Karl Dietrich Hüllmann

Gründungsrektor der Universität Bonn (1765-1846)

Thomas P. Becker (Bonn)

Karl Dietrich Hüllmann, Porträt, Lithografie von Christian Hohe (1798-1868), 1835. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Karl Diet­rich Hüll­mann war der ers­te Rek­tor der Uni­ver­si­tät Bonn. Der ­en­ga­gier­te und bei den Stu­den­ten be­lieb­te His­to­ri­ker präg­te mit sei­nen Vor­le­sun­gen das Bild des neu­en for­schungs­ori­en­tier­ten und be­geis­tern­den Wis­sen­schaft­lers, wie die Uni­ver­si­täts­re­form Wil­helms von Hum­boldt (1767-1835) ihn brauch­te. Zu Leb­zei­ten hoch ge­ehrt und be­wun­dert, blieb Hüll­mann doch oh­ne gro­ßen Ein­fluss auf die wei­te­re Ent­wick­lung der deut­schen Ge­schichts­schrei­bung.

„Zu Er­de­born bei Eis­le­ben in der ehe­ma­li­gen Graf­schaft Mans­feld, wo mein Va­ter Pre­di­ger war, bin ich am 10. Sep­tem­ber 1765 ge­bo­ren. Den Ju­gend-Un­ter­richt ha­be ich auf dem Gym­na­si­um der ge­nann­ten Stadt, und auf der Uni­ver­si­tät Hal­le ge­nos­sen“, so schreibt der da­mals schon 73-jäh­ri­ge His­to­ri­ker Hüll­mann 1838 in das Stamm­buch der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn. Ob­wohl er spä­ter als Ge­schichts­pro­fes­sor wir­ken soll­te, hat er in Hal­le Theo­lo­gie, Phi­lo­so­phie und vor al­lem Päd­ago­gik stu­diert. Sein wich­tigs­ter Hoch­schul­leh­rer wur­de der Pro­fes­sor für Theo­lo­gie Au­gust Her­mann Nie­mey­er (1754–1828). Nie­mey­er er­kann­te Hüll­manns päd­ago­gi­sche Nei­gung und er­mu­tig­te ihn, den Weg in den Schul­dienst zu wäh­len. Nach Ab­schluss des Stu­di­ums über­nahm er für ein hal­bes Jahr ei­ne Stel­le als Er­zie­her in der erst 1784 ge­grün­de­ten „phil­an­thro­pi­schen Er­zie­hungs­an­stal­t“ Schnepfen­thal bei Chris­ti­an Gott­hilf Salz­mann (1744-1811). Die­se Tä­tig­keit war so­zu­sa­gen die Lehr­zeit Hüll­manns, nach der er in Bre­men ei­ne ei­ge­ne Schu­le für die Söh­ne der dor­ti­gen Han­dels­her­ren er­öff­ne­te. Fünf Jah­re un­ter­hielt er die­se Han­dels­schu­le, doch im Früh­jahr 1792 über­nahm er we­gen der grö­ße­ren wirt­schaft­li­chen Si­cher­heit ei­ne Stel­le als Leh­rer für Fran­zö­sisch und Geo­gra­phie im Päd­ago­gi­um des Klos­ters Ber­ge bei Mag­de­burg. Das seit 1565 evan­ge­li­sche Klos­ter be­her­berg­te vom 17. Jahr­hun­dert bis zu sei­nem En­de in der na­po­leo­ni­schen Zeit ei­ne der be­deu­tends­ten Lehr­an­stal­ten des deut­schen Pie­tis­mus. Wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten ge­gen­über war man hier durch­aus auf­ge­schlos­sen, und so ist es kein Wun­der, dass Karl Diet­rich Hüll­mann 1793 an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen pro­mo­viert wur­de. Bald dar­auf zog er als Be­glei­ter ei­nes Ade­li­gen nach Ber­lin. Auf Be­trei­ben des Ber­li­ner Ober­kon­sis­to­ri­al­rats Karl Franz von Irwing (1728-1801) folg­te er ei­nem Ruf auf ei­ne Pro­fes­sur für Ge­schich­te an die Vi­a­d­ri­na in Frank­furt an der Oder. Nach sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­on (1795) wur­de er 1797 zum au­ßer­or­dent­li­chen und 1807 zum or­dent­li­chen Pro­fes­sor für Ge­schich­te er­nannt.  

1807 war ein Schick­sals­jahr für Preu­ßen, denn nach der Nie­der­la­ge ge­gen Na­po­le­on ver­lor das Land im Frie­den von Til­sit die Hälf­te sei­nes Ter­ri­to­ri­ums ein­schlie­ß­lich der Uni­ver­si­tät Hal­le. Da­her galt es, die ver­blie­be­nen Uni­ver­si­tä­ten zu stär­ken, in de­nen die Hoff­nungs­trä­ger Preu­ßens aus­ge­bil­det wer­den soll­ten. In Ber­lin soll­te ei­ne neue ganz mo­der­ne Uni­ver­si­tät er­rich­tet wer­den. Da­durch wur­de die Uni­ver­si­tät Frank­furt/Oder über­flüs­sig. Der mitt­ler­wei­le re­nom­mier­te und be­lieb­te Hüll­mann wur­de da­her nach Kö­nigs­berg ver­setzt, um die­sen öst­li­chen Bil­dungs­stand­ort Preu­ßens zu ver­stär­ken. Die fol­gen­den neun Jah­re in Kö­nigs­berg wa­ren die schöns­ten sei­ner be­ruf­li­chen Lauf­bahn. Ne­ben der wis­sen­schaft­li­chen An­er­ken­nung, die er sich schon in Frank­furt mit Ar­bei­ten zur Ver­fas­sungs- und zur Wirt­schafts­ge­schich­te er­wor­ben hat­te, trat jetzt ein zu­neh­men­der Ruhm als aka­de­mi­scher Leh­rer. Da­zu kam die Chan­ce, sei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Nei­gung als De­kan und in an­de­ren aka­de­mi­schen Ver­wal­tungs­äm­tern zu er­pro­ben. Kö­nigs­berg war bis Weih­nach­ten 1809 die Re­si­denz der kö­nig­li­chen Fa­mi­lie, und da­her über­nahm Hüll­mann mit sei­nen pa­cken­den Vor­trä­gen den Ge­schichts­un­ter­richt des Kron­prin­zen und spä­te­ren Kö­nigs Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gie­rungs­zeit 1840-1858).

Dies al­les emp­fahl ihn we­ni­ge Jah­re spä­ter für das Amt des Grün­dungs­rek­tors der neu­en preu­ßi­schen Uni­ver­si­tät im Rhein­land. Er hat­te sich frei­lich nicht auf die­se Po­si­ti­on be­wor­ben, son­dern woll­te 1817, weil das ost­preu­ßi­sche Kli­ma sei­ner Ge­sund­heit nicht be­kam, ei­ne Stel­le in Hei­del­berg über­neh­men. Das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um bot ihm die Al­ter­na­ti­ve, in preu­ßi­schen Diens­ten zu blei­ben und gleich­zei­tig sei­nem Wunsch nach mil­de­rem Kli­ma nach­zu­kom­men. So wur­de Hüll­mann schon ein Jahr vor Er­öff­nung der Uni­ver­si­tät in Bonn ein­ge­stellt. Sein or­ga­ni­sa­to­ri­sches Ta­lent war bei der Pla­nung der neu­en Bon­ner Hoch­schu­le hoch will­kom­men. Am 21.10.1817 wur­de er durch den Kul­tus­mi­nis­ter zum Rek­tor er­nannt. Sein Amts­jahr war ge­prägt von fort­wäh­ren­den Im­pro­vi­sa­tio­nen, aber mit Glück und Ge­schick­lich­keit lie­ßen sich grö­ße­re Pro­ble­me ver­mei­den. Beim Auf­bau der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek al­ler­dings be­wies Hüll­mann nicht im­mer ei­ne glück­li­che Hand. So wies er die an­ge­bo­te­nen Bi­blio­the­ken der Stif­te von Ku­es und Vi­lich zu­rück, weil er in der Über­nah­me von In­ku­na­beln kei­nen Nut­zen für die Wis­sen­schaft sah.   

Viel An­klang fand Hüll­mann mit sei­nen Vor­le­sun­gen. Als Ein­zi­ger un­ter den Bon­ner Pro­fes­so­ren hat­te er nicht we­ni­ger Hö­rer als der be­rühm­te Au­gust Wil­helm Schle­gel (1767-1845). Zeit­wei­se ging je­der zwei­te Bon­ner Stu­dent in Hüll­manns Ge­schichts­vor­le­sung. Da­bei kam ihm zwei­fel­los sei­ne Er­fah­rung als Gym­na­si­al­leh­rer zu­stat­ten, denn sein Vor­trags­stil war sehr be­liebt. Er sprach frei, statt ein Ma­nu­skript zu ver­le­sen, ver­blüff­te sei­ne Zu­hö­rer hin und wie­der mit un­er­war­te­ten Ver­glei­chen und schob ger­ne Scher­ze ein. Da­bei re­pi­tier­te er nicht ein­fach den Lehr­buch­stoff, son­dern be­müh­te sich um die Wei­ter­ga­be der neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­se und gab auch die ei­ge­nen Ver­ständ­nis­fort­schrit­te an sei­ne Stu­den­ten wei­ter, wie sein lang­jäh­ri­ger Freund Fer­di­nand Del­brück (1772-1848) in sei­nem Nach­ruf be­merkt. Die Stu­den­ten dank­ten es ihm. Ein über­aus kri­ti­scher Geist wie der Ba­se­ler Pa­tri­zi­er­s­ohn Ja­kob Burck­hardt (1818-1897), der an Bonn kein gu­tes Haar las­sen woll­te, schrieb 1841 „Bonn als Uni­ver­si­tät kommt mir ver­flucht eng und man­gel­haft vor […] Pro­fes­so­ren ken­ne ich nicht, au­ßer Hüll­mann und Men­delsohn“. Und Hüll­mann re­van­chier­te sich, in­dem er für Burck­hardt bürg­te, da­mit die­ser sich Bü­cher aus der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek aus­lei­hen konn­te.

So er­folg­reich er als Vor­tra­gen­der war, so we­nig Wir­kung war sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Wer­ken be­schie­den. Die Ent­wick­lung des Bür­ger­tums seit dem Mit­tel­al­ter in­ter­es­sier­te ihn im­mer wie­der, aber er blieb in sei­nen Ar­bei­ten der Auf­klä­rungs­zeit ver­haf­tet, die stren­gen Maß­stä­be ei­ner his­to­risch-kri­ti­schen Me­tho­de blie­ben ihm fremd. Ihr aber ge­hör­te die Zu­kunft. Auch per­sön­lich hat­te er kein dau­er­haf­tes Glück. Sei­ne Ehe blieb kin­der­los, sei­ne Frau Ma­rie wand­te sich dem Bo­ta­ni­ker Chris­ti­an Gott­fried Da­ni­el Nees von Esen­beck zu, der sei­ne ei­ge­ne Ehe für sie auf­gab und sie 1829 kur­zer­hand ent­führ­te, als sie sich von ihm schwan­ger glaub­te.

Hüll­mann hielt bis ins ho­he Al­ter hin­ein wei­ter Vor­le­sun­gen, doch schrieb er nur noch klei­ne­re Ar­bei­ten. Die höchs­ten Eh­run­gen wur­den ihm zu­teil, zu­mal als die Uni­ver­si­tät Bonn 1843 ihr 25-jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um fei­er­te und ihn als Grün­dungs­rek­tor ehr­te. Doch auch wenn er bis 1843 im­mer wie­der Vor­le­sun­gen an­kün­dig­te, so hat­te er die letz­te schon im Som­mer 1841 ge­hal­ten. Zu sehr war sei­ne Ge­sund­heit an­ge­grif­fen, zu sehr war aber auch die Ent­wick­lung in sei­nem Fach Ge­schich­te, das er im ers­ten Jahr­zehnt nach der Grün­dung der Uni­ver­si­tät al­lein ver­tre­ten hat­te, mit der An­kunft von Strahl, Asch­bach und Dah­l­mann an ihm vor­bei ge­gan­gen. Ab 1844 ver­ließ er sein Haus gar nicht mehr. Nach lan­ger Krank­heit ist er am 12.3.1846 ge­stor­ben. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn.

Werke (Auswahl)

Un­ter­su­chun­gen der Na­tu­ral­diens­te des Un­ter­ta­nen, Ber­lin 1803.

Deut­sche Fi­nanz­ge­schich­te des Mit­tel­al­ters, Ber­lin 1805, mit ei­nem Nach­trag: Ge­schich­te des Ur­sprungs der Re­ga­li­en in Deutsch­land, Frank­furt 1806.

Ge­schich­te des Ur­sprungs der Stän­de in Deutsch­land, 3 Bän­de, 1806-1808.

Ge­schich­te der Do­mä­nen­be­nut­zung in Deutsch­land, Frank­furt 1807.

Ge­schich­te des by­zan­ti­ni­schen Han­dels, Frank­furt 1808.

Ur­sprün­ge der Be­steue­rung, Köln 1818.

Staats­recht des Al­ter­tums, Köln 1820.

Das Städ­te­we­sen des Mit­tel­al­ters, 4 Bän­de, Bonn 1825-1829.

Ur­sprün­ge der Kir­chen­ver­fas­sung des Mit­tel­al­ters, Bonn 1831.

Rö­mi­sche Grund­ver­fas­sung, Bonn.1832.

Staats­ver­fas­sung der Is­rae­li­ten, Leip­zig 1834.

Han­dels­ge­schich­te der Grie­chen, Bonn 1839.

Grie­chi­sche Denk­wür­dig­kei­ten, Bonn 1840.

Ge­schich­te des Ur­sprungs der deut­schen Fürs­ten­wür­de, Bonn 1842 u. a.

Literatur

Be­zold, Fried­rich von, Ge­schich­te der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät von der Grün­dung bis zum Jah­re 1870, Bonn 1920.

Hü­bin­ger, Paul Egon, Das His­to­ri­sche Se­mi­nar der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn. Vor­läu­fer – Grün­dung – Ent­wick­lung. Ein Weg­stück deut­scher Uni­ver­si­täts­ge­schich­te. Mit ei­nem Bei­trag von Wil­helm Le­vi­son, Bonn 1963.

Dit­sche, Ma­gnus, Karl Diet­rich Hüll­mann, in: Bon­ner Ge­lehr­te. Bei­trä­ge zur Ge­schich­te der Wis­sen­schaf­ten in Bonn. Ge­schichts­wis­sen­schaf­ten, Bonn 1968, S. 39-48.

Ren­ger, Chris­ti­an, Die Grün­dung und Ein­rich­tung der Uni­ver­si­tät Bonn und die Be­ru­fungs­po­li­tik des Kul­tus­mi­nis­ters Al­ten­stein, Bonn 1982.

 
Zitationshinweis

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Becker, Thomas P., Karl Dietrich Hüllmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-dietrich-huellmann/DE-2086/lido/57c834b3a171b2.28752647 (23.06.2018)