Michael Thonet

Tischlermeister und Industrieller (1796-1871)

Vera Bokeloh (Rheinbreitbach)

Michael Thonet, Porträtfoto. (THONET GmbH)

Mi­cha­el Tho­net schaff­te es mit Hil­fe sei­nes Un­ter­neh­mer­geis­tes und Er­fin­dungs­reich­tums Be­sit­zer der sei­ner­zeit grö­ß­ten Sitz­mö­bel­fa­brik der Welt zu wer­den. Bis heu­te ist er vor al­lem für sei­nen „Stuhl Nr. 14“ be­rühmt.

Mi­cha­el Tho­net kam am 2.7.1796 als zwei­tes Kind des aus Aa­chen stam­men­den Ger­bers Franz An­ton Tho­net (1760-1837) und des­sen Frau Mar­ga­re­te (ge­stor­ben 1815), ei­ner ge­bo­re­nen Fisch­bach, in Bop­pard zur Welt. Mit sei­nen bei­den Schwes­tern wuchs er in be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf. Da die Ger­be­rei auf Dau­er nicht ge­nü­gend Ge­winn ab­warf, wand­ten sich die Tho­nets dem Schrei­ner­hand­werk zu. Als Grün­dungs­da­tum der Schrei­ner­werk­statt gilt das Jahr 1819, denn be­reits im dar­auf­fol­gen­den Jahr war der jun­ge Tho­net im Al­ter von 24 Jah­ren in der La­ge, ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie zu er­näh­ren. Zu die­sem Zeit­punkt muss der Be­trieb al­so be­reits eta­bliert ge­we­sen sein. Die Ehe­schlie­ßung zwi­schen Mi­cha­el Tho­net und der in Bop­pard ge­bo­re­nen An­na Ma­ria Crass (1799-1862) fand im April 1820 statt. Von den ins­ge­samt 13 Kin­dern, die aus der Ehe her­vor­gin­gen, über­leb­ten acht das Klein­kind­al­ter nicht.

Michael Thonet, Porträtfoto. (THONET GmbH)

 

Um 1830 be­gann Tho­net, mit der Tech­nik des Holz­ver­bie­gens zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Es ge­lang ihm schlie­ß­lich, die be­reits be­kann­te Me­tho­de, Holz mit hei­ßem Dampf bieg­sam zu ma­chen, auf den Mö­bel­bau an­zu­wen­den und Mö­bel aus ge­bo­ge­nen Holz­leis­ten her­zu­stel­len. Da­ne­ben ex­pe­ri­men­tier­te Tho­net mit ver­leim­ten Fur­nie­ren. 1832 konn­te Mi­cha­el Tho­net ein Haus in der Bop­par­der Fran­zis­ka­ner­stra­ße er­wer­ben. Das Ge­schäft lief gut, denn da sei­ne Werk­statt Mö­bel von her­vor­ra­gen­der Qua­li­tät her­stell­te, man­gel­te es nicht an Auf­trä­gen. Auch mit sei­nen Ver­su­chen in der Schicht­ver­lei­mung war Tho­net bald er­folg­reich. Der Er­werb der Mi­chels­müh­le in Bop­pard, die fort­an als Leim­sie­de­rei ge­nutzt wer­den soll­te, si­cher­te ihm die aus­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Leim, wel­chen er in grö­ße­ren Men­gen für das Ver­fah­ren des Schicht­ver­lei­mens be­nö­tig­te. Als Mi­cha­el Tho­net je­doch 1840 ver­such­te, bei der kö­nig­li­chen Re­gie­rung in Ber­lin ein Pa­tent auf sei­ne in­no­va­ti­ve Me­tho­de der Mö­bel­her­stel­lung zu er­lan­gen, schei­ter­te er. Auch im Aus­land ver­such­te er sein Glück mit Pa­ten­t­an­trä­gen, die ihn vor al­lem viel Geld kos­te­ten. Aus fi­nan­zi­el­ler Not muss­te be­reits 1841 die Mi­chels­müh­le wie­der ver­kauft wer­den.

Übersicht der von Thonet hergestellten Produkte, 1873. (THONET GmbH)

 

Um sei­ne Mö­bel ei­nem brei­te­ren Pu­bli­kum vor­zu­stel­len und für die über­wie­gend stan­dar­di­sier­ten Pro­duk­te neue Käu­fer zu fin­den, be­such­te Tho­net Aus­stel­lun­gen und Ge­wer­be­schau­en. 1841 nahm er an ei­ner Schau in Ko­blenz teil. Dort in­ter­es­sier­te sich der ös­ter­rei­chi­sche Staats­kanz­ler Fürst Cle­mens Met­ter­nich für die Mö­bel des Bop­par­der Tisch­ler­meis­ters und lud ihn kur­zer­hand nach Wien ein. Tho­net nahm im Früh­jahr 1842 die Ge­le­gen­heit wahr und mach­te sich zu­nächst al­lein auf den Weg nach Wien, wo er end­lich ein Pa­tent für sei­ne che­misch-me­cha­ni­sche Me­tho­de er­hielt. Er blieb in der Stadt an der Do­nau und ar­bei­te­te zu­nächst für den eta­blier­ten Tisch­le­rei­be­trieb von Cle­mens List, in dem er mit sei­nen güns­ti­gen Mö­beln gu­te Ge­schäf­te mach­te. Bald folg­te ihm ei­ner sei­ner Söh­ne nach Wien und fand in der glei­chen Werk­statt An­stel­lung. In der Zwi­schen­zeit wur­de der ge­sam­te tho­net­sche Be­sitz in Bop­pard ge­pfän­det. Im Fe­bru­ar 1843 kam es zur Ver­stei­ge­rung, de­ren Er­lös den Gläu­bi­gern als Ab­fin­dung dien­te. Mi­cha­el Tho­nets Frau hat­te das hei­mat­li­che Rhein­land be­reits zu­vor mit den jün­ge­ren Kin­dern ver­las­sen, der äl­tes­te Sohn folg­te we­nig spä­ter nach Wien. Doch auch in der neu­en Hei­mat ver­lief nicht al­les rei­bungs­los. Aus­län­di­sche Hand­wer­ker hat­ten Mü­he, sich dort selbst­stän­dig zu ma­chen, da die Wie­ner Hand­wer­ker­schaft das zu hin­ter­trei­ben ver­such­te. Als der Schrei­ner Cle­mens List auf­grund sei­nes Al­ters in ab­seh­ba­rer Zeit auf­hö­ren woll­te, riet er Tho­net, sich an den Ar­chi­tek­ten Pe­ter Hu­bert Des­vi­g­nes (1804-1883) zu wen­den. Auf des­sen Ver­mitt­lung hin wech­sel­te Tho­net schlie­ß­lich zur Werk­statt Carl Leist­lers über. In den fol­gen­den drei Jah­ren fer­tig­ten die Tho­nets das Fuß­bo­den­par­ket im Pa­lais Liech­ten­stein an, da­ne­ben ent­stan­den Stüh­le aus ge­bo­ge­nem Holz, eben­falls für das Pa­lais. Nach Be­en­di­gung der Ar­bei­ten im Pa­lais blieb Tho­net zu­nächst in der Werk­statt von Leist­ler be­schäf­tigt, lös­te sich 1849 je­doch von ihm, als die­ser ei­ne Be­tei­li­gung Tho­nets an sei­nem Be­trieb ab­lehn­te. Dar­auf­hin be­gann Mi­cha­el Tho­net mit ei­ner ei­ge­nen Mö­bel­pro­duk­ti­on. Vier Jah­re spä­ter wur­de die Fir­ma un­ter dem Na­men Ge­brü­der Tho­net, der sich auf die Söh­ne Mi­cha­el Tho­nets be­zog, of­fi­zi­ell in das Fir­men­re­gis­ter der Stadt Wien ein­ge­tra­gen.

Michael Thonet mit Söhnen. (THONET GmbH)

 

In­ner­halb we­ni­ger Jah­re ge­lang­te das Un­ter­neh­men zu welt­wei­tem Ruhm. Auf der Welt­aus­stel­lung 1851 in Lon­don war Tho­net be­reits ei­ne Bron­ze­me­dail­le ver­lie­hen wor­den, die nicht die ein­zi­ge Aus­zeich­nung blieb. 1856 wur­de in Ko­rit­schan in Mäh­ren ei­ne Fa­brik ge­baut. Dort ent­stand drei Jah­re spä­ter das be­rühm­tes­te Mo­dell der tho­net­schen Fir­ma, der Stuhl Nr. 14. Er gilt ge­mein­hin als der ers­te Stuhl, der aus mas­siv ge­bo­ge­nem Holz her­ge­stellt wur­de. Die­se Mo­del­le ka­men fast oh­ne Leim aus, was vie­le Vor­tei­le bot, vor al­lem wenn die Mö­bel nach Über­see ge­lie­fert wer­den soll­ten und star­ken Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen aus­ge­setzt wa­ren. Zu­dem konn­ten sie dank der Schrau­ben in Selbst­mon­ta­ge oh­ne gro­ße Pro­ble­me von Lai­en zu­sam­men­ge­setzt wer­den. Rei­ßen­den Ab­satz fand der Stuhl Nr. 14 je­doch erst in den 1870er Jah­ren, wo­bei si­cher­lich auch sein nied­ri­ger Preis ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­te. Es ent­stan­den ei­ni­ge Kon­kur­renz­fir­men, die die er­folg­rei­chen Mo­del­le der Tho­nets ko­pier­ten, ins­be­son­de­re auch den Stuhl Nr. 14.

Mit der Fir­ma ging es ste­tig auf­wärts. In den 1860er Jah­ren ent­stan­den neue Fa­bri­ken und Wer­ke, eben­so mehr­ten sich die Ver­kaufs­stel­len auf der gan­zen Welt. Mi­cha­el Tho­net war ein ge­schick­ter Ge­schäfts­mann, der die Fa­bri­ken be­vor­zugt in der Nä­he gro­ßer Bu­chen­wäl­der er­rich­te­te, um die be­nö­tig­ten Roh­stof­fe schnell zur Hand zu ha­ben. Ein wei­te­rer Stand­ort­vor­teil der zu­meist in ent­le­ge­nen Re­gio­nen er­bau­ten Fa­bri­ken wa­ren die in gro­ßer Zahl vor­han­de­nen Ar­beits­kräf­te in den um­lie­gen­den Dör­fern. Denn für die Mas­sen­pro­duk­ti­on der tho­net­schen Mö­bel brauch­te es kei­ne Fach­kräf­te, es reich­ten un­ge­lern­te Fließ­band­ar­bei­ter. Die stei­gen­de Nach­fra­ge mach­te im­mer wie­der Neu­grün­dun­gen er­for­der­lich. Gleich­zei­tig wur­de der Ver­trieb mit­hil­fe von bes­tens aus­ge­stat­te­ten Han­dels­nie­der­las­sun­gen und Ka­ta­lo­gen der Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung an­ge­passt, so dass der Be­trieb kon­ti­nu­ier­lich wuchs. Hö­he­punk­te in der Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens wa­ren die Er­lan­gung der Gold­me­dail­le bei der Welt­aus­stel­lung 1867 in Pa­ris und die Er­nen­nung der Ge­brü­der Tho­net zu k.u.k. Hof­lie­fe­ran­ten.

Mi­cha­el Tho­net starb am 3.3.1871 in Wien, wo er auf dem Fried­hof St. Marx be­er­digt wur­de. Spä­ter wur­de er in das Fa­mi­li­en­mau­so­le­um auf dem Wie­ner Zen­tral­fried­hof um­ge­bet­tet, in dem auch sei­ne Söh­ne ih­re letz­te Ru­he fan­den. In Mi­cha­el Tho­nets Her­kunfts­ort Bop­pard er­in­nern heu­te bei­spiels­wei­se noch die Tho­net-Ab­tei­lung im Stadt­mu­se­um, der Tho­net-Brun­nen auf dem Markt­platz, der Aus­sichts­tem­pel „Tho­nets­hö­he“ so­wie ein Tho­net-Rund­wan­der­weg über die Ei­sen­bolz­hö­he an den be­rühm­ten ehe­ma­li­gen Bür­ger und sein Werk. Auch ei­ne Grund­schu­le wur­de nach ihm be­nannt. Im nord­hes­si­schen Fran­ken­berg, dem heu­ti­gen Fir­men­sitz, be­fin­den sich das Tho­ne­t­ar­chiv und das Tho­net­mu­se­um. Dar­über hin­aus ist er nach wie vor in vie­len Wohn­zim­mern, Re­stau­rants, Hal­len und Ho­tels durch sei­ne Mö­bel prä­sent.

Literatur

Käh­ne, Heinz, Die Tho­nets in Bop­pard, Er­furt 2008.

Ve­ge­sack, Alex­an­der von, Mi­cha­el Tho­net. Le­ben und Werk. Ein Ka­ta­log­buch des Mu­se­ums der Stadt Bop­pard und des Lan­des­mu­se­ums Ko­blenz, Mün­chen 1987.

„Wer war Mi­cha­el Tho­net?“ und „Die Tho­nets in Bop­par­d“. In: 100 Bop­par­der Per­sön­lich­kei­ten. Bop­par­der Ver­kehrs- und Ver­schö­ne­rungs­ver­ein 16 (2009), S. 15, 73-76.

Online

Ge­schich­te der Mö­bel­mar­ke Tho­net (Home­page der Fir­ma Tho­net). [On­line]

Mi­cha­el Tho­net (Bio­gra­fie im ös­ter­rei­chi­schen Wis­sens­netzt Aus­tria-Fo­rum). [On­line]

Stuhl Nr. 14. (THONET GmbH)

 
Zitationshinweis

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Bokeloh, Vera, Michael Thonet, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/michael-thonet/DE-2086/lido/57c93e63707867.72861082 (23.06.2018)