Ludwig Doll

Gründer der Waisen- und Missionsanstalt Neukirchen (1846–1883)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Ludwig Doll, Porträtfoto. (Neukirchener Mission e.V.)

Lud­wig Doll wirk­te als evan­ge­li­scher Pfar­rer in der nie­der­rhei­ni­schen Ge­mein­de Neu­kir­chen (heu­te Stadt Neu­kir­chen-Vluyn); dort grün­de­te er ein Wai­sen­haus und ei­ne Mis­si­ons­ge­sell­schaft. (heu­te „Kin­der­hei­mat im Ver­ein für Mis­si­on und Dia­ko­nie“ und „Neu­kir­che­ner Mis­si­on“).

Lud­wig Chris­ti­an Karl Doll er­blick­te am 22.11.1846 in Kir­chen an der Sieg als jüngs­tes Kind des Pfar­rers Ja­kob Doll (1811-1878) und sei­ner Ehe­frau Su­san­ne, ge­bo­re­ne Leist (1812-1859) das Licht der Welt. Die Mut­ter war von schwa­cher Ge­sund­heit und hin­ter­ließ bei ih­rem frü­hen Tod die bei­den Söh­ne Karl (1841-1920), der eben­falls Pfar­rer wur­de, und Lud­wig so­wie die Toch­ter Ma­ria Mag­da­le­na (1842-1909), die spä­ter ih­ren Vet­ter, den Pfar­rer Fried­rich Wil­helm Doll (1840-1904) hei­ra­te­te. Nach pri­va­ter Vor­be­rei­tung durch den Va­ter be­such­te das leb­haf­te und kon­takt­freu­di­ge, aber auch schnell ent­mu­tig­te Kind von 1861 bis 1863 das Gym­na­si­um in Wetz­lar und da­nach das evan­ge­li­sche Gym­na­si­um in Köln. 1867 be­stand Lud­wig Doll das Ab­itur.

In Köln kam Doll in Kon­takt mit er­weck­ten Krei­sen aus der frei­kirch­li­chen „Brü­der­be­we­gun­g“, die ihn in der Über­zeu­gung be­stärk­ten, ein „ver­lo­re­ner Sün­der“ zu sein, der des gött­li­chen Er­bar­mens be­dür­fe. Der le­bens­lus­ti­ge und ge­nuss­freu­di­ge jun­ge Mann ent­wi­ckel­te sich in kur­zer Zeit, wohl auch un­ter dem Ein­fluss ei­ner le­bens­be­dro­hen­den Krank­heit, ver­mut­lich ei­ner Tu­ber­ku­lo­se, zu ei­nem erns­ten, um die Gna­de Got­tes rin­gen­den Chris­ten. Der mis­sio­na­ri­sche Ei­fer, der Doll ver­an­lass­te, from­me Trak­ta­te zu ver­tei­len und ge­gen­über je­der­mann un­ab­läs­sig von sei­nem Glau­ben und sei­nem See­len­heil zu spre­chen, fand nicht die un­ge­teil­te Zu­stim­mung des Va­ters. Der fürch­te­te ein Ab­drif­ten des Soh­nes ins Sek­tie­re­ri­sche.

Noch als Gym­na­si­ast muss Doll ein tief­grei­fen­des Be­keh­rungs­er­leb­nis ge­habt ha­ben, das ihn zur Ge­wiss­heit sei­ner Er­ret­tung führ­te. Sei­ne Be­ru­fung wur­de zum Be­ruf, Doll konn­te nur Pfar­rer wer­den. Wir fin­den den Theo­lo­gie­stu­den­ten im Herbst 1867 in Er­lan­gen, da­nach in Bonn, dann ein Se­mes­ter in Tü­bin­gen und schlie­ß­lich in Ber­lin. Doch die uni­ver­si­tä­re theo­lo­gi­sche Wis­sen­schaft sprach ihn, des­sen Glau­ben ein­fa­cher und fes­ter war als bei den meis­ten sei­ner Leh­rer, nicht an. Statt­des­sen war Doll be­müht, von sei­nen Stu­di­en­or­ten aus be­kann­te Prot­ago­nis­ten der Er­we­ckungs­be­we­gung zu be­su­chen, zum Bei­spiel Wil­helm Lö­he (1808-1872), den Be­grün­der der Dia­ko­nie in Bay­ern im frän­ki­schen Neu­en­det­tel­sau, oder Gus­tav Knak (1806-1878) in Ber­lin. Auch Kon­tak­te zu den Me­tho­dis­ten und zu an­de­ren er­weck­ten  Grup­pen und Ge­mein­den in­ner- wie au­ßer­halb der Lan­des­kir­chen sind über­lie­fert, Doll hat­te kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te.

Der jun­ge Pfar­rer, der nach dem ers­ten Ex­amen 1871 nach We­sel be­or­dert wor­den war, mach­te bald durch sei­ne Red­ner­ga­be und sei­ne ein­dring­li­che, un­kon­ven­tio­nel­le Ver­kün­di­gung auf sich auf­merk­sam. In We­sel er­reg­te sei­ne Pre­digt, die so of­fen­bar den po­li­ti­schen Zeit­geist der 1870er und 1880er Jah­re igno­rier­te, in der Ge­mein­de An­stoß. In Neu­kir­chen war das Ge­gen­teil der Fall. Als die Ge­mein­de dort ei­nen Hilfs­pre­di­ger such­te, der den al­ten An­dre­as Bräm, den Grün­der des Neu­kir­che­ner Er­zie­hungs­ver­eins, ent­las­ten soll­te, fiel die Wahl auf Lud­wig Doll. 1872 wur­de er Nach­fol­ger Bräms auf der Pfarr­stel­le. Jetzt konn­te er hei­ra­ten; 1873 trau­te der Va­ter ihn mit Eli­se Pa­schen (1848-1918), der Toch­ter ei­nes Neu­kir­che­ner Groß­bau­ern. Dem Ehe­paar wur­den in ra­scher Fol­ge vier Töch­ter und zwei Söh­ne ge­bo­ren, von de­nen al­ler­dings nur drei Töch­ter über­leb­ten.

Dolls Pro­gramm für sein Pfarr­amt war die Pre­digt von der to­ta­len Sünd­haf­tig­keit des Men­schen und der frei­en Gna­de Got­tes, durch die der reui­ge Sün­der im Op­fer­tod Chris­ti er­ret­tet und zum Glau­ben ge­bracht wer­de. Es war ei­ne ein­fa­che und ver­ständ­li­che Theo­lo­gie, die sein Den­ken be­stimm­te, und sie ver­fehl­te ih­re Wir­kung nicht. Schon bald nach sei­nem Ar­beits­be­ginn in Neu­kir­chen gab es ei­ne Er­we­ckung in sei­ner Ge­mein­de, ei­ni­ge ih­rer Glie­der er­leb­ten in mys­ti­scher Ver­sen­kung, manch­mal aber auch ge­ra­de­zu rausch­haft die Nä­he Got­tes und wur­den da­durch zur Ge­wiss­heit ih­rer Er­wäh­lung und ih­res Heils ge­führt. So ähn­lich muss­te es eben­falls Doll er­lebt ha­ben; so ähn­lich ver­kün­de­ten es auch die Bo­ten der „Hei­li­gungs­be­we­gun­g“ un­ter dem Mot­to „Je­sus er­ret­tet mich jetz­t“. An­klän­ge an den Pie­tis­mus, an die Mys­tik Ger­hard Ters­tee­gens und an den Gra­fen Ni­ko­laus Lud­wig von Zin­zen­dorf (1700–1760) sind un­ver­kenn­bar.

In den An­fangs­jah­ren sei­ner Tä­tig­keit in Neu­kir­chen mach­te sich die schwe­re Krank­heit, die zu Dolls Be­keh­rung ge­führt hat­te, wie­der be­merk­bar. Es lag na­he, dass er zu die­ser Zeit in den Sog der aus dem an­gel­säch­si­schen Kul­tur­kreis kom­men­den „Hei­lungs­be­we­gun­g“ ge­riet, so­gar zum Ex­po­nen­ten die­ser Be­we­gung im Rhein­land wur­de. In der völ­li­gen Hin­ga­be des gläu­bi­gen kran­ken Men­schen an Chris­tus im Ge­bet und un­ter As­sis­tenz da­zu be­ru­fe­ner Hel­fer, die salb­ten und seg­ne­ten, er­war­te­ten die An­hän­ger die­ser Be­we­gung die Hei­lung von al­len see­li­schen wie kör­per­li­chen Ge­bre­chen. Es scheint, dass Doll am ei­ge­nen Leib ei­ne der­ar­ti­ge „Glau­bens­hei­lun­g“ er­leb­te und dass dar­an zwei Mit­glie­der aus dem Um­feld ei­ner Frei­en evan­ge­li­schen Ge­mein­de, al­so ge­wis­ser­ma­ßen der Kon­kur­renz zur Lan­des­kir­che, be­tei­ligt wa­ren.

Wie vie­le Er­weck­te glaub­te auch Doll, dass sich der wah­re christ­li­che Glau­be vor al­lem durch das Wir­ken und Tä­tig­wer­den des Gläu­bi­gen er­wei­se und be­wäh­re. Um Gott die Eh­re zu ge­ben und aus Dank­bar­keit für Got­tes Treue, nicht vor­nehm­lich aus drän­gen­der so­zia­ler Not, wur­de der Pfar­rer in sei­ner Ge­mein­de ak­tiv. Im Mai 1878 rich­te­te er in drei an­ge­mie­te­ten Räu­men ein Wai­sen­haus ein und ge­wann ein ehe­ma­li­ges Mit­ar­bei­ter­paar der Be­the­ler An­stal­ten als Hau­s­el­tern. Als die Zahl der In­sas­sen 1880 auf 19 an­ge­wach­sen war, wur­de ein ei­ge­nes Haus für die Wai­sen ge­baut. Das Grund­stück da­für konn­te Doll aus dem Be­sitz sei­ner Schwie­ger­mut­ter zur Ver­fü­gung stel­len, die Bau­kos­ten wur­den durch Spen­den ge­deckt. Da­bei be­folg­te man den Grund­satz, nicht um Un­ter­stüt­zung di­rekt zu bit­ten und auch auf Jah­res- und an­de­ren Fes­ten nie Kol­lek­ten ab­zu­hal­ten, wie die lan­des­kirch­li­chen Ver­ei­ne und Grup­pen es ta­ten, son­dern dar­auf zu ver­trau­en, dass Gott schon für das Nö­ti­ge sor­gen wer­de.

Und das tat er ge­ra­de in den An­fangs­jah­ren reich­lich. Ein weit­ge­spann­ter Freun­des­kreis gab im­mer wie­der Geld, und die die­sen ver­bin­den­de Klam­mer wur­de der „Mis­si­ons- und Hei­den­bo­te“, ei­ne Zeit­schrift, die seit 1879 mo­nat­lich er­schien, von Doll her­aus­ge­ge­ben wur­de und de­tail­liert die äu­ße­re und in­ne­re Ent­wick­lung des Wai­sen­hau­ses schil­der­te so­wie über je­de Spen­de und je­den Spen­der be­rich­te­te. In den 1880er Jah­ren wuchs die Zahl der Abon­nen­ten des Blat­tes auf über 3.200! Der ei­gent­li­che Zweck der Pu­bli­ka­ti­on war je­doch – wie schon ihr Ti­tel sagt - , „in po­pu­lä­rer Wei­se Nach­rich­ten aus der Hei­den­welt so­wie über das Werk des Herrn“ zu brin­gen. Doll muss über gu­te Kon­tak­te zu zahl­rei­chen Mis­sio­na­ren ver­fügt ha­ben, denn er ver­öf­fent­lich­te Be­rich­te aus vie­len Mis­si­ons­ge­bie­ten. Auf­fal­lend war die gro­ße Band­brei­te des Blat­tes, lu­the­ri­sche Stim­men ka­men eben­so zu Wort wie me­tho­dis­ti­sche und bap­tis­ti­sche. Aus der pu­bli­zis­ti­schen Be­schäf­ti­gung mit der welt­wei­ten Mis­si­on ent­stand der Wunsch, auch in sei­ner Ge­mein­de ei­ne „Hei­den­mis­si­on“ zu star­ten und Mis­sio­na­re aus­zu­bil­den. Nach ih­rer Aus­bil­dung soll­ten sie nicht aus­ge­sandt wer­den, son­dern in gro­ßer Frei­heit da­hin ge­hen, „wo­hin der Herr sie ruf­t“.

Für die be­reits be­ste­hen­den Mis­si­ons­ge­sell­schaf­ten war die­se Art der Aus­sen­dung neu. Un­ge­wohnt war auch das theo­lo­gi­sche Pro­gramm der Neu­kir­che­ner Mis­si­on, ihr „reichs­ge­schicht­li­cher Aus­bli­ck“, wie Doll es nann­te. Die Mis­si­on wer­de – so Doll - die Wie­der­kunft Chris­ti be­schleu­ni­gen und da­zu bei­tra­gen, sein Reich zu er­rich­ten. Die­se es­cha­to­lo­gi­sche Er­war­tung präg­te sei­ne Grün­dung und ver­lieh ihr ei­ne be­mer­kens­wer­te Dy­na­mik.

Das Neu­kir­che­ner Wai­sen­haus war oh­ne die Ge­neh­mi­gung der preu­ßi­schen Be­hör­den er­rich­tet wor­den. Als die­se da­von er­fuh­ren, ver­bo­ten sie ihm die Lei­tung des Hau­ses. Noch schär­fer gin­gen sie ge­gen ihn vor, als er de­mons­tra­tiv beim „Hoch“ auf den Kai­ser sit­zen blieb. Das war Ma­jes­täts­be­lei­di­gung, da­mals für ei­nen Pfar­rer ein Skan­dal. Doll wur­de we­gen sei­ner ra­di­kal theo­zen­tri­schen Hal­tung of­fen an­ge­fein­det, die Kir­chen­lei­tung er­wog so­gar, ihn vom Pfarr­amt zu sus­pen­die­ren. Un­ter die­sen Be­din­gun­gen be­gann die Neu­kir­che­ner Mis­si­on im No­vem­ber 1881 mit der Aus­bil­dung ers­ter Mis­sio­na­re. Sie ver­stand sich als ei­ne „Glau­bens­mis­si­on“. Kon­fes­si­on und Kir­chen­ord­nung spiel­ten kei­ne Rol­le, da­zu wur­de al­les of­fe­ne Bit­ten um Geld ver­mie­den, weil die Mis­sio­na­re glaub­ten, dass Gott für das Nö­ti­ge sor­gen wer­de. Be­reits im fol­gen­den Jahr konn­ten die an­ge­hen­den Mis­sio­na­re ein ei­ge­nes Haus, ein ehe­ma­li­ges Wirts­haus im Dorf, be­zie­hen.

Doll starb am 23.5.1883. Sein frü­her Tod stürz­te das Wai­sen­haus und die Mis­si­on in ei­ne tie­fe Kri­se. Es fehl­ten jeg­li­che recht­li­chen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Grund­la­gen, al­les war auf die cha­ris­ma­ti­sche Per­son des Grün­ders zu­ge­schnit­ten. In der Per­son des da­mals 26-jäh­ri­gen Theo­lo­gen Ju­li­us Sturs­berg (1857-1909), den Doll 1880 als Mis­si­ons­leh­rer en­ga­giert hat­te, fand das Un­ter­neh­men ei­nen neu­en Lei­ter.

Literatur

Brandt, Bernd, Lud­wig Doll: Grün­der der Neu­kir­che­ner Mis­si­on als ers­te deut­sche Glau­bens­mis­si­on, Nürn­berg 2007.

Brandt, Bernd, Die Neu­kir­che­ner Mis­si­on. Ih­re Ge­schich­te als ers­te deut­sche Glau­bens­mis­si­on. Köln 1998.

 
Zitationshinweis

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Wittmütz, Volkmar, Ludwig Doll, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-doll-/DE-2086/lido/57c6960e788670.71907118 (15.07.2018)