Paul Lücke

Bundesminister (1914-1976)

Andreas Grau (Sankt Augustin)

Paul Lücke, Porträtfoto, Foto: Bouserath. (Archiv für Christlich Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung)

Als Bun­des­mi­nis­ter für Woh­nungs­bau von 1957 bis 1965 hat­te Paul Lü­cke gro­ßen An­teil am Wie­der­auf­bau in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. An­schlie­ßend war er als Bun­des­mi­nis­ter des In­ne­ren ent­schei­dend an der Aus­ar­bei­tung der Not­stands­ge­set­ze be­tei­ligt. Er schei­ter­te je­doch mit dem Ver­such, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein Mehr­heits­wahl­recht nach bri­ti­schem Vor­bild durch­zu­set­zen.

Kurz nach Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges, am 13.11.1914, wur­de Paul Fried­rich Lü­cke in dem klei­nen Ort Schö­ne­born im 1932 ge­bil­de­ten Ober­ber­gi­schen Kreis ge­bo­ren. Sein Va­ter ar­bei­te­te in ei­nem Stein­bruch und stieg spä­ter zum Stein­bruch­meis­ter auf. Die Mut­ter küm­mer­te sich um die 14 Kin­der der Fa­mi­lie. Ne­ben der Her­kunft aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen wur­de Lü­cke vor al­lem da­durch ge­prägt, dass er als Ka­tho­lik in sei­ner Hei­mat zu ei­ner klei­nen Min­der­heit ge­hör­te. Lü­cke be­kann­te sich ak­tiv zum ka­tho­li­schen Glau­ben und trat früh der ka­tho­li­schen Pfad­fin­der­schaft St. Ge­org bei. Be­reits mit 18 Jah­ren wur­de er De­ka­nats­ju­gend­füh­rer. Au­ßer­dem war Lü­cke in der ka­tho­li­schen Lai­en­be­we­gung ak­tiv, wo er bis zum Be­zirks­lei­ter im Ag­ger­tal auf­stieg.

Nach dem Be­such der Volks­schu­le ar­bei­te­te Lü­cke zu­nächst im Stein­bruch, ehe er 1928 ei­ne Leh­re als Schlos­ser auf­nahm. Der Ge­sel­len­prü­fung 1931 folg­ten meh­re­re Jah­re als Grob­schmied. Im Ok­to­ber 1935 wur­de Lü­cke zum Wehr­dienst ein­be­ru­fen. In der Wehr­macht wur­de die Be­ga­bung Lü­ckes er­kannt, wes­halb er am En­de sei­ner Dienst­zeit zum Ma­schi­nen­bau­stu­di­um nach Ber­lin ge­schickt wur­de. Wäh­rend des Stu­di­ums wohn­te er im Ar­bei­ter­vier­tel Wed­ding, des­sen Woh­nungs­elend ihn er­schüt­ter­te und nach­hal­tig präg­te. Be­reits kurz nach sei­nem In­ge­nieurs­ex­amen brach der Zwei­te Welt­krieg aus, den Lü­cke bis 1945 als Feu­er­wer­ker und Waf­fen­of­fi­zier mit­er­leb­te. Bei ei­nem Sa­bo­ta­ge­akt der fran­zö­si­schen Ré­sis­tan­ce in Tou­lou­se wur­de er 1944 schwer ver­letzt und ver­lor ein Bein.

Am En­de des Krie­ges ge­riet Paul Lü­cke in Ös­ter­reich in Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Doch schon im Sep­tem­ber 1945 konn­te er in sei­ne Hei­mat zu­rück­keh­ren, wo er sich so­gleich wie­der der ka­tho­li­schen Lai­en­be­we­gung an­schloss. Um den Ver­trie­be­nen und Aus­ge­bomb­ten zu hel­fen, grün­de­te er mit Gleich­ge­sinn­ten das „Ka­tho­li­sche Auf­bau­werk Ober­ber­gi­scher Kreis". Ab No­vem­ber 1945 war er als Kom­mu­nal­be­am­ter der Kreis­ver­wal­tung in Gum­mers­bach of­fi­zi­ell für die Be­treu­ung der Hei­mat­ver­trie­be­nen und Flücht­lin­ge zu­stän­dig. Be­reits 1946 wur­de er zum Lei­ter des Kreis­wirt­schafts­am­tes be­för­dert. 1947 folg­te die Er­nen­nung des 33-jäh­ri­gen Lü­cke zum Di­rek­tor des Am­tes En­gels­kir­chen auf Le­bens­zeit.

Ne­ben sei­ner be­ruf­li­chen Tä­tig­keit war Paul Lü­cke par­tei­po­li­tisch tä­tig und ge­hör­te zu den Mit­grün­dern der CDU im Ober­ber­gi­schen Kreis. Als er­folg­rei­cher Kom­mu­nal­po­li­ti­ker wur­de er von der CDU im Rhei­nisch-Ber­gi­schen Kreis (gleich­zei­tig ein Bun­des­tags­wahl­kreis) als Kan­di­dat für die Bun­des­tags­wahl 1949 auf­ge­stellt. Auf An­hieb konn­te er den Wahl­kreis ge­win­nen und ver­trat ihn bis 1972 im Deut­schen Bun­des­tag.

Im Par­la­ment wur­de Lü­cke Mit­glied im Aus­schuss für Wie­der­auf­bau und Woh­nungs­bau, dem in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit gro­ße Be­deu­tung zu­kam. Als nach we­ni­gen Mo­na­ten der Aus­schuss­vor­sit­zen­de zu­rück­trat, wur­de das jüngs­te Aus­schuss­mit­glied – Paul Lü­cke – zum Nach­fol­ger ge­wählt. Auf­grund sei­ner per­sön­li­chen Er­fah­run­gen in Ber­lin und in sei­ner Hei­mat setz­te er sich für pri­va­tes Wohn­ei­gen­tum und ge­gen die Ent­ste­hung von Miets­ka­ser­nen ein. Die von Lü­cke be­vor­zug­te För­de­rung des Ei­gen­heims vor der Miet­woh­nung wur­de 1956 im 2. Woh­nungs­bau­ge­setz ver­an­kert. Ne­ben sei­ner Par­la­ment­s­tä­tig­keit blieb Lü­cke auch der Kom­mu­nal­po­li­tik ver­bun­den. 1954 wur­de er zum Prä­si­den­ten des Deut­schen Ge­mein­de­ta­ges ge­wählt. Bis 1966 stand er an der Spit­ze die­ses Ver­ban­des und wur­de da­nach zum Eh­ren­prä­si­den­ten er­nannt.

Nach der Bun­des­tags­wahl 1957 hol­te Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er den er­folg­rei­chen Aus­schuss­vor­sit­zen­den Lü­cke als Bun­des­mi­nis­ter für Woh­nungs­bau in sein Ka­bi­nett. Als Woh­nungs­bau­mi­nis­ter brach­te er 1959 den „Lü­cke-Plan" auf den Weg, der den stu­fen­wei­sen Ab­bau der seit lan­gem be­ste­hen­den Woh­nungs­zwangs­wirt­schaft vor­sah. Um den stei­gen­den Bau­land­prei­sen ent­ge­gen­zu­wir­ken, wur­de gleich­zei­tig mit dem „Lü­cke-Plan" 1960 auch ein Bun­des­bau­ge­setz ver­ab­schie­det. Lü­cke be­hielt nach der Bun­des­tags­wahl 1961 sein Amt, des­sen Kom­pe­ten­zen so­gar noch er­wei­tert wur­den. Als Bun­des­mi­nis­ter für Woh­nungs­we­sen, Städ­te­bau und Raum­ord­nung wand­te er sich ver­stärkt Fra­gen des Städ­te­baus und der Raum­pla­nung zu. Auch nach dem Rück­tritt Ade­nau­ers 1963 blieb Lü­cke, der über ei­nen star­ken Rück­halt in der CDU/CSU-Bun­des­tags­frak­ti­on ver­füg­te, Woh­nungs­bau­mi­nis­ter un­ter Bun­des­kanz­ler Lud­wig Er­hard (1897-1977, Kanz­ler 1963-1966).

Im Ok­to­ber 1965 über­nahm Lü­cke das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um, als Er­hard sein Ka­bi­nett nach der Bun­des­tags­wahl um­bil­de­te. Mit dem neu­en Amt über­nahm er auch die schwie­ri­ge Auf­ga­be der Aus­ar­bei­tung ei­ner Not­stands­ver­fas­sung. Da­bei wa­ren die gu­ten Kon­tak­te Lü­ckes zur SPD von Vor­teil, de­ren Zu­stim­mung nö­tig war, um Not­stands­ge­set­ze über­haupt ver­ab­schie­den zu kön­nen. Auch nach dem Rück­tritt Er­hards im No­vem­ber 1966 und der Bil­dung ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on un­ter Bun­des­kanz­ler Kurt Ge­org Kie­sin­ger (1904-1988, Kanz­ler 1966-1969) aus CDU/CSU und SPD blieb Lü­cke an der Spit­ze des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. Schon wäh­rend der Spie­gel-Af­fä­re 1962 hat­te er sich für ei­ne Ko­ali­ti­on mit der SPD aus­ge­spro­chen. Ge­mein­sam mit der SPD hoff­te Lü­cke, nun end­lich ein Mehr­heits­wahl­recht nach bri­ti­schem Mus­ter ein­füh­ren zu kön­nen. Da­durch woll­te er die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor in­nen­po­li­ti­schen Kri­sen wie in der Wei­ma­rer Re­pu­blik be­wah­ren und im Bun­des­tag stets kla­re Mehr­heits­ver­hält­nis­se schaf­fen.

Tat­säch­lich ge­hör­ten die Ver­ab­schie­dung der Not­stands­ver­fas­sung und die Ein­füh­rung ei­nes Mehr­heits­wahl­rechts zu den Grund­la­gen der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Bei­de Ko­ali­ti­ons­part­ner hat­ten al­ler­dings un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen zum Mehr­heits­wahl­recht. Als die SPD auf ih­rem Par­tei­tag im März 1968 die Wahl­rechts­re­form auf ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt ver­schob, trat Lü­cke ent­täuscht von sei­nem Amt als In­nen­mi­nis­ter zu­rück. Er blieb je­doch Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges. Bei der Bun­des­tags­wahl 1972 ver­lor Paul Lü­cke sei­nen Wahl­kreis und schied da­mit auch aus dem Par­la­ment aus, da er nicht über die Lan­des­lis­te der CDU ab­ge­si­chert war.

Das En­de sei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re be­deu­te­te für Lü­cke aber noch nicht den Rück­zug aufs Al­ten­teil. Er blieb Vor­sit­zen­der des Ku­ra­to­ri­ums der Stif­tung Bun­des­kanz­ler-Ade­nau­er-Haus, de­ren Grün­dung er als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter ak­tiv un­ter­stützt hat­te, und Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der Deut­schen Ka­tho­li­ken. Seit 1969 war er au­ßer­dem Ge­schäfts­füh­rer zwei­er Köl­ner Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten. Der Va­ter von sechs Kin­dern war Trä­ger des Gro­ßkreu­zes des päpst­li­chen Gre­go­ri­us­or­dens und des Gro­ßkreu­zes des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Am 10.8.1976 starb Paul Lü­cke an den Fol­gen ei­ner Ope­ra­ti­on in ei­nem Kran­ken­haus in Er­lan­gen. Der „Va­ter des so­zia­len Woh­nungs­baus" wur­de mit ei­nem Staats­be­gräb­nis ge­ehrt und in Bens­berg (heu­te Stadt Ber­gisch Glad­bach) bei Köln bei­ge­setzt.

Literatur

Aretz, Jür­gen, Paul Lü­cke, in: Aretz, Jür­gen/Mor­sey, Ru­dolf/Rau­scher, An­ton (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern, Band 11, Müns­ter i.W. 2004, S. 195-212.

Jes­se, Eck­hard, Paul Lü­cke, in: Kempf, Udo/Merz, Hans-Ge­org (Hg.), Kanz­ler und Mi­nis­ter 1949-1998. Ein bio­gra­fi­sches Le­xi­kon der deut­schen Bun­des­re­gie­run­gen, Op­la­den 2001, S. 454-459.

Lü­cke, Paul, Ist Bonn doch Wei­mar? Der Kampf um das Mehr­heits­wahl­recht, Frank­furt a.M./Ber­lin 1968.

Schulz, Gün­ther, Wie­der­auf­bau in Deutsch­land. Die Woh­nungs­bau­po­li­tik in den West­zo­nen und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 1945 bis 1957, Düs­sel­dorf 1993.

Online

Aretz, Jür­gen, So­zia­le Markt­wirt­schaft mit gro­ßem "S". Vor neun­zig Jah­ren wur­de Paul Lü­cke ge­bo­ren, in: Die Po­li­ti­sche Mei­nung 420 (2004), S. 90-94. (Text als PDF-Do­ku­ment auf der Web­site der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung). [On­line]

From­melt, Rein­hard, "Lü­cke, Paul", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 15 (1987), S. 449. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Grau, Andreas, Paul Lücke, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/paul-luecke/DE-2086/lido/57c945bdb56f81.21820620 (23.06.2018)