Ludwig Clamor Marquart

Pharmazeut und Unternehmer (1804-1881)

Helmut Vogt (Bonn)

Ludwig Clamor Marquart, 1866, Porträtfoto. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Mehr­fach mit an­der­wei­ti­gen be­ruf­li­chen Plä­nen ge­schei­tert, grün­de­te Mar­quart in Bonn die ers­te und lan­ge Zeit ein­zi­ge che­mi­sche Fa­brik. Ne­ben der un­ter­neh­me­ri­schen Tä­tig­keit be­trieb der Au­to­di­dakt wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen, die sich in zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen nie­der­schlu­gen.

Lud­wig Cla­mor Mar­quart wur­de am 29.3.1804 als Sohn des Kam­mer­die­ners Jo­hann Hein­rich Mar­quart (1781-1825) und des­sen Ehe­frau, der Kam­mer­frau An­na Do­ro­thea (1781-1848), ge­bo­re­ne Teh­sier (auch: Tes­sier/Te­ßier/The­sing) in Os­na­brück ge­bo­ren. Das Dienst­ver­hält­nis der El­tern er­for­der­te häu­fi­ge Orts­wech­sel. Ru­he in die be­weg­te Schul­lauf­bahn des Jun­gen brach­ten erst die Ad­op­ti­on durch ei­nen On­kel müt­ter­li­cher­seits im Jah­re 1814 und der an­schlie­ßen­de Be­such des Gym­na­si­ums, das er 1818 mit ei­nem gu­ten Ab­gangs­zeug­nis ver­ließ.

Der Vier­zehn­jäh­ri­ge ent­schied sich für den Apo­the­ker­be­ruf und be­gann im No­vem­ber 1818 ei­ne fünf­jäh­ri­ge prak­ti­sche Aus­bil­dung in Dis­sen (bei Os­na­brück). Die theo­re­ti­schen Grund­la­gen der Che­mie, Phar­ma­zie und Bo­ta­nik brach­te er sich selbst bei. Sein Lehr­herr be­saß selbst kaum wis­sen­schaft­li­che Bil­dung, stell­te dem wiss­be­gie­ri­gen Jun­gen aber die not­wen­di­gen Bü­cher zur Ver­fü­gung. Die sich an­schlie­ßen­de Tä­tig­keit als “Ge­hil­fe” - ein aka­de­mi­sches Stu­di­um war da­mals kei­ne Vor­aus­set­zung für den Apo­the­ker­be­ruf - führ­te Mar­quart über Lin­gen, Fürs­ten­au, Wer­den an der Ruhr (heu­te Stadt Es­sen) un­d Köln nach Bonn, wo er sich auf die staat­li­che Prü­fung zum Apo­the­ker Ers­ter Klas­se vor­be­rei­te­te, die er 1832 mit Best­no­te be­stand. Un­mit­tel­bar dar­auf be­stell­te die Köl­ner Be­zirks­re­gie­rung den Ab­sol­ven­ten zum Apo­the­ken-Vi­si­ta­tor für die Jah­re 1833-1835.

 

Er­folg und Neu­gier lie­ßen Mar­quart nun ei­ne wis­sen­schaft­li­che Kar­rie­re an­stre­ben. 1835 gab er sei­ne Tä­tig­keit beim Apo­the­ker Jo­hann Hein­rich Ja­cob Blindt (1747-1839) auf und zog ins Pop­pels­dor­fer Schloss zu sei­nem Leh­rer und Freund, dem Bon­ner Phar­ma­zie­pro­fes­sor (und Di­rek­tor des Bo­ta­ni­schen Gar­tens) Theo­dor Fried­rich Lud­wig Nees von Esen­beck, mit dem ihn ge­mein­sa­me Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­ban­den. Im sel­ben Jahr wur­de er mit ei­ner von Phil­ipp Lo­renz Gei­ger (1785-1836) an­ge­reg­ten Dis­ser­ta­ti­on in Hei­del­berg pro­mo­viert. Die un­be­frie­di­gen­den Kar­rie­ren so­wohl sei­nes Men­tors Nees als auch sei­nes Dok­tor­va­ters hät­ten Mar­quart War­nung sein kön­nen: Die Be­mü­hun­gen, sich in Hei­del­berg als Pri­vat­do­zent zu eta­blie­ren, schei­ter­ten. Er schloss sei­nen Teil an der Neu­auf­la­ge von Gei­gers “Hand­buch der Phar­macie” (1838) ab und über­nahm 1837 die Ver­wal­tung der Apo­the­ke Kel­ler in der Bon­ner Wen­zel­gas­se. Als zwei­tes Stand­bein bau­te er ein pri­va­tes phar­ma­zeu­ti­sches In­sti­tut mit ei­nem klei­nen Hör­saal und 18 La­bo­ra­to­ri­ums­plät­zen auf, wo er in den Jah­ren des Über­gangs der Phar­ma­zie vom Hand­werk­li­chen zur Wis­sen­schaft ins­ge­samt 150 Stu­den­ten aus­bil­de­te. Pro­mi­nen­tes­ter Teil­neh­mer war der spä­te­re Ana­ly­ti­ker Re­mi­gius Fre­se­ni­us (1818-1897), des­sen Wies­ba­de­ner In­sti­tut zu Welt­ruf ge­lang­te. Par­al­lel ar­bei­te­te Mar­quart an sei­nem “Lehr­buch der prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Phar­macie” (1842/1844).

Trotz der Er­fol­ge ge­lang es ihm we­der sein Leh­r­in­sti­tut in die Trä­ger­schaft der Uni­ver­si­tät zu über­füh­ren noch in Bonn ei­ne Pro­fes­sur zu er­lan­gen. Hei­rats­plä­ne setz­ten je­doch ei­ne so­li­de bür­ger­li­che Exis­tenz vor­aus. Die Neu­grün­dung ei­ner Apo­the­ke im rechts­rhei­ni­schen Beu­el (heu­te Stadt Bonn) schien die Lö­sung, schei­ter­te in­des an be­hörd­li­chen In­tri­gen. Tief ge­trof­fen von den Wi­der­stän­den, an de­nen sei­ne be­ruf­li­chen Hoff­nun­gen mehr­fach ge­schei­tert wa­ren, ent­schloss sich Mar­quart zum Auf­bau ei­ner ei­ge­nen che­mi­schen Fa­brik. Un­ge­wöhn­lich war ein sol­cher Schritt nicht: Auch an­de­re Phar­ma­zeu­ten, wie zum Bei­spiel Hein­rich Ema­nu­el Merck (1794-1855), Ernst Fried­rich Chris­ti­an Sche­ring (1824-1889) oder Paul Carl Bei­ers­dorf (1836-1896) er­kann­ten das na­he En­de der weit­ge­hend aut­ar­ken Apo­the­ke und wur­den zu Vor­rei­tern der gro­ß­tech­ni­schen Pro­duk­ti­on.

Noch in der Auf­bau­pha­se fand am 21.5.1847 die Hoch­zeit mit An­na Ger­trud Lam­bertz (1817-1863) statt. Das Paar be­kam drei Söh­ne und ei­ne Toch­ter. Der Va­ter der Braut, Jus­tiz­rat Ja­kob Lam­bertz (1779-1864), An­walt am Rhei­ni­schen Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts­hof und Stadt­ver­ord­ne­ter, galt in Bonn wäh­rend der ers­ten Jahr­hun­dert­hälf­te als ers­te Au­to­ri­tät in Rechts­sa­chen, war sehr ver­mö­gend und vom Ta­lent sei­nes Schwie­ger­sohns über­zeugt. Er streck­te das Grün­dungs­ka­pi­tal vor.

Der Na­tur der Fa­bri­ka­ti­on ge­mäß wähl­te Mar­quart En­de 1845 ein Grund­stück am Bon­ner Tal­weg, hart an der da­ma­li­gen Stadt­gren­ze und weit von jeg­li­cher Wohn­be­bau­ung ent­fernt. Als auf die Pu­bli­ka­ti­on des Vor­ha­bens kei­ne Ein­sprü­che er­folg­ten, konn­ten 1846 La­bo­ra­to­ri­um und Fa­bri­ka­ti­ons­räu­me ge­baut wer­den. Die Fa­bri­ka­ti­on von Fein­che­mi­ka­li­en, Re­agen­zi­en, Säu­ren und phar­ma­zeu­ti­schen Prä­pa­ra­ten be­gann mit ei­nem Lehr­ling. Wich­ti­ge Kun­den der Pio­nier­jah­re wa­ren ne­ben Ärz­ten und Apo­the­ken die Rhei­ni­sche Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft, die Bon­ner Uni­ver­si­tät und die Alaun­hüt­te Bleib­treu auf der Hardt bei Beu­el. Bo­ta­nik­vor­le­sun­gen an der neu­en Land­wirt­schaft­li­chen Aka­de­mie in Pop­pels­dorf brach­ten Mar­quart ein will­kom­me­nes Zu­satz­ein­kom­men. 1849 be­schäf­tig­te sei­ne Fa­brik 19 Ar­bei­ter. Erst­ma­lig in Deutsch­land wur­den Chlo­ro­form und Schwe­fel­koh­len­stoff fa­brik­mä­ßig her­ge­stellt, letz­te­rer auf der Lon­do­ner In­dus­trie-Aus­stel­lung 1851 prä­miert. Ein ra­tio­nel­les Ver­fah­ren zur Ge­win­nung von Brom aus Mut­ter­lau­gen­salz (ge­lie­fert von der Sa­li­ne in Bad Müns­ter am Stein) brach­te er­heb­li­che Kos­ten­er­spar­nis ge­gen­über Kon­kur­renz­pro­duk­ten. Als frucht­bar für die wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche Ar­beit und die An­bah­nung von Ge­schäfts­be­zie­hun­gen er­wies sich da­bei im­mer wie­der die lang­jäh­ri­ge Zu­sam­men­ar­beit mit dem gleich­alt­ri­gen Jus­tus von Lie­big (1803-1873).

1873 be­schäf­tig­te die Fir­ma cir­ca 70 Ar­bei­ter, be­saß ei­ne ei­ge­ne Fa­brik­kran­ken­kas­se und un­ter­hielt Ver­tre­tun­gen in Eng­land, Bel­gi­en, Hol­land und Ja­pan. Die Hälf­te der Pro­duk­ti­on ging in den Ex­port. Wäh­rend den über­ört­li­chen Be­hör­den die Be­deu­tung Mar­quarts als Pro­du­zent tech­nisch-phar­ma­zeu­ti­scher und pho­to­gra­phisch-che­mi­scher Prä­pa­ra­te durch­aus be­wusst war, sank mit der Aus­deh­nung der Bon­ner Süd­stadt in die un­mit­tel­ba­re Nä­he des Werks die Ak­zep­tanz vor Ort. Kla­gen we­gen Ge­ruchs­be­läs­ti­gung ris­sen nicht ab, wo­bei Mar­quart auch die Emis­sio­nen an­de­rer Ver­ur­sa­cher zur Last ge­legt wur­den. Sei­ne Fa­brik wur­de zum Ne­ga­tiv­bei­spiel für “be­läs­ti­gen­de” In­dus­trie schlecht­hin. “Auch die che­mi­sche Fa­brik von Mar­quart hat sei­ner Zeit klein an­ge­fan­gen und frü­her nicht be­läs­tigt”, warn­te ein Gut­ach­ten in ei­ner an­de­ren Kon­zes­si­ons­sa­che 1878. In den 1870er Jah­ren wä­re ei­ne Er­wei­te­rung ge­bo­ten ge­we­sen, doch die Be­hör­den ver­wei­ger­ten die Zu­stim­mung.

1872 muss­te der Fir­men­grün­der nach schwe­rer Er­kran­kung die Ge­schäfts­lei­tung an sei­ne Söh­ne Paul (ge­bo­ren 1848) und Louis (ge­bo­ren 1849) über­tra­gen. Auf ei­nen ers­ten Schlag­an­fall 1874 folg­te fünf Jah­re spä­ter ein zwei­ter. In der Nacht vom 9./10.5.1881 ver­starb Lud­wig Cla­mor Mar­quart. Sei­ne Grab­stät­te be­fin­det sich auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn. 

Mit Fleiß und Ta­lent hat sich der mit­tel­lo­se Apo­the­ker­lehr­ling zum wohl­ha­ben­den Fa­bri­kan­ten hoch­ge­ar­bei­tet. Sein Wis­sen und sei­ne Be­ga­bung als Leh­rer sind im­mer wie­der ge­wür­digt wor­den, am deut­lichs­ten 1855, als ihm, dem Pri­vat­mann, der Che­mie­un­ter­richt für die in Bonn stu­die­ren­de Prin­zen von Ho­hen­zol­lern und Schaum­burg-Lip­pe über­tra­gen wur­de. Trotz sei­ner Mit­ar­beit in zahl­rei­chen wis­sen­schaft­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen, zum Bei­spiel als Vi­ze­prä­si­dent des 1843 ge­grün­de­ten “Na­tur­his­to­ri­schen Ver­eins”, blieb ihm die ent­spre­chen­de ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung ver­sagt, nicht zu­letzt wohl we­gen der stän­di­gen Be­schwer­den ge­gen sei­ne Fa­brik. Sie wur­de 1891 aus der Uni­ver­si­täts-, Gar­ni­sons- und Rent­ner­stadt Bonn ins in­dus­triefreund­li­che­re Beu­el ver­legt und ist heu­te Teil des Evo­nik-Kon­zerns.

Werke (Auswahl)

Be­mer­kun­gen über das Vor­kom­men des In­di­go in der Fa­mi­lie der Or­chi­de­en und über die In­di­g­opf­lan­zen im All­ge­mei­nen, o.O.1829.

Die Far­ben der Blü­t­hen. Ei­ne che­misch-phy­sio­lo­gi­sche Ab­hand­lung, Bonn 1835.

Lehr­buch der prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Phar­macie, 1842/1844.

Phar­maceu­ti­sche Che­mie und Prä­pa­ra­ten­kun­de, Mainz 1844.

Dr. Cla­mor Mar­quart’s Ein­füh­rung in die or­ga­ni­sche Che­mie und die Kent­niss der phar­maceu­tisch wich­ti­gen or­ga­ni­schen Prä­pa­ra­te, Mainz 1866 (mit Her­mann Lud­wig und Ernst Hal­li­er).

Literatur

An­drä, Carl Jus­tus, Dr. Lud­wig Cla­mor Mar­quart. Ne­kro­log, Bonn 1881.

Bay­er, Gui­do, Dr. Lud­wig Cla­mor Mar­quart (1804-1881). Ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Che­misch-phar­ma­zeu­ti­schen In­dus­trie, Bonn [Diss. masch.] 1962.

Be­dürf­tig, Frie­de­mann, Ge­schich­te der Apo­the­ke, Köln o.J. [2005].

De­gus­sas “Bein“ in Bonn - die che­mi­sche Fa­brik Dr. L.C.Mar­quart GmbH, in: De­gus­sa-Re­port 4/1978, S. 3-5.

Ger­hardt 1846-1971, Bonn 1974.

Vogt, Hel­mut, Die Ent­wick­lung zur Ge­wer­be­stadt, in: Höroldt, Diet­rich/van Rey, Man­fred Rey (Hg.), Bonn in der Kai­ser­zeit 1871-1914. Fest­schrift zum 100jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um des Bon­ner Hei­mat- und Ge­schichts­ver­eins, Bonn 1986, S. 81-103.

Online

Lud­wig C. Mar­quardt, Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens Evo­nik. [On­line]

Bonn aus der Vogelschau, 1888, Ausschnitt, rechts längs des Bonner Talwegs die Chemische Fabrik Marquart, darüber die Mechanische Jutespinnerei und Weberei Kessenich. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Ludwig Clamor Marquart, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-clamor-marquart/DE-2086/lido/57c9482f873e26.37909547 (24.04.2018)