge­jahr er­folg­te der Aus­bau des Fi­li­al­net­zes mit der Er­rich­tung von Ge­schäf­ten in den vier grö­ß­ten ber­gi­schen Städ­ten El­ber­feld, Bar­men (bei­de heu­te Stadt Wup­per­tal), So­lin­gen und Rem­scheid. 1891 wa­ren die vier Ge­schwis­ter Kai­ser durch Ver­fü­gung des 1890 ver­stor­be­nen Va­ters als In­ha­ber der Fir­ma be­stimmt, die bis da­to be­reits ein Ka­pi­tal von 30.000 Mark be­saß. 1891 hei­ra­te­te Jo­sef Kai­ser Ju­lie Did­den (1870-1942), die Toch­ter des Vier­sener Braue­rei­be­sit­zers und Land­wirts Au­gust Did­den, der Kai­ser in die Malz­kaf­fee­her­stel­lung ein­führ­te. Aus der Ehe gin­gen zwei Söh­ne und fünf Töch­ter her­vor.

Mit der Ein­rich­tung von zwei Fi­lia­len im el­säs­si­schen Straß­burg 1893 wur­de erst­mals ei­ne Re­gi­on er­schlos­sen, die jen­seits der Rhein­pro­vinz lag. Wie das Ent­ste­hen von wei­te­ren Nie­der­las­sun­gen in Frei­burg, Stutt­gart und Heil­bronn zeigt, soll­te ein süd­west­deut­scher Markt auf­ge­baut wer­den. Da­mit auch hier die Ver­triebs­we­ge zwi­schen Pro­duk­ti­on und Ver­kauf kurz ge­hal­ten wur­den, er­rich­te­te die Fir­ma 1898 ei­ne Rös­te­rei im Ver­kaufs­stand­ort Heil­bronn. Bis 1894 war die Zahl der An­ge­stell­ten im Vier­sener Be­trieb auf vier an­ge­wach­sen, de­nen zwei 1897 an­ge­stell­te Pro­ku­ris­ten als Vor­ge­setz­te folg­ten.

Innenaufnahme des Kolonialwarenladen der Eltern, 1881.

 

1895 wur­de der Sohn Wal­ter Kai­ser (-1983) ge­bo­ren, wel­cher 1922 in die Ge­schäfts­füh­rung ein­trat. Mit der Um­stel­lung der Vier­sener Rös­te­rei auf ei­ne Dampf­kes­sel­an­la­ge und der Er­rich­tung von Pro­duk­ti­ons­neu­bau­ten 1897 hielt die In­dus­tria­li­sie­rung Ein­zug in das Un­ter­neh­men, das im No­vem­ber des glei­chen Jah­res in Bam­berg be­reits die Er­öff­nung der 100. Fi­lia­le fei­ern konn­te. Zu­dem dehn­te man 1897 das Ge­schäft auf die Reichs­haupt­stadt Ber­lin aus, wo ei­ne wei­te­re Rös­te­rei und fünf Ge­schäfts­lo­ka­le ent­stan­den. Im glei­chen Jahr rich­te­te Kai­ser ei­ne Be­triebs­kran­ken­kas­se ein, der 1904 ei­ne Un­ter­stüt­zungs­kas­se und 1910 die Ju­lie-Kai­ser-Stif­tung für an­ge­stell­te Wöch­ne­rin­nen folg­ten. Der­ar­ti­ge Pro­jek­te schu­fen ein gu­tes so­zia­les Vor­sor­ge­sys­tem für die An­ge­stell­ten des Un­ter­neh­mens. Durch die Um­wand­lung der Fir­ma zur „Kai­ser’s Kaf­fee-Ge­schäft Gmb­H“ 1899 wur­de Jo­sef Kai­ser al­lei­ni­ger Ge­schäfts­füh­rer und trieb im glei­chen Jahr die Ver­grö­ße­rung der Pro­duk­ti­ons­pa­let­te im Ge­nuss­mit­tel­sek­tor durch die Er­rich­tung ei­ner Scho­ko­la­den­fa­brik in Vier­sen vor­an, wel­che fi­nan­zi­ell von sei­nem Ham­bur­ger Ge­schäfts­part­ner Gus­tav Di­ede­rich­sen (1852-1924), Ge­schäfts­füh­rer von „Theo­dor Wil­le“, un­ter­stützt wur­de. Mit dem Bau ei­ner Rös­te­rei im schle­si­schen Bres­lau wur­de im letz­ten Jahr des 19. Jahr­hun­derts der Pro­duk­ti­ons­um­fang noch­mals ver­grö­ßert, wel­cher zu die­ser Zeit be­reits den Be­darf von 400 Fi­lia­len de­cken muss­te. Der ra­san­te Fir­men­auf­stieg hielt auch in den fol­gen­den Jah­ren an, so dass zum 25. Fir­men­ju­bi­lä­um im Jahr 1905 be­reits 900 Fi­lia­len und 2.060 Ar­beit­neh­mer re­gis­triert wer­den konn­ten. Zur Über­prü­fung und Ver­bes­se­rung von Be­die­nung, Kun­den­be­treu­ung, Räum­lich­kei­ten und des äu­ße­ren Er­schei­nungs­bilds der Ver­käu­fe­rin­nen in den ein­zel­nen Ge­schäf­ten wur­den die Fi­lia­len vom Fir­men­grün­der oder Re­vi­so­ren kon­trol­liert. Mit der Her­stel­lung ei­ner Schutz­mar­ke nach Ent­wurf des re­nom­mier­ten Ber­li­ner Ar­chi­tek­ten und De­si­gners Pe­ter Beh­rens (1868-1940) er­hielt die Fir­ma 1904 ihr bis heu­te ge­nutz­tes Lo­go „Die la­chen­de Kan­ne“, wel­ches 1914 von Beh­rens noch­mals über­ar­bei­tet wur­de und so­mit ihr heu­ti­ges Aus­se­hen er­hielt. Das Lo­go soll­te als Wie­der­er­ken­nungs­merk­mal wer­ben­de Wir­kung auf den Kun­den aus­üben, wie man es sich auch be­züg­lich der in Wer­be­an­zei­gen in­te­grier­ten wis­sen­schaft­li­chen Er­geb­nis­se über die ge­sun­de Wir­kung des Kai­ser­schen Kaf­fee ver­sprach. Zur Ver­brei­tung der Wer­bung wur­de un­ter an­de­rem die fir­men­ei­ge­ne Dru­cke­rei in Vier­sen ge­nutzt.

Mit an­hal­ten­dem Fir­men­wachs­tum be­müh­te sich Kai­ser, wei­te­re Ver­kaufs­wa­ren in die Ei­gen­pro­duk­ti­on auf­zu­neh­men. So wur­de 1909 mit der Er­rich­tung ei­ner Back­wa­ren- und Keks­fa­brik in Vier­sen be­gon­nen. Be­reits 1906 ließ Kai­ser die Kaf­fee­rös­te­rei sei­nes Ver­wand­ten Her­mann Kai­ser in Dül­ken (heu­te Stadt Vier­sen) zu ei­ner Malz­kaf­fee­fa­brik um­bau­en, der zwei wei­te­re in der 1907 nach Span­dau um­zo­ge­nen Ber­li­ner Rös­te­rei und in Heil­bronn folg­ten. Die Pro­duk­ti­on von Malz­kaf­fee ver­sprach wei­te­ren Kun­den­zu­wachs durch ar­me Be­völ­ke­rungs­tei­le, die sich den teu­re­ren Kaf­fee nicht leis­ten konn­ten.

Bild der ersten Filialen in Duisburg, 1885.

 

An­ge­sichts sei­ner wirt­schaft­li­chen Ver­diens­te wur­de Kai­ser 1910 von sei­ner Hei­mat­stadt Vier­sen, für die er seit 1897 auch als Bei­ge­ord­ne­ter  tä­tig war, zum Kom­mer­zi­en­ra­t  er­nannt. Ein Jahr spä­ter er­warb er den ehe­ma­li­gen Rit­ter­sitz Haus Clee in Wald­niel, wel­chen er in den 1930er Jah­ren durch zeit­ge­nös­si­sche Künst­ler aus­ge­stal­ten ließ, und der nach Ein­zug der Fa­mi­lie im Jahr 1937 sei­ne Samm­lung von Künst­lern des 19. Jahr­hun­derts be­hei­ma­te­te. Die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der Fir­ma ge­stat­te­te ihm in­des auch städ­ti­sche Pro­jek­te, wie den Bau der Vier­sener Fest­hal­le 1914 vor­an­zu­trei­ben, den er mit ei­ner Spen­de von 130.000 Mark un­ter­stütz­te. Durch Kai­sers in­no­va­ti­ve Fir­men­phi­lo­so­phie stieg bis 1914 die Zahl der Fil­lia­len auf knapp 1.400 Fi­lia­len und die der Mit­ar­bei­ter auf 3.810 Mit­ar­bei­tern.

Entwicklung der lachenden Kaffekanne. Das Markenzeichen der Kaiser's Kafffe-Geschäft AG.

 

Mit dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs und der ein­her­ge­hen­den Um­stel­lung auf die Kriegs­wirt­schaft be­gann für die Fir­ma ei­ne ent­beh­rungs­rei­che Zeit. So brach durch die See­blo­cka­de der En­ten­te­mäch­te der Im­port des bra­si­lia­ni­schen Kaf­fees, ein Haupt­ein­kom­mens­zweig, weg, des­sen Aus­fäl­le je­doch teil­wei­se durch die nun in­ten­si­ver be­trie­be­ne Malz­kaf­fee­pro­duk­ti­on auf­ge­fan­gen wer­den konn­te. Zur Un­ter­stüt­zung von Kriegs­in­va­li­den und Hin­ter­blie­be­nen grün­de­te Kai­ser in­des­sen ei­ne Stif­tung in Hö­he von 200.000 Mark. Auf­grund der sich ste­tig ver­schlech­tern­den ge­samt­wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on und der Ab­tren­nung von Reichs­ge­bie­ten, wie El­sass-Loth­rin­gens und Ober­schle­si­ens durch den Ver­sailler Ver­trag, sank die Zahl der Fi­lia­len bis 1918 auf knapp 1.050. Die Be­sat­zung der Sie­ger­mäch­te und die pre­kä­re wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on der deut­schen Be­völ­ke­rung nach Kriegs­en­de und vor al­lem wäh­rend der In­fla­ti­ons­zeit 1921-1923 be­hin­der­ten ei­nen Wie­der­auf­bau der Fir­ma zur ehe­ma­li­gen Vor­kriegs­grö­ße ent­schie­den. Trotz die­ser La­ge un­ter­stütz­te Kai­ser durch so­zia­le Maß­nah­men die Ar­men­für­sor­ge durch ei­ne Stif­tung von 1.000 Mark je Fi­lia­le an Ort­schaf­ten, die als Stand­or­te von Ver­kaufs­lo­ka­len dien­ten. 1925 wur­de ein Fonds für Ver­käu­fe­rin­nen ein­ge­rich­tet, die nicht ins So­zi­al­ge­fü­ge der Fir­ma in­te­griert wa­ren. Letz­te­re er­leb­te un­ter­des­sen nach Ab­flau­en der In­fla­ti­on  ei­nen er­neu­ten Auf­schwung, der sich in in­ter­nen Mo­der­ni­sie­rungs­pro­zes­sen in der Pro­duk­ti­on und im Wie­der­an­wach­sen der Fi­li­al­zahl auf 1.400 bis zum Jahr 1930 nie­der­schlug. Bei ei­ner Rei­se nach Bra­si­li­en 1926 konn­te Kai­ser nach jahr­zehn­te­lan­ger Ar­beit mit den Sa­men erst­mals per­sön­lich die An­bau­kul­tur des Kaf­fees ken­nen­ler­nen, wor­über er nach sei­ner Rück­kehr ei­ne Bro­schü­re ver­fass­te.

Die Aus­wir­kun­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se, wel­che sich im Deut­schen Reich ins­be­son­de­re in den Jah­ren 1931/1932 be­merk­bar mach­ten, schei­nen dem Un­ter­neh­men Kai­ser wirt­schaft­lich nur be­dingt ge­scha­det zu ha­ben, da die Zahl der Fi­lia­len zwi­schen 1930 und 1933 noch­mals um cir­ca 200 Stück an­stieg. Wie schon in vor­he­ri­gen Kri­sen­zei­ten zeig­te Kai­ser auch in die­ser Pha­se so­zia­les En­ga­ge­ment, in­dem er Wohl­fahrts­kas­sen für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te ins Le­ben rief und über meh­re­re Mo­na­te an je­de Fi­lia­le 50 Pfund Le­bens­mit­tel zur Ver­tei­lung an die in Not Ge­ra­te­nen spen­de­te. Nicht nur sei­ne wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen, son­dern eben auch die­se so­zia­len Ver­diens­te dürf­ten da­zu bei­ge­tra­gen ha­ben, dass die Stadt Vier­sen ihn 1932 zum Eh­ren­bür­ger er­hob. Vie­le Jah­re ge­hör­te er zu­dem als Stadt­ver­ord­ne­ter dem Vier­sener Rat an.

Wäh­rend der NS-Herr­schaft konn­te das Fi­li­al­netz nach Lo­cke­rung des Ein­zel­han­dels­schutz­ge­set­zes vom 12.5.1933 noch­mals bis auf 1.903 Lä­den im Jahr 1939 ver­grö­ßert wer­den. Je­doch gab es seit Be­ginn des Bom­ben­kriegs im Zwei­ten Welt­krieg schwe­re Ver­lus­te durch Zer­stö­run­gen von Ge­schäfts­lo­ka­len und Pro­duk­ti­ons­stät­ten. Ein per­sön­li­cher Schick­sals­schlag traf Kai­ser durch den Tod sei­ner Frau Ju­lie im Jahr 1942. Die nach Kriegs­en­de 1945 voll­zo­ge­ne Ab­spal­tung der ost­el­bi­schen Reichs­ge­bie­te so­wie die Ein­tei­lung des Staa­tes in Be­sat­zungs­zo­nen be­deu­te­te schlie­ß­lich ei­ne weit­ge­hen­de Zer­schla­gung des Fi­li­al­net­zes, so dass nur noch 722 Lä­den in Fir­men­hand ver­blie­ben. Die im Zu­ge der Mi­li­tär­be­sat­zung ent­stan­de­nen Be­schlag­nah­men und deutsch­land­wei­ten De­mon­ta­gen führ­ten auch im Pro­duk­ti­ons­sek­tor Kai­sers zu er­heb­li­chen Pro­ble­men. Der seit Jahr­zehn­ten im deut­schen Ein­zel­han­del fest­ver­an­ker­ten Le­bens­mit­tel­ket­te ge­lang je­doch er­neut der Wie­der­auf­bau, wo­bei der Fir­men­grün­der be­reits am Kon­zept des da­mals neu­auf­kom­men­den Selbst­be­die­nungs­la­dens feil­te, der als Vor­rei­ter für die Ver­kaufs­struk­tur heu­ti­ger Su­per­märk­te und Dis­coun­ter be­zeich­net wer­den kann. Die Um­set­zung sei­ner Idee durch die Er­öff­nung ei­nes ers­ten Selbst­be­die­nungs­la­dens in Duis­burg im Jahr 1952 er­leb­te Kai­ser je­doch nicht mehr. Er starb am 17.6.1950 auf Haus Clee.

Nach dem Tod Kai­sers schritt die Um­wand­lung der Fi­lia­len in Selbst­be­die­nungs­lä­den ste­tig vor­an, so dass be­reits 1960 68 Pro­zent der 956 Ge­schäfts­lo­ka­le nach die­sem Ver­kaufs­sche­ma be­trie­ben wur­den. Zwei Jah­re spä­ter ging die Fir­ma als Ak­ti­en­ge­sell­schaft an die Bör­se und wur­de von der neu­en Ge­schäfts­füh­rung um 500 Fi­lia­len ver­klei­nert, wäh­rend die ver­blie­ben Ge­schäf­te zu Su­per­märk­ten um­ge­wan­delt wur­den. 1971 ver­lor Kai­ser’s sei­ne Selbst­stän­dig­keit, in­dem es vom Spar­ten­kon­kur­ren­ten Ten­gel­mann aus Mül­heim an der Ruhr über­nom­men wur­de, der über 75 Pro­zent der Ak­ti­en­an­tei­le er­wor­ben hat­te. Die Fu­si­on wur­de vom da­ma­li­gen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den der Fir­ma Wal­ter Vock in Ab­spra­che mit den Er­ben Kai­sers be­trie­ben.

Werke

Bil­der und Er­in­ne­run­gen. Ei­ne Rei­se nach Bra­si­li­en, dem Haupt­kaf­fee­land der Welt, Düs­sel­dorf 1920. 

Literatur

80 Jah­re Kai­ser’s Kaf­fee-Ge­schäft GmbH, in: Was bie­tet Vier­sen 146 (1960), S. 30-33.

100 Jah­re Kai­ser’s. 1880-1980. (Hg.) Kai­ser’s Kaf­fee-Ge­schäft AG Vier­sen, Vier­sen 1980.

Bart­mann, H., Jo­sef Kai­ser und sein Werk, in: Der Nie­der­rhein, Düs­sel­dorf 1913, S. 322-326.

Deil­mann, Jo­sef, Kom­mer­zi­en­ra­t ­Kai­ser, in: Hei­mat­buch des Grenz­krei­ses Kem­pen-Kre­feld 2 (1951), S. 70-72.

Pei­ner, Wer­ner, Jo­sef Kai­ser. Zum 75. Ge­burts­tag Jo­sef Kai­sers, Es­sen (1937).

Schul­te, Paul Gün­ter, Kom­mer­zi­en­ra­t Jo­sef Kai­ser (1862-1950), in: Hei­mat­buch des Krei­ses Vier­sen 32 (1981), S. 21-32.

Online

Mei­er, Ul­rich, „Kai­ser, Jo­se­f“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 11 (1977), S. 43 [On­line]

Werbung der sechs Röstereien des Kaiser's Kaffeegeschäft, 1912.

 
Zitationshinweis

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Pesch, Martin, Josef Kaiser, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/josef-kaiser/DE-2086/lido/5804af6ccba943.94794817 (15.11.2018)