Otto Brües

Schriftsteller und Dichter (1897–1967)

Theodor Pelster (Krefeld)

Otto Brües, Porträtfoto, 1937.

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Ot­to Brües war „im Brot­be­ruf" Jour­na­list, nach ei­ge­nem Ver­ständ­nis je­doch mehr Schrift­stel­ler und Dich­ter, der mit sei­nem Werk für ei­ne bes­se­re Welt wer­ben woll­te.

Ewald Ot­to Karl Brües wur­de am 7.11.1897 in Kre­feld ge­bo­ren und evan­ge­lisch ge­tauft. Sein Va­ter, Ernst Brües, ge­bo­ren am 9.8.1866 in Vier­sen, war Chef­re­dak­teur der „Kre­fel­der Zei­tung"; sei­ne Mut­ter, Cla­ra Brües ge­bo­re­ne Scheu­ten, war am 1.6.1874 in Kre­feld ge­bo­ren und evan­ge­lisch ge­tauft. Sie stamm­te aus ei­ner al­ten Kauf­manns­fa­mi­lie. Ot­to Brües hei­ra­te­te 1922 Hil­de Rob­holt. Ge­mein­sam hat­ten sie ei­nen Sohn Ul­rich (1923 –1943), der im Krieg als ver­misst ge­mel­det wur­de, und ei­ne Toch­ter Eva (1927–2011), die spä­ter das Er­be des Va­ters sorg­sam pfleg­te.

Von 1906 bis 1915 war Ot­to Brües Schü­ler des Hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­ums in Kre­feld und er­hielt hier, wie er spä­ter häu­fig be­ton­te, die ent­schei­den­de Prä­gung für sein Le­ben. Das alt­sprach­li­che Gym­na­si­um folg­te dem hu­ma­nis­ti­schen Bil­dungs­ide­al, ver­mit­tel­te die phi­lo­so­phi­schen und li­te­ra­ri­schen Tex­te der An­ti­ke im Ur­text und ver­band sie mit den Grund­ele­men­ten der christ­li­chen Welt­an­schau­ung zu ei­nem in sich ge­schlos­se­nen, kon­ser­va­tiv ge­präg­ten Welt­bild. So vor­be­rei­tet be­gann Brües im Mai 1915 sein Stu­di­um in Bonn.

Die Welt hat­te sich da je­doch schon ver­än­dert. Der Ers­te Welt­krieg hat­te im Herbst 1914 be­gon­nen. Das Gym­na­si­um hat­te Brües 1915 be­reits mit dem „Kriegsa­b­itur" ver­las­sen. Im Fe­bru­ar wur­de er aus dem Stu­di­um ge­ris­sen und zum Kriegs­dienst an die West­front ge­schickt. Nach der Ka­pi­tu­la­ti­on und der to­ta­len Nie­der­la­ge Deutsch­lands kam er im No­vem­ber 1918 in die Hei­mat zu­rück. Die El­tern wa­ren zwi­schen­zeit­lich nach Köln ge­zo­gen. Dort hat­te der Va­ter ei­ne lei­ten­de Stel­lung bei der „Köl­ni­schen Zei­tung" und An­schluss an die Na­tio­nal­li­be­ra­le Par­tei Gus­tav Stre­se­manns (1878-1929) ge­fun­den.

Ot­to Brües setz­te 1918 das Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik, der Kunst­ge­schich­te und der Na­tio­nal­öko­no­mie in Bonn fort, ver­ließ die Uni­ver­si­tät 1922 oh­ne Ab­schluss und nahm ei­ne Stel­le als Feuille­ton­re­dak­teur des „Stadt-An­zei­gers" der „Köl­ni­schen Zei­tung" an. Er ging da­von aus, dass der Be­ruf des Jour­na­lis­ten ma­te­ri­el­le und hand­werk­li­che Grund­la­ge für ein hö­her­wer­ti­ges Schaf­fen bie­ten kön­ne, denn zum Dich­ter fühl­te er sich wei­ter­hin be­ru­fen.

Ers­te Ge­dich­te und ei­ne kur­ze Er­zäh­lung hat­te er schon 1917 ver­öf­fent­li­chen kön­nen. Da­nach folg­te ei­ne le­bens­lan­ge Pro­duk­ti­ons­pha­se, die ih­res­glei­chen sucht. Ei­ne von Franz Jans­sen er­stell­te Werk­über­sicht lis­tet un­ter an­de­rem 26 Dra­men, 17 Er­zäh­lun­gen, neun No­vel­len, 14 Ro­ma­ne und neun Ge­dicht­bän­de auf. In sei­nem ge­sam­ten Werk spie­gelt sich ei­ner­seits der Wech­sel der Zeit­läuf­te; an­de­rer­seits er­kennt man durch­ge­hend den Au­tor, der von ei­nem Sen­dungs­be­wusst­sein er­füllt ist, der dem Gu­ten und Wah­ren zum Durch­bruch ver­hel­fen will und der sich den Stil­re­geln der ho­hen Li­te­ra­tur ver­pflich­tet weiß.

Ei­ne ers­te Schaf­fens­pe­ri­ode des Dich­ters Ot­to Brües fiel in die Kri­sen­zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Nach dem Zu­sam­men­bruch der al­ten Ord­nung wur­de drin­gend ei­ne neue Ori­en­tie­rung ge­sucht. In die­ser Si­tua­ti­on be­san­nen sich nam­haf­te Au­to­ren auf den Wer­te­ka­non, der sei­nen Ur­sprung in der klas­si­schen Li­te­ra­tur und in der idea­lis­ti­schen Phi­lo­so­phie hat, und auf die Kräf­te, die in der Ge­bun­den­heit der Men­schen an ih­re Hei­mat lie­gen. Es wur­de die gro­ße Zeit der rhei­ni­schen Schrift­stel­ler.

Das Be­kennt­nis zur rhei­ni­schen Hei­mat war Fol­ge der Ab­kehr von dem be­sieg­ten Ber­lin, aber auch Trotz­hal­tung ge­gen­über den bel­gi­schen und fran­zö­si­schen Be­sat­zern. Zur Tau­send­jahr­fei­er der Rhein­lan­de gab Brües 1925 ei­ne viel be­ach­te­te An­tho­lo­gie her­aus: „Der Rhein in Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart. Ei­ne Schil­de­rung des Rhein­stroms und sei­nes Ge­bie­tes, mit be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung von Land und Leu­ten, Ge­schich­te, Geis­tes­le­ben und Kunst, Land­wirt­schaft und In­dus­trie". Es war der Hö­he­punkt ei­ner rei­chen Schaf­fens­zeit, in der der un­ge­mein flei­ßi­ge Kul­tur­re­dak­teur gleich­sam ne­ben­her ein li­te­ra­ri­sches Werk nach dem an­de­ren her­aus­brach­te, im­mer dar­auf be­dacht, nicht als Hei­mat­dich­ter oder Pro­vinz­au­tor ein­ge­ord­net zu wer­den. Doch an sei­ne gro­ßen Vor­bil­der – Theo­dor Fon­ta­ne (1819-1898) und Wil­helm Raa­be (1831-1910) im Be­reich der Epik und Ste­fan Ge­or­ge (1868-1933) in der Ly­rik – kam er nicht her­an. Im­mer­hin war ihm schon 1922 der mit 10.000 Reichs­mark do­tier­te Dra­men­preis des Büh­nen­volks­bun­des zu­ge­spro­chen wor­den, der für Be­kannt­heit ge­sorgt hat­te. Im Gan­zen blieb Brües je­doch auch nach ei­ge­nem Ein­ge­ständ­nis im Mit­tel­bau der Li­te­ra­tur­py­ra­mi­de hän­gen. Für den rhei­ni­schen Kul­tur­raum nahm er al­ler­dings im be­grenz­ten Zeit­ab­schnitt der Wei­ma­rer Re­pu­blik ei­ne Spit­zen­stel­lung ein.

In Adolf Hit­ler (1889-1945) sah Brües zu­nächst den Mann, der Ver­sailles rück­gän­gig ma­chen soll­te. Erst als mit der "Macht­er­grei­fung" 1933 die At­ta­cken der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf die Pres­se und die Au­to­ren exis­tenz­be­dro­hen­de Zü­ge an­nah­men, er­kann­te er wie vie­le an­de­re bil­dungs­bür­ger­lich oder christ­lich ori­en­tier­te Au­to­ren die un­mit­tel­ba­re Ge­fahr. Ot­to Brües schil­dert in sei­ner Au­to­bio­gra­phie die be­drü­cken­de Si­tua­ti­on, der er aus­ge­lie­fert war. Dort gibt er zu, dass er dem Druck er­le­gen sei und sich 1937 zur Mit­glied­schaft in der NS­DAP ha­be be­we­gen las­sen. Für sei­ne jour­na­lis­ti­sche und li­te­ra­ri­sche Ar­beit such­te er kon­flikt­freie The­men­fel­der und wich ins His­to­ri­sche und Idyl­li­sche aus. Er ha­be, schreibt er nach­träg­lich, nicht das Zeug zum Mär­ty­rer ge­habt. Die meis­ten, die die Dik­ta­tur er­lebt hat­ten, brach­ten nach dem Un­ter­gang des „Drit­ten Reichs" Ver­ständ­nis für die­se Art der An­pas­sung auf. An­de­re al­ler­dings be­zwei­fel­ten, dass der be­schrie­be­ne Druck so zwin­gend und die in­ne­re Dis­tanz zum herr­schen­den Re­gime so groß wa­ren wie von ihm be­schrie­ben. Im­mer­hin wur­de Brües 1942 der „Rhei­ni­sche Li­te­ra­tur­preis" im Köl­ner Gür­ze­nich über­reicht. Es wä­re mög­lich, aber ge­fähr­lich für die gan­ze Fa­mi­lie ge­we­sen, den Preis ab­zu­leh­nen. So wur­de er zum „Mit­läu­fer".

Das Kriegs­en­de er­leb­te Brües in Ober­bay­ern, wo die Fa­mi­lie seit 1939 ein „Wie­sen­haus" hat­te. Dort­hin hat­ten sich Frau Hil­de und Toch­ter Eva im Krieg zu­rück­ge­zo­gen. Nach dem Krieg blieb die Fa­mi­lie bis 1951 in Au bei Bad Ai­b­ling. In die­ser Zeit schrieb Brües den gro­ßen Kre­feld-Ro­man „Der Sil­ber­kelch", in dem er in vier Bü­chern die epo­cha­len Um­brü­che vom Kai­ser­reich bis ins Jahr 1946 ge­stal­tet, im­mer be­zo­gen auf sei­ne Hei­mat­stadt und sei­ne ei­ge­ne Le­bens­ge­schich­te aus­wer­tend.

Als dem Jour­na­lis­ten Ot­to Brües im Ja­nu­ar 1952 in Düs­sel­dorf  ei­ne Stel­le als Feuille­ton­re­dak­teur an­ge­bo­ten wur­de und als ihm die Hei­mat­stadt Kre­feld ein Haus als Wohn­sitz be­reit stell­te, be­gann ei­ne wei­te­re, letz­te Schaf­fens­pe­ri­ode. In be­ein­dru­cken­den Es­says warb er wie­der für die Ge­schich­te, die Kul­tur und die Kunst am Nie­der­rhein, er­in­ner­te an prä­gen­de rhei­ni­sche Au­to­ren, schrieb sei­ne Er­fah­run­gen als Thea­ter­kri­ti­ker, über­nahm ei­nen Lehr­auf­trag am Thea­ter­wis­sen­schaft­li­chen Lehr­stuhl der Köl­ner Uni­ver­si­tät und bot den Büh­nen das Dra­ma „Nan­sen. Ein Schau­spiel in 2 Tei­len" an. Nach der Ur­auf­füh­rung in Kre­feld am 16.2.1960 folg­ten kei­ne wei­te­ren An­fra­gen.

Als Ot­to Brües am 18.4.1967 in Kre­feld starb, be­rei­te­te man ihm eh­ren­de Ge­denk­fei­ern. Im März 1967 war ihm die Eh­ren­bür­ger­schaft der Stadt Kre­feld an­ge­tra­gen wor­den. Zu­gleich er­hielt er den Eh­ren­ring der Stadt. Schon 1959 war ihm das Bun­des­ver­dienst­kreuz 1. Klas­se ver­lie­hen wor­den. Doch sei­nem Werk spra­chen Li­te­ra­tur­kri­ti­ker in­zwi­schen je­de Ak­tua­li­tät ab. Auf dem li­te­ra­ri­schen Markt hat­ten neue, an­de­re Stim­men das Sa­gen.

Wä­re nicht Eva Brües, die Toch­ter des Au­tors, ge­we­sen, so wä­re der einst Er­folg­rei­che und spä­ter Ge­ehr­te viel­leicht ganz aus dem Be­wusst­sein der Kre­fel­der Bür­ger ver­schwun­den. Sie aber gab noch Jah­re spä­ter un­ver­öf­fent­lich­te Wer­ke des Va­ters her­aus – so die sehr le­sens­wer­te Au­to­bio­gra­phie „Und im­mer sang die Ler­che". Sie grün­de­te 1993 auch den „Ot­to-Brües-Freun­des­kreis. Ei­ne Ge­sell­schaft für Li­te­ra­tur e.V.", und sie ver­mach­te der Stadt Kre­feld den Nach­lass und den er­erb­ten Be­sitz von Ot­to Brües. Das Haus an der Gu­ten­berg­stra­ße, in dem der Au­tor ei­nen Schreib­tisch für sei­ne Ta­ges­ar­beit und ei­nen wei­te­ren für sein li­te­ra­ri­sches Schrei­ben hat­te, ist seit Ju­ni 2012 „Das Nie­der­rhei­ni­sche Li­te­ra­tur­haus Kre­feld".

Werke (Auswahl)

Schloß Mo­y­land. No­vel­le, Stutt­gart 1943, er­wei­ter­te Aus­ga­be Duis­burg 1967.
Der Sil­ber­kelch. Ro­man, Kem­pen 1948.
Und im­mer sang die Ler­che". Le­bens­er­in­ne­run­gen, Duis­burg 1967.
Mo­zart und das Fräu­lein von Pa­ra­dis, Tü­bin­gen 1967

Literatur

Eßer, Paul, Gro­ßer Hu­ma­nist – klei­ner Mit­läu­fer. Ot­to Brües, in: Jen­seits der Kopf­wei­den. Spra­che und Li­te­ra­tur am Nie­der­rhein, Düs­sel­dorf 2002.
__ Jans­sen, Franz, Be­wah­ren­des und pro­gres­si­ves Wer­te­be­wusst­sein. Der rhei­ni­sche Feuille­to­nist und Er­zäh­ler Ot­to Brües, Dis­ser­ta­ti­on 1991.

 
Zitationshinweis

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Pelster, Theodor, Otto Brües, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-bruees-/DE-2086/lido/57c58984415fe1.58163019 (15.11.2018)