Magdalene von Waldthausen

Streiterin für die Frauen in der Evangelischen Kirche (1886-1972)

Kordula Schlösser-Kost (Essen)

Porträtfoto von Magdalene von Waldthausen. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Mag­da­le­ne von Waldthau­sen war ei­ne Ver­tre­te­rin der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung in der Evan­ge­li­schen Kir­che wäh­rend der Wei­ma­rer und der Nach­kriegs­zeit. Sie en­ga­gier­te sich füh­rend in ver­schie­de­nen Be­rei­chen der evan­ge­li­schen Frau­en­ar­beit: in der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe, in der über­ge­ord­ne­ten Frau­en­ver­bands­ar­beit, in der Syn­ode, in Gre­mi­en der rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­kir­che, der preu­ßi­schen Lan­des­kir­che, schlie­ß­lich in der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land so­wie in der Frau­en­ar­beit der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­lands (EKD).

Mag­da­le­ne von Waldthau­sen wur­de am 31.10.1886 als Toch­ter des preu­ßi­schen Of­fi­ziers, spä­te­ren Ge­ne­rals der In­fan­te­rie und Kriegs­mi­nis­ters Hein­rich von Go­ß­ler (1841-1927) und sei­ner Ehe­frau Em­ma ge­bo­re­ne von Sper­ber (1848-1914) in Ber­lin ge­bo­ren. Dort wuchs sie auch in der tief pro­tes­tan­tisch ge­präg­ten Fa­mi­lie auf. 1908 hei­ra­te­te sie den kö­nig­lich-preu­ßi­schen Ber­g­as­ses­sor Gott­fried-Hein­rich von Waldthau­sen (1875-1954). Die weit­ver­zweig­te In­dus­tri­el­len­fa­mi­lie von Waldthau­sen war seit dem 17. Jahr­hun­dert in Es­sen an­säs­sig. Die Stadt wur­de Le­bens­mit­tel­punkt für sie und ih­re Fa­mi­lie mit fünf Kin­dern. Nach der kriegs­be­ding­ten Zer­stö­rung ih­res Es­se­ner Wohn­hau­ses leb­te die Fa­mi­lie auf der Müg­gen­burg in Norf (heu­te Stadt Neuss), die bis heu­te der Fa­mi­lie von Waldthau­sen ge­hört. Auch hier en­ga­gier­te sich Mag­da­le­ne von Waldthau­sen mit der ihr ei­ge­nen En­er­gie und ih­rem Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Sie war ma­ß­geb­lich an der Grün­dung ei­ner evan­ge­li­schen Ge­mein­de für die nach Norf ge­kom­me­nen evan­ge­li­schen Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­nen be­tei­ligt.

Wie vie­le ih­rer Ge­ne­ra­ti­on muss­te sie sich mit ih­ren – in ih­rem Fal­le kirch­li­chen – Äm­tern in de­mo­kra­ti­schen wie in Zei­ten gro­ßer Re­pres­si­on ein­rich­ten. In der Wei­ma­rer Zeit wur­de die ver­fass­te Evan­ge­li­sche Kir­che mit den Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen der Frau­en kon­fron­tiert und muss­te nach 1918 das vol­le Wahl­recht für Frau­en auch bei den Wah­len der Kir­chen­par­la­men­te um­set­zen. Die ver­fass­te rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­kir­che schuf, ver­stärkt vor dem Hin­ter­grund der ver­än­der­ten po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten, aus­drück­lich neue For­men des Wir­kens. Mit Funk­ti­ons­pfarr­äm­tern und kirch­li­chen Dau­er­aus­schüs­sen et­wa be­geg­ne­te sie po­li­tisch ak­ti­ven Ziel­grup­pen, wie et­wa der Ar­bei­ter­schaft oder der Frau­en, die mit ih­rer neu ge­won­ne­nen po­li­ti­schen Gleich­be­rech­ti­gung auch in Gre­mi­en mit Ent­schei­dungs­be­fug­nis ver­tre­ten sein woll­ten. 

Die­se neu­en ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Räu­me nahm Mag­da­le­ne von Waldthau­sen wahr und kämpf­te für die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau­en in der Kir­che. In gleich meh­re­ren Funk­tio­nen war sie ei­ne der Frau­en der ers­ten Stun­de, in­dem sie eins der ers­ten vier weib­li­chen Mit­glie­der der rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­syn­ode und Mit­glied der Ge­ne­ral­syn­ode der preu­ßi­schen Lan­des­kir­che wur­de. Als 1926 in der rhei­ni­schen Kir­che ein kirch­li­cher Dau­er­aus­schuss für Frau­en un­ter dem Vor­sitz von Prä­ses Walt­her Wolff ein­ge­rich­tet wur­de, wur­de die Es­se­ne­rin mit ih­rem frau­en­ver­band­li­chen und ver­fasst-kirch­li­chen Hin­ter­grund ein wich­ti­ges Mit­glied.

Die Ba­sis ih­res En­ga­ge­ments aber lag für Mag­da­le­ne von Waldthau­sen bei der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe in Es­sen. 1916 wur­de sie zur Vor­sit­zen­den des Kreis­ver­ban­des ge­wählt – ein Amt, das sie bis 1951 aus­üb­te. In Es­sen grün­de­te und be­glei­te­te sie zahl­rei­che so­zia­le Ein­rich­tun­gen, ein Säug­lings­heim, ein Er­ho­lungs­heim für Müt­ter und Kin­der, ei­ne Müt­ter­schu­le für jun­ge Frau­en, ein Ob­dach­lo­sen­heim und an­de­res mehr. Un­ter ih­rer Ägi­de konn­te sich die so­zia­le wie die ei­ge­ne ver­band­li­che Frau­en­hil­fe in Es­sen stark aus­wei­ten. In den 1920er Jah­ren zähl­te der Es­se­ner Kreis­ver­band 29 Grup­pen mit mehr als 10.000 Mit­glie­dern. 1929 wur­de Mag­da­le­ne von Waldthau­sen auch Vor­sit­zen­de des Pro­vin­zi­al­ver­bands der Rhei­ni­schen Frau­en­hil­fe, der in Wup­per­tal-Bar­men im Au­gus­te-Vic­to­ria-Heim sei­ne Zen­tra­le hat­te. Auch die­ses Amt hat­te sie bis 1951 in­ne.

Wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­tä­tig­te sich die en­ga­gier­te Pro­tes­tan­tin zu­sam­men mit ih­rem Ehe­mann in der Be­ken­nen­den Kir­che. Sie setz­te sich da­für ein, die Or­ga­ni­sa­ti­on der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe mit der Be­ken­nen­den Kir­che zu ver­bin­den. Das blieb nicht oh­ne Fol­gen und Mag­da­le­ne von Waldthau­sen wur­de un­ter Druck ge­setzt. Da sie die Frau­en­hil­fe nicht ge­fähr­den woll­te, bot sie ih­ren Rück­tritt als Vor­sit­zen­de an. In ei­ner Brief­ak­ti­on be­kann­te sich die Mehr­heit der Mit­glie­der der Frau­en­hil­fe im Rhein­land zu ihr und bat sie, den Vor­sitz zu be­hal­ten. Mit den Re­pres­sa­li­en wa­ren auch fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me ver­bun­den. Da der Frau­en­hil­fe im Rhein­land die Kon­ten ge­sperrt wor­den wa­ren und Samm­lun­gen und Kol­lek­ten ver­bo­ten wa­ren, or­ga­ni­sier­te Mag­da­le­ne von Waldthau­sen Son­der­kol­lek­ten.

Auf der Lan­des­syn­ode der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land 1951 wür­dig­te Prä­ses Hein­rich Held im Rück­blick auf die­se Zeit Mag­da­le­ne von Waldthau­sens Wir­ken mit fol­gen­den Wor­ten: „Sie hat durch die Jah­re des Kir­chen­kamp­fes hin­durch ein­deu­tig und un­er­bitt­lich sich zu de­nen ge­hal­ten, de­nen das Evan­ge­li­um der ei­ni­ge Trost im Le­ben und im Ster­ben ist, und dar­aus ist auch ein Se­gen er­wach­sen für die Fort­füh­rung un­se­rer Frau­en­ar­beit nach 1945.“

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg rief Mag­da­le­ne von Waldthau­sen die Ver­tre­te­rin­nen der evan­ge­li­schen Frau­en­ver­bän­de zu Ta­gun­gen der Evan­ge­li­schen Frau­en­ar­beit im Rhein­land, wie die Ver­ei­ni­gung im Rhein­land jetzt hieß, in Düs­sel­dorf zu­sam­men. Auch war sie Fach­ver­tre­te­rin der Frau­en­hil­fe auf den ers­ten rhei­ni­schen Lan­des­syn­oden.

Ein Rück­schritt für die Stel­lung der Frau in der evan­ge­li­schen Kir­che be­deu­te­te es, dass bei der nach dem Krieg er­for­der­li­chen Neu­ord­nung der nun­meh­ri­gen rhei­ni­schen Lan­des­kir­che ei­ne Be­tei­li­gung der Frau­en nur am Ran­de vor­ge­se­hen war. Hat­te sich die Pro­vin­zi­al­syn­ode 1946 beim The­ma Wähl­bar­keit der Frau­en in Pres­by­te­ri­en nach zwei theo­lo­gi­schen Gut­ach­ten noch mehr­heit­lich für das ak­ti­ve und pas­si­ve Wahl­recht der Frau­en aus­ge­spro­chen, stand auf der Lan­des­syn­ode 1948 die Fra­ge der Lei­tung der rhei­ni­schen Kir­che zur De­bat­te. Den Frau­en wur­de zwar wei­ter­hin das ak­ti­ve Wahl­recht zu­ge­stan­den, das pas­si­ve Wahl­recht al­ler­dings war im Ent­wurf zur neu­en Wahl­ord­nung für die bei­den Lan­des­kir­chen im Rhein­land und in West­fa­len nicht mehr ver­an­kert. Die Ver­fas­ser be­grün­de­ten die Maß­nah­me da­mit, dass der „un­bib­li­sche“ Ein­bruch de­mo­kra­ti­schen Ge­dan­ken­guts nach 1918 rück­gän­gig ge­macht wer­den müs­se. 

Mag­da­le­ne von Waldthau­sen pran­ger­te auf der Syn­ode an, dass sich in der ent­spre­chen­den Aus­schuss­de­bat­te kei­ne Stim­me da­für ge­fun­den hat­te, Frau­en an der Lei­tung zu be­tei­li­gen: „Wir er­hof­fen und wün­schen uns aber für die Zu­kunft, daß durch den Dienst und durch die Mit­ar­beit der evan­ge­li­schen Frau sich im­mer mehr die Er­kennt­nis durch­set­zen möch­te, daß ein Zu­sam­men­wir­ken zwi­schen Mann und Frau auch in Gre­mi­en der Lei­tung sich se­gens­reich aus­wir­ken kann.“ Das Er­geb­nis war, dass die Syn­ode letzt­lich das vol­le Wahl­recht der Frau­en auf al­len Ebe­nen der Kir­che be­schloss.

Mag­da­le­ne von Waldthau­sen nahm nach dem Krieg ver­schie­de­ne Funk­tio­nen wie­der auf. So wur­de sie zur Vor­sit­zen­den des kirch­li­chen Dau­er­aus­schus­ses für Frau­en­ar­beit ge­wählt. Au­ßer­dem wur­de sie als Mit­glied der CDU in den neu ge­grün­de­ten nord­hein-west­fä­li­schen Land­tag be­ru­fen, dem sie aber nur kurz­zei­tig vom 2.10.1946-19.4.1947 an­ge­hör­te. Mit El­ly Heuss-Knapp (1881-1952) grün­de­te sie 1950 das Müt­ter­ge­ne­sungs­werk.

1951 gab Prä­ses Held ih­ren Rück­tritt von al­len Äm­tern aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den be­kannt. 1961 er­hielt sie das Gro­ße Ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. 1966 wur­de in Neuss-Norf ei­ne Stra­ße nach ihr be­nannt.

Mag­da­le­ne von Waldthau­sen starb am 20.1.1972 in ih­rem Fe­ri­en­do­mi­zil in Oberst­dorf im All­gäu. Sie wur­de be­gra­ben in der Fa­mi­li­en­grabstät­te auf dem Fried­hof in Es­sen–Bre­de­ney.

Die Evan­ge­li­sche Kir­che im Rhein­land er­in­nert seit 2019 mit ei­nem über­le­bens­gro­ßen Wand-Por­trät im ers­ten Ober­ge­schoss des Lan­des­kir­chen­am­tes in Düs­sel­dorf an die en­ga­gier­te Chris­tin und Strei­te­rin für die In­ter­es­sen von Frau­en in Kir­che und Ge­sell­schaft.

Literatur

Busch, Chris­ti­ne (Hg.), 100 Jah­re Evan­ge­li­sche Frau­en­hil­fe in Deutsch­land. Ein­bli­cke in ih­re Ge­schich­te, Düs­sel­dorf 1999.
 
My­bes, Fritz, Ge­schich­te der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe in Quel­len un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der Evan­ge­li­schen Frau­en­hil­fe im Rhein­land, Glad­beck 1975.

Schlös­ser-Kost, Kor­du­la, Mag­da­le­ne von Waldthau­sen, in: Schnei­der, Tho­mas Mar­tin/Con­rad, Joa­chim/Flesch, Ste­fan (Hg.), Zwi­schen Be­kennt­nis und Ideo­lo­gie. 100 Le­bens­bil­der des rhei­ni­schen Pro­tes­tan­tis­mus im 20. Jahr­hun­dert, Leip­zig 2018, S. 106-108. 

 
Zitationshinweis

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Schlösser-Kost, Kordula, Magdalene von Waldthausen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/magdalene-von-waldthausen/DE-2086/lido/621dc3e6ca0ca1.30122746 (abgerufen am 16.05.2022)