Kurt Hackenberg

Journalist, Kulturdezernent der Stadt Köln (1914-1981)

Birgit Kilp (Köln)

Kurt Hackenberg in seinem Büro, 70er Jahre. (Ludger Ströter)

Kurt Ha­cken­berg war Jour­na­list und Kul­tur­po­li­ti­ker. Als Bei­ge­ord­ne­ter für Kul­tur und Volks­bil­dung der Stadt Köln präg­te er 24 Jah­re lang das Kul­tur­le­ben "sei­ner" Stadt, die er aus der Wie­der­auf­bau­pha­se nach dem Zwei­ten Welt­krieg in ei­ne Spit­zen­po­si­ti­on un­ter den in­ter­na­tio­na­len Kul­tur­me­tro­po­len führ­te. Ne­ben der Pro­fi­lie­rung von Büh­nen, Or­ches­ter und Mu­se­en för­der­te er ex­pe­ri­men­tel­le An­sät­ze wie die welt­weit ers­te Mes­se für zeit­ge­nös­si­sche Kunst, den "Köl­ner Kunst­markt" (heu­te "Art Co­lo­gne"), der 1967 erst­mals statt­fand.

Ha­cken­berg wur­de am 22.9.1914 in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Sohn ei­nes Bän­der­fa­bri­kan­ten ge­bo­ren. Er hat­te fünf Brü­der. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch. 1934 leg­te er das Ab­itur ab. Es folg­te ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re und ab 1937 ein Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik, Ge­schich­te, Kunst­ge­schich­te, Thea­ter- und Zei­tungs­wis­sen­schaft in Ber­lin und Köln. 1940 pro­mo­vier­te er in Köln "Über die An­fän­ge des Wup­per­ta­ler Zei­tungs­we­sens 1788-1834". Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs war er von 1941 bis 1945 Sol­dat (Pio­nier) und ge­riet 1945 in fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft. 1946 wur­de er Lei­ter des Wup­per­ta­ler Pres­se- und Wer­be­am­tes, 1947 zu­sätz­lich Ge­schäfts­füh­rer der Kom­mu­na­len Ar­beits­ge­mein­schaft Ber­gisch Land. Seit 1950 lei­te­te er zu­gleich das Wup­per­ta­ler Ar­chiv. 1948-1951 schrieb er für „Die Welt“, das „Rhein-Echo“ (Düs­sel­dorf) und die „Neue Rhein Zei­tun­g“ (Köln).

Ver­hei­ra­tet war er mit Ger­trud Ha­cken­berg; das Ehe­paar hat­te zwei Kin­der, Clau­dia und Ge­org Mar­tin.

Nicht al­le in Köln wa­ren mit dem von der SPD (zu­vor war Ha­cken­berg für kur­ze Zeit Mit­glied der FDP ge­we­sen) no­mi­nier­ten Pro­tes­tan­ten für die Köl­ner Kul­tur ein­ver­stan­den. Doch am 6.10.1955 wähl­te ihn der Rat mit 43 von 58 ab­ge­ge­be­nen Stim­men bei 13 Ent­hal­tun­gen zum Bei­ge­ord­ne­ten der Dom­stadt. 1967 wur­de er für wei­te­re zwölf Jah­re im Amt be­stä­tigt. In den Jah­ren 1974 und 1975 ver­wal­te­te er zu­sätz­lich in­te­ri­mis­tisch das Schul­de­zer­nat. Als Mit­glied im Kul­tur­aus­schuss des Deut­schen Städ­te­ta­ges - als des­sen Ver­tre­ter war er auch Mit­glied der deut­schen UNESCO-Kom­mis­si­on - und Vor­sit­zen­der des Kul­tur­aus­schus­ses im Städ­te­tag Nord­rhein-West­fa­len ge­wann er auch über­re­gio­nal gro­ßen Ein­fluss.

In Köln traf der 41-jäh­ri­ge neue De­zer­nent auf ei­ne Kul­tur­land­schaft, in der Grund­la­gen des Wie­der­auf­baus schon ge­legt wa­ren. In ei­ner Pha­se des Aus­baus in der wirt­schaft­lich auf­blü­hen­den Bun­des­re­pu­blik konn­te er sei­ne Vor­stel­lun­gen und Kon­zep­te für die städ­ti­schen Kul­tur­ein­rich­tun­gen, wenn auch oft ge­gen er­heb­li­che Wi­der­stän­de, um­set­zen. Tat­kräf­ti­ge Un­ter­stüt­zer fand er zu­nächst in Ober­stadt­di­rek­tor Max Ade­nau­er (1910-2004, Amts­zeit 1953-1964) und im SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den John van Nes Zieg­ler (1921-2006), dem spä­te­ren Land­tags­prä­si­den­ten (1966-1970) und Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Köln (1973-1980).

Kurt Hackenberg mit Megaphon auf dem Kölner Kunstmarkt. (Presse-Foto Wiersch, Köln)

 

Zu­nächst wand­te sich Ha­cken­berg dem wei­te­ren Aus­bau der Thea­ter­land­schaft zu. Als Ge­ne­ral­in­ten­dan­ten konn­te er 1959 den le­gen­dä­ren Os­kar Fritz Schuh (1904-1984) nach Köln ho­len, dem 1964 Ar­no Ass­mann (1908-1979) folg­te und schlie­ß­lich ab 1968 Claus Hel­mut Dre­se (1922-2011). Mit dem Gür­ze­nich­ka­pell­meis­ter und zeit­wei­li­gem Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Gün­ter Wand (1912-2002), den er seit Schul­ta­gen kann­te, kam er al­ler­dings we­ni­ger gut zu­recht. Ha­cken­berg ver­such­te ei­ne Neu­ord­nung des Köl­ner Mu­sik­le­bens mit dem un­ga­ri­schen Di­ri­gen­ten Ist­ván Ker­tész (1929-1973) durch­zu­set­zen, der 1964 Opern­chef in der Nach­fol­ge von Wolf­gang Sa­wal­lisch (1923-2013) wur­de. Doch nach dem plötz­li­chem Un­fall­tod von Ker­tész 1973 muss­te er neue Lö­sun­gen fin­den. Für das Gür­ze­nich-Or­ches­ter ver­pflich­te­te er 1975 Yuri Ahro­no­vitch (1932-2002), ei­nen is­rae­li­schen Di­ri­gen­ten rus­si­scher Her­kunft, Chef­di­ri­gent der Oper wur­de 1978 Sir John Prit­chard (1921-1989).

Das Köl­ner Schau­spiel je­ner Jah­re ist mit dem Na­men Hans­gün­ther Heyme (ge­bo­ren 1935) ver­knüpft, den Ha­cken­berg trotz hef­tigs­ter Kon­tro­ver­sen, die des­sen po­li­ti­sches Thea­ter pro­vo­zier­te, stets stütz­te. Als Opern­in­ten­dant kam schlie­ß­lich im Jah­re 1975 Mi­cha­el Ham­pe (ge­bo­ren 1935) hin­zu. Au­rel von Mil­los (1906-1988), den er für die Jah­re 1959 bis 1963 als Bal­lett­chef ver­pflich­ten konn­te, führ­te das Bal­lett zu in­ter­na­tio­na­ler Be­deu­tung. Spä­ter för­der­te er die Grün­dung des Köl­ner Tanz-Fo­rums (1970-1995), seit 1979 un­ter al­lei­ni­ger Lei­tung von Jo­chen Ul­rich (1944-2012).

Auch den Aus­bau der rei­chen Köl­ner Mu­se­ums­land­schaft trieb er vor­an. Mit dem Ge­ne­ral­di­rek­tor Hu­go Bor­ger plan­te er die sei­ner­zeit vor­bild­li­che Ge­stal­tung des welt­weit Be­ach­tung fin­den­den Rö­misch-Ger­ma­ni­schen-Mu­se­ums, das 1974 er­öff­net wur­de. Es folg­ten das Mu­se­um für Ost­asia­ti­sche Kunst (1977) und die Er­öff­nung des Kul­tur­zen­trums am Neu­markt mit der Kunst­hal­le, der Stadt-Bi­blio­thek und dem VHS-Fo­rum.

Kurt Hackenberg (links), Claus Helmut Drese (1922-2011, Generalintendant der Bühnen der Stadt Köln von 1968-1974). (Privat)

 

Be­son­de­res Auf­se­hen er­reg­te die Aus­stel­lung der Pop-Art-Samm­lung von Pe­ter Lud­wig (1925-1996) im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um im Jah­re 1967. Die­sen be­deu­ten­den Samm­ler konn­te er an Köln bin­den, in­dem er ei­nen neu­en Mu­se­ums­kom­plex am Dom kon­zi­pier­te. 1986 wur­de das Dop­pel­mu­se­um Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um/Mu­se­um Lud­wig er­öff­net. Auch die In­te­gra­ti­on der Phil­har­mo­nie war sein Ver­dienst. Von Ha­cken­berg ge­för­der­te Gro­ßaus­stel­lun­gen wie "Die Par­ler und der Schö­ne Stil" des Schnüt­gen-Mu­se­ums in der Kunst­hal­le (1979) und "Tut-Ench-Amun" im Köl­ni­schen Stadt­mu­se­um (1980) so­wie "West­kunst", kon­zi­piert von Kas­per Kö­nig (ge­bo­ren 1943) im Jah­re 1981 in der Köl­ner Mes­se, wa­ren Gro­ße­reig­nis­se mit zig­tau­send Be­su­chern.

Für den Köl­ni­schen Kunst­ver­ein fa­vo­ri­sier­te er ei­ne eher ex­pe­ri­men­tel­le Aus­rich­tung. Die skan­dal­träch­ti­ge Aus­stel­lung "Hap­pe­ning und Flu­xus" (1970) gilt noch heu­te als le­gen­där. Mit dem jun­gen 28-jäh­ri­gen Kunst­ver­eins­di­rek­tor Wulf Her­zo­gen­rath (ge­bo­ren 1944) fand er 1973 ei­ne Per­sön­lich­keit, die die­se of­fe­ne Hal­tung um­setz­te. Au­ßer­dem un­ter­stütz­te er die Avant­gar­de-Fil­mer Bir­git (ge­bo­ren 1942) und Wil­helm Hein (ge­bo­ren 1940) bei der Ver­an­stal­tung ih­res "XScreen-Fes­ti­vals" im Roh­bau der U-Bahn­hal­te­stel­le Neu­markt im Jah­re 1968.

Wäh­rend sei­ner Amts­zeit er­hielt auch das His­to­ri­sche Ar­chiv der Stadt Köln ei­nen Neu­bau an der Se­ve­rin­stra­ße, der 1971 er­öff­net wur­de. Das Ge­bäu­de stürz­te am 3.3.2009 im Zu­sam­men­hang mit dem U-Bahn-Bau ein.

Ha­cken­berg war Mit­grün­der der Köl­ner Ge­sell­schaft für christ­lich-jü­di­sche Zu­sam­men­ar­beit so­wie der Bi­blio­thek "Ger­ma­nia Ju­dai­ca. Köl­ner Bi­blio­thek zur Ge­schich­te des Ju­den­tums" (heu­te in der Zen­tral­bi­blio­thek am Jo­sef-Hau­brich-Platz).

Nach sei­ner Pen­sio­nie­rung am 31.5.1979 war er von No­vem­ber 1979 bis No­vem­ber 1980 Mit­glied des Ge­mein­de­rats Oden­thal. Ab No­vem­ber 1980 war er Lei­ter des Pla­nungs­se­kre­ta­ri­ats für ei­ne gro­ße Aus­stel­lung zur In­dus­trie­kul­tur des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len: „Po­li­tik-Ar­beit-Ge­sell­schaft. 1813-1983“.

Kurt Ha­cken­berg er­hielt meh­re­re Or­den: 1967 das Of­fi­ziers­kreuz des Ver­dienst­or­dens der Ita­lie­ni­schen Re­pu­blik, 1969 das Kom­tu­r­kreuz des Or­dens der Son­ne von Pe­ru und 1973 das Of­fi­ziers­kreuz des Or­dens "Leo­pold II." Er starb am 28.2.1981 an ei­nem Le­ber­lei­den in der Kli­nik Köln-Mer­heim. Bei­ge­setzt wur­de er in sei­nem Wohn­ort Oden­thal.

Kurt Hackenberg, Rudolf Zwirner, Dieter Ebert (Chef der Kölner Messe). (koelnmesse, Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels, Köln)

 

Die Stadt Köln ehr­te ihn, in­dem sie den vor dem Mu­se­um Lud­wig und der Phil­har­mo­nie nach ihm be­nann­te (Kurt-Ha­cken­berg-Platz). Die Freie Volks­büh­ne ver­gibt seit 2007 den Kurt-Ha­cken­berg-Preis für Po­li­ti­sches Thea­ter.

Werke (Auswahl)

(Hg.), Das Ber­gi­sche Land. Ei­ne Mo­no­gra­phie. Deut­sche In­dus­trie­land­schaft, Wup­per­tal 1951.
[zu­sam­men mit] Wal­ter Schwa­e­ger­mann (Hg.), Vom Thea­ter in Wup­per­tal. Ein Sou­ve­nir. His­to­rie und His­tör­chen, Wup­per­tal o.J. [1956].
(Hg.), Wup­per­tal. Ein Pan­ora­ma Poe­ten, Po­li­ti­ker, Phi­lo­so­phen und an­de­re Vir­tuo­sen be­trach­te­ten das Wup­per­tal. Li­te­ra­ri­sche Zier­leis­te zu ei­nem Stadt­bild, Wup­per­tal 1955.
Jahr­hun­dert­fei­er für Ger­hart Haupt­mann 15.-21. No­vem­ber 1962 (Re­dak­ti­on: Kurt Ha­cken­berg u.a.), Köln 1962.
Ver­ant­wor­tung des Thea­ters, Ver­ant­wor­tung für das Thea­ter. Vor­trag von Kurt Ha­cken­berg für den Ver­ein der Köl­ner Büh­nen e.V., 12. De­zem­ber 1963, in: Thea­ter­wis­sen­schaft­li­che Schrif­ten­rei­he des Ver­eins der Freun­de der Köl­ner Büh­nen e.V., Heft 1.
[zu­sam­men mit] Kon­rad Schil­ling] (Hg.), Mo­nu­men­ta Ju­dai­ca: 2000 Jah­re Ge­schich­te und Kul­tur am Rhein, 2 Bän­de, Köln 1963; Fa­zit ei­ner Aus­stel­lung, Er­gän­zungs­band, Köln 1964.
500 Jah­re Buch und Zei­tung in Köln, Köln 1965.
[zu­sam­men mit] Gert von der Os­ten, Ars Mul­ti­pli­ca­ta. Ver­viel­fäl­tig­te Kunst seit 1945, Köln, Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um 1968. 

Quellen

Der Nach­lass von Kurt Ha­cken­berg be­fin­det sich im His­to­ri­schen Ar­chiv der Stadt Köln, Be­stand 1505.

Literatur

Be­geg­nun­gen mit Kurt Ha­cken­berg. Gruß­wor­te zum Ab­schied, Köln 1979.
Deut­scher Städ­te­tag: Bil­dungs- und Kul­tur­po­li­tik in der Stadt, Emp­feh­lun­gen und Stel­lung­nah­men 1970-1974, Köln 1975.
Kunst und Kul­tur in Köln nach 1945. Mu­sik, Thea­ter, Tanz Li­te­ra­tur, Mu­se­en, hg. vom His­to­ri­schen Ar­chiv der Stadt Köln, Köln 1996.
Kel­ler, Horst (Hg.), Kunst, Kul­tur, Köln. No­ti­zen zu drei­ßig Jah­ren, 2 Bän­de, Köln 1979.
Kilp, Bir­git, Al­le für Kul­tur. Die Ära Kurt Ha­cken­berg in Köln 1955-1979, Köln 2009. 

Der Kurt-Hackenberg-Platz in Köln nach seiner Umgestaltung, 2018. (Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

 
Zitationshinweis

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Kilp, Birgit, Kurt Hackenberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/kurt-hackenberg/DE-2086/lido/5cd1612a78c135.48717049 (abgerufen am 18.06.2019)