Marie Kahle

Helferin verfolgter Juden (1893-1948)

Wilhelm Bleek (Toronto)

Marie Kahle, Porträtfoto. (Privatbesitz Wilhelm Bleek)

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Ma­rie Kah­le hat als Frau des Bon­ner Ori­en­ta­lis­tik­pro­fes­sors Paul Kah­le zu­sam­men mit dem äl­tes­ten ih­rer fünf Söh­ne im No­vem­ber 1938 nach den Ver­wüs­tun­gen der Po­grom­nacht ver­folg­ten jü­di­schen Mit­bür­gern aus christ­li­chem Mit­ge­fühl ge­hol­fen. Die­se in den Au­gen des Hit­ler­re­gimes volks­ver­rä­te­ri­sche Tat führ­te zu ih­rer Drang­sa­lie­rung durch die Ge­sta­po, der Re­le­ga­ti­on ih­res äl­tes­ten Soh­nes von der Uni­ver­si­tät, der Ent­las­sung ih­res Man­nes aus sei­ner Pro­fes­sur und schlie­ß­lich zur Flucht der gan­zen Fa­mi­lie nach Eng­land.

Ma­rie Kah­le, ge­bo­re­ne Gi­se­vi­us, wur­de am 6.5.1893 in Dah­me bei Ber­lin ge­bo­ren. Der Va­ter Paul Gi­se­vi­us war zu­nächst Guts­be­sit­zer in Ost­preu­ßen und spä­ter Pro­fes­sor für Land­wirt­schaft an der Uni­ver­si­tät Gie­ßen. Dort lern­te Ma­rie Gi­se­vi­us, die da­mals als Volks­schul­leh­re­rin tä­tig war, wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges den 18 Jah­re äl­te­ren Pro­fes­sor für Ori­en­ta­li­sche Phi­lo­lo­gie und Is­lam­kun­de Paul Kah­le ken­nen und hei­ra­te­te ihn an Os­tern 1917. Das Ehe­paar hat­te sie­ben Söh­ne, von de­nen zwei schon im Säug­lings­al­ter star­ben. 1923 über­sie­del­te die Fa­mi­lie in die rhei­ni­sche Uni­ver­si­täts­stadt Bonn, wo­hin Paul Kah­le als Or­di­na­ri­us be­ru­fen wor­den war, und be­zog ein Haus in der Kai­ser­stra­ße 61.

Ma­rie Kah­le war ei­ne po­li­tisch sehr in­ter­es­sier­te Per­sön­lich­keit und zeich­ne­te sich durch ein spon­ta­nes so­zia­les Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein aus. Zu ih­rem gro­ßen Freun­des- und Be­kann­ten­kreis ge­hör­ten auch zahl­rei­che Ka­tho­li­ken und ka­tho­li­sche Theo­lo­gen. 1936 trat die Ehe­frau des vor­ma­li­gen evan­ge­li­schen Pfar­rers Paul Kah­le zum ka­tho­li­schen Glau­ben über. Schon vor 1933 hat­te sie Adolf Hit­lers (1889-1945, Amts­zeit 1933-1945) „Mein Kampf" und Al­fred Ro­sen­bergs (1893-1946) „My­thus des 20. Jahr­hun­derts" ge­le­sen und war zur ent­schie­de­nen Geg­ne­rin des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­wor­den.

Glei­cher­ma­ßen en­er­gisch wie sen­si­bel ver­an­lagt, war Ma­rie Kah­le der Mit­tel­punkt der Pro­fes­so­ren­fa­mi­lie. Wäh­rend der Va­ter durch sei­nen gro­ßen Al­ters­ab­stand und sei­ne Ge­lehr­ten­per­sön­lich­keit den Söh­nen eher ent­rückt er­schien, stan­den die­se ih­rer Mut­ter sehr na­he, die ih­re Mit­glied­schaft in der HJ zu ver­hin­dern wuss­te und da­für sorg­te, dass kei­ner der Söh­ne der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen In­dok­tri­na­ti­on ver­fiel. 1938 stu­dier­te der äl­tes­te Sohn, Wil­helm Kah­le (1919-1993), an der Bon­ner Uni­ver­si­tät Mu­sik­wis­sen­schaft, sein nächst jün­ge­rer Bru­der Hans (1920-2003) im Haupt­fach ori­en­ta­li­sche Spra­chen. Theo­dor (1922-1988) lern­te am Deut­schen Kol­leg in Bad Go­des­berg, wäh­rend die bei­den Jüngs­ten, Paul (1923-1955) und Ernst (1927-1993), das Städ­ti­sche Gym­na­si­um in Bonn be­such­ten.

Nach der so ge­nann­ten „Reichs­kris­tall­nacht", bei der auch in Bonn am 10.11.1938 die jü­di­sche Syn­ago­gen in der Tem­pel­stra­ße und im Pop­pels­dor­fer Jagd­weg zer­stört und jü­di­sche Ge­schäf­te ver­wüs­tet wur­den, half Ma­rie Kah­le zu­sam­men mit ih­ren Söh­nen ver­folg­ten jü­di­schen Freun­den und Be­kann­ten. Am 12.11.1938 wur­de sie zu­sam­men mit ih­rem äl­tes­ten Sohn Wil­helm von ei­nem Po­li­zis­ten da­bei über­führt, wie sie ei­ner jü­di­schen Ge­schäfts­frau beim Auf­räu­men ih­res Mie­der­wa­ren­ge­schäf­tes half. We­ni­ge Ta­ge spä­ter, am 17.11.1938 er­schien im Lo­kal­teil des „West­deut­schen Be­ob­ach­ters", der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ta­ges­zei­tung für Köln und Um­ge­bung, ein Schmäh­ar­ti­kel un­ter der Schlag­zei­le „Das ist Ver­rat am Vol­ke. Frau Kah­le und ihr Sohn hal­fen der Jü­din Gold­stein bei Auf­räu­mungs­ar­bei­ten".

Der Ar­ti­kel be­rich­te­te über die Hil­fe der Pro­fes­so­ren­fa­mi­lie Kah­le für ei­ne jü­di­sche La­den­be­sit­ze­rin und pran­ger­te an, dass auf die­se Wei­se die „im­pul­si­ve Em­pö­rung der deut­schen Volks­ge­mein­schaft" über die Er­mor­dung des deut­schen Le­ga­ti­ons­se­kre­tärs Ernst vom Rath (1909-1938) in Pa­ris durch den pol­ni­schen Ju­den Her­schel Gryn­span (1921-1942/ 1943) von ein­zel­nen Deut­schen of­fen in Fra­ge ge­stellt wür­de. Die Bon­ner Be­völ­ke­rung wur­de durch die In­sze­nie­rung des so ge­nann­ten „Skan­dals Kah­le" auf ei­ne noch här­te­re Gang­art ge­gen die Ju­den vor­be­rei­tet. In den fol­gen­den Wo­chen und Mo­na­ten stand die gan­ze Fa­mi­lie un­ter dem wach­sen­den Ter­ror­druck der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in Bonn. Schon am Ta­ge der Ver­öf­fent­li­chung des Zei­tungs­ar­ti­kels wur­den die Kah­les in ih­rem Haus in der Kai­ser­stra­ße an­ge­grif­fen: Die Fens­ter im ers­ten Stock wur­den zer­trüm­mert, auf Pla­ka­ten be­zeich­ne­te man sie als „Volks­ver­rä­ter" und „Ju­den­freun­de". Wil­helm Kah­le wur­de An­fang De­zem­ber vom Uni­ver­si­täts­ge­richt "we­gen des ei­nes Stu­den­ten un­wür­di­gen Ver­hal­tens ge­le­gent­lich der Pro­test­ak­ti­on ge­gen die jü­di­schen Ge­schäf­te mit der Ent­fer­nung von der Hoch­schu­le, ver­bun­den mit Nicht­an­rech­nung des Se­mes­ters be­straft" und da­mit vom Stu­di­um an je­der an­de­ren deut­schen Uni­ver­si­tät aus­ge­schlos­sen. Die drei jün­ge­ren Söh­ne wur­den in der Schu­le ge­hän­selt und an­ge­pö­belt, der jüngs­te als Sex­ta­ner von sei­nen Mit­schü­lern mit Stei­nen ver­trie­ben. Der Ehe­mann Ma­rie Kah­les, Pro­fes­sor Paul Kah­le, er­hielt zu­nächst vom Rek­tor der Uni­ver­si­tät ein Haus­ver­bot und wur­de vom Dienst sus­pen­diert, be­vor er in Ver­hand­lun­gen mit dem Reich­ser­zie­hungs­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin ei­ne vor­zei­ti­ge Eme­ri­tie­rung er­rei­chen konn­te.

Doch in Bonn wur­de das Kes­sel­trei­ben ge­gen die Fa­mi­lie und ins­be­son­de­re ge­gen Ma­rie Kah­le fort­ge­setzt. Schon in der Be­grün­dung des Dis­zi­pli­nar­ur­teils ge­gen den äl­tes­ten Sohn war die Mut­ter als die ei­gent­li­che Übel­tä­te­rin be­zeich­net wor­den. Ma­rie Kah­le wur­de von der Ge­sta­po vor­ge­la­den und muss­te sich ei­ni­ge Ta­ge im Klos­ter der Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen in Bonn-En­de­nich ver­ste­cken. Ein „Fa­mi­li­en­freund" leg­te ihr na­he, durch Selbst­mord ih­rem Mann und den Kin­dern Schlim­me­res zu er­spa­ren. Als die Ge­sta­po Ma­rie Kah­le mit der Ein­wei­sung in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger droh­te, reif­te An­fang 1939 der Ent­schluss zur Flucht aus Deutsch­land. Er ging von der Mut­ter aus, wur­de aber von den Söh­nen mit­ge­tra­gen und schlie­ß­lich auch vom Va­ter ak­zep­tiert. Auf aben­teu­er­li­che Wei­se ge­lang in den Mo­na­ten Fe­bru­ar bis April 1939 der ge­sam­ten Fa­mi­lie die Aus­rei­se nach Eng­land.

In Eng­land er­fuhr die Fa­mi­lie Kah­le das be­schwer­li­che Schick­sal vie­ler Flücht­lin­ge. So wur­den die drei äl­tes­ten Söh­ne 1940 als „en­e­my ali­ens" in­ter­niert und erst nach zehn Mo­na­ten ent­las­sen. In der zwei­ten Hälf­te der 1940er Jah­re hielt sich die deut­sche Pro­fes­so­ren­fa­mi­lie in Süd­eng­land müh­sam auf ei­ner Farm über Was­ser. Die Paul Kah­le zu­ste­hen­den Ru­he­stands­be­zü­ge und Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tun­gen er­reich­ten sei­ne Fa­mi­lie erst zu Be­ginn der 1950er Jah­re.

Da Ma­rie Kah­le im­mer wie­der nach den Ur­sa­chen und Um­stän­den der Flucht ih­rer Fa­mi­lie ge­fragt wur­de, schrieb sie be­reits 1939 dar­über ei­nen Be­richt. Er wur­de von ih­ren Söh­nen ins Eng­li­sche über­setzt und er­schien 1945 nach Kriegs­en­de un­ter dem Ti­tel „What Would You Ha­ve Do­ne?" als Pri­vat­druck. Da das deutsch­spra­chi­ge Ori­gi­nal ver­schol­len ist, muss­te die­ser Text bei sei­ner Buch­pu­bli­ka­ti­on in Deutsch­land (1998) ins Deut­sche zu­rück­über­setzt wer­den. Au­ßer­dem schrieb Ma­rie Kah­le 1941 ei­nen Be­richt für die Wie­ner Li­bra­ry, ei­ne schon 1933 ge­grün­de­te Lon­do­ner For­schungs­ein­rich­tung zur Ge­schich­te der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ju­den­ver­fol­gung: „Mein Le­ben in Deutsch­land vor und nach dem 30. Ja­nu­ar 1933", in dem sie eben­falls die Er­eig­nis­se der Jah­re 1938 und 1939 schil­dert, je­doch sehr viel knap­per. Ma­rie Kah­les Be­rich­te ver­mit­teln ei­nen an­schau­li­chen Ein­druck vom All­tag der Ver­fol­gung und Re­sis­tenz im "Drit­ten Reich", auf die zu Recht in his­to­ri­schen Dar­stel­lun­gen im­mer wie­der zu­rück­ge­grif­fen wor­den ist.

Ma­rie Kah­le hat die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Nach­ge­schich­te ih­rer mu­ti­gen Tat im "Drit­ten Reich" nicht mehr er­lebt. Sie starb nach ei­nem lan­gen und schwe­ren Lei­den, das auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Er­schöp­fung durch die Ver­trei­bung ih­rer Fa­mi­lie aus Bonn und die Flucht nach Eng­land zu­rück­ging, im Al­ter von 55 Jah­ren am 18.12.1948. Ih­re hin­ter­blie­be­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der ho­ben in der Trau­er­an­zei­ge her­vor, dass sie ih­nen bis zum letz­ten Tag ein Vor­bild ge­we­sen sei durch „ih­ren gro­ßen Glau­ben, ih­re un­er­schüt­ter­li­che En­er­gie, ih­re Selbst­auf­op­fe­rung und ih­ren un­trüg­li­chen Ge­rech­tig­keits­sinn".

 Ma­rie Kah­le liegt auf dem Fried­hof des klei­nen süd­eng­li­schen Dor­fes Wadhurst be­gra­ben, auf dem in­zwi­schen auch ih­re Söh­ne Wil­helm und Ernst ih­re letz­te Ru­he ge­fun­den ha­ben. Be­stre­bun­gen, Ma­rie Kah­le durch die An­pflan­zung ei­nes Bau­mes im „Hain der Ge­rech­ten" in der Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem in Je­ru­sa­lem zu eh­ren, sind nicht er­folg­reich ge­we­sen, weil nicht nach­ge­wie­sen wer­den konn­te, dass sie das Le­ben ei­nes jü­di­schen Mit­men­schen ge­ret­tet hat. Im De­zem­ber 2001 ist am frü­he­ren Fa­mi­li­en­haus der Kah­les in der Bon­ner Kai­ser­stra­ße 61 ei­ne klei­ne Ge­denk­ta­fel an­ge­bracht wor­den. Am 28.5.2002 hat un­ter Teil­nah­me von Hans (John) Kah­le, dem da­mals letz­ten noch le­ben­den Sohn Ma­rie Kah­les, auf der Rück­sei­te der Bon­ner Bun­des­kunst­hal­le ei­ne brei­te Zu­fahrts­stra­ße den Na­men „Ma­rie-Kah­le-Al­lee" er­hal­ten. Auch in der Bonn­gas­se im Stadt­zen­trum er­in­nert im Rah­men des dor­ti­gen „Walk of Fa­me" ein in das Stra­ßen­pflas­ter ein­ge­las­se­nes Bild an die mu­ti­ge Hil­fe die­ser auf­rech­ten Chris­tin für ver­folg­te jü­di­sche Mit­bür­ger.

Literatur

Kah­le, Ma­rie, Was hät­ten Sie ge­tan? Die Flucht der Fa­mi­lie Kah­le aus Na­zi-Deutsch­land, hg. von John H. Kah­le und Wil­helm Bleek, 1. Auf­la­ge, Bonn 1998, 3. er­wei­ter­te Auf­la­ge, Bonn 2005 .

Mult­haupt, Her­mann, Je­der Gras­halm hat ei­nen En­gel, Dil­lin­gen 1986.

Online

Ma­rie Kah­le- ein Bei­spiel für Zi­vil­cou­ra­ge (Home­page der NS-Ge­denk­stät­ten und Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­tren in NRW, Ge­denk­stät­te Bonn). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Bleek, Wilhelm, Marie Kahle, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/marie-kahle/DE-2086/lido/57c9314cd6b912.48453145 (23.06.2018)