Reinold Hagen

Unternehmer (1913-1990)

Barbara Hillen (Bonn)

Reinold Hagen, 1938. (Dr. Reinold Hagen Stiftung)

Reinold Ha­gen grün­de­te 1935 in Sieg­burg die Gal­va­ni­schen Werk­stät­ten und ver­la­ger­te sie bei Kriegs­en­de zu­nächst nach Han­gelar (heu­te Stadt Sankt Au­gus­tin), kurz dar­auf in un­mit­tel­ba­rer Nä­he nach Holz­lar (heu­te Stadt Bonn). Nach ei­ner Um­be­nen­nung in „Kautex-Wer­ke“ und ei­nem pro­gram­ma­ti­schen Rich­tungs­wech­sel ge­lang es Ha­gen, das Un­ter­neh­men zu ei­nem der füh­ren­den Kunst­stoff­ver­ar­bei­ter in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu ex­pan­die­ren. Das Ex­tru­die­ren von Hohl­kör­pern wur­de zu sei­ner Spe­zia­li­tät, eben­so wie die Ent­wick­lung und der Bau da­zu be­nö­tig­ter Ma­schi­nen, die eben­falls welt­weit ex­por­tiert wur­den. Dar­über hin­aus war Ha­gen als so­zi­al en­ga­gier­ter Christ in sei­ner Ge­mein­de ak­tiv.

Reinold Ha­gen wur­de am 1.1.1913 als äl­tes­ter Sohn der Ehe­leu­te Theo­dor Ha­gen (1875-1943) und Mag­da­le­ne Ha­gen ge­bo­re­ne Go­er­gens (1887-1964) in Sieg­burg ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie be­kam bis 1926 sie­ben wei­te­re Kin­der, ob­wohl die wirt­schaft­li­che und fa­mi­liä­re Si­tua­ti­on wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges schwie­rig war. So war Theo­dor Ha­gen zum Kriegs­dienst ein­ge­zo­gen; es ge­lang ihm aber, sein Ar­chi­tek­tur­bü­ro nach dem Krieg wei­ter­zu­füh­ren. Rast­los ar­bei­ten­de El­tern und ei­ne gro­ße Fa­mi­lie - das wa­ren die Bil­der, die sich Reinold Ha­gen von frü­hes­ter Ju­gend an ein­präg­ten. Reinold Ha­gen ent­wi­ckel­te früh den Wunsch, In­ge­nieur zu wer­den. Nach dem Ab­schluss der Volks­schu­le und des Re­al­gym­na­si­ums in Sieg­burg be­gann er ein Vo­lon­ta­ri­at bei den Klöck­ner-Mann­sta­edt-Wer­ken in Trois­dorf. Da der Ver­dienst mit 10,40 RM sehr ge­ring war, ver­dien­te er zu­sätz­lich Geld mit dem Ver­kauf von selbst Ge­bas­tel­tem. Er war ein Tüft­ler. Im April 1933 wech­sel­te er an die Staat­li­che Hö­he­re Fach­schu­le für Edel­me­tall­in­dus­trie in Schwä­bisch Gmünd, die er nach zwei Se­mes­tern mit ei­nem Ab­schluss im Gal­va­nis­eur­ge­wer­be (Me­tall­ver­ede­lung) ver­ließ. Für ein wei­te­res Stu­di­um fehl­ten die fi­nan­zi­el­len Mit­tel. Im Au­gust 1934 nahm er sei­ne ers­te Stel­le im La­bor für Ober­flä­chen­tech­nik der Ro­bert Bosch AG in Stutt­gart an. Ein Drit­tel sei­nes Mo­nats­loh­nes in Hö­he von 240 RM leg­te er zu­rück, weil sein lang­fris­ti­ges Ziel die Selbst­stän­dig­keit mit ei­ner ei­ge­nen Fa­brik war. Der Le­bens­plan wur­de je­doch jäh durch den Tod sei­nes Va­ters 1934 be­schleu­nigt. Reinold Ha­gen zog zu­rück nach Sieg­burg, um Ver­ant­wor­tung für sei­ne Mut­ter und sei­ne jün­ge­ren Ge­schwis­ter zu über­neh­men. Der 22-Jäh­ri­ge mach­te sich so­fort selbst­stän­dig, auch wenn das ein enor­mes Ri­si­ko be­deu­te­te.

 

Ab Au­gust 1935 bau­te er sich ei­ne klei­ne Fa­brik an der Wil­helm­stra­ße 165 auf, die „Gal­va­ni­schen Werk­stät­ten Reinold Ha­gen“, die mit 20 Fach­kräf­ten auf 2.400 Qua­drat­me­tern hoff­nungs­voll an­lie­fen. Die Fa­brik war spe­zia­li­siert auf me­tal­li­sche Ober­flä­chen­be­hand­lung, Ver­ch­ro­mun­gen, Email­lie­run­gen, Me­tall­über­zü­ge etc. Im März 1936 wur­de er zum Reichs­ar­beits­dienst ein­ge­zo­gen. Nach sei­ner Ent­las­sung kon­zen­trier­te er sich auf den tech­ni­schen Aus­bau, wäh­rend die Buch­hal­tung sei­ne spä­te­re Frau Än­ne Lütz (1904-1987) über­nahm. Dank ih­rer Hil­fe hielt die in­ne­re Or­ga­ni­sa­ti­on des ex­pan­die­ren­den Be­trie­bes Schritt mit dem tech­ni­schen Aus­bau. Sie hei­ra­te­ten 1938 und be­ka­men in den Jah­ren zwi­schen 1939 und 1945 drei Töch­ter und zwei Söh­ne: Mar­le­ne, Reinold, Ri­ta, Irm­gard und Win­fried. Der Le­bens- und Ar­beits­mit­tel­punkt der Fa­mi­lie Ha­gen war seit Kriegs­en­de Holz­lar.

Da die Gal­va­ni­schen Werk­stät­ten als kriegs­wich­ti­ger Be­trieb ein­ge­stuft wur­den, war Reinold Ha­gen nicht zum Kriegs­dienst ver­pflich­tet und pro­du­zier­te auch mit Hil­fe von Zwangs­ar­bei­tern. Ne­ben der Me­tall­ver­ar­bei­tung ex­pe­ri­men­tier­te Ha­gen mit PVC und stell­te Halb­zeu­ge aus Kunst­stoff her, bei­spiels­wei­se Dich­tun­gen, Man­schet­ten, Schläu­che und Pro­fi­le. Am 6.3.1945 wur­de das Sieg­bur­ger Werk durch ei­nen Luft­an­griff voll­stän­dig zer­stört und in den fol­gen­den Mo­na­ten in Han­gelar wie­der auf­ge­baut. Mit der Um­be­nen­nung von „Gal­va­ni­schen Wer­ke“ in „Kautex“ de­mons­trier­te Ha­gen ei­nen Neu­an­fang nach dem Krieg. Sein Ide­en­reich­tum und sein Auf­bau­wil­le wa­ren un­er­schüt­ter­lich. 1947 be­schäf­tig­te er schon wie­der 47 Mit­ar­bei­ter. 1949 ging der Schrumpf­schlauch in Pro­duk­ti­on, nach­dem Reinold Ha­gens Bru­der Nor­bert ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt hat­te, mit dem fest an­lie­gen­de Über­zü­ge oder Um­man­te­lun­gen aus Kunst­stoff auf Pro­fi­le ge­zo­gen wer­den konn­ten. Durch ei­nen Ver­ar­bei­tungs­feh­ler kam Reinold Ha­gen auf die Idee, den Kunst­stoff ge­zielt auf­zu­bla­sen, so wie man es mit Glas seit Jahr­hun­der­ten mach­te. Sein Bru­der Nor­bert griff den Ge­dan­ken auf und ent­wi­ckel­te 1950 den ers­ten 10-Li­ter-Bal­lon aus Po­ly­ethy­len, den ers­ten naht­los ge­bla­se­nen Groß­be­häl­ter der Welt. Die Blas­form­tech­nik von Glas auf Kunst­stoff über­tra­gen zu ha­ben, war die grö­ß­te In­no­va­ti­on der Ha­gen-Brü­der. Sie er­reich­ten sie durch Im­pro­vi­sa­ti­on, In­itia­ti­ve und Ide­en und ver­kör­per­ten da­mit ein Stück weit die für Deutsch­land ty­pi­sche Bast­le­rin­no­va­ti­on.

Die Mit­ar­bei­ter­zahl von Kautex stieg von 47 (1947) bis auf 1.400 (1966), die Fer­ti­gung konn­te mit der stei­gen­den Nach­fra­ge kaum Schritt hal­ten. Kautex-Wer­ke in Bonn-Holz­lar und Bonn-Du­is­dorf für die Hohl­kör­per­pro­duk­ti­on als auch den da­zu­ge­hö­ri­gen Ma­schi­nen­bau wur­den nach und nach aus­ge­baut. Die Ma­schi­nen für die Hohl­kör­per­pro­duk­ti­on wur­den bei Kautex-Ma­schi­nen­bau pro­du­ziert, die­ser Teil des Un­ter­neh­mens al­ler­dings 1976 an die Fir­ma Krupp ver­kauft. 1963 be­saß Ha­gens Un­ter­neh­men 120 Pa­ten­te im In- und Aus­land, wo­zu un­ter an­de­rem der 1963 erst­mals amt­lich zu­ge­las­se­ne Ben­zin­ka­nis­ter aus Kunst­stoff ge­hör­te. Auch Bat­te­rietanks aus Kunst­stoff, die sich ab 1968 auf­grund ih­rer Kor­ro­si­ons­be­stän­dig­keit flä­chen­de­ckend in deut­schen Haus­hal­ten durch­setz­ten, ge­hen auf Reinold Ha­gen zu­rück. 1973 wur­de erst­mals se­ri­en­mä­ßig der VW Pas­sat mit ei­nem Kautex-Ben­zin­tank aus­ge­stat­tet. Da­mit be­gann ei­ne neue und für die Au­to­mo­bil­in­dus­trie weg­wei­sen­de Ent­wick­lung. Da­ne­ben wur­den auch tech­ni­sche Hohl­kör­per für elek­tri­sche Haus­halts­ge­rä­te ent­wi­ckelt und pro­du­ziert.

Das Un­ter­neh­men Kautex er­fuhr im Lau­fe der Zeit meh­re­re ge­sell­schafts­recht­li­che Um­struk­tu­rie­run­gen. 1972 als GmbH ein­ge­tra­gen, wur­de es 1982 zur AG mit Reinold Ha­gen als Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­dem. Auch sein Sohn Reinold Ha­gen jun. ar­bei­te­te als Wirt­schafts­in­ge­nieur im vä­ter­li­chen Un­ter­neh­men. Um sein Le­bens­werk über den Tod hin­aus­zu­füh­ren, ver­kauf­te Reinold Ha­gen je­doch 1989 das Un­ter­neh­men (heu­te Kautex-Tex­tron) und grün­de­te die Dr. Reinold Ha­gen Stif­tung, de­ren Ge­mein­nüt­zig­keit 1990 an­er­kannt wur­de. Die Stif­tung in­iti­iert Vor­ha­ben im Bil­dungs- und For­schungs­be­reich, spe­zi­ell in der Kunst­stoff­tech­nik mit dem Schwer­punkt Blas­for­men und Ma­schi­nen­bau, ge­werb­lich-tech­ni­sche Aus- und Wei­ter­bil­dung so­wie Pro­jek­ten zur Be­rufs­wahlori­en­tie­rung.

Werbung für KAUTEX Benzinkanister. (Dr. Reinold Hagen Stiftung)

 

Reinold Ha­gen führ­te sein Un­ter­neh­men pa­tri­ar­cha­lisch und bo­den­stän­dig zu­gleich. Fleiß, Ehr­lich­keit und Be­schei­den­heit wa­ren Tu­gen­den, die er selbst ver­kör­per­te und da­her auch bei an­de­ren be­son­ders schätz­te. Dis­tan­ziert war sein Ver­hält­nis zu Ge­werk­schaf­ten, gleich­wohl er in sei­nem Be­trieb viel­fäl­ti­ge Son­der­leis­tun­gen an­bot und so­zia­le Für­sor­ge ge­gen­über sei­nen Mit­ar­bei­tern prak­ti­zier­te. Ein be­son­de­res Au­gen­merk leg­te er auf die Aus­bil­dung von Lehr­lin­gen. Pri­vat zog er das Nah­er­ho­lungs­ge­biet Ei­fel wei­ten Ge­schäfts­rei­sen zu sei­nen De­pen­dan­cen in den USA und Spa­ni­en vor. In Stahl­hüt­te an der Ahr er­warb er ein Gut und bau­te es nach sei­nen Vor­stel­lun­gen um, in­iti­ier­te ei­nen dort noch heu­te exis­tie­ren­den Cam­ping­platz und leg­te Fisch­tei­che an.

Eh­ren­amt­lich wid­me­te sich Reinold Ha­gen der Kom­mu­nal­po­li­tik und folg­te da­mit dem Bei­spiel sei­ner El­tern. Sein Va­ter Theo­dor Ha­gen war von 1910-1916 Stadt­ver­ord­ne­ter in Sieg­burg, die Mut­ter 1933 als Mit­glied der Zen­trums­par­tei in den Kreis­tag ge­wählt wor­den; da­ne­ben war sie Ge­schäfts­füh­re­rin des Kreis­ver­ban­des Sieg des Bun­des der Kin­der­rei­chen. Reinold Ha­gen ge­hör­te zu den Mit­be­grün­dern der CDU des Sieg­krei­ses und war von 1948-1964 Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de Holz­lar, von 1961-1964 auch des Am­tes Men­den. Dem Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Gus­tav Stein (CDU, MdB 1961-1972) galt er als ge­schätz­ter Rat­ge­ber und Ge­sprächs­part­ner bei wirt­schafts­po­li­ti­schen The­men. In sei­ner Ge­mein­de Holz­lar un­ter­stütz­te er in viel­fäl­ti­ger Wei­se das Ver­eins­we­sen, bei­spiels­wei­se den Fuß­ball­ver­ein und die Feu­er­wehr. Sein viel­schich­ti­ges so­zia­les En­ga­ge­ment in der Kir­chen­ge­mein­de geht auf die Prä­gung in der Groß­fa­mi­lie zu­rück, in der er nach christ­li­chen Maß­stä­ben er­zo­gen wor­den war. Sei­ne Frau Än­ne und er wa­ren tief im ka­tho­li­schen Glau­ben und Ge­mein­we­sen ver­wur­zelt und un­ter­stütz­ten gro­ßzü­gig die Sty­ler Mis­si­on. 1951 wur­de Reinold Ha­gen als Ge­mein­de­bür­ger­meis­ter Holz­lars Vor­sit­zen­der ei­ner Ar­beits­ge­mein­schaft zum Bau der Kir­che Christ Kö­nig, die sein Bru­der Her­mann Ha­gen ent­warf und um­setz­te. Nach der Grün­dung der neu­en Kir­chen­ge­mein­de wur­de Reinold Ha­gen 1955 Zwei­ter Vor­sit­zen­der des Kir­chen­vor­stan­des. 1956 wur­de er we­gen sei­ner Ver­diens­te um die Kir­che zum Rit­ter des päpst­li­chen Syl­ves­ter­or­dens er­nannt. In An­er­ken­nung sei­ner Leis­tun­gen in der Wirt­schaft, sei­ner in­ter­na­tio­na­len Ar­beit und der För­de­rung hu­ma­ni­tä­rer Auf­ga­ben in Über­see ver­lieh ihm 1966 die San-Car­los-Uni­ver­si­tät der Phil­ip­pi­nen die Eh­ren­dok­tor­wür­de. Ihr wa­ren be­reits zahl­rei­che fach­be­zo­ge­ne Aus­zeich­nun­gen der In­dus­trie vor­aus­ge­gan­gen. Reinold Ha­gen starb 1990 an den Fol­gen ei­nes Herz­in­fark­tes. Die Fer­tig­stel­lung der Stif­tungs­ge­bäu­de sei­ner Stif­tung er­leb­te er nicht mehr. Auch ge­lang es ihm nicht mehr, in Sieg­burg ein Al­ten- und Pfle­ge­heim zu er­rich­ten.

Literatur

Hil­len, Bar­ba­ra, Dr. Reinold Ha­gen. Vi­sio­när und Ge­stal­ter, in: Sieg­bur­ger Blät­ter 42 (2013).

Reinold Hagen, 1960er Jahre, Porträtfoto. (Dr. Reinold Hagen Stiftung)

 
Zitationshinweis

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Hillen, Barbara, Reinold Hagen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/reinold-hagen-/DE-2086/lido/57c825a5f34799.60202662 (20.09.2018)