Oskar Erbslöh

Luftfahrtpionier (1879-1910)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Oskar Erbslöh, um 1903. (Familienarchiv Erbslöh)

Der aus El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) stam­men­de Emil Os­kar (auch Os­car) Erbs­löh zähl­te zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts zu den re­nom­mier­tes­ten in­ter­na­tio­na­len Luft­schiff- und Bal­lon­pi­lo­ten. Er war Mit­be­grün­der und Vor­sit­zen­der der in El­ber­feld an­säs­si­gen „Rhei­nisch-West­fä­li­schen Mo­tor­luft­schiff-Ge­sell­schaft e.V.“.

Die Spu­ren der aus dem Ber­gi­schen stam­men­den Fa­mi­lie Erbs­löh las­sen sich bis et­wa in die Zeit des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges zu­rück­ver­fol­gen. An­fang des 20. Jahr­hun­derts wid­me­te sich Gus­tav von Eynern (1869-1956) der ge­nea­lo­gi­schen Er­for­schung der Fa­mi­lie und er­mit­tel­te den Bau­ern Jo­han­nes Erb­schloe (1615-1695) als Stamm­va­ter. Im Wup­per­tal ließ sich im 18. Jahr­hun­dert der Nach­kom­me Jo­hann Ar­nold (1764-1834) nie­der, der als Kauf­mann für Blei­cher- und Fär­ber­ma­te­ria­len ei­nen ge­wis­sen Wohl­stand er­lang­te und der ers­te aus ei­ner Rei­he von Un­ter­neh­mern mit dem Na­men Erbs­löh war.

 

Os­kar Erbs­löh wur­de am 21.4.1879 in El­ber­feld als drit­tes Kind von Carl Emil Erbs­löh (ge­bo­ren 1843) und Ma­rie Erbs­löh, ge­bo­re­ne Frie­de­richs (1854-1880) ge­bo­ren. Die en­ge­re Fa­mi­lie be­stand dar­über hin­aus aus sei­nen äl­te­ren Ge­schwis­tern Emil Ot­to (1875-1877) und Em­ma Ma­ria (ge­bo­ren 1876). Carl Emil Erbs­löh be­trieb in El­ber­feld die 1836 von Pe­ter Wil­helm Erbs­löh (1810-1859) zu­sam­men mit Fried­rich Wil­helm Gries zu­nächst un­ter dem Na­men Gries & Erbs­löh ge­grün­de­te Tex­til­ma­nu­fak­tur, die seit dem Aus­stieg von Gries und der Be­tei­li­gung von Pe­ter Wil­helms Brü­dern Carl Ju­li­us (1814-1880) und Carl Au­gust (1819-1894) in den 1840er Jah­ren in Ge­brü­der Erbs­löh um­be­nannt wor­den war. Dar­über hin­aus wa­ren die Brü­der Teil­ha­ber der Plä­tier­fa­brik Wolff & Erbs­löh, der Keim­zel­le der heu­te exis­tie­ren­den Erbs­löh Ak­ti­en­ge­sell­schaft. Die Fa­mi­lie ver­füg­te so­mit über ei­ne so­li­de wirt­schaft­li­che Grund­la­ge und ein gu­tes un­ter­neh­me­ri­sches Netz­werk. Os­kar war nach dem Tod sei­nes Bru­ders als Nach­fol­ger für die Tex­til­ma­nu­fak­tur vor­ge­se­hen.

Über die Kin­der- und Ju­gend­zeit Erbs­löhs sind nur we­ni­ge Da­ten be­kannt. Nach der Schul­zeit auf dem El­ber­fel­der Re­al­gym­na­si­um ab­sol­vier­te er in Han­no­ver ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung. An­schlie­ßend be­gab er sich auf meh­re­re Aus­lands­rei­sen und sam­mel­te un­ter an­de­rem in Nord­ame­ri­ka be­ruf­li­che Er­fah­run­gen. Sei­nen Mi­li­tär­dienst leis­te­te er bis 1904 ab und trat 1905 als Teil­ha­ber in die vä­ter­li­che Fir­ma ein. Erbs­löhs Auf­merk­sam­keit galt zeit­le­bens of­fen­sicht­lich vor al­lem dem Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men und ins­be­son­de­re der Ent­wick­lung und Nut­zung von Bal­lons und Luft­schif­fen. Je­den­falls grün­de­te er kei­ne Fa­mi­lie und blieb le­dig.

Sei­ne ers­ten Er­fah­run­gen in der Luft­fahrt mach­te Os­kar Erbs­löh mit Bal­lon­fahr­ten in den Jah­ren 1904/1905. Zu­sam­men mit dem Bal­lon­fah­rer und Aus­bil­der Paul Me­ckel (1881-1962), mit dem ihn ei­ne Freund­schaft ver­band, un­ter­nahm er am 18.3.1905 ei­ne Fahrt von So­lin­gen nach Müns­ter und er­warb da­bei das Bal­lon­füh­rer-Pa­tent des „Nie­der­rhei­ni­schen Ver­eins für Luft­schiff­fahr­t“ (NVfL). Wei­te­re Fahr­ten un­ter­nahm er un­ter an­de­rem mit dem Vor­sit­zen­den der 1906 ge­grün­de­ten Bon­ner Sek­ti­on des NVfL, Prof. Dr. Ernst Mi­larch (1869-1932). Im Som­mer 1906 führ­te die bei­den ei­ne Übungs­fahrt mit dem Bal­lon „Es­sen“ von Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) über das Sie­ben­ge­bir­ge.

Im sel­ben Jahr stand Erbs­löhs Na­me erst­mals auf der Teil­neh­mer­lis­te ei­ner gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Wett­fahrt, als er als Co­pi­lot am ers­ten Gor­don-Ben­nett-Cup teil­nahm. Der nach Ja­mes Gor­don Ben­nett (1841-1918), dem Her­aus­ge­ber des New York He­rald, be­nann­te Wett­be­werb wur­de vom „Ae­ro­nau­tique-Club de Fran­ce“ ver­an­stal­tet und war mit ei­nem Preis­geld von 10.000 Reichs­mark ver­bun­den. Am 30.9.1906 star­te­te Erbs­löh als Co­pi­lot des Bal­lons „Düs­sel­dor­f“ un­ter der Füh­rung des Of­fi­ziers Hu­go von Aber­cron (1869-1938 oder 1945) in Pa­ris. Sie be­leg­ten am En­de, nach ih­rer Lan­dung an der fran­zö­si­schen Ka­nal­küs­te, den neun­ten Platz. Der Ehr­geiz, an wei­te­ren Wett­be­wer­ben teil­zu­neh­men, war bei Os­kar Erbs­löh ge­weckt.

In der Fol­ge­zeit mel­de­te er sich zu meh­re­ren na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Wett­kämp­fen als Co­pi­lot oder Bal­lon­füh­rer. 1907 ab­sol­vier­te er er­folg­reich meh­re­re Ren­nen, so bei­spiels­wei­se am 19. Mai ab Mann­heim und am 8./9. Ju­ni ab Düs­sel­dorf. Mit den Bal­lons „Düs­sel­dor­f“ (Mai) und „El­ber­fel­d“ be­leg­te er da­bei je­weils den fünf­ten Platz. Be­deu­ten­de Sie­ge konn­te er im Sep­tem­ber des­sel­ben Jah­res mit dem Bal­lon „Pom­mern“ er­rin­gen: Am 15.9.1907 ge­wann er ei­ne Wett­fahrt ab Brüs­sel, an der ins­ge­samt 33 Bal­lo­ne teil­nah­men. Nach über 28 Stun­den und 915 Ki­lo­me­tern lan­de­te er im fran­zö­si­schen Cap Bre­ton. Un­mit­tel­bar da­nach reis­te Erbs­löh nach St. Louis in die USA, um dort am 21. Ok­to­ber beim Gor­don-Be­nett-Cup 1907 als Pi­lot zu­sam­men mit dem ame­ri­ka­ni­schen Me­teo­ro­lo­gen Hen­ry Clay­ton (1861-1946) zu star­ten. Per Los als ers­te Star­ter be­stimmt, leg­ten sie in­ner­halb von 40 Stun­den cir­ca 1.403 Ki­lo­me­ter zu­rück und lan­de­ten mit ei­nem Vor­sprung von neun Ki­lo­me­tern vor dem zweit­plat­zier­ten Bal­lon „Is­le de Fran­ce“ in As­bu­ry Park bei New York.

Da der je­weils fol­gen­de Cup im Land des Sie­gers statt­fand, war Ber­lin Aus­tra­gungs­ort des Gor­don-Ben­nett-Cups 1908. Die Ti­tel­ver­tei­di­gung ge­lang je­doch nicht, Erbs­löh wur­de im Bal­lon „Ber­lin“ mit sei­nem Be­glei­ter Jo­sef Sti­cker (ge­bo­ren 1881) neun­ter. Ei­ne wei­te­re be­mer­kens­wer­te Lang­stre­cken­fahrt un­ter­nahm er 1909, sie führ­te von St. Mo­ritz in der Schweiz über die Al­pen nach Ita­li­en und an­schlie­ßend über die Ka­ra­wan­ken nach Un­garn.

Ne­ben der prak­ti­schen Flie­ge­rei in­ter­es­sier­te sich Os­kar Erbs­löh ab 1908 zu­neh­mend für tech­ni­sche Ver­bes­se­run­gen der Fahr­zeu­ge. Hier­bei be­schäf­tig­te ihn ins­be­son­de­re die Pla­nung ei­nes mo­tor­ge­trie­be­nen Lenk­bal­lons; von die­ser Fra­ge aus­ge­hend ent­wi­ckel­te er die Idee ei­ner Luft­schiff­kon­struk­ti­on. Zur Um­set­zung sei­nes Vor­ha­bens muss­te Erbs­löh im Vor­feld die nö­ti­gen Struk­tu­ren schaf­fen. Am 12.12.1908 wur­de in Düs­sel­dorf die „Rhei­nisch-West­fä­li­sche Mo­tor­luft­schiff-Ge­sell­schaft e.V.“ ge­grün­det, die den in­sti­tu­tio­nel­len Rah­men für das Pro­jekt bot. Erbs­löh, der den Vor­sitz in­ne­hat­te, hat­te Geld­ge­ber aus Ber­lin, Düs­sel­dorf und Wup­per­tal ge­win­nen kön­nen. Als Vor­sit­zen­der der tech­ni­schen Kom­mis­si­on fun­gier­te Paul Me­ckel. Das tech­ni­sche Bü­ro in El­ber­feld be­gann um­ge­hend mit Kon­struk­ti­ons­plä­nen für ei­ne Luft­schiff­hal­le und ein Luft­schiff.

Be­reits An­fang 1909 pach­te­te die Ge­sell­schaft von der Stadt Leich­lin­gen für zehn Jah­re ein Grund­stück für den Bau der Hal­le, schloss mit ihr ei­nen Ver­trag über die Ver­sor­gung durch ein Elek­tro­werk ab und be­gann mit der Er­rich­tung. Ge­baut wur­de die Hal­le von der Düs­sel­dor­fer Fir­ma C. vom Hö­vel. An den Bau­kos­ten in Hö­he von 65.000 Reichs­mark be­tei­lig­te sich das Deut­sche Reich mit 16.000 Reichs­mark und si­cher­te sich als Ge­gen­leis­tung bei Be­darf die mi­li­tä­ri­sche Nut­zung. Am 9.11.1909 wur­de das Bau­werk als ers­te fest­ste­hen­de Luft­schiff­hal­le Deutsch­lands ein­ge­weiht.

Noch vor der end­gül­ti­gen Fer­tig­stel­lung der Hal­le wa­ren die ers­ten Ar­bei­ten an dem Luft­schiff vor­ge­nom­men wor­den, so dass ab Ok­to­ber schon die ers­ten Flug­ver­su­che un­ter der Lei­tung Erbs­löhs er­fol­gen konn­ten. Das nach dem so ge­nann­ten un­star­ren Sys­tem ge­bau­te Luft­schiff be­stand aus ei­ner Art ver­grö­ßer­ter Bal­lon­hül­le, wel­che auf ein Me­tall­ge­rüst zur Ver­stei­fung ver­zich­te­te. Hier­in un­ter­schied sich Erbs­löhs Kon­struk­ti­on von den Zep­pe­lin-Luft­schif­fen. Das Erbs­löh-Luft­schiff war da­durch leich­ter auf dem Land­weg zu trans­por­tie­ren und mit ge­rin­ge­rem Auf­wand zu bau­en, war je­doch klei­ner und we­ni­ger trag­fä­hig. Es maß et­wa 53 Me­ter in der Län­ge und hat­te ei­nen Durch­mes­ser von cir­ca zehn Me­tern. An der Baum­woll­hül­le war an Draht­sei­len die Gon­del be­fes­tigt, an de­ren Spit­ze ein Pro­pel­ler mit ei­nem 110 PS-Mo­tor das Luft­schiff an­trieb und es auf 45 Stun­den­ki­lo­me­ter be­schleu­ni­gen konn­te. Ge­steu­ert wur­de durch ein Hö­hen- und Sei­ten­leit­werk, Auf- und Ab­stieg wur­de durch die je­wei­li­ge Ver­la­ge­rung von Was­ser aus Be­häl­tern an Bug und Heck der Gon­del re­gu­liert. Am 12.12.1909, ein Jahr nach Grün­dung der Ge­sell­schaft, wur­de das Luft­schiff auf den Na­men „Erbs­löh“ ge­tauft und un­ter­nahm ei­ne Fahrt über Mon­heim, Neuss und Mön­chen­glad­bach, wo­bei es be­schä­digt wur­de und per Bahn zu­rück nach Leich­lin­gen trans­por­tiert wer­den muss­te.

Os­kar Erbs­löh über­ar­bei­te­te und ver­bes­ser­te die „Erbs­löh“ in den fol­gen­den Mo­na­ten. Erst Mit­te 1910 kam es wie­der zu Flü­gen. Nach­dem die ers­ten Ver­su­che al­le­samt er­folg­reich ge­we­sen wa­ren, star­te­te der Er­bau­er zu­sam­men mit Max Ot­to To­el­le (1878-1910), dem In­ge­nieu­ren Hans Leo Höpp, Ru­dolf Kranz und dem Tech­ni­ker Jo­seph Spicks am 13. Ju­li zu ei­nem wei­te­ren Pro­be­flug. Auf die­sem Flug kam es zu ei­ner Ex­plo­si­on des Was­ser­stoffs, wel­cher das Luft­schiff trug, und die Gon­del stürz­te bei Patt­scheid (heu­te Stadt Le­ver­ku­sen) ab. Al­le fünf In­sas­sen ka­men da­bei ums Le­ben. Der Ab­sturz des be­reits zu­vor lan­des­weit be­kann­ten Luft­schiffs und des be­rühm­ten Luft­fah­rers Os­kar Erbs­löh zog ein gro­ßes me­dia­les Echo nach sich.

1911 wur­de in Leich­lin­gen ein Ge­denk­stein für Os­kar Erbs­löh er­rich­tet. Dar­über hin­aus tra­gen meh­re­re Stra­ßen in rhei­ni­schen Städ­ten sei­nen Na­men und in Lan­gen­feld ist die ört­li­che Luft­sport­grup­pe nach ihm be­nannt.

Literatur

Eynern, Gus­tav von, Nach­rich­ten über die Fa­mi­lie Erbs­löh, Düs­sel­dorf 1905.

Schrö­der, Erich, Os­kar Erbs­löh. Ein rhei­ni­scher Luft­fahrt-Pio­nier, Köln 1997.

Stadt Leich­lin­gen (Hg.), Rhei­ni­sche Luft­schiff­fahrts­ge­schich­te in Leich­lin­gen. Ei­ne Epi­so­de in Bil­dern, zur Er­in­ne­rung an den Ab­sturz des Luft­schif­fes Erbs­löh am 13. Ju­li 1910, Leich­lin­gen 2010.

Oskar Erbslöh im Ballon, 1907. (Familienarchiv Erbslöh)

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Oskar Erbslöh, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/oskar-erbsloeh-/DE-2086/lido/57c6a5365e3d77.14585497 (18.07.2018)