Marita Gründgens

Sängerin, Pianistin, Kabarettistin (1903-1985)

Evelin Förster (Berlin)

Marita Gründgens, Porträtfoto, undatiert. (Archiv Evelin Förster)

Die jün­ge­re Schwes­ter des Schau­spie­lers, Re­gis­seurs und Thea­ter­in­ten­dan­ten Gus­taf Gründ­gens (1899-1963) ist mit ih­ren Kin­der­stim­men­imi­ta­tio­nen „Ich wünsch mir ei­ne klei­ne Ur­su­la“ und „Wenn ich groß bin, lie­be Mut­ter“ wohl noch im Be­wusst­sein ei­nes äl­te­ren Pu­bli­kums. Mit die­sen bei­den Lie­dern fei­er­te sie in den 1930er und 1940er Jah­ren ih­re grö­ß­ten Er­fol­ge. 

Am 23.5.1903 wur­de Ma­ri­ta Gründ­gens in Düs­sel­dorf als zwei­tes Kind von Ar­nold Gründ­gens (1872-1943) und sei­ner Ehe­frau Emi­lie (Em­mi), ge­bo­re­ne Ro­p­ohl (1874-1935) ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie des Va­ters stamm­te aus Aa­chen, hat­te hol­län­di­schen Ein­schlag, war weit­ver­zweigt; sie hat­te er­folg­rei­che Kauf­leu­te, Un­ter­neh­mer und In­dus­tri­el­le ge­stellt. Ähn­lich re­spek­ta­bel war die Fa­mi­lie der aus Köln stam­men­den Mut­ter, zu de­ren Vor­fah­ren Jo­hann Bap­tist Fuchs (1757-1827), ge­hör­te, 1798 zeit­wei­lig Prä­si­dent der fran­zö­si­schen Mu­ni­zi­pa­li­tät  K­öln, spä­ter Ad­vo­kat und Kö­nig­lich-preu­ßi­scher Re­gie­rungs­rat. Des­sen Va­ter hat­te un­ter an­de­rem das Amt  ei­nes kur­k­öl­ni­schen Brü­cken­meis­ters in­ne ge­habt. Bei­de Fa­mi­li­en wa­ren ka­tho­lisch. 

Auf­grund fi­nan­zi­el­ler und wirt­schaft­li­cher Eng­päs­se, ent­stan­den durch Fehl­ent­schei­dun­gen des Va­ters, denn „er war nicht der gu­te In­dus­tri­el­le, für den er sich im­mer aus­ga­b“, so Sohn Gus­taf, zog die Fa­mi­lie meh­re­re Ma­le zwi­schen Düs­sel­dorf und Köln hin und her. Trotz die­ses un­ste­ten Le­bens ver­brach­ten Ma­ri­ta und Gus­taf ei­ne fröh­li­che Kind­heit. Ma­ri­ta nahm be­reits als Kind Kla­vier­un­ter­richt und er­hielt ei­ne Aus­bil­dung zur Pia­nis­tin am Kon­ser­va­to­ri­um in Köln. Ih­re Ge­sangs­aus­bil­dung ab­sol­vier­te sie bei Jo­han­na Sy­re. 

Das Ver­hält­nis zu ih­rem Bru­der er­wies sich als sta­bil, denn sie un­ter­stütz­te ihn bei­spiels­wei­se da­hin­ge­hend, dass sie sei­ne Post und Rech­nun­gen er­le­dig­te, als er 1923 ein En­ga­ge­ment bei Erich Zie­gel (1876-1950) in Ham­burg an­nahm. 1925 bis 1927 war Gus­taf Gründ­gens mit Eri­ka Mann (1905-1969) ver­hei­ra­tet, wo­mit Eri­ka und Ma­ri­ta ver­schwä­gert wa­ren; über das Ver­hält­nis der bei­den Frau­en zu­ein­an­der ist je­doch nichts be­kannt. 

Die Aus­wir­kun­gen der um 1930 in Deutsch­land ein­set­zen­den Thea­ter­kri­se, zu der auch die Strei­chun­gen der Sub­ven­tio­nen für die Staats­thea­ter ge­hör­ten, hin­ter­lie­ßen Spu­ren bei den Künst­lern, de­ren Fa­mi­li­en und den Thea­ter­be­sit­zern. Al­le klag­ten über Geld­man­gel und Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten. Ma­ri­tas Mut­ter fi­nan­zier­te die Fa­mi­lie, in­dem sie Un­ter­richts­stun­den gab. Ma­ri­ta selbst be­müh­te sich um ein ers­tes En­ga­ge­ment, das sie ab 1931 beim Schul- und Kin­der­funk der WER­AG, der West­deut­schen Funk-Stun­de AG (Vor­läu­fer des heu­ti­gen WDR) in Düs­sel­dorf be­kam. 

 

Ne­ben der Ar­beit beim Schul- und Kin­der­funk wirk­te sie 1931/1932 bei der Win­ter­hil­fe der WER­AG mit. Sie nahm bei Bun­ten-Ra­dio-Aben­den und an Öf­fent­li­chen lus­ti­gen Aben­den zu Guns­ten Not­lei­den­der, un­ter an­de­rem im Kai­ser­saal der Ton­hal­le Düs­sel­dorf, im Saal­bau Reck­ling­hau­sen und im gro­ßen Saal des Stadt­gar­tens Bad Hamm (Stadt Hamm) teil. Ne­ben Ma­ri­ta Gründ­gens, die von Jo­sef Breu­er (1914-1996) am Flü­gel be­glei­tet wur­de, ge­hör­ten zum Pro­gramm un­ter an­de­rem die Sän­ge­rin­nen und Schau­spie­le­rin­nen Ire­ne Am­brus (1904-1990), Lot­te Werk­meis­ter (1885-1970), das klei­ne Or­ches­ter der WER­AG, der Opern­sän­ger Wil­li Stö­ring (1896-1976), Eu­gen Rex (1884-1943) mit lus­ti­gen Plau­de­rei­en so­wie Ge­org Wolff, der „Lach­pil­len­wol­f“, mit lus­ti­gen Ge­richts­sze­nen. Wei­ter­hin wirk­te sie in Hör­spiel­pro­duk­tio­nen mit; so 1931 in Jo­seph von Ei­chen­dorffs (1788-1857) „Fei­ern“, wo sie die Flo­ra sprach.

Der Sen­der Ra­dio Stutt­gart lud Ma­ri­ta Gründ­gens für Pro­duk­tio­nen ein und ab 1933 - sie konn­te nun ers­te künst­le­ri­sche Er­fol­ge ver­zeich­nen - wur­de sie von ver­schie­de­nen Va­rie­tés als Sän­ge­rin en­ga­giert. Sie war Gast im „Apol­lo“ in Düs­sel­dorf, im „Flo­r­a“ in Ham­burg und im Ber­li­ner „Win­ter­gar­ten“, un­ter­nahm Tour­ne­en un­ter an­de­rem mit Bar­na­bas von Géc­zy (1897-1971), La­le An­der­sen (1905-1972), Heinz Er­hardt (1909-1979), Ro­si­ta Ser­ra­no (1914-1997) und Ma­ria von Schme­des (1917-2003). Ma­ri­ta Gründ­gens schrieb ne­ben Lied­tex­ten nun auch par­odis­ti­sche Tex­te, wie zum Bei­spiel „Film­such­t“. Sie ver­wen­de­te da­zu das von Fried­rich Hol­la­en­der (1896-1976) ge­schrie­be­ne Chan­son „Ich bin von Kopf bis Fu­ß“ aus dem Film „Der blaue En­gel“ (1929/1930). Ver­tont wur­den ih­re Lied­tex­te un­ter an­de­rem von Ot­to Sey­fert und J. Schmitz . Wei­ter­hin ar­bei­te­te sie als Pia­nis­tin und war an cir­ca 40 Plat­ten­pro­duk­tio­nen als In­ter­pre­tin be­tei­ligt. 1933 hei­ra­te­te Ma­ri­ta Gründ­gens ei­nen Herrn Schüs­s­ler. Wei­te­re An­ga­ben zur Ehe­schlie­ßung, zum Ehe­mann wie über den ge­mein­sa­men Sohn feh­len. 

1938 sprach Ma­ri­ta Gründ­gens in ei­nem Rund­funk­pro­gramm Kin­der­sze­nen und Par­odi­en von Paul La­croix, die in dem Buch „Kun­ter­bunt und Kin­der­mun­d“ im Ru­fu-Ver­lag, Köln, pu­bli­ziert wur­den.

Marita Gründgens im Studio, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Wäh­rend des Krie­ges war sie auch als Trup­pen­be­treue­rin tä­tig. In den Nach­kriegs­jah­ren konn­te Ma­ri­ta Gründ­gens wei­ter von ih­rem künst­le­ri­schen Be­ruf  le­ben, wenn auch die Auf­trags­la­ge nicht be­son­ders gut war. Zu Be­ginn der 1950er Jah­re ver­such­te sie ver­ge­bens, im Nord­west­deut­schen Rund­funk (NW­DR, Vor­läu­fer des heu­ti­gen WDR) ei­ge­ne Sen­dun­gen zu eta­blie­ren. Sie schrieb Brie­fe, ent­wi­ckel­te Ide­en für ei­ge­ne Sen­dun­gen und fer­tig­te Ma­nu­skrip­te an, die al­le ab­schlä­gig ent­schie­den wur­den. Zu die­ser Zeit leb­te sie in Bad Harz­burg. 1960 zog sie sich von der Büh­ne zu­rück. Sie starb am 24.12.1985 in So­lin­gen

Der gu­te Durch­schnitt (Aus­zug)

Text: Ma­ri­ta Gründ­gens, Mu­sik: Ot­to Sey­fert, o. J.

Der gu­te Durch­schnitt

Ich bin ein Mensch wie all die an­dern, die hier auf die­ser Er­den wan­dern.

Ich bin nicht hübsch, doch auch nicht mies, ein biss­chen herb, ein biss­chen süß.

Ein gu­ter Durch­schnitt eben, so schlend­re ich durchs Le­ben.

Doch manch­mal, da kommt es so über mich, 

da fühl ich, da weiß ich, da könn­te ich: 

So ganz die ganz gro­ße Da­me sein, so irr­sin­nig reich, so un­er­hört fein. 

In ge­quirl­ter Milch, da wür­de ich ba­den, Arm­bän­der trü­ge ich an den Wa­den. 

Ei­ne Kam­mer­zo­fe in zart­ro­sa Li­vré, sie wür­de mich klei­den vom Kopf bis zum Zeh. 

Ich ha­be Klei­der, ha, Sie wer­den stau­nen. Al­le pas­sen zu mei­nen Lau­nen.

So ganz ver­rückt und so ganz mon­dän. Ich schwö­re, das hat man noch nie ge­seh´n. 

Quellen

Deutsch­land Ra­dio, Ber­lin.

His­to­ri­sches Ar­chiv des WDR, Köln.

Li­te­ra­tur­ar­chiv Mar­bach, Hand­schrif­ten­ab­tei­lung.

Mu­sik- und Wort­do­ku­men­ta­ti­on im Deut­schen Rund­funk­ar­chiv, Ba­bels­berg.

Schall- und No­ten­ar­chiv des WDR, Köln.

Stif­tung Deut­sches Ka­ba­ret­t­ar­chiv, Mainz.

Thea­ter­wis­sen­schaft­li­che Samm­lung Schloss Köln-Wahn.

Werke

Kun­ter­bunt und Kin­der­mund. Kin­der­sze­nen und Par­odi­en aus dem Rund­funk­pro­gramm von Ma­ri­ta Gründ­gens, Tex­te von Dr. Paul La­croix, 1. Auf­la­ge, Köln 1938.

Literatur

Deut­sche Na­tio­nal-Dis­co­gra­phie, hg. von Rai­ner E. Lotz, Se­rie 1: Dis­co­gra­phie der deut­schen Klein­kunst, Band 5 von Klaus Krü­ger und Rai­ner E. Lotz, Bonn 1998.

Fox auf 78. Ein Ma­ga­zin – Rund um die gu­te al­te Tanz­mu­sik, hg. von Klaus Krü­ger, Heft 27, Win­ter 2013.

Förs­ter, Eve­lin. Die Frau im Dun­keln. Au­to­rin­nen und Kom­po­nis­tin­nen des Ka­ba­retts und der Un­ter­hal­tung von 1901-1935. Ei­ne Kul­tur­ge­schich­te, Ber­lin 2013.

Riess, Curt. Gus­taf Gründ­gens. Ei­ne Bio­gra­phie. Un­ter Ver­wen­dung bis­her un­ver­öf­fent­lich­ter Do­ku­men­te aus dem Nach­lass, Ham­burg 1965.

Ton­do­ku­men­te der Klein­kunst und ih­re In­ter­pre­ten 1898-1945, hg. von Bert­hold Leim­bach Göt­tin­gen 1991.

Marita Gründgens im Studio, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 
Zitationshinweis

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Förster, Evelin, Marita Gründgens, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/marita-gruendgens/DE-2086/lido/57c6d893df8732.42050931 (25.05.2018)