Ludwig Stollwerck

Unternehmer (1857-1922)

Gabriele Oepen-Domschky (Köln)

Ludwig Stollwerck, Gemälde. (Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln)

Lud­wig Stoll­werck war ei­ner der füh­ren­den Scho­ko­la­de­fa­bri­kan­ten des Deut­schen Kai­ser­rei­ches.

Lud­wig Stoll­werck wur­de als vier­ter Sohn des Kon­di­to­rei­un­ter­neh­mer­s Franz Stoll­werck und des­sen Frau An­na So­phia ge­bo­re­ne Mül­ler (1819-1888) am 22.1.1857 in Köln ge­bo­ren. Franz Stoll­werck hat­te 1839 in Köln ei­ne Bä­cke­rei ge­grün­det, in der Kon­di­to­rei- und Süß­wa­ren so­wie die da­mal­s ­be­lieb­ten Stoll­werck­schen Brust­bon­bons her­ge­stellt wur­den. Seit 1847 preu­ßi­scher Hof­lie­fe­rant, be­trieb er zu­sätz­lich Ca­fés, Gast­wirt­schaf­ten und Thea­ter, un­ter an­de­rem das „Deut­sche Kaf­fee­haus", in dem sich im Re­vo­lu­ti­ons­jahr 1848 die de­mo­kra­ti­schen Krei­se Kölns tra­fen. En­de 1868 nahm er sei­ne äl­tes­ten Söh­ne Ni­ko­laus, Pe­ter Jo­seph und Hein­rich mit ei­nem Ge­sell­schafts­ver­trag vom 16. De­zem­ber in sein Un­ter­neh­men auf (Franz Stoll­werck & Söh­ne); die Zu­sam­men­ar­beit be­gann am 1.1.1869. Auf­grund von fa­mi­liä­ren Kon­flik­ten mach­ten sich die Söh­ne 1871 mit ei­ner ei­ge­nen Fa­brik selbst­stän­dig (Gebr. Stoll­werck, seit 1902 Gebr. Stoll­werck AG). Als Franz Stoll­werck 1876 starb, wur­den die Be­trie­be un­ter den Brü­dern ver­ei­nigt. Die Pro­dukt­pa­let­te um­fass­te da­mals Ka­kao, Scho­ko­la­den ver­schie­de­ner Qua­li­tät, Pra­li­nen, Bon­bons und Halb­fa­bri­ka­te (Scho­ko­la­de-, Nu­gat-, Mar­zi­pan­mas­sen so­wie Waf­feln und Bis­kuits).

 

Be­dingt durch un­ter­neh­me­ri­sche Miss­er­fol­ge des Va­ters und des­sen Strei­tig­kei­ten mit den äl­te­ren Brü­dern er­leb­te Lud­wig ei­ne un­si­che­re, von Fa­mi­li­en­kon­flik­ten ge­präg­te Kind­heit und Ju­gend. Zu­nächst durch­lief er ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re im vä­ter­li­chen Süß­wa­ren­be­trieb, be­vor er bei Gebr. Stoll­werck für Ver­trieb, Wer­bung und Ex­port zu­stän­dig wur­de. Durch auf­fäl­li­ge Wer­be- und Ver­triebs­me­tho­den wie die Ge­stal­tung von Sam­mel­al­ben mit Bild­se­ri­en his­to­ri­scher oder na­tur­wis­sen­schaft­li­cher The­men und den Ver­kauf von Scho­ko­la­de in Au­to­ma­ten mach­te er Stoll­werck-Scho­ko­la­den zum Ver­kaufs­schla­ger. Ge­ra­de im Be­reich der Wer­bung ar­bei­te­te er be­wusst mit zeit­ge­nös­si­schen Künst­lern wie Adolph von Men­zel (1815-1905) oder Ot­to Mo­der­sohn (1865-1943) zu­sam­men. An­läss­lich der Ver­lei­hung des Kom­mer­zi­en­rats­ti­tels durch Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1919) 1906, schenk­te Stoll­werck dem Kai­ser das von Adolph von Men­zel auf­wän­dig ge­stal­te­te Al­bum „Uni­for­mie­rung der Ar­mee Fried­richs des Gro­ßen".

Den Ver­trieb von Scho­ko­la­de in Au­to­ma­ten son­der­te Lud­wig Stoll­werck 1895 in ei­nem se­pa­ra­ten Un­ter­neh­men aus, der Deut­schen Au­to­ma­ten Ge­sell­schaft (DAG, Köln), da zu­neh­mend auch Au­to­ma­ten für Ge­brauchs­ge­gen­stän­de (zum Bei­spiel Streich­höl­zer, Köl­nisch Was­ser, Sei­fe) so­wie Leis­tungs­au­to­ma­ten (un­ter an­de­rem Per­so­nen­waa­gen, Fern­rohr­au­to­ma­ten) ge­baut wur­den. Im glei­chen Jahr grün­de­te er die Deut­sche Edi­son Pho­no­gra­phen Ge­sell­schaft mbH in Köln, die sich dem Ver­trieb des Pho­no­gra­phen wid­me­te, ei­nem Ge­rät, das wahl­wei­se als Dik­tier- oder Mu­sik­pho­no­graph ge­baut wur­de. Be­rühmt wur­de in die­sem Zu­sam­men­hang Stoll­werks „spre­chen­de Scho­ko­la­de", Schall­plat­ten aus Scho­ko­la­de, die auf Spiel­zeug­pho­no­gra­phen ab­ge­spielt wer­den konn­ten und die Stoll­werck zu­sam­men mit Tho­mas Al­va Edi­son (1847-1931) ent­wi­ckel­te hat­te. Dar­über hin­aus brach­te er im April 1896 die ers­ten Film­auf­nah­men nach Köln, da er die Ver­wer­tungs­rech­te des Ki­ne­ma­to­gra­phen der Brü­der Au­gus­te und Louis Lu­miè­re aus Ly­on, ei­nes Vor­führ­ge­räts, das erst­mals Bil­der auf ei­ne Lein­wand pro­ji­zier­te, auf­ge­kauft hat­te.

Ludwig Stollwerck mit Kindern. (RWWA)

 

Auch in sei­nen Auf­sichts­rats­be­tei­li­gun­gen spie­gelt sich sein ho­hes In­ter­es­se für das Au­to­ma­ten­ge­schäft wi­der. So war Lud­wig Stoll­werck jah­re­lang Mit­glied der Te­le­fun­ken AG (Ber­lin), de­ren An­fän­ge un­ter an­de­rem in den Ver­su­chen des deut­schen Phy­si­kers Fer­di­nand Braun (1850-1918) mit der Funk­te­le­gra­phie la­gen, die er fi­nan­zi­ell un­ter­stütz­te. Noch wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges en­ga­gier­te er sich in den Te­le­gra­phie- und der Fern­bild­über­tra­gungs­ge­sell­schaf­ten des Ber­li­ners Curt Stil­le, Un­ter­neh­men, die den Be­ginn der Rund­funk- bzw. Fern­seh­tech­nik mar­kie­ren. Ei­ne be­son­de­re Freund­schaft pfleg­te Stoll­werck mit Wil­liam Hes­keth Le­ver (1851-1925), dem eng­li­schen Sei­fen­fa­bri­kan­ten aus Port Sun­light, Li­ver­pool, und Grün­der der Le­ver Bro­thers Ltd., der sei­ne Sun­light-Sei­fe (spä­ter ein­ge­deutscht zu Sun­licht) seit 1907 in Mann­heim pro­du­zier­te. Le­vers Un­ter­neh­men ver­schmolz 1929/1930 mit dem nie­der­län­di­schen Mar­ga­ri­ne­pro­du­zen­ten Mar­ga­rie Unie zum Uni­le­ver-Kon­zern.

Die In­ter­es­sen der Scho­ko­la­de­pro­du­zen­ten ver­trat Lud­wig Stoll­werck in dem 1877 ge­grün­de­ten Ver­band Deut­scher Scho­ko­la­de-Fa­bri­kan­ten, des­sen Vor­sit­zen­der er von 1911 bis 1922 war. Ur­sprüng­lich ge­grün­det mit dem Ziel, die Her­stel­lung von qua­li­täts­vol­ler Scho­ko­la­de zu über­wa­chen, wur­de es Stoll­wercks Ziel, Preis­bin­dun­gen in der Scho­ko­lade­indus­trie zu er­rei­chen, was durch das Schwan­ken der Roh­ka­kao­prei­se auf dem Welt­markt ei­ne Schwie­rig­keit an sich dar­stell­te. Im­mer­hin schaff­te er es, 1907 die grö­ß­ten deut­schen Scho­ko­la­de­her­stel­ler in der Ka­kao-Ein­kaufs­ge­sell­schaft, Ham­burg, zu­sam­men­zu­schlie­ßen. Dar­über hin­aus dach­te er eben­falls an ei­ne ähn­lich ge­la­ger­te in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on zu­sam­men mit Bri­ten und Ame­ri­ka­nern – Be­stre­bun­gen, die durch den Ers­ten Welt­krieg un­ter­bro­chen wur­den. Po­li­tisch na­tio­nal­li­be­ral ori­en­tiert, ent­wi­ckel­te er sich von 1914 bis 1918 zwar nicht zu ei­nem Welt­kriegs­geg­ner, lehn­te den un­ein­ge­schränk­ten U-Boot-Krieg je­doch ab. Er war über­zeugt da­von, dass das Deut­sche Reich den Bri­ten und Ame­ri­ka­nern un­ter­le­gen war. Den­noch fand er den Waf­fen­still­stand und das Kriegs­en­de de­mü­ti­gend für Deutsch­land. Die re­vo­lu­tio­nä­ren Er­eig­nis­se von 1918 und ei­ne von ihm ge­fürch­te­te „so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Dik­ta­tur" lehn­te Stoll­werck ab. Ge­gen En­de des Krie­ges hat­te er al­ler­dings ana­log zu den Be­stre­bun­gen des in­ter­frak­tio­nel­len Aus­schus­ses im deut­schen Reichs­tag Kon­tak­te zur ka­tho­li­schen Zen­trums­par­tei, der po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on ka­tho­li­scher Chris­ten in Deutsch­land bis 1933, auf­ge­nom­men.

Ludwig Stollwerck, Porträtfoto. (RWWA)

 

Dem ka­tho­li­schen Glau­ben in­ner­lich tief ver­bun­den, en­ga­gier­te sich Lud­wig Stoll­werck als Kir­chen­vor­stands­mit­glied sei­ner Ge­mein­de St. Paul. Als in Köln im Zu­ge der Nie­der­le­gung der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­er und der Be­bau­ung der so ge­nann­ten Neu­stadt auch der Auf­bau von Pfar­rei­en und Neu­bau von Kir­chen er­for­der­lich wur­de, ent­wi­ckel­te sich Stoll­werck zu ei­nem eif­ri­gen För­de­rer der Baus der Kir­che St. Paul. Da­bei reich­te sei­ne Tä­tig­keit von der fi­nan­zi­el­len Ab­si­che­rung des Baus bis hin zur Be­gut­ach­tung der In­nen­aus­stat­tung der Kir­che. Selbst in ei­ner Au­di­enz in Rom wies er ge­gen­über dem Papst auf sein En­ga­ge­ment beim Bau der Kir­che St. Paul hin und schenk­te ihm ei­ne Schach­tel feins­ter Bon­bons und Pra­li­nés.

Lud­wig Stoll­werck starb 1922 nach kur­zer Krank­heit. Er war mit Ma­ria Schla­gloth (1859-1919) aus Köln ver­hei­ra­tet, mit der er drei Söh­ne und zwei Töch­ter hat­te. Von den drei Söh­nen Fried­rich („Fritz", ge­bo­ren 1884), Paul (1886-1940) und Karl Ma­ria (1896-1958) ver­blieb nur Fritz im Un­ter­neh­men. Ne­ben Lud­wig tra­ten nach der Grün­dung der Gebr. Stoll­werck auch Ni­ko­laus, Pe­ter Jo­seph und Hein­rich her­vor. Ni­ko­laus Stoll­werck in­iti­ier­te 1877 die Grün­dung des Ver­ban­des Deut­scher Scho­ko­la­de­fa­bri­kan­ten. Pe­ter Jo­seph und Hein­rich grün­de­ten die so­zia­len Ein­rich­tun­gen Stoll­wercks wie Be­triebs­kas­sen und -ver­si­che­run­gen so­wie ei­nen Werk­schor. Hein­rich Stoll­werck wid­me­te sich der Pro­duk­ti­ons­tech­nik und kon­stru­ier­te ei­ge­ne Ma­schi­nen, die wie bei­spiels­wei­se der ho­ri­zon­tal an­ge­ord­ne­te Wal­zen­stuhl von 1873 teils auch pa­ten­tiert und in der haus­ei­ge­nen Ma­schi­nen­fa­brik ver­trie­ben wur­den.

Mit dem Tod Lud­wigs und sei­nes jün­ge­ren Bru­ders Carl en­de­te die Er­folgs­ge­schich­te der Stoll­werck AG. Die Er­ben ent­wi­ckel­ten kei­ne ent­schei­den­den un­ter­neh­me­ri­schen Im­pul­se, und so schied die Fa­mi­lie An­fang der 1930er-Jah­re aus dem Vor­stand der Ak­ti­en­ge­sell­schaft aus.

Quellen

Ge­sell­schafts­ver­trag zwi­schen Franz Stoll­werk und sei­nen Söh­nen vom 16.12.1868 bei der Stif­tung Rhei­nisch-West­fä­li­sches Wirt­schafts­ar­chiv Köln (Si­gna­tur: 208-342-3).

Literatur

Joest, Hans-Jo­sef, Das Aben­teu­er ei­ner Welt­mar­ke, Köln o.J.
Kuske, Bru­no, 100 Jah­re Stoll­werck-Ge­schich­te 1939-1939, Leip­zig 1939.
Lau­te, Gus­tav, Lud­wig Stoll­werck, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 5, Müns­ter i.W. 1953, S. 100-121.
Oepen-Dom­schky, Ga­brie­le, Köl­ner Wirt­schafts­bür­ger im Deut­schen Kai­ser­reich. Eu­gen Lan­gen, Lud­wig Stoll­werck, Ar­nold von Guil­leau­me und Si­mon Al­fred von Op­pen­heim, Köln 2003.

Emaille-Tafel von Stollwerck. (Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv)

 
Zitationshinweis

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Oepen-Domschky, Gabriele, Ludwig Stollwerck, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-stollwerck/DE-2086/lido/57c9561256ad14.55151008 (26.04.2018)