Ludwig Simon

Revolutionär (1819-1872)

Björn Thomann (Sank Augustin)

Ludwig Simon, Porträt.

Lud­wig Si­mon zähl­te als Ab­ge­ord­ne­ter in der Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung zu den füh­ren­den Köp­fen der de­mo­kra­ti­schen Lin­ken. Von sei­ner Schul­zeit bis an sein Le­bens­en­de war er ein über­zeug­ter Ver­fech­ter der na­tio­na­len Ei­ni­gung Deutsch­lands auf der Grund­la­ge ei­nes par­la­men­ta­risch or­ga­ni­sier­ten Staats­we­sens. Si­mon ge­hört zu der lan­gen Rei­he rhei­ni­scher De­mo­kra­ten, die ihr Ein­tre­ten für ih­re po­li­ti­schen Vi­sio­nen nach 1849 mit dem Gang in die Emi­gra­ti­on be­zah­len muss­ten. 

Lud­wig Ger­hard Gus­tav Si­mon wur­de am 20.2.1819 in Saar­louis als Sohn des Gym­na­si­al­leh­rers Tho­mas Si­mon (1794-1869) und des­sen Ehe­frau Su­san­ne Au­gus­te Walt­her ge­bo­ren. Der Va­ter ent­stamm­te ei­ner alt­ein­ge­ses­se­nen ka­tho­li­schen Fa­mi­lie aus dem Mo­sel­land. Die in Mei­sen­heim auf­ge­wach­se­ne Mut­ter war die Toch­ter ei­nes pro­tes­tan­ti­schen Schul­meis­ters. Aus der 1816 ge­schlos­se­nen Ehe gin­gen drei Kin­der her­vor, von de­nen Lud­wig Si­mon das jüngs­te war. Die Schwes­ter Frie­de­ri­ke (1816-1839) wähl­te den Frei­tod, der Bru­der Carl Au­gust Si­mon (1817-1887) durch­lief ei­ne er­folg­rei­che Lauf­bahn in der preu­ßi­schen Ar­mee und be­en­de­te die­se 1874 im Rang ei­nes Ge­ne­ral­ma­jors. 

1822 über­sie­del­te die Fa­mi­lie nach Trier, wo der Va­ter ei­ne An­stel­lung als Leh­rer am ört­li­chen Gym­na­si­um er­hal­ten hat­te. Hier be­stand Lud­wig Si­mon un­ter dem li­be­ral ge­sinn­ten Di­rek­tor Jo­hann Hu­go Wyt­ten­bach (1767-1848) im Jahr 1836 die Prü­fun­gen zum Ab­itur. Zu sei­nen Mit­schü­lern zähl­te der Ge­sell­schafts­theo­re­ti­ker Karl Marx. Ei­ne ent­schei­den­de po­li­ti­sche Prä­gung er­fuhr Si­mon je­doch nicht nur in der Schu­le, son­dern auch ­durch das frei­sin­ni­ge Kli­ma sei­nes El­tern­hau­ses. Be­reits in sei­nem Ab­itur­auf­satz „Die Va­ter­lands­lie­be“ ana­ly­sier­te er die Not­wen­dig­keit ei­ner staat­li­chen Ei­ni­gung Deutsch­lands, die zum zen­tra­len The­ma sei­nes po­li­ti­schen Wir­kens wer­den soll­te. 

Ab dem Som­mer­se­mes­ter 1837 wid­me­te sich Lud­wig Si­mon dem Stu­di­um der Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Bonn. Trotz der ­Ge­fahr po­li­ti­scher Ver­fol­gung schloss er sich den Res­ten der 1834 auf­ge­lös­ten Bur­schen­schaft an, die ih­re kon­spi­ra­ti­ven Sit­zun­gen im Wirts­haus „Im Ru­lan­d“ in der Sto­cken­stra­ße ab­hielt. Die­se sich als „Ru­lan­dia“ be­zeich­nen­de, form­los or­ga­ni­sier­te Kneip­ge­sell­schaft be­stand ver­mut­lich bis zum Som­mer­se­mes­ter 1838. Nach ih­rer Auf­lö­sung ge­hör­te Lud­wig Si­mon am 10.8.1838 zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des Corps „Pa­la­ti­a“. 

1839 be­gann Si­mon sei­ne prak­ti­sche ju­ris­ti­sche Aus­bil­dung am Land­ge­richt in Trier, die er im Fe­bru­ar 1848 mit der Er­lan­gung der An­walts­zu­las­sung ab­schloss. Zwi­schen 1845 und 1846 leis­te­te er sei­nen Mi­li­tär­dienst im 30. Land­wehr-Re­gi­ment ab. Er be­klei­de­te hier zu­letzt den Rang ei­nes Leut­nants. In Trier un­ter­hielt er wäh­rend der 1840er Jah­re en­ge und prä­gen­de Kon­tak­te zu klein­bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­schen In­tel­lek­tu­el­len wie dem Staats­pro­ku­ra­tor Jo­seph Schorn­baum (1809-1858) und dem spä­te­ren Ab­ge­ord­ne­ten der Preu­ßi­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung Jo­sef Eras­mus Graeff (1803-1877). Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem so­zia­len Elend der mo­sel­län­di­schen Bau­ern aber auch mit der er­bit­ter­ten Kon­tro­ver­se um die Trie­rer Wall­fahrt be­stärk­te ihn in sei­nen ra­di­kal­de­mo­kra­ti­schen An­sich­ten. 

Beim Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on im März 1848 trat Si­mon an die Spit­ze der re­pu­bli­ka­ni­schen Be­we­gung sei­ner Hei­mat­stadt. Er war ma­ß­geb­lich an der Grün­dung des De­mo­kra­ti­schen Ver­eins be­tei­ligt, schrieb po­li­ti­sche Bei­trä­ge für das „Trie­rer Volks­blat­t“ und zeich­ne­te für ei­ne an den preu­ßi­schen Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858) ge­rich­te­te Pro­te­st­adres­se ver­ant­wort­lich, in wel­cher die­ser zur Ge­wäh­rung all­ge­mei­ner und di­rek­ter Wah­len auf­ge­for­dert wur­de. Der po­li­ti­sche Wir­kungs­kreis des 29-Jäh­ri­gen er­wei­ter­te sich im April 1848 auch auf die na­tio­na­le Ebe­ne. Er ge­hör­te dem Fünf­zi­ger­aus­schuss an und kan­di­dier­te bei der Wahl zur Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung er­folg­reich um ein Man­dat im Wahl­be­zirk Trier. 

In der Na­tio­nal­ver­samm­lung schloss sich Si­mon kurz­zei­tig der Frak­ti­on Deut­scher Hof an, ge­hör­te aber ab Mai 1848 zu den Be­grün­dern der ra­di­ka­len lin­ken Frak­ti­on Don­ners­berg. Zur Un­ter­schei­dung von den eben­falls der po­li­ti­schen Lin­ken an­ge­hö­ren­den Ab­ge­ord­ne­ten Hein­rich Si­mon (1805-1860) und Max Si­mon (1814-1872) pfleg­te er sich fort­an als „Si­mon von Trier“ zu be­zeich­nen. In den par­la­men­ta­ri­schen De­bat­ten pro­fi­lier­te er sich mit­tels sei­ner eben­so mit­rei­ßen­den wie sprach­lich prä­zi­sen Rhe­to­rik als un­um­strit­te­ner Wort­füh­rer der De­mo­kra­ten. Ab Sep­tem­ber 1848 fun­gier­te er auch als Re­dak­teur der „Neu­en Deut­schen Zei­tun­g“. 

Als die par­la­men­ta­ri­schen In­sti­tu­tio­nen in der zwei­ten Hälf­te des Jah­res 1848 den Rück­halt durch die Be­völ­ke­rung zu ver­lie­ren droh­ten, rief Si­mon zur kom­pro­miss­lo­sen Ver­tei­di­gung der Mär­zer­run­gen­schaf­ten ge­gen­über der er­star­ken­den preu­ßi­schen Re­ak­ti­on auf. Für Auf­se­hen sorg­te sei­ne ak­ti­ve Teil­nah­me am Frank­fur­ter Auf­stand im Sep­tem­ber 1848. Ver­geb­lich ver­such­te die Frank­fur­ter Jus­tiz die Na­tio­nal­ver­samm­lung zur Auf­he­bung sei­ner Im­mu­ni­tät zu be­we­gen, um po­li­zei­li­che Maß­nah­men ge­gen ihn ein­lei­ten zu kön­nen. Im Ok­to­ber 1848 nahm er am zwei­ten De­mo­kra­ten­kon­gress in Ber­lin teil und war au­ßer­dem an der Grün­dung des Zen­tral­m­ärz­ver­eins ma­ß­geb­lich be­tei­ligt. Trotz sei­nes rast­lo­sen Ein­sat­zes soll­te es aber we­der ihm noch sei­nen Par­tei­gän­gern ge­lin­gen, die Vi­si­on ei­nes gro­ß­deut­schen Ver­fas­sungs­staa­tes mehr­heits­fä­hig zu er­hal­ten. 

In den Wir­ren des Früh­jahrs 1849 wur­de Lud­wig Si­mon durch das Stutt­gar­ter Rumpf­par­la­ment in den Fünf­zeh­ner­aus­schuss zur Durch­set­zung der Reichs­ver­fas­sung ge­wählt. Zu­letzt be­tei­lig­te er sich ak­tiv am Ba­di­schen Auf­stand. Steck­brief­lich ge­sucht ent­zog er sich sei­ner Ver­haf­tung im Ju­ni 1849 durch Flucht in die Schweiz. Im Exil be­tä­tig­te er sich vor al­lem als Au­tor ver­schie­de­ner Emi­gran­ten­zeit­schrif­ten. Der­weil wur­de er im Fe­bru­ar 1850 in Ab­we­sen­heit we­gen Fah­nen­flucht zu ei­ner Geld­stra­fe von 1.000 Ta­lern und im Ja­nu­ar 1851 we­gen Hoch­ver­rats zum To­de ver­ur­teilt. Die Hin­rich­tung wur­de sym­bo­lisch am Trie­rer Schand­pfahl voll­streckt. Um die Pro­zess­kos­ten zu be­zah­len, sa­hen sich Si­mons El­tern da­zu ge­zwun­gen ihr Trie­rer Haus zu ver­äu­ßern. 

Die ers­ten Jah­re der Emi­gra­ti­on wa­ren von ei­ner fort­wäh­ren­den Rast­lo­sig­keit ge­prägt. Zwi­schen 1849 und 1853 leb­te und ar­bei­te­te Lud­wig Si­mon un­ter an­de­rem in Bad Horn, Lau­sanne, Bern und zu­letzt in Genf. Nach sei­ner Aus­wei­sung aus der Schweiz im No­vem­ber 1853 ge­lang­te er über Di­jon und Mar­seil­le nach Niz­za, wo er sei­ne zwei­bän­di­ge Au­to­bio­gra­phie „Aus dem Exil“ nie­der­schrieb. 1855 trat er in den Dienst des Ban­kiers Ma­xi­mi­li­en Ko­enigs­war­ter (1817-1878) in Pa­ris. Erst hier wur­de er über meh­re­re Jah­re sess­haft. 1866 grün­de­te er in der Pa­ri­ser Rue de Pro­vence ein ei­ge­nes flo­rie­ren­des Bank­haus und hei­ra­te­te 1869 die ge­bür­ti­ge Schwei­ze­rin Ma­rie Schmid­lin (1824-1877). 

Die Ei­ni­gungs­po­li­tik Ot­to von Bis­marcks (1815-1898) be­ob­ach­te­te er mit gro­ßer Skep­sis, sah sich in sei­ner un­ge­bro­chen de­mo­kra­ti­schen und an­ti­preu­ßi­schen Hal­tung aber weit­ge­hend iso­liert. Un­ter dem Ein­druck des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges ver­kauf­te er En­de 1870 sein Pa­ri­ser Bank­haus und zog sich mit sei­ner Ehe­frau nach Mon­treux am Gen­fer See zu­rück, wo am 23.7.1871 die ge­mein­sa­me Toch­ter Frédé­ri­que ge­bo­ren wur­de. Nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter, am 2.2.1872, ver­starb Lud­wig Si­mon eben­da. 

Werke

Ein Wort des Rechts für al­le Reichs­ver­fas­sungs­kämp­fer an die deut­schen Ge­schwo­re­nen, Frank­furt a.M. 1849.

Aus dem Exil, 2 Bän­de, Gie­ßen 1855.

Le­ben und Wir­ken Sr. Ma­jes­tät Fried­rich Wil­helms des Vier­ten, Kö­nigs von Preu­ßen, Leip­zig 1855.

Mei­ne De­ser­ti­on. Ein Zeit­bild im Rah­men des preu­ßi­schen Got­tes­gna­den­tums, Frank­furt a.M. 1862.

Po­li­ti­sches und in­ter­na­tio­na­les Recht. Die el­sass-loth­rin­gi­sche Fra­ge, Bern/Lau­sanne/Pa­ris 1871.

Literatur

Best, Hein­rich/Weege, Wil­helm, Bio­gra­phi­sches Hand­buch der Ab­ge­ord­ne­ten der Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lun­g 1848/49, Düs­sel­dorf 1996, S. 320-321.

Bö­se, Heinz-Gün­ther, Lud­wig Si­mon von Trier. 1819-1872. Le­ben und An­schau­un­gen ei­nes rhei­ni­schen Acht­und­vier­zi­gers, Dis­ser­ta­ti­ons­schrift, Mainz 1951.

Dvor­ak, Hel­ge, Bio­gra­phi­sches Le­xi­kon der Deut­schen Bur­schen­schaft. Band 1, Po­li­ti­ker, Teil­band 5, Hei­del­berg 2002, S. 442–444.

Hil­de­brandt, Gun­ther, Lud­wig Si­mon, in: Män­ner der Re­vo­lu­ti­on von 1848, Band 1, Ber­lin 1970, S. 329-343.

Jan­sen, Chris­ti­an, De­mo­krat und Kos­mo­po­lit. Der po­li­ti­sche Weg des Trie­rer Pauls­kir­chen­ab­ge­ord­ne­ten Lud­wig Si­mon (1819-1872) ge­gen den Strom des na­tio­na­lis­ti­schen 19. Jahr­hun­derts, in: Mül­ler, Gui­do/Her­res, Jür­gen (Hg.), Aa­chen, die west­li­chen Rhein­lan­de und die Re­vo­lu­ti­on von 1848/49, Aa­chen 2000, S. 279-308.

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Ludwig Simon, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-simon/DE-2086/lido/57c9520d3769b0.58491551 (26.04.2018)