Ludwig Weber

Sozialreformer (1846-1922)

Stefan Flesch (Düsseldorf)

Ludwig Weber, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Lud­wig We­ber war Pfar­rer in Mön­chen­glad­bach und ei­ner der füh­ren­den kon­ser­va­ti­ven So­zi­al­re­for­mer auf evan­ge­li­scher Sei­te in der Zeit des Kai­ser­reichs. Er zähl­te un­ter an­de­rem zu den In­itia­to­ren des Evan­ge­lisch-So­zia­len Kon­gres­ses und war Vor­sit­zen­der des Ge­samt­ver­ban­des der evan­ge­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne Deutsch­lands.

Lud­wig We­ber wur­de am 2.4.1846 im west­fä­li­schen Schwelm als Sohn des Land­ge­richts­rats Carl We­ber und des­sen Frau Emi­lie ge­bo­ren. Auf­grund der be­ruf­li­chen Ver­set­zung des Va­ters ver­brach­te er sei­ne Ju­gend in Ma­ri­en­wer­der (West­preu­ßen). 1863 be­gann We­ber das Stu­di­um der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie in Bonn, Ber­lin und Er­lan­gen, das er 1868 mit dem Er­werb des Li­cen­tia­ten­gra­des ab­schloss. Vor al­lem die Zeit in Er­lan­gen präg­te ihn theo­lo­gisch hin zum streng or­tho­do­xen Lu­ther­tum. Nach ers­ten Be­rufs­sta­tio­nen in Iser­lohn und Dell­wig (Ruhr) trat er 1881 die neu er­rich­te­te drit­te Pfarr­stel­le in Mön­chen­glad­bach an.

Die Ge­mein­de­glie­der­zah­len wa­ren vor al­lem durch die ex­pan­die­ren­de Tex­til­in­dus­trie stark an­ge­stie­gen. Dort galt We­ber bald als glän­zen­der Pre­di­ger und am­tier­te als an­er­kann­ter und be­lieb­ter Ge­mein­de­pfar­rer bis zur Eme­ri­tie­rung 1914. We­ber ver­starb am 29.1.1922 in Bonn. Ihm zu Eh­ren ist in Mön­chen­glad­bach ei­ne Stra­ße be­nannt. Sein ein­zi­ger Sohn Hans Emil We­ber (1882-1950) lehr­te als Pro­fes­sor für sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie in Bonn.

Die­se eher un­auf­fäl­li­ge rhei­ni­sche Theo­lo­gen­vi­ta ver­mit­telt zu­nächst noch kei­nen Ein­druck von der über­re­gio­na­len Be­deu­tung We­bers. Sie be­darf drin­gend der Er­gän­zung durch ei­ne Be­trach­tung des so­zi­al­po­li­ti­schen En­ga­ge­ments, das We­ber in den Jahr­zehn­ten vor dem Ers­ten Welt­krieg reichs­weit ge­zeigt hat. Der Re­form­im­puls, den Jo­hann Hein­rich Wi­chern (1808-1881) mit sei­ner Wit­ten­ber­ger Re­de 1848 für die dia­ko­ni­sche Ar­beit der in­ne­ren Mis­si­on ver­mit­telt hat­te, hat­te nichts an der zu­neh­men­den Ent­frem­dung der Ar­bei­ter­schaft von der evan­ge­li­schen Amts­kir­che zu än­dern ver­mocht. Letz­te­re wur­de - nicht zu Un­recht - als will­fäh­ri­ges Or­gan des Herr­scher­hau­ses wahr­ge­nom­men, die in ih­ren Gre­mi­en ein­sei­tig von Ver­tre­tern des ge­ho­be­nen Bür­ger­tums do­mi­niert sei und ent­spre­chend de­ren In­ter­es­sen ver­tre­te.

Um­ge­kehrt wur­de die er­star­ken­de So­zi­al­de­mo­kra­tie von der Amts­kir­che nicht als po­li­ti­sche Re­ak­ti­on auf die zahl­rei­chen drän­gen­den so­zia­len Pro­ble­me der In­dus­trie­ge­sell­schaft in­ter­pre­tiert, son­dern aus­schlie­ß­lich als Sym­ptom ei­nes re­li­giö­sen und sitt­li­chen Ver­falls. Folg­lich konn­te in der Seh­wei­se der ma­ß­geb­li­chen kirch­li­chen Krei­se nur ei­ne Rechris­tia­ni­sie­rung der Ge­sell­schaft den dro­hen­den ge­walt­sa­men Um­sturz ab­wen­den.

In der En­ge die­ser Denk­mus­ter ver­harr­te teil­wei­se auch We­ber. So be­nann­te er vor der Glad­ba­cher Kreis­syn­ode von 1894 die Ur­sa­chen der so­zia­len Not prä­zi­se und durch­aus mit öko­no­mi­schem Sach­ver­stand. Er führ­te un­ter an­de­rem die so­zia­le Ent­wur­ze­lung, die zu­neh­men­de Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on in den Hän­den we­ni­ger oder die Kri­sen­an­fäl­lig­keit der Welt­märk­te an. Er zog aber dar­aus den Schluss, dass all die­se „äu­ße­ren Ele­men­te der mo­der­nen in­dus­tri­el­len Ar­bei­ter­fra­ge" nur durch de­ren man­geln­de christ­li­che Ver­an­ke­rung an Schär­fe ge­wän­nen. Die Kir­che sol­le viel­mehr nach oben und nach un­ten Bu­ße pre­di­gen und auf den „rech­ten Kom­mu­nis­mus der Lie­be" set­zen. Was We­ber über sei­ne Zeit her­aus­ra­gen lässt, sind sei­ne zahl­rei­chen In­itia­ti­ven für ei­ne kon­kre­te Bes­se­rung der Le­bens­be­din­gun­gen der Ar­bei­ter­schaft. Sie bil­den letzt­lich ei­nen Tra­di­ti­ons­strang hin zur Her­aus­bil­dung der mo­der­nen evan­ge­li­schen So­zi­al­ethik. So trat er be­reits für die un­ein­ge­schränk­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit und das un­ge­hin­der­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­recht der Ar­bei­ter ein. Die star­re staats­kirch­li­che Ver­an­ke­rung der evan­ge­li­schen Kir­che stieß eben­so auf sei­ne Kri­tik wie er um­ge­kehrt sei­ner Kir­che für die prak­ti­sche Be­wäl­ti­gung der so­zia­len Not als er­fah­re­ner Or­ga­ni­sa­tor um­setz­ba­re Vor­schlä­ge un­ter­brei­te­te. In sei­nen so­zi­al­po­li­ti­schen An­schau­un­gen wur­de We­ber wohl am nach­hal­tigs­ten von den Ide­en des kon­ser­va­ti­ven Li­te­ra­tur­his­to­ri­kers Vic­tor Ai­mé Hu­ber (1800-1869) be­ein­flusst, der be­reits für die ge­nos­sen­schaft­li­che Selbst­hil­fe der Ar­bei­ter eben­so wie für ei­ne Be­tei­li­gung der Ar­bei­ter an den Un­ter­neh­mer­ge­win­nen plä­diert hat­te.

Be­reits seit 1878 stand We­ber in Kon­takt mit dem Ber­li­ner Hof­pre­di­ger Adolf Stoecker (1835-1909). In der kur­zen Auf­bruch­pha­se, die sich 1890 mit der Auf­he­bung der So­zia­lis­ten­ge­set­ze und dem Wort des Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­ra­tes in Ber­lin zur „Mit­ar­beit an der Lö­sung der so­zia­len Fra­ge" an­zu­kün­di­gen schien, ge­wan­nen christ­lich-so­zia­le Ide­en un­ter dem Schutz­schirm ei­nes „so­zia­len Kai­ser­tums" an Po­pu­la­ri­tät. Bei der Grün­dung des Evan­ge­lisch-So­zia­len Kon­gres­ses 1890 agier­te We­ber eben­so ge­mein­sam mit Stoecker, wie er zu­sam­men mit ihm 1896 den Kon­gress im Streit ver­ließ und die Freie kirch­lich-so­zia­le Kon­fe­renz grün­de­te. Bei­de Kon­gres­se dien­ten als Dis­kus­si­ons­platt­for­men für na­tio­nal­öko­no­mi­sche und so­zi­al­po­li­ti­sche The­men, wo­bei die Re­fe­ren­ten über­wie­gend Theo­lo­gen wa­ren.

Die wei­ter­rei­chen­den und über­kon­fes­sio­nel­len An­sät­ze Fried­rich Nau­manns (1860-1919), der et­wa für ei­ne Her­an­füh­rung der evan­ge­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne an die frei­en Ge­werk­schaf­ten ein­trat, lehn­te We­ber ab. Gleich­falls 1896 hieß es frei­lich be­reits in der knap­pen Dik­ti­on Kai­ser Wil­helms II. (Re­gent­schaft 1888-1918): „Christ­so­zi­al ist Un­sinn..." und Carl-Fer­di­nand von Stumm (1836-1901), Gro­ß­in­dus­tri­el­ler an der Saar und Freund des Kai­sers, griff We­ber in ei­ner Reichs­tags­re­de scharf an.

Der wich­tigs­te so­zi­al­po­li­ti­sche Bei­trag We­bers liegt in der För­de­rung und Lei­tung der evan­ge­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne. Nach der Grün­dung ei­nes Ver­eins in Glad­bach 1889 setz­te er sich en­ga­giert da­für ein, reichs­weit ein dich­tes Netz die­ser Ver­ei­ne zu span­nen und seit 1898 lei­te­te er den Ge­samt­ver­band der evan­ge­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne Deutsch­lands. Von dort such­te er mit­tels Pe­ti­tio­nen und po­li­ti­scher Kon­tak­te zu Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Mi­nis­te­ri­al­stel­len Ein­fluss auf die staat­li­che So­zi­al­po­li­tik und -ge­setz­ge­bung zu neh­men. In prak­ti­scher Hin­sicht stan­den der Ar­beits­schutz und die Woh­nungs­fra­ge im Mit­tel­punkt. Da­bei be­dien­te er sich mo­der­ner Me­tho­den der Da­ten­er­he­bung, wenn er zum Bei­spiel 1892 den Ar­bei­ter­ver­ei­nen Fra­ge­bö­gen zu den kon­kre­ten Wohn­ver­hält­nis­sen und den Sonn­tags­be­schäf­ti­gun­gen der Ar­bei­ter­fa­mi­li­en zu­sand­te, de­ren pu­bli­zier­te Aus­wer­tung auf wei­te Be­ach­tung in der Öf­fent­lich­keit stieß.

Zur prak­ti­schen Schu­lungs­ar­beit in den Kur­sen der Ar­bei­ter­ver­ei­ne gab We­ber meh­re­re Sam­mel­bän­de her­aus. Im Ver­gleich zu den frei­en und christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten blie­ben ih­re Mit­glie­der­zah­len frei­lich be­schei­den: 1914 wa­ren dem Ge­samt­ver­band 1.105 Ar­bei­ter­ver­ei­ne mit cir­ca 140.000 Mit­glie­dern an­ge­schlos­sen.

Ein letz­tes Mal er­griff We­ber die po­li­ti­sche In­itia­ti­ve 1904 mit der Grün­dung der „So­zia­len Ge­schäfts­stel­le für das evan­ge­li­sche Deutsch­land", die als Dach­or­ga­ni­sa­ti­on ver­schie­de­ner so­zi­al­po­li­ti­scher Ver­ei­ni­gun­gen die­nen soll­te. Haupt­auf­ga­ben­ge­bie­te bil­de­ten Schu­lun­gen und die ei­ge­ne Pres­se­ar­beit. Ganz als Kind sei­ner Zeit en­ga­gier­te sich der er­folg­rei­che Ge­mein­de­pfar­rer ne­ben der So­zi­al­po­li­tik in der Sitt­lich­keits­be­we­gung und im Evan­ge­li­schen Bund, den da­ma­li­gen „pres­su­re groups" des Pro­tes­tan­tis­mus. Be­zeich­nend für sein Welt­bild ist ein Zi­tat aus ei­nem Vor­trag: „Wol­len wir uns dem Ein­fluss des Ul­tra­mon­ta­nis­mus ent­ge­gen­wer­fen und zu­gleich den in­ne­ren Feind, die So­zi­al­de­mo­kra­tie, nach Mög­lich­keit zu­rück­drän­gen, so müs­sen wir Evan­ge­li­schen so­zi­al ar­bei­ten und zu ret­ten su­chen, was zu ret­ten ist."

Die­se dop­pel­te Front­stel­lung ge­gen die „Geg­ner im ro­ten und schwar­zen La­ger" führ­te frei­lich zu ei­ner Selbst­iso­lie­rung We­bers und zu ei­ner star­ken Be­gren­zung sei­nes Ein­flus­ses, an der all sei­ne in­ten­siv be­trie­be­ne und ehr­lich ge­mein­te So­zi­al­ar­beit nichts zu än­dern ver­moch­te. Wil­helm Menn (1888-1956), seit 1926 der ers­te of­fi­zi­ell be­stall­te rhei­ni­sche So­zi­al­pfar­rer, soll­te sich - zu­mal un­ter den ver­än­der­ten Struk­tu­ren der Wei­ma­rer Re­pu­blik - gänz­lich von We­bers Kon­zep­ti­on lö­sen.

Literatur

Le­wek, Gert, Kir­che un­d ­so­zia­le Fra­ge um die Jahr­hun­dert­wen­de. Dar­ge­stellt am Wir­ken Lud­wig We­bers, Neu­kir­chen 1963.
Pau­ly, Die­ter, Lud­wig We­ber. Le­ben und Ar­beit ei­nes evan­ge­li­schen So­zi­al­re­for­mers, Mön­chen­glad­bach 1986.

Ludwig Weber, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

 
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Flesch, Stefan, Ludwig Weber, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-weber/DE-2086/lido/57c833ac8c4c01.46671070 (19.10.2018)