Regino von Prüm

Abt (gestorben 915)

Ingrid Heidrich (Bonn)

Regino von Prüm, Fiktives Porträt aus dem Erstdruck der Chronik des Regino von Prüm, Holzschnitt, 1521. (Stadtbilbiothek Trier 001-0487 4° a fol. 58v)

Re­gi­no von Prüm ent­stamm­te ver­mut­lich ei­ner ad­li­gen Fa­mi­lie und wur­de 892 Abt der Reichs­ab­tei Prüm. Er er­wies sich beim Wie­der­auf­bau des durch die Nor­man­nen­ein­fäl­le ver­wüs­te­ten Klos­ter­be­sit­zes nicht nur als glän­zen­der Or­ga­ni­sa­tor, son­dern als Au­tor von mu­sik­theo­re­ti­schen und kir­chen­recht­li­chen Schrif­ten so­wie ei­ner in zwei Bän­den un­ter­glie­der­ten Welt­chro­nik auch als ei­ner der be­deu­ten­den Uni­ver­sal­ge­lehr­ten sei­ner Zeit.

Re­gi­nos Ge­burts­da­tum, sei­ne ge­naue Her­kunft und der Zeit­punkt des Klos­ter­ein­tritts sind un­be­kannt. Erst ei­ne spä­te Auf­zeich­nung be­zeich­net Al­trip bei Spey­er als sei­nen Her­kunfts­ort. Sie gibt auch den ein­zi­gen Hin­weis auf sei­ne mög­li­che ad­li­ge Ab­stam­mung. Kürz­lich mach­te Fran­ce­so Ro­berg auf­grund ei­ner No­tiz des Ne­cro­logs von St. Ma­xi­min (Trier) den Ein­tritt Re­gi­nos in den geist­li­chen und mo­nas­ti­schen Stand in die­sem Trie­rer Klos­ter wahr­schein­lich. Si­cher ist, dass Re­gi­no nach der Re­si­gna­ti­on des Ab­tes Fa­ra­bert von Prüm (Ab­ba­ti­at 886-892) des­sen Nach­fol­ger wur­de.

Das Be­ne­dik­ti­ner­klos­ter Prüm, vom ka­ro­lin­gi­schen Kö­nigs­haus seit der Mit­te des 8. Jahr­hun­derts be­schenkt, ge­för­dert und als Kö­nigs­klos­ter ge­schützt, ge­nutzt und pri­vi­le­giert, war zum Zeit­punkt von Re­gi­nos Amts­an­tritt in ei­nem de­so­la­tem Zu­stand. Die Nor­man­nen hat­ten das Klos­ter und sei­ne Län­de­rei­en ge­plün­dert, Abt Fa­ra­bert war vor ih­nen mit den meis­ten Mön­chen ge­flo­hen; das klös­ter­li­che Le­ben war fak­tisch er­lo­schen. Als Zeug­nis der Re­sti­tu­ti­ons­ver­su­che Re­gi­nos ist das be­rühm­te Prü­mer Ur­bar von 893 über­lie­fert, die Auf­zeich­nung der weit ge­streu­ten Be­sit­zun­gen des Klos­ters mit Be­sitz­zen­tren, um die wich­tigs­ten zu nen­nen, in Ei­fel und Ar­den­nen, im Mit­tel-Mo­sel­raum, in den Rhein­lan­den vom Nie­der­rhein bis Spey­er so­wie in der Bre­ta­gne. Das Ur­bar be­zeugt über die Or­te hin­aus zahl­rei­che Ein­zel­per­so­nen und ih­re Leis­tungs- und Ab­ga­be­pflich­ten in Fron­diens­ten, Na­tu­ra­li­en und Geld­zin­sen so­wie die fort­be­ste­hen­den Lie­fer­pflich­ten an die Aa­che­ner Kö­nigs­pfalz.

Mit der Ab­nah­me der Nor­man­nen­ein­fäl­le war die Ge­fahr für den lo­tha­rin­gi­schen Raum nicht vor­über. Zwar zähl­te das ehe­ma­li­ge lo­tha­rin­gi­sche Mit­tel­reich zum Herr­schafts­ge­biet des ost­frän­ki­schen Kö­nigs Ar­nulf von Kärn­ten (Re­gie­rung 887-899), lag aber am Rand von des­sen auf Bay­ern und Schwa­ben zen­trier­ten Ein­fluss. Auch nach­dem 895 Ar­nulfs Sohn Zwen­ti­bold (870-900) zum (Un­ter-)Kö­nig in Lo­tha­rin­gi­en und Bur­gund er­ho­ben wor­den war, ver­bes­ser­te sich die schwa­che Stel­lung des Kö­nig­tums in die­sem Raum nicht. So konn­ten hier star­ke Adels­fa­mi­li­en in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit­ein­an­der und mit Usur­pa­ti­on von Kö­nigs- und Kir­chen­gut ih­re Stel­lung aus­bau­en. Die mäch­tigs­ten wa­ren die Re­gi­na­re, die Mat­fri­de und die Kon­ra­di­ner. 899 muss­te Re­gi­no auf Drän­gen der Mat­fri­de sein Ab­ba­ti­at zu­guns­ten des die­ser Fa­mi­lie zu­ge­hö­ri­gen Ri­cha­ri­us von Hen­ne­gau (Ab­ba­ti­at 899-921) auf­ge­ben. Erz­bi­schof Rad­bod (Epis­ko­pat 883-915) nahm Re­gi­no in Trier auf und ver­trau­te ihm die Lei­tung des durch die Nor­man­nen zer­stör­ten Mar­tins­klos­ters an. In Trier starb Re­gi­no 915. Sei­ne letz­te Ru­he­stät­te fand er in der Kir­che St. Ma­xi­min.

Aus den an­dert­halb Jahr­zehn­ten, die Re­gi­no im Um­kreis des Erz­bi­schofs Rad­bod von Trier ver­brach­te, stam­men sei­ne über­lie­fer­ten Schrif­ten: ein mu­sik­theo­re­ti­scher Brief an Rad­bod von Trier, das „To­nar", sein Hand­buch zu Send­ge­richt und Kir­chen­recht, das er auf Bit­ten Rad­bo­ds ver­fass­te und dem Erz­bi­schof Hat­to von Mainz (Epis­ko­pat 891-913) wid­me­te, so­wie sein his­to­rio­gra­phi­sches Werk, die dem Bi­schof Adal­be­ro von Augs­burg (Epis­ko­pat 887-909) zu­ge­eig­ne­te „Chro­ni­ca". Al­le Schrif­ten neh­men in ih­ren je­wei­li­gen Fach­ge­bie­ten - der Mu­sik­theo­rie, der Ka­no­nis­tik und der mit­tel­al­ter­li­chen Ge­schichts­schrei­bung - her­aus­ra­gen­de Plät­ze ein.

Re­gi­nos mu­sik­theo­re­ti­sche Schrif­ten ste­hen im Dienst der Kir­chen­mu­sik, in der spät­an­ti­ken Bil­dungs­tra­di­ti­on der „ar­tes li­be­ra­les" und im Zu­sam­men­hang mit der in Lo­tha­rin­gi­en in der Ka­ro­lin­ger­zeit be­son­ders in­ten­si­ven Mu­sik­pfle­ge, die uns durch die Be­rich­te Not­kers von St. Gal­len (840-912) und hand­schrift­li­che Über­lie­fe­run­gen (Met­zer To­nar) be­kannt sind. Der Brief an Rad­bod von Trier, selbst schon ein klei­nes Hand­buch, fu­ßt auf den Schrif­ten des spät­an­ti­ken Phi­lo­so­phen Boe­thi­us (480-524/25) und geht von den An­for­de­run­gen des Kir­chen­ge­sangs aus. Das mit die­sem im hand­schrift­li­chen Zu­sam­men­hang über­lie­fer­te „To­nar" bringt Kurz­tex­te zu An­ti­phon, Re­s­pons­ori­en, Lob­ge­sän­gen und an­de­ren Tei­len der Mes­se mit dar­über no­tier­ten Neu­men, ge­ord­net nach den acht Kir­chen­ton­ar­ten und ver­se­hen mit Hin­wei­sen zu Ton­art­wech­seln und Schluss­ka­den­zen. Sein in zwei Bü­cher ge­glie­der­tes Send­hand­buch ver­fass­te Re­gi­no für die prak­ti­sche Vi­si­ta­ti­ons­tä­tig­keit der Bi­schö­fe Rad­bod und Hat­to. Je­dem der bei­den Bü­cher ist ein Fra­gen­ka­ta­log vor­an­ge­stellt, der als Ar­beits­grund­la­ge für die Er­kun­dun­gen wäh­rend der Send­ge­richts­ta­ge die­nen soll­te, im ers­ten Buch Fra­gen zum Zu­stand der Pfarr­kir­chen, ih­rer Aus­stat­tung mit Bü­chern und Al­tar­ge­rät und ih­rer wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on so­wie An­for­de­run­gen an Le­bens­wan­del und Ar­beit der Geist­li­chen, im zwei­ten Buch Fra­gen und Re­gu­la­ti­ve zum Le­ben der Lai­en, ih­ren kirch­li­chen Pflich­ten, Straf­ta­ten, Se­xu­al­pra­xis, Zau­be­rei. Auf die Fra­gen­ka­ta­lo­ge fol­gen um­fang­rei­che Aus­zü­ge aus kirch­li­chen und welt­li­chen Rechts­tex­ten, Buß­bü­chern und Brie­fen als Hand­rei­chun­gen für die an­ge­spro­che­nen Pro­ble­me. Zwei Drit­tel die­ser Schrift Re­gi­nos hat der Worm­ser Erz­bi­schof Burchard (Epis­ko­pat 1000-1025) in sei­ne stark be­nutz­te Kir­chen­rechts­samm­lung über­nom­men, die gro­ßen Ein­fluss auf die wei­te­re Ent­wick­lung der Ka­no­nis­tik hat­te.

Re­gi­nos Chro­nik ist in zwei Bü­cher ge­glie­dert. Das ers­te um­fasst die Zeit von der Ge­burt Chris­ti bis zum Tod Karl Mar­tells 741, das zwei­te reicht vom Tod Karl Mar­tells bis zu Re­gi­nos Ge­gen­wart. Nach dem ein­lei­ten­den Wid­mungs­schrei­ben an Adal­be­ro von Augs­burg reich­te das zwei­te Buch bis 908; in al­len hand­schrift­li­chen Über­lie­fe­run­gen bricht es je­doch im Jahr 906 mit dem Be­richt über den Schlach­ten­tod Kon­rads des Äl­te­ren (ge­stor­ben 906), die Ver­ur­tei­lung und Hin­rich­tung Adal­berts von Ba­ben­berg (854-906) und die Äch­tung der Mat­fri­de durch Kö­nig Lud­wig IV. „das Kind" (Re­gie­rungs­zeit  900-911) ab.

Erst ab 860 be­rich­tet Re­gi­no aus­führ­li­cher, aus ei­ge­nem Wis­sen und aus Kennt­nis und un­ter Wie­der­ga­be von Ak­ten. Für die Zeit da­vor be­ruht sein Be­richt auf Vor­la­gen. Die Dar­stel­lung er­folgt im Prin­zip jahr­wei­se, doch wird die­ses an­na­lis­ti­sche Sche­ma im­mer wie­der durch Vor- und Rück­grif­fe so­wie durch über­grei­fen­de Re­fle­xio­nen mit dem Ziel, Zu­sam­men­hän­ge zu er­läu­tern, er­gänzt. In die­sem Sinn bei­spiel­haft ist Re­gi­nos Cha­rak­te­ri­sie­rung des Zer­falls des ge­ein­ten Fran­ken­rei­ches in Ein­zel-Rei­che nach der Ab­set­zung und dem Tod Kai­ser Karls III. „des Di­cken" (Re­gie­rungs­zeit 876-887) im Jahr 888. Zu den Hin­ter­grün­den sei­ner ei­ge­nen Amts­ent­he­bung 892 in Prüm durch die Mat­fri­de kün­digt Re­gi­no ei­nen ge­nau­en Be­richt an, der je­doch in der ge­sam­ten hand­schrift­li­chen Über­lie­fe­rung fehlt und aus die­ser – nach dem Text­zu­sam­men­hang – of­fen­sicht­lich ge­tilgt wur­de.

Vor­sicht und Aus­las­sun­gen kenn­zeich­nen ins­ge­samt die Dar­stel­lung der Er­eig­nis­se in Lo­tha­rin­gi­en zwi­schen 890 und 906, um Zeit­ge­nos­sen zu scho­nen, wie Re­gi­no selbst in sei­nem Wid­mungs­brief an Adal­be­ro sagt, ein Zei­chen da­für, dass er bis 906 die Macht­ver­hält­nis­se nicht als end­gül­tig ge­klärt an­sah. Den­noch kann nach sei­nen Äu­ße­run­gen zu den Mat­fri­den und nach dem Kreis der Bi­schö­fe, de­nen sich Re­gi­no ver­bun­den fühl­te, Rad­bod von Trier, Hat­to von Mainz und Adal­be­ro von Augs­burg, der der Er­zie­her Lud­wigs IV. war, kein Zwei­fel dar­an be­ste­hen, dass er sich den Ka­ro­lin­ger­kö­ni­gen, ih­rer Reichs­kir­che und dann den Kon­ra­di­nern ver­bun­den fühl­te. Der Ge­sichts­kreis der Chro­nik um­fasst im we­sent­li­chen Lo­tha­rin­gi­en und das West­fran­ken­reich und reicht im Os­ten nicht über das Main­ge­biet hin­aus. Die Ein­fäl­le der Nor­man­nen und Un­garn, die Krie­ge bei den Bre­to­nen (Prüm hat­te Be­sit­zun­gen in der Bre­ta­gne) und die Feld­zü­ge Ar­nulfs ge­gen die Mäh­rer neh­men ei­nen brei­ten Raum ein.

Für die star­ke Ver­brei­tung von Re­gi­nos Chro­nik spricht die rei­che hand­schrift­li­che Über­lie­fe­rung. Die et­wa 30 Hand­schrif­ten las­sen sich in zwei Klas­sen ein­tei­len, die ei­ne, die nur die Chro­nik bringt, die zwei­te, die zu­sätz­lich zu die­ser auch die aus der Fe­der des Mönchs und spä­te­ren Mag­de­bur­ger Erz­bi­schofs Adal­bert von St. Ma­xi­min (Epis­ko­pat 968-981) stam­men­de Fort­set­zung bis zum Jahr 967 über­lie­fert.

Quellen

An­ton, Hans Hu­bert, "Re­gi­no von Prüm", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 7 (1994), Sp. 1483-1487.

Bern­hard, Mi­cha­el/Ger­ber­ti, Cla­vis, Ei­ne Re­vi­si­on von Mar­tin Ger­berts Scrip­to­res eccle­si­as­ti­ci de mu­si­ca sa­cra po­tis­si­mum (St. Bla­si­en 1784), in: Baye­ri­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Mu­sik­his­to­ri­sche Kom­mis­si­on 7, Mün­chen 1989, S. 37-73.

Cous­se­maker, Ed­mond de (Hg.), Scrip­to­res de mu­si­ca me­dii ae­vi N.S. II., Pa­ris 1863, Nach­druck Hil­des­heim 1963.

Hart­mann, Wil­fried (Hg.), Das Send­hand­buch des Re­gi­no von Prüm (Frei­herr-vom-Stein-Ge­dächt­nis­aus­ga­be 42), Darm­stadt 2004.

Rau, Rein­hold (Hg.), Re­gi­no, Chro­nik, un­ver­än­der­te Neue­di­ti­on der Aus­ga­be von F. Kur­ze (1890) in: Quel­len zur ka­ro­lin­gi­schen Reichs­ge­schich­te 3, Darm­stadt 1960, S. 179-319.

Schwab, In­go (Hg.), Das Prü­mer Ur­bar, Düs­sel­dorf 1983.

Literatur

Ro­berg, Fran­ces­co, Neu­es zur Bio­gra­phie des Re­gi­no von Prüm, in: Rhei­ni­sche Vier­tel­jahrs­blät­ter 72 (2008), S. 224-229.

Online

Hart­mann, Wil­fried, "Re­gi­no von Prüm", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 21 (2003), S. 269-270. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Heidrich, Ingrid, Regino von Prüm, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/regino-von-pruem/DE-2086/lido/57cd1cd8452925.39773680 (15.07.2018)