Petrus Mosellanus

Humanist (1493-1524)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Petrus Mosellanus, undatiertes Porträt eines unbekannten Künstlers. (Stadtbibliothek Trier)

Pe­trus Mo­sel­la­nus war Hu­ma­nist, Phi­lo­lo­ge und ka­tho­li­scher Theo­lo­ge der frü­hen Re­for­ma­ti­ons­zeit. Wäh­rend sei­nes Stu­di­ums an der Uni­ver­si­tät Köln wid­me­te er sich in­ten­siv Tex­ten an­ti­ker Schrift­stel­ler, stieg spä­ter zum Rek­tor der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät auf und hielt 1519 die Er­öff­nungs­re­de der Leip­zi­ger Dis­pu­ta­ti­on.

Mo­sel­la­nus, des­sen Ge­burts­na­me Pe­ter Scha­de/Schad lau­tet und der auch un­ter dem Syn­onym Pro­te­gen­sis be­kannt ist, wur­de 1493 in Brut­tig (heu­te Brut­tig-Fan­kel) an der Mo­sel als jüngs­tes von 14 Kin­dern des Win­zers Jo­han­nes Scha­de und des­sen Frau Ka­tha­ri­na ge­bo­ren. Der be­reits früh durch sei­ne Be­ga­bun­gen auf­ge­fal­le­ne Jun­ge be­such­te durch die Ver­mitt­lung und fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung ei­nes On­kels aus Beil­stein so­wie sei­nes Co­che­mer Gro­ßva­ters die dor­ti­ge Schu­le und an­schlie­ßend La­tein­schu­len in Lu­xem­burg, Lim­burg und Trier. Von Trier aus, wo er dem Kol­le­gi­um St. Ger­man der Brü­der vom ge­mein­sa­men Le­ben an­ge­hör­te, ging Mo­sel­la­nus 1509 nach Köln. Aus­schlag­ge­bend für den Wech­sel war mög­li­cher­wei­se der Wunsch sei­ner Fi­nan­ziers, ihr Schütz­ling mö­ge dort ei­ne geist­li­che Lauf­bahn ein­schla­gen.

Doch Mo­sel­la­nus wähl­te ei­nen an­de­ren Weg; in der Me­tro­po­le am Rhein kam er in Be­rüh­rung mit hu­ma­nis­tisch-aka­de­mi­schen Krei­sen. So stu­dier­te er in der Mon­t­an­er­bur­se bei dem Grä­zis­ten Jo­han­nes Cae­sa­ri­us (1468-1550), mög­li­cher­wei­se auch bei dem eng­li­schen Phi­lo­lo­gen und Pro­fes­sor der grie­chi­schen Spra­che Ri­chard Cro­ce/Cro­cus (wohl 1489-1558). Erst nach über zwei Jah­ren in Köln schrieb er sich of­fi­zi­ell an der Uni­ver­si­tät ein. Un­ter Pe­ter Schay­de de Pro­y­th­gen fin­det sich in den Ma­tri­keln zum 2.1.1512 sei­ne Ein­schrei­bung für die Ar­tis­ten­fa­kul­tät. Ein Grund für sein Zö­gern bei der Im­ma­tri­ku­la­ti­on kann in der Ab­leh­nung der hu­ma­nis­ti­scher Bil­dungs­idea­le durch Köl­ner Ge­lehr­te, ins­be­son­de­re der Theo­lo­gen, ge­se­hen wer­den. Sie drück­te sich un­ter an­de­rem in der Zen­sur hu­ma­nis­ti­scher Schrif­ten aus. Al­ler­dings ist die äl­te­re An­sicht, Köln sei ei­ne von den Do­mi­ni­ka­nern be­herrsch­te scho­las­ti­sche Bas­ti­on ge­gen den Hu­ma­nis­mus ge­we­sen, da­hin­ge­hend zu re­la­ti­vie­ren, dass sie in ih­rer Ein­sei­tig­keit zu sehr von den In­hal­ten und Aus­wir­kun­gen der Dun­kel­män­ner­brie­fe ge­prägt wor­den ist.

In­wie­weit Cae­sa­ri­us und sei­ne Schü­ler von Re­pres­sa­li­en und An­fein­dun­gen be­trof­fen wa­ren, lässt sich nicht sa­gen. Da sie den Schutz des Köl­ner Dom­herrn und spä­te­ren Uni­ver­si­täts­kanz­lers Her­mann von Neue­nahr (1482-1530) ge­nos­sen, wel­cher ein ehe­ma­li­ger Schü­ler und en­ger Ver­trau­ter von Cae­sa­ri­us war und um den sich der be­kann­tes­te au­ßer­uni­ver­si­tä­re Hu­ma­nis­ten­kreis der Stadt bil­de­te, dürf­te die Si­tua­ti­on der Grup­pe ver­gleichs­wei­se sta­bil ge­we­sen sein.

Mo­sel­la­nus er­warb in Köln 1511/1512 das Bac­ca­lau­re­at. Es er­mög­lich­te ihm, pri­va­ten aka­de­mi­schen Sprach­un­ter­richt zu ge­ben. Ei­ne Lehr­stel­le er­hielt er an­schlie­ßend je­doch nicht in Köln, son­dern im säch­si­schen Frei­berg. Der zeit­wei­se zum Köl­ner Hu­ma­nis­ten­kreis zäh­len­de Jo­han­nes Rha­gius, auch Jo­han­nes Aes­ti­cam­pia­nus (1457-1520), hat­te dort ei­ne La­tein­schu­le ge­grün­det und warb un­ter den Köl­ner Ge­lehr­ten und Stu­den­ten um Leh­rer. Ja­cob So­be­ni­us, zu dem Mo­sel­la­nus be­reits wäh­rend des Stu­di­ums Kon­takt ge­knüpft hat­te, und Cas­par Bor­ner (um 1492-1547) ver­an­lass­ten ihn, die­se Ge­le­gen­heit wahr­zu­neh­men. Ge­mein­sam mit dem eben­falls an­ge­wor­be­nen Bor­ner über­sie­del­te er nach Sach­sen.

Die An­ga­ben über An­kunft und Auf­ent­halt in Frei­berg va­ri­ie­ren, teil­wei­se wird sei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Schu­le be­reits ab 1513 an­ge­nom­men (Boeck/Franz, S. 135). Die­se Da­tie­rung ist zwei­fel­haft, weil Mo­sel­la­nus und Bor­ner Köln wohl erst im De­zem­ber 1513 ver­lie­ßen. An­de­re da­tie­ren die An­kunft in Frei­berg auf den 6.1.1514 (Scho­ber, S. 21) oder sei­nen An­tritt als Leh­rer auf den 1.1.1515 (Kre­mer 1990, S. 8). Die un­ter­schied­li­chen Da­ten kor­re­spon­die­ren mit un­ter­schied­li­chen An­ga­ben zum Grün­dungs­jahr der La­tein­schu­le, das so­wohl mit 1511 (Scho­ber, S. 21) als auch mit 1514 an­ge­ge­ben wird (Kre­mer, S. 17).

Fest­zu­hal­ten ist, dass sich Mo­sel­la­nus nur ei­ni­ge Mo­na­te, höchs­tens ein gu­tes Jahr in Frei­berg auf­hielt. Am 23.4.1515 schrieb er sich an der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät ein. Hin­ter­grund war die kurz zu­vor er­folg­te Neu­be­set­zung des Lehr­stuhls für grie­chi­sche Spra­che durch den säch­si­schen Her­zog Ge­org den Bär­ti­gen (1471-1539), der da­mit auf ei­ne In­itia­ti­ve des Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469-1536) re­agier­te. Zu­sätz­lich mag auch ein an­ge­spann­tes Ver­hält­nis zu Rha­gius Mo­sel­la­nus zum Weg­gang aus Frei­berg be­wo­gen ha­ben. Auf den Lehr­stuhl be­rief Her­zog Ge­org Ri­chard Cro­cus, in des­sen Um­feld Mo­sel­la­nus an der Uni­ver­si­tät lehr­te. Als Cro­cus 1517 auf Wunsch von Kö­nig Hein­rich VIII. (1491-1547) nach Eng­land ging, wur­de Mo­sel­la­nus Cro­cus‘ Nach­fol­ger auf dem Leip­zi­ger Lehr­stuhl. Für­spre­cher beim säch­si­schen Her­zog hat­te er da­bei in Cro­cus selbst, aber auch in sei­nem Leip­zi­ger Schü­ler Ju­li­us Pflug (1499-1564) und des­sen Va­ter Cä­sar Pflug (1450/1455-1524), ei­nem her­zog­li­chen Hof­rat.

Be­reits un­mit­tel­bar nach sei­ner Be­ru­fung ge­riet Mo­sel­la­nus in hef­ti­gen Kon­flikt mit scho­las­ti­schen Theo­lo­gen. In sei­ner An­tritts­vor­le­sung be­schäf­tig­te er sich mit der Be­deu­tung ei­ner gründ­li­chen Sprach­kennt­nis und sprach sich, of­fen­sicht­lich von Idea­len des Eras­mus in­spi­riert, für die Ori­en­tie­rung an den grie­chi­schen Tex­ten der Kir­chen­vä­ter aus. Dar­auf­hin grif­fen ihn so­wohl Scho­las­ti­ker der Uni­ver­si­tät Leip­zig als auch ins­be­son­de­re der Lö­we­ner Theo­lo­ge Ja­kob La­to­mus (um 1475-1544) hef­tig an. Eras­mus, mit dem Mo­sel­la­nus in brief­li­chem Kon­takt stand und dem er sei­ne Re­de über­sandt hat­te, stell­te sich öf­fent­lich auf sei­ne Sei­te. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­schärf­ten sich, als Mo­sel­la­nus theo­lo­gi­sche Vor­trä­ge über die Schrif­ten des Au­gus­ti­nus und die Pau­lus­brie­fe hielt. Ver­su­che, den An­fein­dun­gen in Leip­zig durch ei­nen Wech­sel nach Wit­ten­berg 1518 zu ent­ge­hen, schei­ter­ten. In der Fol­ge pro­fi­tier­te Mo­sel­la­nus von ei­ner zu­neh­men­den För­de­rung durch Her­zog Ge­org und wur­de durch des­sen Un­ter­stüt­zung im April 1520 Rek­tor der Uni­ver­si­tät. 1523 wur­de er er­neut in die­ses Amt ge­wählt.

Als Mit­te 1519 die Dis­pu­ta­ti­on zwi­schen Mar­tin Lu­ther (1483-1546), An­dre­as Bo­den­stein (1482-1541) und Jo­han­nes Eck (1486-1543) in Leip­zig be­vor­stand, be­auf­trag­te Her­zog Ge­org Mo­sel­la­nus mit der Er­öff­nungs­re­de. Das Ma­nu­skript muss­te er dem Fürs­ten zur Ge­neh­mi­gung vor­le­gen. Am 27.6.1519 ap­pel­lier­te Mo­sel­la­nus mit sei­ner Re­de in ers­ter Li­nie an die Be­tei­lig­ten, sich in ih­rer Kon­fron­ta­ti­on zu mä­ßi­gen. Dar­über hin­aus dis­ku­tier­te er die Be­deu­tung phi­lo­so­phi­scher Ar­gu­men­ta­ti­on für die Theo­lo­gie. Auf­grund sei­ner oh­ne­hin schmäch­ti­gen Er­schei­nung und ei­ner nicht aus­ge­stan­de­nen Er­kran­kung mach­te Mo­sel­la­nus auf die An­we­sen­den ei­nen schwäch­li­chen Ein­druck; auch sei­ne Re­de be­ein­druck­te die Zu­hö­rer ganz of­fen­sicht­lich we­nig. Den­noch kann sie als ein Hö­he­punkt sei­ner aka­de­mi­schen Tä­tig­keit gel­ten.

Be­reits 1518 hat­te Mo­sel­la­nus die „Pa­e­da­lo­gi­a“ ver­öf­fent­licht. Die­se als Schul­buch kon­zi­pier­te Zu­sam­men­stel­lung von 37 la­tei­ni­schen Dia­lo­gen ba­sier­te auf sei­nen Un­ter­richts­er­fah­run­gen an Schu­le und Uni­ver­si­tät. Sie er­schien bis et­wa 1700 in 79 Auf­la­gen und be­ein­fluss­te die Aus­bil­dungs­in­hal­te von Ar­tis­ten­fa­kul­tä­ten bis ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein. Heu­te gilt sie als sein Haupt­werk.

Mo­sel­la­nus ver­starb am 19.4.1524 in Leip­zig mut­ma­ß­lich an der Pest und wur­de in der dor­ti­gen Ni­co­lai­kir­che bei­ge­setzt. Die Trau­er­re­de in der Au­la der Uni­ver­si­tät hielt Ju­li­us Pflug.

Werke (Auswahl)

Ora­tio de va­riar­um lin­guar­um co­gni­tio­ne pa­ran­da, Leip­zig 1517 (An­tritts­re­de an der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät).

Pa­e­da­lo­gia in pu­er­o­rum usum con­scrip­ta, Leip­zig 1518.

De ra­tio­ne dis­putan­di pra­e­ser­tim in re theo­lo­gi­ca, Leip­zig 1519.

Ei­ne be­deu­ten­de Samm­lung von Wer­ken be­fin­det sich in der Stadt­bi­blio­thek/Stadt­ar­chiv Trier [sie­he Boeck/Gun­ther in Li­te­ra­tur]

Literatur

Boeck, An­ne/Gun­ther, Franz, Schrif­ten von Pe­ter Mo­sel­la­nus in der Stadt­bi­blio­thek Trier. Zum 500. Ge­burts­ta­ges des Hu­ma­nis­ten Pe­ter Scha­de, in: Kur­trie­ri­sches Jahr­buch 33 (1993), S. 135-145.

Kre­mer, Ul­rich Mi­cha­el, Mo­sel­la­nus: Hu­ma­nist zwi­schen Kir­che und Re­for­ma­ti­on, in: Ar­chiv für Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te 73 (1982), S. 20-34.

Kre­mer, Ul­rich Mi­cha­el, Pe­trus Mo­sel­la­nus und Ju­li­us Pflug, in: Neuss, El­mar/Pol­let, J.V. (Hg.), Pflu­gia­na. Stu­di­en über Ju­li­us Pflug (1499-1564): Ein in­ter­na­tio­na­les Sym­po­si­um, Müns­ter 1990, S. 3-22.

Meu­then, Erich, Köl­ner Uni­ver­si­täts­ge­schich­te, Band 1, Köln 1988.

Schei­b­le, Hans, Ar­ti­kel „Mo­sel­la­nus, Pe­trus, in: Re­li­gi­on in Ge­schich­te und Ge­gen­wart 5 (2002), Sp. 1543-1544.

Scho­ber, Ro­bert, Pe­trus Mo­sel­la­nus (Fa­mi­li­en­na­me Pe­ter Scha­de), 1493-1524. Ein ver­ges­se­ner Hu­ma­nist, Ko­blenz 1979.

Schom­mers, Rein­hold, Pe­trus Mo­sel­la­nus aus Brut­tig – zum 500. Ge­burts­tag. Die äl­tes­te Le­bens­be­schrei­bung des be­deu­ten­den Mo­sel-Hu­ma­nis­ten aus dem Jah­re 1536, in: Jahr­buch des Krei­ses Co­chem-Zell (1993), S. 117-122.

Wei­er, Rein­hold, Die Re­de des Pe­trus Mo­sel­la­nus "Über die rech­te Wei­se, theo­lo­gisch zu dis­pu­tie­ren", in: Trie­rer Theo­lo­gi­sche Zeit­schrift 83 (1974), S. 232-245.

Wim, Fran­cois, The plea by the hu­ma­nist Pe­trus Mo­sel­la­nus for a know­ledge of the three bi­bli­cal lan­gua­ges: A Lou­vain per­spec­tive, in: Re­vue d'his­toire ecclé­si­as­tique 98 (2003), S. 438-481.

Online

Grimm, Hein­rich, „Mo­sel­la­nus, Pe­trus“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1997), S. 170-171. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Petrus Mosellanus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/petrus-mosellanus/DE-2086/lido/57c9502c92b978.83937837 (23.06.2018)