Martin Schenk von Nideggen

Heerführer (um 1540-1589)

Heike Preuß (Düsseldorf)

Martin Schenk von Nideggen, Porträt, Lithographie von Weber und Deckers (Köln) nach einem auf Holz gemalten Original auf Schloss Bylenbeck. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Mar­tin Schenk von Nideg­gen, Herr zu Af­fer­den und Blei­jen­beek, war ein in spa­ni­schen, nie­der­län­di­schen un­d kur­k­öl­ni­schen Diens­ten ste­hen­der Söld­ner­füh­rer, der ­ma­ß­geb­li­chen An­teil an den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Rhein­land wäh­rend des 16. Jahr­hun­derts hat­te.

Mar­tin Schenk von Nideg­gen wur­de um 1540 in Goch als Sohn des Diet­rich Schenk von Nideg­gen und der An­na von Ber­la­er ge­bo­ren. Er ent­stamm­te der Bas­tard­li­nie ei­nes ur­sprüng­lich im Ei­fel­ge­biet, spä­ter an der Maas, im Gel­dri­schen und im Her­zog­tum Jü­lich an­säs­si­gen Ge­schlechts, das sei­nen Na­men nach dem von ihm ver­wal­te­ten Schen­ken­amt der Gra­fen von Jü­lich führ­te.

Über sei­ne Ju­gend ist nichts be­kannt, doch ver­schrieb er sich wohl schon früh dem Kriegs­hand­werk. Der Stamm­sitz Blei­jen­beek, in der heu­ti­gen nie­der­län­di­schen Pro­vinz Lim­burg ge­le­gen, war sei­nem Gro­ßva­ter 1549 ab­ge­spro­chen wor­den. Dem En­kel ge­lang es 1576, den Fa­mi­li­en­be­sitz zu­rück­ge­win­nen. Seit­dem rich­te­te Schenk von Nideg­gen sei­ne Hand­lun­gen stets am Er­halt von Blei­jen­beek aus. Als Kriegs­o­brist focht er zu­nächst auf Sei­ten der auf­stän­di­schen Nie­der­lan­de, wech­sel­te aber 1577 die Fron­ten und stell­te sich in den Dienst der spa­ni­schen Kro­ne, nach­dem die Ge­ne­ral­staa­ten ihn zwan­gen, Blei­jen­beek an den Vor­be­sit­zer zu­rück­zu­ge­ben.

In den nächs­ten Jah­ren ent­setz­te er das von den Trup­pen der auf­stän­di­schen Nie­der­län­der hart be­dräng­te Strae­len, brand­schatz­te an­schlie­ßend das gan­ze Land bis vor die To­re von Nim­we­gen, Ven­lo, Gel­dern und Wach­ten­donk, be­frei­te 1580 – mitt­ler­wei­le mit ei­nem Kom­man­do über fast 4000 Mann be­traut – die von den staa­ti­schen Trup­pen ein­ge­schlos­se­ne Stadt Gro­nin­gen und er­rang bei Goor ei­nen glän­zen­den Sieg über sei­nen frü­he­ren Kampf­ge­fähr­ten Christof­fel von Is­sel­stein.

Auf die­se Wei­se avan­cier­te Schenk von Nideg­gen zu ei­nem der am meis­ten ge­fürch­te­ten Kriegs­her­ren sei­ner Zeit, ehe er 1582 in nie­der­län­di­sche Ge­fan­gen­schaft ge­riet und erst 1584 frei­ge­las­sen wur­de. 1585 kehr­te er, nach Kon­flik­ten mit der spa­ni­schen Ge­ne­ra­li­tät und aus Furcht, nun von den Spa­ni­ern zur Her­aus­ga­be sei­nes Stamm­schlos­ses ge­drängt zu wer­den, in den Dienst der Ge­ne­ral­staa­ten zu­rück. Im sel­ben Jahr schloss er mit Geb­hard Truch­seß von Wald­burg, dem ab­ge­setz­ten Kur­fürs­ten von Köln, ei­nen Ver­trag, der ihn zum kur­k­öl­ni­schen Feld­mar­schall be­stell­te. Sein Haupt­quar­tier ­nahm er in der kur­k­öl­ni­schen Fes­tung Rhein­berg.

In der Fol­ge­zeit un­ter­mau­er­te Mar­tin Schenk von Nideg­gen durch zahl­rei­che mi­li­tä­ri­sche Er­fol­ge sei­nen Ruf als her­aus­ra­gen­der Stra­te­ge, muss­te aber auch ei­ni­ge emp­find­li­che Nie­der­la­gen hin­neh­men. Dem spa­ni­schen Obris­ten Jo­hann Bap­tist von Ta­xis (1530-1610) ent­kam Schenk nur mit Mü­he nach Wi­jk bei Durste­de. Ant­wer­pen, zu des­sen Ver­tei­di­gung er an­ge­tre­ten war, wur­de von Alex­an­der Far­ne­se (1545-1592), Her­zog von Par­ma, er­obert, ehe Schenk ge­nug Rei­ter und Fu­ßk­nech­te zu sei­nem Ent­satz hat­te an­wer­ben kön­nen. An­fang 1586 ent­sand­te ihn der eng­li­sche Statt­hal­ter in den Nie­der­lan­den, Ro­bert Dud­ley, Graf von Leices­ter (1531-1588), zur Ver­stär­kung sei­ner Trup­pen zu­nächst nach Neuss. Von dort zog Schenk zu­sam­men mit Her­mann Fried­rich Cloudt nach Werl in West­fa­len. Es ge­lang ihm zwar nicht, das dor­ti­ge Schloss ein­zu­neh­men, wohl aber die Stadt zu er­obern und zur Plün­de­rung frei­zu­ge­ben.

Im glei­chen Jahr ließ Schenk im Auf­trag des Gra­fen Leices­ter ei­ne Schan­ze auf der kle­vi­schen In­sel 's Gre­ven­ward er­rich­ten, die ei­ne si­che­re Aus­gangs­ba­sis für al­le künf­ti­gen ge­ne­ral­staa­ti­schen Un­ter­neh­mun­gen am Nie­der­rhein bil­de­te. Nach ih­rer Fer­tig­stel­lung hieß sie zu­nächst Vos­sen­hol, wur­de dann aber in Schen­ken­schanz um­be­nannt und ent­wi­ckel­te sich zur stärks­ten nie­der­län­di­schen Grenz­fes­te ge­gen die Spa­ni­er.

Nach der er­folg­lo­sen Ent­set­zung der von Par­ma ein­ge­schlos­sen Stadt Ven­lo wand­te sich Schenk im No­vem­ber 1586 dem Stift Ut­recht zu, wo er sich vor­wie­gend bei Leices­ter auf­hielt, ihn auch für kur­ze Zeit ver­trat und mit den Ge­ne­ral­staa­ten über den Schutz des Ober­quar­tiers Gel­dern ver­han­del­te. Ein ent­spre­chen­der Ver­trag ließ ihn zum al­lei­ni­gen mi­li­tä­ri­schen Gou­ver­neur des Ober­quar­tiers auf­stei­gen und er­mög­lich­te ihm, so­wohl Rhein wie Maas zu kon­trol­lie­ren. Die fi­nan­zi­el­le Aus­beu­te er­wies sich je­doch als recht ge­ring. Viel­leicht rich­te­te er des­halb von hier aus sei­nen Blick nach Jü­lich un­d Kle­ve. 1587 nahm er Ruhr­ort ein, das er ver­pro­vi­an­tier­te und be­fes­tig­te, wäh­rend sei­ne Trup­pen mas­si­ve­ ­Plün­de­rungs­zü­ge in das um­lie­gen­de jü­lich­sche und kle­vi­sche Ter­ri­to­ri­um un­ter­nah­men. Die Rück­erobe­rung der Stadt durch die Spa­ni­er be­deu­te­te für Schenk nicht nur ei­ne schmerz­li­che mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge, son­dern war auch mit be­trächt­li­chen per­sön­li­chen Ein­bu­ßen ver­bun­den.

Als sich Gel­dern schlie­ß­lich mit Aus­nah­me Wach­ten­don­ks in spa­ni­scher Hand be­fand, mar­schier­te Schenk ge­gen Bonn, das er am 24.12.1587 ­über­rum­pel­te und be­setz­te. In der Fol­ge­zeit ver­stärk­te er die Fes­tungs­wer­ke und be­müh­te sich, Bonn als Ver­bin­dungs­punkt zwi­schen den pro­tes­tan­ti­schen Ge­bie­ten an Mit­tel- und Ober­rhein und den Nie­der­lan­den aus­zu­bau­en. Um sei­ne Er­obe­run­gen dau­er­haft hal­ten zu kön­nen, fehl­te es ihm je­doch an den not­wen­di­gen fi­nan­zi­el­len Mit­teln. Sei­ne mi­li­tä­ri­schen Kräf­te hat­ten sich in dem von ihm per­fek­tio­nier­ten Gue­ril­la­krieg zwar als ef­fi­zi­ent er­wie­sen, für die Um­set­zung groß an­ge­leg­ter stra­te­gi­scher Kon­zep­tio­nen war er je­doch auf Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen. Die­se er­hielt er al­ler­dings we­der von den pro­tes­tan­ti­schen Reichs­fürs­ten noch von den Ge­ne­ral­staa­ten. Auch Pfalz­graf Jo­hann Ka­si­mir (1543-1592), den Schenk 1588 auf­such­te, be­wil­lig­te ihm nur ge­rin­ge Mit­tel an Trup­pen, Mu­ni­ti­on und Pro­vi­ant, da er we­nig Zu­trau­en zu dem Obris­ten hat­te. Schlie­ß­lich be­fahl Schenk sei­nem Be­fehls­ha­ber Ot­to Gans von Putt­litz die Ka­pi­tu­la­ti­on Bonns nach sechs­mo­na­ti­ger Be­la­ge­rung durch spa­ni­sche Trup­pen im Sep­tem­ber 1588.

Über den Ver­lust der Stadt, der er gro­ße Be­deu­tung bei­maß, war Schenk sehr ver­bit­tert, da er ne­ben der Ein­bu­ße an po­li­tisch-mi­li­tä­ri­scher Macht auch be­trächt­li­chen ma­te­ri­el­len Scha­den hat­te hin­neh­men müs­sen. Zu­dem wur­de 1588 über ihn die Reichs­acht ver­hängt, und die Herr­schaft Kö­nigs­feld streng­te vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt ge­gen ihn ei­nen Pro­zess we­gen Land­frie­dens­bruch an.

Trotz ver­schie­dent­li­cher Rei­be­rei­en, zu de­nen es jetzt mit den Nie­der­lan­den kam, schloss Schenk am 16.5.1589 mit den Ge­ne­ral­staa­ten noch­mals ei­nen Ver­trag ab, der die Bei­be­hal­tung der bis­he­ri­gen Kon­trak­te fest­leg­te und ihm au­ßer­dem den Be­sitz von Blei­jen­beek si­chern soll­te. Die dor­ti­ge Be­sat­zung ka­pi­tu­lier­te je­doch vor den spa­ni­schen Be­la­ge­rern, be­vor Schenk sein Stamm­schloss ent­set­zen konn­te, für des­sen Er­halt er sei­ne gan­ze Tat­kraft ein­ge­setzt hat­te. In den fol­gen­den Mo­na­ten führ­te er ei­nen er­folg­rei­chen Klein­krieg ge­gen die Spa­ni­er. Auf sei­nen Beu­te­zü­gen füg­te er ih­nen nicht nur schwe­re ma­te­ri­el­le Ver­lus­te zu, son­dern mach­te auch zahl­rei­che Ge­fan­ge­ne.

Im Som­mer des glei­chen Jah­res rüs­te­te sich Schenk zu ei­nem Zug ge­gen die Stadt Nim­we­gen. Am 10.8.1588 gab er den Be­fehl zu ih­rer Er­stür­mung. Nach­dem sie mit Schif­fen und Pon­tons ge­lan­det wa­ren, ge­lang es den An­grei­fern, ei­ne Bre­sche in das Sankt-An­to­ni­us-Tor an der Fluss­sei­te zu spren­gen und bis zum Markt vor­zu­drin­gen, wo ihr Vor­stoß durch den or­ga­ni­sier­ten Ab­wehr­kampf der Bür­ger je­doch auf­ge­hal­ten und zu­rück­ge­wor­fen wur­de. Schenk und sei­ne Söld­ner sa­hen sich zum Rück­zug ge­zwun­gen.

Das am­bi­tio­nier­te mi­li­tä­ri­sche Un­ter­neh­men en­de­te in ei­nem Fi­as­ko, da auch die von Land an­grei­fen­den Trup­pen un­ter der Füh­rung von Ot­to von Putt­litz vom Ab­wehr­feu­er der Ver­tei­di­ger in Schach ge­hal­ten wur­den. Bei dem Ver­such sich auf den vor den Stadt­mau­ern vor An­ker lie­gen­den Schif­fen in Si­cher­heit zu brin­gen, ka­men zahl­rei­che von Schenks Män­nern ums Le­ben, da vie­le der über­la­de­nen Schif­fe un­ter­gin­gen. Auch Schenk selbst stürz­te beim Sprung auf sein Schiff ins Was­ser. Durch sei­nen Har­nisch am Schwim­men ge­hin­dert, er­trank er und fand so­mit ein für ei­nen Kriegs­mann sei­nes Schla­ges wahr­haft un­rühm­li­ches En­de.

Auf Be­schluss des Ra­tes von Nim­we­gen wur­de dem aus dem Was­ser ge­fisch­ten Leich­nam der Kopf ab­ge­schla­gen so­wie der Kör­per ge­vier­teilt und mit Ket­ten an vier auf­ge­stell­te Pfos­ten ge­hängt. Nach acht Ta­gen sorg­te der spa­ni­sche Heer­füh­rer Mar­quis de Va­ram­bon (ge­stor­ben 1598) da­für, dass Schenks Über­res­te im Kro­nen­bur­ger Turm not­dürf­tig be­stat­tet wur­den. 1591 schlie­ß­lich er­hielt Schenk auf Be­trei­ben sei­ner Frau in der Ste­pha­nus-Kir­che in Nim­we­gen durch Mo­ritz von Ora­ni­en (1567-1625) ein christ­li­ches Be­gräb­nis.

Mar­tin Schenk von Nideg­gen galt als tap­fer bis zur Ver­we­gen­heit. Er be­wies sein mi­li­tä­ri­sches Ta­lent vor al­lem bei sei­nen ra­schen und ge­schick­ten Über­fäl­len und be­saß Ge­spür für stra­te­gisch wich­ti­ge Plät­ze. Auch zeig­te er sich als ein Meis­ter der Ver­schan­zung und Be­fes­ti­gung. Bei sei­nen Söld­nern war er be­liebt, sorg­te er doch im­mer wie­der für reich­lich Beu­te. Ver­ständ­nis für die Lei­den der Zi­vil­be­völ­ke­rung fehl­te ihm hin­ge­gen; dem Kriegs­hand­werk als rei­nem Ge­schäft – wenn­gleich üb­lich – ist er in be­son­ders un­barm­her­zi­ger Wei­se nach­ge­gan­gen. Sei­nen Auf­trag­ge­bern und Sold­her­ren ge­gen­über be­wahr­te er Loya­li­tät, die aber an der Ober­flä­che blieb, sich mit der von ih­nen ver­tre­te­nen Sa­che nicht nach­hal­tig iden­ti­fi­zier­te und stets ih­re Gren­ze an der Be­sitz­si­che­rung von Blei­jen­beek fand. Le­dig­lich den schnel­len ma­te­ri­el­len Ge­winn im Blick, ver­moch­te er es nicht, sei­ne mi­li­tä­ri­schen Er­fol­ge dau­er­haft in po­li­ti­sches Ka­pi­tal um­zu­mün­zen.

Literatur

Fer­ber, H., Ge­schich­te der Fa­mi­lie Schenk von Ny­deg­gen, ins­be­son­de­re des Kriegs­o­bris­ten Mar­tin Schenk von Ny­deg­gen, Köln und Neuss 1860.
Kos­sert, Karl, Mar­tin Schenk von Nideg­gen oder die Fehl­trit­te der Tap­fer­keit, Duis­burg 1993.
Preuß, Hei­ke, Mar­tin Schenk von Nideg­gen (1540-1589) und der Truch­ses­si­sche Krieg, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 49 (1985), S. 117-138.

 
Zitationshinweis

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Preuß, Heike, Martin Schenk von Nideggen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/martin-schenk-von-nideggen/DE-2086/lido/57c946913fbd08.99522110 (26.04.2018)