Nicolaus August Otto

Erfinder (1832-1891)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Nicolaus August Otto, Porträtfoto.

Ni­co­laus Au­gust Ot­to war der Er­fin­der des Vier­takt­mo­tors, den er in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te. Die von ihm 1864 mit­be­grün­de­te Ma­schi­nen­her­stel­lung un­ter der Fir­men­be­zeich­nung „N.A. Ot­to & Cie Kg" war die Keim­zel­le der spä­te­ren „Deutz AG", wo­durch sein Na­me nicht nur un­trenn­bar mit dem Ot­to­mo­tor ver­bun­den ist, son­dern auch mit der in­dus­tri­el­len und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung Kölns und des Rhein­lands.

Als jüngs­tes von sechs Kin­dern wur­de Ni­co­laus Au­gust Ot­to am 14.6.1832 in Holz­hau­sen auf der Hei­de (Tau­nus) ge­bo­ren. Sein ein­ge­tra­ge­ner Ge­burts­na­me lau­tet Au­gust Ni­co­laus Ot­to, die heu­te ge­läu­fi­ge Na­mens­rei­hen­fol­ge geht wohl auf ei­ne zum Zeit­punkt sei­ner Fir­men­grün­dung von ihm selbst vor­ge­nom­me­ne Na­men­s­um­stel­lung zu­rück. Er ent­stamm­te ei­ner Land- und Gast­wirts­fa­mi­lie aus dem Tau­nus und Wes­ter­wald, de­ren Wur­zeln bis ins frü­he 17. Jahr­hun­dert zu­rück­zu­ver­fol­gen sind. Ot­to, der nach dem frü­hen Tod des Va­ters 1832 als Halb­wai­se auf­wuchs, be­such­te seit 1838 die Volks­schu­le, die er nach sechs Jah­ren und gu­ten schu­li­schen Leis­tun­gen ver­ließ. Im Al­ter von 14 Jah­ren wech­sel­te er auf die Re­al­schu­le in Lan­gen­schwal­bach, de­ren Be­such er je­doch be­reits 1848 oh­ne Ab­schluss, aber mit ei­nem gu­ten Zeug­nis, ab­brach. Wenn­gleich noch zu Schul­zei­ten sein In­ter­es­se an na­tur­wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Fra­gen ge­weckt wor­den war, ab­sol­vier­te Ot­to in den fol­gen­den drei Jah­ren ei­ne Kauf­manns­leh­re in ei­nem klei­nen Wa­ren­han­del in Na­stät­ten na­he Holz­hau­sen (Nas­sau). Dort er­lern­te er die Grund­la­gen für sei­ne spä­te­ren un­ter­neh­me­ri­schen Tä­tig­kei­ten.

Nach Be­en­di­gung der Leh­re zog es den jun­gen Ot­to zu­nächst nach Frank­furt am Main, wo er zwi­schen März 1852 und Ju­ni 1853 als Hand­lungs­rei­sen­der in Diens­ten des Ko­lo­ni­al­wa­ren- und Land­wirt­schafts­ge­schäfts von Phil­ipp Ja­kob Lind­hei­mer stand. An­schlie­ßend ging Ot­to nach Köln. Was ihn da­zu ver­an­lass­te, ist un­klar. Mög­li­cher­wei­se wa­ren ge­schäft­li­che Kon­tak­te und Emp­feh­lun­gen sei­nes Frank­fur­ter Ar­beit­ge­bers aus­schlag­ge­bend ge­we­sen. Zu­dem wohn­te sein Bru­der Wil­helm zu die­ser Zeit be­reits in der Stadt. Je­den­falls fand Ni­co­laus Au­gust Ot­to mit An­fang 20 den Weg ins Rhein­land. Von dort aus war er im fol­gen­den Jahr­zehnt für ver­schie­de­ne Fir­men tä­tig: zu­nächst für I. C. Alt­pe­ter und ab 1860 für die Fir­ma Carl Mer­tens. In ih­rem Auf­trag be­reis­te Ot­to ganz West­deutsch­land und han­del­te mit so ge­nann­ten Ko­lo­ni­al­wa­ren, haupt­säch­lich Kaf­fee, Tee, Reis und Zu­cker.

Doch nicht nur be­ruf­lich fand er in Köln ei­ne neue Hei­mat. Be­reits im Fe­bru­ar 1858 hat­te er auf ei­ner Kar­ne­vals­ver­an­stal­tung sei­ne spä­te­re Ehe­frau, An­na Gos­si, ken­nen ge­lernt. Es ver­gin­gen al­ler­dings noch zehn Jah­re, be­vor das Paar im Mai 1868 in (Köln-)Ro­den­kir­chen hei­ra­te­te. Aus der Ehe gin­gen zwi­schen 1869 und 1883 sie­ben Kin­der her­vor. Der jüngs­te Sohn Gus­tav soll­te 1909 die „Gus­tav-Ot­to-Flug­ma­schi­nen­wer­ke" grün­den.

Ers­te An­sät­ze für die Er­fin­der- und Ent­wick­ler­tä­tig­keit er­ga­ben sich im Spät­herbst 1860, als die Ge­brü­der Ot­to von ei­nem neu­ar­ti­gen Gas­ver­bren­nungs­mo­tor des fran­zö­si­schen In­ge­nieurs Jean Jo­seph Éti­en­ne Lenoir (1822-1900) er­fuh­ren. Die­se äu­ßerst viel ver­spre­chen­de, aber mit tech­ni­schen Män­geln be­haf­te­te Neu­heit be­gan­nen Ni­co­laus Au­gust und Wil­helm Ot­to wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Be­reits im Ja­nu­ar 1861 reich­ten die Brü­der ei­ne Pa­tent­an­mel­dung für ei­nen mit flüs­si­gem Brenn­stoff (Spi­ri­tus) be­trie­be­nen Mo­tor auf der Ba­sis der Er­fin­dung Lenoirs beim preu­ßi­schen Han­dels­mi­nis­te­ri­um ein; doch wur­de der An­trag ab­ge­lehnt. Wäh­rend Wil­helm sich dar­auf­hin zu­rück­zog, ex­pe­ri­men­tier­te Ni­co­laus Au­gust in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Köl­ner Me­cha­ni­ker Mi­cha­el J. Zons in den Jah­ren 1862/1863 in­ten­siv an der Ver­bes­se­rung der Ma­schi­ne. Um sich sei­nen For­schun­gen und Kon­struk­tio­nen um­fas­send wid­men zu kön­nen, gab Ot­to im Mai 1862 sei­ne Tä­tig­keit bei Carl Mer­tens auf. Be­reits in die­ser Pha­se kon­zen­trier­ten sich sei­ne Über­le­gun­gen auf das Kon­zept ei­nes nach dem Vier­takt­prin­zip (An­sau­gen, Ver­dich­ten, Ver­bren­nen und Aus­puf­fen) funk­tio­nie­ren­den Mo­tors. Es bil­de­te die Grund­la­ge für den spä­ter ent­stan­de­nen Ot­to­mo­tor.

Zu­nächst galt es je­doch, die schwie­ri­gen An­fangs­jah­re zu über­ste­hen. Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on Ot­tos ver­schlech­ter­te sich bis 1863 zu­se­hends, da er über kein fes­tes Ein­kom­men mehr ver­füg­te und die fort­lau­fen­den Mo­dell­kon­struk­tio­nen sei­ne Geld­re­ser­ven schnell auf­zehr­ten. Da­her war der Er­fin­der ge­zwun­gen, In­ves­to­ren für sei­ne Pro­jek­te zu su­chen. Et­wa um die Jah­res­wen­de 1863/1864 kam es zum Kon­takt mit dem Po­ly­tech­ni­ker Eu­gen Lan­gen, dem Sohn ei­nes Köl­ner Zu­cker­in­dus­tri­el­len. Lan­gen und Ot­to gin­gen ei­ne ge­schäft­li­che Part­ner­schaft ein und grün­de­ten am 31.3.1864 die N.A. Ot­to & Cie KG. Sie war die welt­weit ers­te Fir­ma, wel­che aus­schlie­ß­lich auf die Kon­struk­ti­on und den Bau von Ver­bren­nungs­mo­to­ren aus­ge­rich­tet war. Wäh­rend der Na­mens­ge­ber als haf­ten­der Teil­ha­ber fun­gier­te, war Lan­gen per­sön­lich haf­ten­der Kom­man­di­tist der Ge­sell­schaft.

Ge­mein­sam ar­bei­te­ten die In­ge­nieu­re an der Ver­bes­se­rung der at­mo­sphä­ri­schen Gas­kraft­ma­schi­ne. In den fol­gen­den drei Jah­ren ge­lang es ih­nen, die Ent­wick­lung ei­nes zu­ver­läs­si­gen Mo­tors so weit vor­an­zu­trei­ben, dass sie auf der Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung von 1867 ei­nen kon­kur­renz­fä­hi­gen Pro­to­typ prä­sen­tie­ren konn­ten. Ih­re Ma­schi­ne wur­de mit ei­ner Gold­me­dail­le aus­ge­zeich­net und war ein ent­schei­den­der Schritt auf dem Weg zur Se­ri­en­rei­fe. Der we­sent­li­che Fort­schritt lag dar­in, dass nur ein Drit­tel der bis da­hin be­nö­tig­ten Gas­men­ge ver­braucht wur­de und der Mo­tor Ot­tos und Lan­gens so­mit in wirt­schaft­li­che Kon­kur­renz zu den ver­brei­te­ten Dampf­ma­schi­nen tre­ten konn­te.

Die nach dem tech­ni­schen Durch­bruch des Jah­res 1867 auf­kom­men­de Nach­fra­ge konn­ten Ot­to und Lan­gen im Rah­men der be­ste­hen­den Struk­tu­ren al­ler­dings nicht be­frie­di­gen. Für die Fi­nan­zie­rung der nö­ti­gen Ex­pan­si­on wa­ren sie ge­zwun­gen, sich nach ei­nem wei­te­ren Teil­ha­ber um­zu­schau­en. Sie fan­den ihn in dem Ham­bur­ger Ge­schäfts­mann Lud­wig Au­gust Roo­sen-Run­ge. Durch sei­ne Be­tei­li­gung ent­stand im März 1869, nach der Li­qui­die­rung von N. A. Ot­to & Cie, die Fir­ma Lan­gen, Ot­to & Roo­sen. Die Gel­der Roo­sen-Run­ges er­mög­lich­ten es, vor den To­ren Kölns, an der Chaus­see zwi­schen Deutz und Mül­heim, ein Grund­stück zu er­wer­ben und dar­auf ei­ne ers­te Ma­schi­nen­fa­brik zu er­rich­ten. Trotz der gu­ten Ent­wick­lung kam es bald zu Span­nun­gen zwi­schen den Ge­schäfts­part­nern. In­fol­ge der Li­qui­da­ti­on hat­ten sich die Ge­wich­te zwi­schen Lan­gen und Ot­to auf der ei­nen und Roo­sen-Run­ge auf der an­de­ren Sei­te ver­scho­ben.

Ni­co­laus Au­gust Ot­to war auf­grund der zu­vor er­lit­te­nen Ver­lus­te nicht in der La­ge ge­we­sen, ei­ne ei­ge­ne Ein­la­ge bei der neu­en Ge­sell­schaft zu leis­ten. Er war so­mit nur theo­re­tisch gleich­be­rech­tig­ter Teil­ha­ber und wur­de mit ge­ra­de ein­mal 10% an den Ein­nah­men be­tei­ligt. Gleich­zei­tig hat­te sich Eu­gen Lan­gen al­le Pa­tent­rech­te als Ge­gen­leis­tung für die Ver­lus­te der N. A. Ot­to & Cie KG ge­si­chert. So­mit muss­te die neue Ge­sell­schaft be­trächt­li­che Li­zenz­ge­büh­ren an ihn aus­zah­len, wo­durch er deut­lich bes­ser ge­stellt war als Roo­sen-Run­ge. Die­ser kün­dig­te dar­auf­hin be­reits im Som­mer 1871 den Ge­schäfts­ver­trag. An sei­ne Stel­le tra­ten mit Lan­gens Brü­dern, Gus­tav und Ja­kob, so­wie Emil und Va­len­tin Pfeif­fer ei­ne Rei­he neu­er In­ves­to­ren. Ge­mein­sam mit Lan­gen und Ot­to ho­ben sie am 5.1.1872 die „Gas­mo­to­ren-Fa­brik Deutz Ak­ti­en­ge­sell­schaft" aus der Tau­fe. Noch im sel­ben Jahr tra­ten Gott­lieb Daim­ler (1834-1900) und Wil­helm May­bach (1846-1929) als tech­ni­sche Lei­ter in das Un­ter­neh­men ein. Ot­to über­nahm der­weil als Di­rek­tor die kauf­män­ni­sche Lei­tung. Da er zu­dem bis 1882/1883 sei­nen Ak­ti­en­an­teil auf ca. 21 Pro­zent auf­sto­cken konn­te, stand er gleich­be­rech­tigt ne­ben Eu­gen Lan­gen.

Be­freit von wirt­schaft­li­chen Nö­ten und aus­ge­stat­tet mit gu­ten For­schungs­be­din­gun­gen griff Ot­to ab 1875 sei­ne ur­sprüng­li­che Idee des Vier­takt­mo­tors wie­der auf, die er zu­guns­ten des Gas­mo­tors hat­te zu­rück­stel­len müs­sen. Zü­gig trieb er sei­ne Plä­ne vor­an, und schon im Ju­ni 1876 reich­te die Deutz AG ei­nen Pa­ten­t­an­trag für den „Ot­to­mo­tor" ein. Im Au­gust 1877 wur­de das Pa­tent mit der Num­mer DRP 532 ver­ge­ben. Öf­fent­li­che An­ner­ken­nung für sei­ne Pio­nier­leis­tun­gen er­fuhr Ni­co­laus Au­gust Ot­to 1882, als ihm die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät Würz­burg die Eh­ren­dok­tor­wür­de ver­lieh.

Die letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens war der Er­fin­der dar­um be­müht, sein Le­bens­werk zu be­wah­ren und zu ver­tei­di­gen. In meh­re­ren Ge­richts­pro­zes­sen wur­den sei­ne Pa­ten­te an­ge­grif­fen und im Ja­nu­ar 1886 von ei­nem Reichs­ge­richt zu gro­ßen Tei­len für nich­tig er­klärt. Un­ter an­de­rem durch die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­de sei­ne Ge­sund­heit stark be­ein­träch­tigt. Am 26.1.1891 er­lag er in Köln ei­nem Herz­lei­den und wur­de auf dem Fried­hof Me­la­ten bei­ge­setzt. Knapp ein Jahr­hun­dert spä­ter wur­de im No­vem­ber 1990 ei­ne Fi­gur von Ot­to (Bild­hau­er: Theo Hei­er­mann) am Köl­ner Rat­haus­turm an­ge­bracht.

Literatur

Lan­gen, Ar­nold, Ni­co­laus Au­gust Ot­to. Der Schöp­fer des Ver­bren­nungs­mo­tors, Stutt­gart 1949.

Lan­gen, Ar­nold, N. A. Ot­to (1832-1891), in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en, Band 5, Müns­ter i.W. 1953, S. 79-101.

Löb­er, Ul­rich (Hg.), Ni­co­laus Au­gust Ot­to, Ein Kauf­mann baut Mo­to­ren. Ei­ne Aus­stel­lung des Lan­des­mu­se­ums Ko­blenz, 2. Auf­la­ge, Ko­blenz 1993.

Reuß, Hans-Jür­gen, Ni­co­laus Au­gust Ot­to, Köln 1979.

Sit­tau­er, Hans, Ni­co­laus Au­gust Ot­to – Ru­dolf Die­sel, 4. Auf­la­ge, Leip­zig 1990.

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Nicolaus August Otto, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nicolaus-august-otto/DE-2086/lido/57c95767d405d6.69524041 (22.04.2018)