Robert Blum

Revolutionär (1807-1848)

Hermann Josef Scheidgen (Köln)

Robert Blum, Gemälde von August Hunger, um 1848.

Der ge­bür­ti­ge Köl­ner Ro­bert Blum ge­hört zu den be­kann­tes­ten Ver­tre­tern der Deut­schen Re­vo­lu­ti­on von 1848. Nach­dem er zu­nächst un­ter an­de­rem in Leip­zig kom­mu­nal­po­li­tisch ak­tiv war, wur­de er im Re­vo­lu­ti­ons­jahr in die Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­wählt. Nach der Nie­der­schla­gung des Wie­ner Auf­stan­des wur­de er im No­vem­ber 1848 stand­recht­lich er­schos­sen, wo­durch er auch als „Mär­ty­rer der deut­schen De­mo­kra­tie" gilt.

 

Ro­bert Blum kam am 10.11.1807 in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen in Köln zur Welt. Sein Va­ter, En­gel­bert Blum (1780/1781-1815), war Fass­bin­der, der we­gen ei­ner kör­per­li­chen Schwä­che an der Aus­übung sei­nes Be­ru­fes zeit­wei­se ge­hin­dert war und da­her nicht hin­rei­chend für sei­ne Fa­mi­lie sor­gen konn­te. Als sei­ne ge­sund­heit­li­che Be­ein­träch­ti­gung zu­nahm, wur­de er Ar­bei­ter in ei­ner Steck­na­del­fa­brik. Die Mut­ter Ma­ria Ka­tha­ri­na Blum ge­bo­re­ne Bra­ben­der (1784-1848) un­ter­stütz­te durch Hand­ar­bei­ten den Un­ter­halt der Fa­mi­lie. Den­noch litt die fünf­köp­fi­ge Fa­mi­lie zeit­wei­se Hun­ger, wes­halb der jun­ge Ro­bert Blum so­zia­les Elend und den Exis­tenz­kampf aus ei­ge­ner Er­fah­rung kann­te. Mit drei Jah­ren er­krank­te er an Ma­sern; weil er nicht recht­zei­tig ärzt­lich the­ra­piert wur­de, er­blin­de­te er vor­über­ge­hend und be­hielt le­bens­läng­lich ei­ne Seh­schwä­che zu­rück. Sein Va­ter brach­te ihm den­noch, als er sie­ben Jah­re alt war, das Le­sen, Schrei­ben und Rech­nen bei. Nach dem Tu­ber­ku­lo­se-Tod des Va­ters im Jahr 1815 hei­ra­te­te die Mut­ter im fol­gen­den Jahr den Schif­fer­knecht Kas­par Ge­org Schil­der (1788-1843), der im Mar­tins­vier­tel als Ta­ge­löh­ner ar­bei­te­te.

Nach sei­ner Erst­kom­mu­ni­on wur­de Ro­bert Blum Mess­die­ner in Groß St. Mar­tin, ein Amt, das mit ei­ner klei­nen Ein­nah­me so­wie dem kos­ten­lo­sen Be­such der Pfarr­schu­le St. Mar­tin ver­bun­den war. Mit gro­ßem Ei­fer ver­rich­te­te Ro­bert sei­nen Dienst als Mi­nis­trant. In Groß St. Mar­tin mach­te er ei­ne Er­fah­rung, die für sei­ne spä­te­re Ein­stel­lung zur Kir­che prä­gend sein soll­te. Er er­tapp­te ei­nen Hilfs­pries­ter da­bei, wie die­ser ei­nen Teil der Kol­lek­te für sich be­hielt. Als Ro­bert Blum die­se Un­ter­schla­gung dem zu­stän­di­gen Geist­li­chen mit­teil­te, schenk­te die­ser ihm kei­nen Glau­ben; ei­ner Stra­fe we­gen an­geb­li­cher Ver­leum­dung ent­ging er nur durch die In­ter­ven­ti­on ei­nes an­de­ren Geist­li­chen.

Der Leh­rer der Pfarr­schu­le von St. Mar­tin, Kon­rad Ja­kob Burg, be­schei­nig­te dem Schü­ler Ro­bert gro­ßen Ei­fer und über­durch­schnitt­li­ches Ta­lent. Im Al­ter von zehn Jah­ren über­nahm Ro­bert an der Ele­men­tar­schu­le der Pfar­re St. Ma­ria Him­mel­fahrt nach­mit­tags für ei­ne Stun­de den Re­chen­un­ter­richt sei­ner Tan­te Agnes Blum, die dort Leh­re­rin war. Burg er­mög­lich­te dem be­gab­ten Schü­ler den Be­such des Gym­na­si­ums in der Mar­zel­len­stra­ße, das auch Jahr­zehn­te nach der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on wei­ter­hin Je­sui­ten­kol­leg hieß. Ob­wohl Blum Klas­sen­bes­ter war muss­te er als Quin­ta­ner das Gym­na­si­um ver­las­sen, ,weil sein Sti­pen­di­um aus­lief und sei­ne Mut­ter nicht in der La­ge war, das Schul­geld zu be­zah­len. Sie ver­such­te ver­geb­lich, ein neu­es Sti­pen­di­um für den Sohn be­zie­hungs­wei­se Un­ter­stüt­zung durch ei­ne be­gü­ter­te Ver­wand­te zu er­lan­gen. Der Ge­sel­len­va­ter Adolph Kol­ping und der Re­vo­lu­tio­när Carl Schurz konn­ten die­se Schu­le hin­ge­gen mit dem Ab­itur er­folg­reich ab­schlie­ßen.

Nun be­müh­te sich Blum um ei­ne Lehr­stel­le, die er bei dem Köl­ner Gold­schmie­de­meis­ter Ge­re­on Ast­hö­ver er­hielt, der ihn aber nach ei­nem Drei­vier­tel­jahr we­gen sei­ner Seh­stö­run­gen ent­ließ. An­schlie­ßend be­gann Blum ei­ne Leh­re als Gürt­ler, wur­de nach ei­nem hal­ben Jahr aber wie­der stel­lungs­los, weil sein Meis­ter weg­zog. Erst 1826 war er er­folg­rei­cher, als er bei dem Gürt­ler und Gelb­gie­ßer Pe­ter Rä­der ei­ne Lehr­stel­le be­kam und ab No­vem­ber 1826 für mehr als ein hal­bes Jahr auf sei­ne ers­te Wan­der­schaft ging. Sei­ne Aus­bil­dung konn­te er wie­der­um nicht ab­schlie­ßen und be­gann im Ju­ni 1827 als Ar­bei­ter bei ei­nem Köl­ner La­ter­nen­fa­bri­kan­ten. Im Auf­trag die­ser Fir­ma reis­te er viel und in­stal­lier­te un­ter an­de­rem Be­leuch­tun­gen an Schlös­sern.

Im Ok­to­ber 1830 wur­de Blum, der sich au­to­di­dak­tisch und als nicht ein­ge­schrie­be­ner Hö­rer an der Uni­ver­si­tät Bonn Kennt­nis­se der deut­schen Li­te­ra­tur an­ge­eig­net hat­te, von dem Köl­ner Schau­spiel­di­rek­tor Fried­rich Se­bald Rin­gel­hardt (1785-1855) als Fak­to­tum en­ga­giert. Als Rin­gel­hardt 1832 nach Leip­zig be­ru­fen wur­de, ging Blum mit. Er be­tä­tig­te sich dort als Au­tor und Pu­bli­zist; so ver­fass­te er zum Ham­ba­cher Fest die Schrift "Ein­la­dung zum deut­schen Mai­fes­te 1832". Blums Ak­ti­vi­tä­ten in Leip­zig ver­blüf­fen durch ih­re Viel­falt. Zu­sam­men mit dem No­vel­lis­ten Karl Her­loß­sohn (1804-1849) und dem Hu­mo­ris­ten Her­mann Marggraff (1809-1864) gab er die „En­zy­klo­pä­die al­ler Wis­sen­schaf­ten für Büh­nen­künst­ler, Di­let­tan­ten und Thea­ter­freun­de un­ter Mit­wir­kung der sach­kun­digs­ten Schrift­stel­ler Deutsch­lands" her­aus.

Der Au­to­di­dakt Blum war am Leip­zi­ger Thea­ter in den un­ter­schied­lichs­ten Funk­tio­nen tä­tig, als Die­ner, Kas­sie­rer, Se­kre­tär und Bi­blio­the­kar. Die zahl­rei­chen Kon­tak­te, die sich dar­aus er­ga­ben, nutz­te der ex­tro­ver­tier­te Blum für sei­ne po­li­ti­sche Lauf­bahn. Er ar­bei­te­te als Re­dak­teur bei den „Säch­si­schen Va­ter­lands­blät­tern", wor­in er die Haft Ge­org Büch­ners (1813-1837), des Her­aus­ge­ber des „Hes­si­schen Land­bo­ten", ver­ur­teil­te.

Blum streb­te zeit­le­bens den Auf­stieg in das Bür­ger­tum an, wo­zu ihm sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Tä­tig­keit – er ver­öf­fent­lich­te nun Dra­men, Ly­rik und bel­le­tris­ti­sche Ab­hand­lun­gen – ver­hel­fen soll­te. Ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Frei­heits­hym­nen fan­den sei­ne Wer­ke je­doch kaum Be­ach­tung. Für sei­nen Freund, den Kom­po­nis­ten Al­bert Lort­zing (1801-1851), schrieb er das Li­bret­to für die Oper „Die Schatz­kam­mer des Yn­ka", die je­doch nie zur Auf­füh­rung kam.

Im Jah­re 1836 trat Blum in die Leip­zi­ger Frei­mau­rer­lo­ge „Bal­du­in zur Lin­de" ein, von der er sich elf Jah­re spä­ter je­doch dis­tan­zier­te. 1838 hei­ra­te­te er die 19-jäh­ri­ge Adel­hei­de May (1819-1838), wel­che bei ei­ner Fehl­ge­burt starb. 1840 hei­ra­te­te er in der evan­ge­li­schen Pfarr­kir­che zu Cleu­den (heu­te Stadt Leip­zig) sei­ne zwei­te Frau, Loui­se Eu­ge­nie Gün­ther (ge­bo­ren 1810), En­de der 1830er Jah­re wur­de Blum Eh­ren­mit­glied ei­ner op­po­si­tio­nel­len Bur­schen­schaft. Von Leip­zig aus pfleg­te er re­ge Kon­tak­te zu Ver­fech­tern des pol­ni­schen Be­frei­ungs­kamp­fes, so zu dem Re­vo­lu­tio­när Lud­wig Mi­roslaw­ski (1814-1878).

Be­reits als jun­ger Mann hat­te er sich nach und nach der ka­tho­li­schen Kir­che ent­frem­det und wa­ren ihm Zwei­fel an der Trans­sub­stan­zia­ti­ons­leh­re ge­kom­men. Die Aus­stel­lung des Hei­li­gen Rocks in Trier 1844 führ­te für Blum zum voll­stän­di­gen Bruch mit der Kir­che. Er be­zeich­ne­te die­se Wall­fahrt die zu ei­ner Mas­sen­be­we­gung wur­de, wie sie die Rhein­pro­vinz bis­her noch nicht er­lebt hat­te, als „trie­ri­schen Un­fug" und sorg­te für die Ver­öf­fent­li­chung der Pro­test­schrift von Jo­han­nes Ron­ge (1813-1867), des Be­grün­ders der deutsch­ka­tho­li­schen Kir­che, ei­nem ehe­ma­li­gen schle­si­schen ka­tho­li­schen Pries­ter. Die Deutsch­ka­tho­li­ken ver­misch­ten in ih­ren theo­lo­gi­schen Kon­zep­ten Ge­dan­ken­gut der Auf­klä­rung mit na­tio­na­len Be­stre­bun­gen.

Blum hat­te in sei­ner Zei­tung den Trie­rer Bi­schof Wil­helm Ar­nol­di per­sön­lich an­ge­grif­fen und trat jetzt durch Zei­tungs­ar­ti­kel, öf­fent­li­che Re­den, Flug­blät­ter und Bro­schü­ren für die Bil­dung von deutsch­ka­tho­li­schen Ge­mein­den ein. Er rief in den „Va­ter­lands­blät­tern" of­fen zum Aus­tritt aus der ka­tho­li­schen Kir­che auf, sprach sich ge­gen das ka­tho­li­sche Sa­kra­ment der Beich­te so­wie ge­gen den Pflicht­zö­li­bat für Pries­ter aus und pran­ger­te den rö­mi­schen In­te­gra­lis­mus an. Als am 12.2.1845 in Leip­zig ei­ne deutsch­ka­tho­li­sche Ge­mein­de ge­grün­det wur­de, hielt Ro­bert Blum die Er­öff­nungs­re­de. Hier­bei kam es zu Stör­ak­tio­nen, die von Geg­nern der Deutsch­ka­tho­li­ken or­ga­ni­siert wur­den. Blum trug hier erst­mals in der Öf­fent­lich­keit sei­ne in­zwi­schen ein­deu­tig an­ti­kle­ri­ka­len Po­si­tio­nen vor. Die ka­tho­li­schen Pries­ter, so Blum, sei­en wil­len­lo­se Werk­zeu­ge der kirch­li­chen Hier­ar­chie.nach oben­Blum ge­hör­te auch zu den Or­ga­ni­sa­to­ren des ers­ten „klein­deutsch-ka­tho­li­schen Kon­zils", das vom 23.- 26.3.1845 in Leip­zig statt­fand. Auf Be­schluss der Leip­zi­ger Kir­chen­ver­samm­lung gab Ro­bert Blum ein von den Ge­mein­de­vor­stän­den zu Dres­den und Leip­zig ap­pro­bier­tes Ge­bet- und Ge­sang­buch für die Deutsch­ka­tho­li­ken her­aus, das 1845 im Leip­zi­ger Ver­lag Naum­burg er­schien. Blum hat­te in den fol­gen­den Jah­ren ein am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis zu den Deutsch­ka­tho­li­ken, die er je­doch wei­ter­hin für sei­ne po­li­ti­schen Zie­le ein­setz­te; schon im Re­vo­lu­ti­ons­jahr 1848 be­an­stan­de­te er, dass die­se ein ei­ge­nes Glau­bens­be­kennt­nis ver­fasst hät­ten, und stell­te die Grund­satz­fra­ge, ob es über­haupt zur Bil­dung ei­ner ei­ge­nen Glau­bens­ge­mein­schaft hät­te kom­men müs­sen.

Blum zwei­fel­te auch an der Got­tes­sohn­schaft Je­su Chris­ti. Für die Be­deu­tung Je­su sei ei­ne di­rek­te Ab­stam­mung von Gott ir­re­le­vant. Wich­tig, so Blum, sei sein Wir­ken als in­ner­welt­li­cher Er­lö­ser. Chris­tus ha­be sich für die Hu­ma­ni­tät und die Bru­der­lie­be ein­ge­setzt und ge­gen den Völ­ker­hass ge­pre­digt. Des­sen Be­deu­tung lie­ge in der Ver­ede­lung und Ver­voll­komm­nung der Mensch­heit.

Sei­ne Tä­tig­keit am Leip­zi­ger Thea­ter gab er 1847 auf und grün­de­te zu­sam­men mit Ro­bert Frie­se (1805-1848) die Ver­lags­buch­hand­lung Blum & Co. Zu Be­ginn der 1848er Re­vo­lu­ti­on ver­trat Blum zu­erst li­be­ra­le Re­form­for­de­run­gen, schloss sich dann aber den De­mo­kra­ten an, oh­ne de­ren ra­di­ka­le Po­si­tio­nen zu ver­tre­ten. Er hielt kon­se­quent am Prin­zip der Volks­sou­ve­rä­ni­tät fest und woll­te die Re­pu­blik nur auf ge­setz­li­chem We­ge ein­füh­ren. Er war ein Ver­fech­ter des par­la­men­ta­ri­schen Mehr­heits­prin­zips und lehn­te zu­nächst ge­walt­sa­me Er­he­bun­gen ab. In Frank­furt wur­de er zu­erst als De­le­gier­ter für Zwi­ckau Vi­ze­prä­si­dent des Vor­par­la­ments und des 50er-Aus­schus­ses. Den Lin­ken in der Pauls­kir­chen­ver­samm­lung gab er ei­ne fes­te or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ba­sis. Ihr tak­ti­sches Ver­hal­ten konn­te er als Frak­ti­ons­füh­rer des „Deut­schen Ho­fes", in dem sich die ge­mä­ßig­ten De­mo­kra­ten zu­sam­men ge­schlos­sen hat­ten, weit­ge­hend be­stim­men. Er gab auch de­ren Pres­se­or­gan, die „Deut­sche Reichs­tags­zei­tung" mit her­aus.

Blum ging es um die Ver­söh­nung zwi­schen Ka­pi­tal und Ar­beit und die Er­we­ckung der Ar­bei­ter­schaft zu ei­nem selb­stän­di­gen und selbst­be­wuss­ten Teil der Ge­sell­schaft im Rah­men ei­ner re­for­mier­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­ord­nung. Die­ses hoch­ge­steck­te Ziel wünsch­te Blum in der deut­schen Ver­fas­sungs­fra­ge zu er­rei­chen. Blum dach­te be­reits in glo­ba­len Ka­te­go­ri­en. Zu sei­nen öko­no­mi­schen Zie­len ge­hör­te ei­ne ge­rech­te­re Ver­tei­lung der Gü­ter der Er­de; die­se soll­te je­doch nicht durch Ge­walt er­zwun­gen wer­den, son­dern durch fried­li­chen Aus­gleich. Fer­ner for­der­te er für die un­te­ren Schich­ten die glei­chen Men­schen­rech­te und staat­li­che Rech­te wie für al­le Bür­ger.

An­fang Ok­to­ber 1848 be­schlos­sen die bei­den de­mo­kra­ti­schen Frak­tio­nen des Pauls­kir­chen­par­la­ments, vier Ab­ge­ord­ne­te nach Wien zu ent­sen­den, wo es zu hef­ti­gen Stra­ßen­kämp­fen zwi­schen den An­hän­gern der Re­vo­lu­ti­on und kai­ser­li­chen Trup­pen ge­kom­men war. Ur­sa­che der Aus­schrei­tun­gen war die Wei­ge­rung ei­nes Gre­na­dier­ba­tail­lons, ge­gen die un­ga­ri­schen Re­vo­lu­tio­nä­re zu kämp­fen. Die vier Par­la­men­ta­ri­er woll­ten in Wien ei­ne Re­so­lu­ti­on über­brin­gen, un­ter­zeich­net von 65 Ab­ge­ord­ne­ten der Deut­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung, wel­che sich mit den Wie­ner De­mo­kra­ten so­li­da­ri­sier­ten. Ro­bert Blum und der Ad­vo­kat Al­bert Tram­pusch (1816-1898) aus der Frak­ti­on „Deut­scher Hof" ver­tra­ten die ge­mä­ßig­ten De­mo­kra­ten, und der Pu­bli­zist und Geo­graph Ju­li­us Frö­bel (1805-1893), Nef­fe des be­deu­ten­den Re­form­päd­ago­gen Fried­rich Wil­helm Au­gust Frö­bel (1782-1852), so­wie der Schrift­stel­ler Mo­ritz Hart­mann (1821-1872) aus der Frak­ti­on „Don­ners­berg" re­prä­sen­tier­ten die ra­di­ka­len De­mo­kra­ten. In Wien an­ge­kom­men, wa­ren die Stra­ßen­kämp­fe in vol­lem Gan­ge: Blum und Frö­bel nah­men als Haupt­män­ner des „Corps d’éli­te" an der Re­vo­lu­ti­on ak­tiv teil, ob­wohl Blum die­sem Un­ter­neh­men von An­fang an skep­tisch ge­gen­über stand. Er be­fürch­te­te, dass die Re­vo­lu­tio­nä­re ge­gen die Re­ak­ti­on ver­lie­ren wür­den.

Der Frank­fur­ter De­le­gier­te wur­de als Bar­ri­ka­den­kämp­fer ver­wun­det. Als der Auf­stand am 30.10.1848 nie­der­ge­schla­gen war, wur­de Blum ne­ben vie­len an­de­ren Auf­stän­di­schen vor ein Stand­ge­richt ge­stellt. Oh­ne Be­rück­sich­ti­gung sei­ner Im­mu­ni­tät als Ab­ge­ord­ne­ter, ver­ur­teil­te man ihn zum Tod durch den Strang. Die Hin­rich­tung wur­de je­doch durch Er­schie­ßen voll­zo­gen. Et­wa 2.000 Per­so­nen wohn­ten der Exe­ku­ti­on in der Bri­git­ten­au (Stadt Wien) in den frü­hen Mor­gen­stun­den des 9. No­vem­ber bei. Blums letz­te Wor­te wa­ren: „Ich ster­be für die deut­sche Frei­heit, für die ich ge­kämpft ha­be, mö­ge das Va­ter­land mei­ner ein­ge­denk sein."

Die Er­schie­ßung Blums muss auch als po­li­ti­scher Akt ge­wer­tet wer­den. Der ehe­ma­li­ge ös­ter­rei­chi­sche Ge­ne­ral­kon­sul in Leip­zig, Alex­an­der Graf von Hüb­ner (1811-1892), sah in Blum ei­nen Ex­po­nen­ten der deut­schen Re­vo­lu­ti­on und woll­te durch die von ihm er­wirk­te und von Al­fred zu Win­disch­grätz (1787-1862) durch­ge­setz­te Hin­rich­tung die Frank­fur­ter Na­tio­nal­ver­samm­lung brüs­kie­ren. Hüb­ner war sich da­bei der Un­ter­stüt­zung des neu­en Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Fe­lix von Schwar­zen­berg (1800-1852) ge­wiss, der in Blum den ex­po­nier­tes­ten Ver­fech­ter der Re­vo­lu­ti­on sah. Blum hat­te bis zu­letzt ge­glaubt, sei­ne Im­mu­ni­tät als Mit­glied der Na­tio­nal­ver­samm­lung wür­de ihn schüt­zen. Die stand­recht­li­che Ab­ur­tei­lung kam für ihn da­her voll­kom­men über­ra­schend. Sie war nichts an­de­res als ein Staats­ver­bre­chen. Durch die Er­schie­ßung Blums ent­frem­de­te sich Frank­furt von dem in sei­ner Ei­gen­staat­lich­keit wie­der er­star­ken­den Ös­ter­reich.

Kurz vor der Voll­stre­ckung des To­des­ur­teils führ­te Ro­bert Blum ein Ge­spräch mit ei­nem Pa­ter. In ei­ni­gen Zei­tun­gen wur­de be­rich­tet, Blum ha­be bei ihm sei­ne letz­te Beich­te ab­ge­legt und sich an­ge­sichts des To­des wie­der zur rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che be­kannt. Ve­ri­fi­ziert wird die­se The­se durch ein Schrei­ben des Wie­ner Nun­ti­us Mi­che­le Via­le Prelà (1799-1860) an den Staats­se­kre­tär der rö­mi­schen Ku­rie Gio­van­ni So­glia (Amts­zeit 1848-1856). In der von Frei­den­kern ver­fass­ten Li­te­ra­tur, die den Re­vo­lu­tio­när für ih­re Welt­an­schau­ung ver­ein­nahm­ten, wird die­se Be­ge­ben­heit zu Un­recht als Le­gen­den­bil­dung dar­ge­stellt. Die quel­len­mä­ßig be­leg­te Rück­kehr Blums zur ka­tho­li­schen Kir­che wird selbst von der jün­ge­ren For­schung nicht zu Kennt­nis ge­nom­men oder über­se­hen. Le­dig­lich Ralf Zer­back er­wähnt, Blum sei auf sei­nem Weg zur Hin­rich­tungs­stät­te von ei­nem Pa­ter des Wie­ner Schot­ten­klos­ters be­glei­tet wor­den.

Blum wur­de ins­be­son­de­re von der Ge­schichts­po­li­tik der DDR ver­ein­nahmt. Er galt dort le­dig­lich als „Mär­ty­rer der deut­schen De­mo­kra­tie" wäh­rend sei­ne re­li­giö­sen Vor­stel­lun­gen so gut wie au­ßer Acht ge­las­sen wur­den.

Ne­ben dem ra­di­ka­len De­mo­kra­ten Fried­rich He­cker (1811-1881), der den au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen Weg für sich wähl­te und be­reits im ers­ten Re­vo­lu­ti­ons­jahr nach Ame­ri­ka emi­grier­te, ist Ro­bert Blum der ein­zi­ge Ex­po­nent der Re­vo­lu­ti­on von 1848, der bis heu­te ei­nen ho­hen Po­pu­la­ri­täts­grad in sei­ner Hei­mat hat. Un­ter­halb der Kir­che Groß St. Mar­tin in Köln, am Fisch­markt, wo einst Blums El­tern­haus stand, wird vor sei­ner Ge­denk­ta­fel all­jähr­lich zum 1. Mai ein Kranz nie­der­ge­legt. Über das Rhein­land hin­aus wur­de der Spruch „Er­schos­sen wie Ro­bert Blum" zu ei­nem Volks­aus­druck. An der Nord­sei­te des Köl­ner Rat­haus­tur­mes er­in­nert seit 1992 ei­ne Sta­tue (Bild­hau­er: Hong Sang Tong) an ihn.

Werke (Auswahl)

All­ge­mei­nes Thea­ter-Le­xi­kon oder En­cy­klo­pä­die al­les Wis­sens­wer­t­hen Büh­nen­künst­ler, Di­let­tan­ten und Thea­ter­freun­de, 7 Bän­de, 1839-1846. Die Be­frei­ung von Can­dia, Leip­zig 1836. Die Schatz­kam­mer des Yn­ka (Li­bret­to), Leip­zig 1836.

Literatur

Blum, Hans, Ro­bert Blum. Ein Zeit- und Cha­rak­ter­bild für das deut­sche Volk, Leip­zig 1878.
Hirsch, Hel­mut, Ro­bert Blum. Mär­ty­rer der Frei­heit, Köln 1977.
Hirsch, Hel­mut (Hg.), Ro­bert Blum-Sym­po­si­um 1982. Do­ku­men­te – Re­fe­ra­te – Dis­kus­sio­nen, Duis­burg 1987.
Jes­se, Mar­ti­na/Mi­ch­al­ka, Wolf­gang (Be­arb.), „Für Frei­heit und Fort­schritt gab ich al­les hin". Ro­bert Blum (1807-1848). Vi­sio­när – De­mo­krat – Re­vo­lu­tio­när, Ber­lin 2007.
Rei­chel, Pe­ter, Ro­bert Blum. Ein deut­scher Re­vo­lu­tio­när 1807-1848, Göt­tin­gen 2007.
Scheid­gen, Her­mann-Jo­sef, Der deut­sche Ka­tho­li­zis­mus in der Re­vo­lu­ti­on von 1848. Epis­ko­pat – Kle­rus – Lai­en – Ver­ei­ne, Köln/Wei­mar/Wien 2008.
Schmidt, Sieg­fried, Ro­bert Blum. Vom Leip­zi­ger Li­be­ra­len zum Mär­ty­rer der De­mo­kra­tie, Wei­mar 1971.
Zer­back, Ralf, Ro­bert Blum. Ei­ne Bio­gra­fie, Leip­zig 2007.

Robert Blum, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1992, Bildhauer: Hong Sang Tong. (Stadtkonservator Köln)

 
Zitationshinweis

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Scheidgen, Hermann Josef, Robert Blum, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/robert-blum-/DE-2086/lido/57c58440444d58.26531687 (23.05.2018)