Leopold Sello

Geheimer Bergrat (1785-1874)

Peter Burg (Münster)

Leopold Sello, Porträtfoto. (RAG Deutsche Steinkohle AG)

Leo­pold Sel­lo war von 1816 bis 1857 Lei­ter des saar­län­di­schen Staats­berg­baus und stell­te in die­sen Jah­ren die Wei­chen für die sich an­schlie­ßen­de In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on. Die Be­deu­tung sei­nes Am­tes und sein lang­jäh­ri­ges Wir­ken mach­ten ihn zu ei­ner ein­fluss­rei­chen Per­sön­lich­keit im wirt­schaft­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Le­ben an der Saar. 

Er ent­stamm­te der kö­nig­lich-preu­ßi­schen Hof­gärt­ner­fa­mi­lie Sel­lo und wur­de am 25.10.1785 als drit­tes Kind von Jo­hann Wil­helm Sel­lo (1756-1822) und sei­ner Ehe­frau Ca­ro­li­ne Ro­si­na Ka­tha­ri­na, ge­bo­re­ne Ca­l­a­mé (1759-1848) in der Dienst­woh­nung sei­nes Va­ters, des Kö­nig­li­chen Hof­gärt­ners und Plan­teurs Jo­hann Wil­helm Sel­lo, in der so­ge­nann­ten "Kunst­müh­le" am Ran­de des Parks von Sans­sou­ci bei Pots­dam ge­bo­ren. Nach ei­ner prak­ti­schen Aus­bil­dung im ober­schle­si­schen Berg­bau und dem Be­such der säch­si­schen Berg­aka­de­mie in Frei­berg bot ihm der Ober­berg­haupt­mann in Ber­lin am 30.1.1816 die in­te­ri­mis­ti­sche Lei­tung der Berg­amts­kom­mis­si­on in Saar­brü­cken an. Der 30-jäh­ri­ge Berg­fach­mann er­griff die ­Chan­ce und trat Mit­te Fe­bru­ar 1816 die Rei­se in den äu­ßers­ten Wes­ten der Mon­ar­chie an. Das Berg­amt be­fand sich im frü­he­ren Erb­prin­zen­pa­lais. Am 22.9.1816 wur­de Sel­lo als Di­rek­tor des Kö­nig­lich-Preu­ßi­schen Berg­amts mit dem Ti­tel ei­nes Berg­meis­ters be­stä­tigt. 1822 er­folg­te die Er­nen­nung zum Berg­rat, 1837 zum Ober­ber­grat und 1846 zum Ge­hei­men Berg­rat. Der Di­strikt des Berg­amts er­streck­te sich über die süd­li­che Rhein­pro­vinz und hat­te sei­nen Schwer­punkt im saar­län­di­schen Stein­koh­len­re­vier. Ins­ge­samt be­fan­den sich 15 Gru­ben im Staats­be­sitz. 

Leo­pold Sel­lo hei­ra­te­te im Jah­re 1821 Au­gus­te-Do­ro­thee Vo­pe­li­us (1802-1883), die 19-jäh­ri­ge Toch­ter des Sulz­ba­cher Glas­fa­bri­kan­ten Carl Phil­ipp Vo­pe­li­us (1764-1828), und fand da­mit An­schluss an die bür­ger­li­che Ober­schicht des Lan­des an der Saar. Er er­warb ein Haus in der Nä­he des Schlos­ses, in dem er bis zu sei­nem To­de im Jah­re 1874 leb­te. Aus der Ehe gin­gen drei Kin­der her­vor, die stan­des­ge­mäß in die Saar­brü­cker Ober­schicht ein­hei­ra­te­ten. Dank des Ver­mö­gens sei­ner Ehe­frau reich­te sein Ein­kom­men an das der ver­mö­gen­den Saar­brü­cker Kauf­leu­te her­an. 

Im Jah­re 1830 er­warb Leo­pold Sel­lo, nach­dem sich Au­gus­te-Do­ro­thee von ih­rem er­erb­ten Un­ter­neh­mens­an­teil ge­trennt hat­te, die Was­ser­burg Ker­pen (Ge­mein­de Il­lin­gen) mit­samt ei­nem Land­be­sitz von rund 350 Hekt­ar. Die Ein­nah­men aus um­fang­rei­chen Holz­ver­käu­fen über­stie­gen er­heb­lich sein re­gu­lä­res Ge­halt. Hin­zu kam ein po­li­ti­scher Sta­tus­ge­winn. Als im Jah­re 1846 die Ge­mein­de­rä­te in der Rhein­pro­vinz erst­mals auf der Ba­sis des Drei­klas­sen­wahl­rechts ge­wählt wur­den, war Leo­pold Sel­lo ei­ner der 22 Bür­ger, die in der Stadt Saar­brü­cken in der I. Klas­se wäh­len durf­ten. Die Be­zü­ge des Berg­amts­lei­ters hät­ten nur zu ei­nem Wahl­recht in der II. Klas­se ge­reicht. Dank sei­nes ge­sam­ten Ein­kom­mens ge­hör­te er ne­ben sie­ben Kauf­leu­ten zu de­nen, de­ren Ein­kom­men 3.000 Ta­ler über­stieg. 

Mit dem Be­sitz der Burg Ker­pen im Kreis Ott­wei­ler ver­band sich ein ade­li­ges Vor­recht, denn Leo­pold Sel­lo wur­de durch die­sen in die Ma­tri­kel der land­tags­fä­hi­gen Rit­ter­gü­ter der Rhein­pro­vinz auf­ge­nom­men. Da­mit stand ihm ein Sitz im Kreis­tag des Krei­ses Ott­wei­ler zu, und bei den Wah­len zum Pro­vin­zi­al­land­tag durf­te er im Stand der Rit­ter­guts­be­sit­zer ab­stim­men, der im Re­gie­rungs­be­zirk Trier mit zwölf Be­rech­tig­ten äu­ßerst schwach be­setzt war und an letz­ter Stel­le in ganz Preu­ßen lag. Die heu­te wie­der re­stau­rier­te Was­ser­burg ließ Sel­lo al­ler­dings ver­fal­len. Als Lei­ter des saar­län­di­schen Staats­berg­baus un­ter­stand Leo­pold Sel­lo mit dem Ober­berg­amt in Bonn ei­ner Mit­tel­be­hör­de, die wie­der­um der O­ber­berg­haupt­mann­schaft im preu­ßi­schen Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin un­ter­stellt war. An­fra­gen, Be­rich­te und Wei­sun­gen lie­fen über die­se In­stan­zen, nicht über die für all­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten zu­stän­di­ge Be­zirks­re­gie­rung in Trier. Der se­pa­ra­te In­stan­zen­zug führ­te zu Rei­bun­gen und Kon­flik­ten mit der Trie­rer Re­gie­rung. Die de­tail­lier­te Dienst­an­wei­sung, die Sel­lo im Mai 1816 er­hielt und die bis zum Jah­re 1861 gül­tig blieb, be­an­spruch­te ei­ne straf­fe Lei­tung, ließ dem Berg­amts­lei­ter aber ei­nen gro­ßen Ent­schei­dungs­spiel­raum.  

Mit Sel­lo hielt der wirt­schaft­li­che und tech­ni­sche Fort­schritt Ein­zug im saar­län­di­schen Berg­bau. Im Jah­re 1817 wur­den die an Pri­vat­leu­te ver­pach­te­ten Gru­ben von der preu­ßi­schen Re­gie­rung in ei­ge­ne Re­gie über­nom­men. Im ers­ten Jahr­zehnt nach der Be­sitz­über­nah­me wur­den neun klei­ne Gru­ben aus Ren­ta­bi­li­täts­grün­den ge­schlos­sen, an­de­rer­seits wur­den sechs neue Stol­len an­ge­hau­en. Ers­te Tief­bau­schäch­te wur­den 1826, elf Jah­re frü­her als im Ruhr­berg­bau, auf der Gru­be Kron­prinz an­ge­legt. Der Über­gang vom Stol­len­bau zur Tief­bau­tech­nik er­folg­te zeit­gleich mit der Ein­füh­rung der Dampf­ma­schi­ne. Im Jah­re 1829 kam die ers­te För­der­ma­schi­ne im fis­ka­li­schen Berg­bau an der Saar zum Ein­satz. Der Koh­len­trans­port auf Schie­nen wur­de hin­ge­gen noch ei­ni­ge Jahr­zehn­te mit Pfer­den be­trie­ben, da die ers­ten Ex­pe­ri­men­te mit Dampf­wa­gen schei­ter­ten. Die Koh­len­för­de­rung stieg von 1817 bis 1850 von 117.179 Ton­nen auf 718.761 Ton­nen. Im Jah­re 1819 wa­ren 1.121 Per­so­nen im Koh­len­berg­bau be­schäf­tigt, im Jah­re 1850 5.869, der An­teil der Be­schäf­tig­ten an der Ge­samt­be­völ­ke­rung wuchs von 0,9 auf 2,9 Pro­zent. Der Staats­berg­bau war der grö­ß­te Ar­beit­ge­ber an der Saar. 

Mit den wach­sen­den Be­schäf­tig­ten­zah­len war die Ent­wick­lung des Ar­bei­ter­woh­nungs­baus ver­knüpft. Sel­lo gilt als Va­ter des saar­län­di­schen Berg­manns­hau­ses, das die mit der In­dus­tria­li­sie­rung viel­fach ver­bun­de­ne Woh­nungs­not wirk­sam be­kämpf­te. Als An­reiz soll­te die Zah­lung ei­ner Prä­mie von 25 bis 40 Ta­ler für den Er­werb ei­nes Bau­plat­zes die­nen. Zur Be­glei­chung der Bau­kos­ten wur­den Dar­le­hen von 100 bis 150 Ta­ler ge­währt. Bis zum En­de von Sel­los Amts­zeit wur­den über 1.000 Dar­le­hen ver­ge­ben. 

Der Berg­amts­lei­ter ent­fal­te­te ver­schie­de­ne Ak­ti­vi­tä­ten auf dem Bil­dungs­sek­tor. Schon im Jah­re 1816 reg­te er die Er­rich­tung ei­ner Berg­schu­le an, die den Ele­ven Berg­bau­kun­de, Mi­ne­ra­lo­gie und Ge­birgs­leh­re ver­mit­teln soll­te. Sechs Jah­re spä­ter wur­de ein ge­re­gel­ter Lehr­be­trieb auf­ge­nom­men. Fer­ner be­müh­te er sich um die He­bung des Ele­men­tar­wis­sens durch die Ein­rich­tung von Sonn­tags­schu­len. Spe­zi­ell für Mäd­chen ent­stan­den seit 1819 In­dus­trie­schu­len zum Er­ler­nen von haus­wirt­schaft­li­chen Fer­tig­kei­ten (wie Nä­hen, Stri­cken usw.) und zur Pfle­ge der ‚Sitt­lich­keit’ (Rein­lich­keit, Ord­nung). Das saar­län­di­sche Mo­dell stand 1846 Pa­te für Schu­len im Ruhr­ge­biet.  

Der Ei­sen­bahn­bau ge­hör­te zur In­fra­struk­tur, de­ren Ver­bes­se­rung ein vor­züg­li­ches An­lie­gen Sel­los war. Im Aus­bau des Schie­nen­net­zes sah er die wirk­sams­te Lö­sung zur He­bung des Trans­port­pro­blems für die Saar­koh­le. Am 15.11.1852 war es end­lich so weit, dass in Saar­brü­cken der Schie­nen­weg nach Mann­heim frei­ge­ge­ben wer­den konn­te. Um die Ab­seits­la­ge des Saar­re­viers zu über­win­den, plan­te Sel­lo des Wei­te­ren die Ka­na­li­sie­rung der Saar. 1841 war der Bau des Rhein-Mar­ne-Ka­nals auf fran­zö­si­scher Sei­te so weit ge­die­hen, dass ei­ne Ab­zwei­gung nach Saar­brü­cken pro­jek­tiert wer­den konn­te. Nach lan­gen Dis­kus­sio­nen wur­de der Plan 1862 bis 1866 aus­ge­führt. 

 

Im Jah­re 1846 wur­de Leo­pold Sel­lo in den Saar­brü­cker Stadt­rat ge­wählt, des­sen Mit­glied er 25 Jah­re lang war. Zu­sätz­lich er­hielt er am 2.1.1851 ein Man­dat für den  Rat der Bür­ger­meis­te­rei Saar­brü­cken. Als er im Jah­re 1857 mit 72 Jah­ren aus dem Be­rufs­le­ben aus­schied, in­ten­si­vier­te er sei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re und wur­de Bei­ge­ord­ne­ter der Stadt Saar­brü­cken. Die po­li­ti­sche Kar­rie­re führ­te Leo­pold Sel­lo als Ab­ge­ord­ne­ten des Wahl­krei­ses Saar­brü­cken-Ott­wei­ler-St. Wen­del für die zwei­te preu­ßi­sche Kam­mer von 1860 bis 1866 nach Ber­lin. Das letz­te Man­dat leg­te der 81-jäh­ri­ge aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den vor­zei­tig am 10.11.1866 nie­der. Er war Kan­di­dat der li­be­ra­len wie der kon­ser­va­ti­ven Rich­tung. Im Ab­ge­ord­ne­ten­haus ver­trat er die In­ter­es­sen sei­ner Wahl­hei­mat. Strikt er­klär­te er sich ge­gen ei­ne Ver­äu­ße­rung der Saar­gru­ben, als ein sol­ches Ge­rücht auf­kam. Noch gut sie­ben Jah­re ver­blie­ben ihm in sei­nem wohl­ver­dien­ter Ru­he­stand, be­vor er hoch­be­tagt am 17.5.1874 in Saar­brü­cken starb. 

Literatur

Ban­ken, Ralf, Die In­dus­tria­li­sie­rung der Saar­re­gi­on 1815-1914, 2 Bän­de, Stutt­gart 2000/2003.

Ban­ken, Ralf, Von Leo­pold Sel­lo bis Ott­mar Fuchs. Die Lei­ter des preu­ßi­schen Berg­baus zwi­schen un­ter­neh­me­ri­scher In­itia­ti­ve und staat­li­chem Re­gle­ment 1816-1919, in: Zeit­schrift für die Ge­schich­te der Saar­ge­gend 52 (2004), S. 67-82.

Burg, Pe­ter, Saar­brü­cken 1789-1860. Von der Re­si­denz­stadt zum In­dus­trie­zen­trum, Blies­kas­tel 2000.

Kiltz, Jür­gen, Leo­pold Sel­lo, Di­rek­tor des Berg­amts Saar­brü­cken von 1816-1857, in: Saar­brü­cker Hef­te 58 (1986), S. 43-92.

Veaut­hier, Sig­rid, Leo­pold Sel­lo, in: Saar­län­di­sche Le­bens­bil­der 3 (1986), S. 87-118.

Online

Slot­ta, Delf, Berg­ar­bei­ter­woh­nungs­bau im Saar­land. (Ar­ti­kel auf der Home­page der stif­tung für Woh­nungs­bau der Berg­ar­bei­ter). [On­line]

Leopold Sello, Porträtmedaillon von Albert Küppers (1842-1929) am Nordwest-Flügel der Saarbrücker Bergwerksdirektion. (RAG Deutsche Steinkohle AG)

 
Zitationshinweis

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Burg, Peter, Leopold Sello, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/leopold-sello/DE-2086/lido/57c94dfb993b63.59987012 (20.09.2018)