Käthe Overath

NS-Widerstandskämpferin (1926-1995)

Jennifer Striewski (Bonn)

Käthe Overath, Porträtfoto, 1943. (Privatbesitz)

Kä­the Over­ath, ge­bo­re­ne Mei­er, ret­te­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges ei­ne jü­disch-ka­tho­li­sche Fa­mi­lie vor der Ver­fol­gung durch das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime und wur­de für ih­re mu­ti­ge Tat 1978 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz so­wie 1990 mit dem Eh­ren­ti­tel „Ge­rech­te un­ter den Völ­kern" aus­ge­zeich­net.

Kä­the Over­ath wur­de am 16.9.1926 in Loh­mar-Don­rath als Toch­ter von Al­bert Mei­er (ge­bo­ren 1894) und des­sen Ehe­frau Ma­ria Hen­se­ler (ge­bo­ren 1895) ge­bo­ren. Sie wuchs in ei­nem streng christ­lich ge­präg­ten El­tern­haus auf und be­such­te in Sieg­burg zu­nächst die Volks- und im An­schluss dar­an die Han­dels­schu­le. Die El­tern, bei­de tief gläu­bi­ge Ka­tho­li­ken, ge­rie­ten nach der „Macht­er­grei­fung" der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 30.1.1933 mehr­fach in Kon­flikt mit dem Re­gime. Ins­be­son­de­re Al­bert Mei­er war als Mit­glied der Zen­trums­par­tei früh­zei­tig zu ei­nem ent­schie­de­nen Geg­ner des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­wor­den. 1939 wur­de er we­gen an­geb­li­cher „Zer­set­zung der Volks­mo­ral" in po­li­zei­li­chen Ge­wahr­sam ge­nom­men.

 

Wäh­rend sich an­de­re Fa­mi­li­en nach 1933 von ih­ren jü­di­schen Freun­den und Be­kann­ten dis­tan­ziert hat­ten, bra­chen die Mei­ers den Kon­takt zu der seit Jah­ren be­freun­de­ten Fa­mi­lie Ber­nau­er aus Trois­dorf nicht ab und un­ter­stütz­ten die­se zu­nächst mit Klei­dern und Le­bens­mit­teln. Bis 1919 ar­bei­te­te Ma­ria Mei­er bei den Ber­nau­ers als Kin­der­mäd­chen, nach ih­rer Hei­rat mit Al­bert Mei­er 1919 blieb die Ver­bin­dung zu der jü­disch-ka­tho­li­schen Fa­mi­lie be­ste­hen.

Er­win Ber­nau­er (1886-1961), In­ha­ber ei­nes Fo­to­ate­liers, war im Ge­gen­satz zu sei­ner jü­di­schen Frau Nan­ny Stern (1880-1960) ka­tho­li­schen Glau­bens. Da ih­re Ehe auf­grund sei­ner er­wie­se­nen „ari­schen Ab­stam­mung" als pri­vi­le­gier­te „Misch­ehe" galt, blie­ben sie und ih­re ge­mein­sa­me Toch­ter Ka­ro­la He­le­ne (1919-2002) zu­nächst ver­gleichs­wei­se un­be­hel­ligt, wäh­rend die meis­ten an­de­ren jü­di­schen Ein­woh­ner Trois­dorfs seit 1941 de­por­tiert wor­den wa­ren.

Im Sep­tem­ber 1944 er­hielt auch Nan­ny Ber­nau­er den Be­scheid, dass sie sich zu­sam­men mit ih­rer Toch­ter in das „Ju­den­la­ger" Köln-Mün­gers­dorf zu be­ge­ben hät­te: Am 11. Sep­tem­ber wur­de sie mit ei­nem LKW ab­ge­holt. Er­win Ber­nau­er woll­te sich, ob­wohl selbst kein Ju­de, nicht von sei­ner Ehe­frau tren­nen und blieb an ih­rer Sei­te. Zu­sam­men mit wei­te­ren Ju­den aus Trois­dorf und der Um­ge­bung wur­den sie in das Fort V ge­bracht, ein ehe­ma­li­ges Fes­tungs­ge­fäng­nis, das seit 1941 als Sam­mel­stel­le für die De­por­ta­tio­nen in den eu­ro­päi­schen Os­ten dien­te.

Als Ka­ro­la Ber­nau­er au­ßer­halb des La­gers Me­di­ka­men­te für ei­ni­ge Kran­ke In­sas­sen be­sor­gen soll­te, nutz­te sie die Ge­le­gen­heit zur Flucht und wand­te sich an Kä­the Over­ath und ih­re Mut­ter. Al­bert Mei­er war be­reits im Som­mer 1944 zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den. Mut­ter und Toch­ter ver­steck­ten das jü­di­sche Mäd­chen im ei­ge­nen Haus und muss­ten nun stän­dig be­fürch­ten, ent­deckt und ver­ra­ten zu wer­den. Au­ßer­dem schleus­ten sie ge­mein­sam Le­bens­mit­tel in das Mün­gers­dor­fer La­ger, da­mit Er­win und Nan­ny Ber­nau­er die Ta­ge vor dem ge­plan­ten Ab­trans­port nach The­re­si­en­stadt über­le­ben konn­ten. Kurz vor der dro­hen­den De­por­ta­ti­on des Ehe­paars ent­schied sich die jun­ge Kä­the Over­ath im Herbst 1944 zu ei­ner toll­küh­nen Ret­tungs­ak­ti­on. Um un­ge­hin­dert in das La­ger ge­lan­gen und die Le­bens­mit­tel über­brin­gen zu kön­nen, be­gann sie mit den SS-Wa­chen ein Ge­spräch, in des­sen Ver­lauf sie er­klär­te, sie wol­le ih­re El­tern ab­ho­len, die in der Kü­che ar­bei­te­ten. Nach­dem Over­ath ei­ni­ge Zeit ge­war­tet hat­te, frag­te sie schlie­ß­lich die Wa­chen, ob sie ins La­ger hin­ein dür­fe, um nach­zu­se­hen, wo ih­re an­geb­li­chen El­tern so lan­ge blie­ben. Un­ter der Be­din­gung, dass sich Kä­the Over­ath für den nächs­ten Tag mit ih­nen ver­ab­re­de, stimm­ten die Wa­chen zu.

Im La­ger ge­lang es Over­ath bald, die Ber­nau­ers aus­fin­dig zu ma­chen. Ei­ner spon­ta­nen Ein­ge­bung fol­gend, ver­steck­te Kä­the Over­ath den Ju­den­stern Nan­ny Ber­nau­ers, der seit dem 1.9.1941 für Ju­den Pflicht war, un­ter Schal und Man­tel und nahm das Ehe­paar an ih­re Sei­te. Zu­sam­men gin­gen die drei an­schlie­ßend zum Aus­gang und schimpf­ten de­mons­tra­tiv auf die Ju­den, so­dass die Wa­chen kei­ner­lei Ver­dacht schöpf­ten und Over­ath le­dig­lich an ih­re Ver­ab­re­dung er­in­ner­ten.

Kä­the Over­ath und ih­re Mut­ter ver­steck­ten die bei­den Flücht­lin­ge und ih­re Toch­ter zu­nächst im Kel­ler ih­res Don­ra­ther Hau­ses, al­ler­dings ge­stal­te­te sich die Ver­sor­gung als äu­ßerst schwie­rig, da für die Ber­nau­ers kei­ne Le­bens­mit­tel­mar­ken zur Ver­fü­gung stan­den. Da­her weih­te Al­bert Mei­er das be­freun­de­te Bau­er­ehe­paar Lud­wig und Eli­sa­beth Weeg aus Wahl­scheid ein, von de­nen die Mei­ers mit Milch, Fleisch und Brot ver­sorgt wur­den.

Als Over­aths Va­ter im No­vem­ber 1944 auf Fron­t­ur­laub nach Hau­se kam, wur­de die La­ge zu­neh­mend kri­tisch. Da er als po­li­tisch „un­zu­ver­läs­sig" galt und un­ter stän­di­ger Be­ob­ach­tung stand, quar­tier­te er sich bei sei­nem Bru­der ein, um die jü­di­sche Fa­mi­lie in sei­nem Haus nicht zu­sätz­lich in Ge­fahr zu brin­gen.

Trotz­dem kam es zum En­de des Jah­res 1944 häu­fi­ger zu De­nun­zia­tio­nen. Da­her brach­te Kä­the Over­ath in ei­ner Nacht-und-Ne­bel-Ak­ti­on, auf ei­nem Pfer­de­wa­gen und un­ter Pla­nen ver­steckt, Fa­mi­lie Ber­nau­er zu Lud­wig und Eli­sa­beth Weeg nach Wahl­scheid, wo schlie­ß­lich auch ih­re zwei­te Toch­ter Er­na Nuss­baum mit ih­rem Ehe­mann Un­ter­schlupf fand und wo sie bis Kriegs­en­de im Mai 1945 blie­ben. Spä­ter kehr­te die Fa­mi­lie nach Trois­dorf zu­rück.

Kä­the Over­ath ver­brach­te ihr wei­te­res Le­ben in Don­rath. Nach 1945 hei­ra­te­te sie den frü­he­ren Sol­da­ten Hein­rich Over­ath (1916-1990). Für ih­re cou­ra­gier­te Tat wur­de sie 1978 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz aus­ge­zeich­net. 1990 ver­lieh ihr die is­rae­li­sche Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te „Yad Vas­hem" in Is­ra­el, wie auch ih­ren El­tern und dem Ehe­paar Weeg, den Ti­tel „Ge­rech­te un­ter den Völ­kern". Sie starb am 23.11.1995.

Literatur

Flör­ken, Nor­bert, Trois­dorf un­ter dem Ha­ken­kreuz. Ei­ne rhei­ni­sche Klein­stadt und die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, Aa­chen 1986.

Gin­zel, Gün­ther Bernd, „… das durf­te kei­ner wis­sen!". Hil­fe für Ver­folg­te im Rhein­land von 1933-1945 - Ge­sprä­che, Do­ku­men­te, Tex­te, Pul­heim 1995, S. 127-142.

Gut­mann, Is­ra­el/Fra­en­kel, Da­ni­el/Bo­rut, Ja­cob, Le­xi­kon der Ge­rech­ten un­ter den Völ­kern. Deut­sche und Ös­ter­rei­cher, Göt­tin­gen 2005, S. 193-194.

Hell­mund, Ru­dolf, … denn sie tru­gen den Da­vid­stern, in: Trois­dor­fer Jah­res­hef­te 11 (1981), S. 69-100.

Streichardt, Gerd, Nicht al­le wa­ren Mör­der, in: Loh­ma­rer Hei­mat­blät­ter 22 (2008), S. 60-64.

Weeg, No­ra/Hir­zel, An­net­te, Mensch­li­che Licht­bli­cke in dunk­ler Zeit. Die Ret­tungs­ge­schich­te der jü­di­schen Fa­mi­lie Ber­nau­er, Schrif­ten­rei­he des För­der­ver­eins Ge­denk­stät­te Land­ju­den an der Sieg e.V. Bd. 4, Sieg­burg 2014.

Käthe Overath mit den beiden Eltern Albert und Maria Meier. (Kreisarchiv Siegburg)

 
Zitationshinweis

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Striewski, Jennifer, Käthe Overath, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/kaethe-overath/DE-2086/lido/57c957b81b0612.61994739 (16.11.2018)