Thomas von Kempen

Verfasser des Buches „De imitatione Christi“ (1379/ 1380–1471)

Ulrike Bodemann-Kornhaas (Kempen)

Thomas von Kempen auf einem Kupferstich von Hieronymus Wierix (1553-1619), in: Thomae von Kempen deß Ordens S. Augustini Regulier-Canonichen. Von der nachfolge Christi Vier Bücher. […...] Köln, Wilhelm Friuessem, 1664. (Thomas-Archiv im Kulturforum Franziskanerkloster Kempen)

Tho­mas von Kem­pen ist ei­ner der Haupt­ver­tre­ter der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Fröm­mig­keits­be­we­gung „De­vo­tio mo­der­na". Sei­ne vier­tei­li­ge Schrift über die Nach­fol­ge Chris­ti gilt als das welt­weit be­kann­tes­te geist­li­che An­lei­tungs­buch schlecht­hin.

Tho­mas Hemer­ken (auch Mal­leo­lus, „Häm­mer­chen") von Kem­pen wur­de 1379 oder 1380 in der nie­der­rhei­ni­schen Stadt Kem­pen, da­mals zu­m Kur­fürs­ten­tum Köln ge­hö­rig, ge­bo­ren. Aus sei­nem Na­men schlie­ßt man, dass sein Va­ter Schmied, viel­leicht Fein­schmied, ge­we­sen sein muss. Sei­ne Frau Ger­trud ent­stamm­te der Fa­mi­lie Keuht (oder Kuyt), zwei ih­rer Brü­der wa­ren Geist­li­che. Tho­mas’ Va­ter war nicht un­ver­mö­gend, be­saß ne­ben ei­ner Land­par­zel­le ein Haus im Her­zen der Stadt, un­mit­tel­bar ne­ben der um 1400 noch im Bau be­find­li­chen Pfarr­kir­che.

Tho­mas war der jün­ge­re von zwei Söh­nen der Fa­mi­lie. Schon um 1393, im Al­ter von 13 Jah­ren, ver­ließ er sei­nen Hei­mat­ort, um ins nie­der­län­di­sche Deven­ter (Ove­r­i­js­sel) zu ge­hen. Die Stadt war das Zen­trum ei­ner neu­en Fröm­mig­keits­be­we­gung, de­ren Be­grün­der Ge­ert Groo­te (1340-1384) ei­ne Rück­kehr zur In­ner­lich­keit des Glau­bens, ei­ne de­vo­tio mo­der­na for­der­te. Die An­hän­ger Ge­ert Groo­tes such­ten die Vor­stel­lun­gen ei­ner von Me­di­ta­ti­on, Ge­be­ten und Ex­er­zi­ti­en ge­präg­ten Glau­bens­pra­xis in neu­ar­ti­gen Struk­tu­ren ge­mein­schaft­li­chen Le­bens als Lai­en, als „Schwes­tern" und „Brü­der des ge­mein­sa­men Le­bens" zu rea­li­sie­ren. In Deven­ter be­such­te Tho­mas von Kem­pen zu­nächst als Pen­si­ons­schü­ler die re­nom­mier­te Ka­pi­tel­schu­le an St. Le­bui­nus, die Bil­dungs­hung­ri­ge von weit­her an­zog. Um 1397/1398 fand er schlie­ß­lich Auf­nah­me in das äl­tes­te Brü­der­haus der neu­en Fröm­mig­keits­be­we­gung: Es stand un­ter der Lei­tung von Flo­rens Ra­de­wi­jns (ge­stor­ben um 1400).

Be­reits zu die­ser Zeit hat­te sich ne­ben der Lai­en­be­we­gung ein mo­nas­ti­scher Zweig der De­vo­tio mo­der­na eta­bliert: 1387 grün­de­ten Brü­der des ge­mein­sa­men Le­bens, dar­un­ter Tho­mas’ Bru­der Jo­han­nes (cir­ca 1365-1432), im na­he ge­le­ge­nen Win­des­heim ihr ers­tes Klos­ter und nah­men als Chor­her­ren die Au­gus­ti­ner-Re­gel an, 1395 schlos­sen sich drei Klös­ter zu ei­ner Ge­mein­schaft zu­sam­men, die sich nach dem Ur­sprungs­klos­ter Win­des­hei­mer Kon­gre­ga­ti­on nann­te und zu ei­ner ra­san­ten Wel­le von Neu­grün­dun­gen und An­schlüs­sen führ­te. 1399 such­te auch Tho­mas An­schluss an ein Klos­ter. Er fand Auf­nah­me im Re­gu­lier­ten Au­gus­ti­ner­chor­her­ren­stift St. Agne­ten­berg bei Zwol­le, dem seit 1398 als ers­ter Pri­or sein Bru­der Jo­han­nes vor­stand. Tho­mas blieb zu­nächst im Lai­en­stand und be­such­te auch in Zwol­le wei­ter die städ­ti­sche La­tein­schu­le, die un­ter der Lei­tung von Jo­hann Ce­le (cir­ca 1343-1417) mo­dern-de­vo­ten Krei­sen sehr na­he stand. Erst 1406 wur­de Tho­mas ein­ge­klei­det, 1407 leg­te er sei­ne Pro­fess ab, 1413 oder 1414 wur­de er im Klos­ter St. Agne­ten­berg zum Pries­ter ge­weiht, wo er 1471, im ho­hen Al­ter von 92 Jah­ren, ver­starb.

Die Klos­ter­ge­mein­schaft St. Agne­ten­berg wähl­te Tho­mas mehr­fach zum Sub­pri­or; 1448 über­nahm er auch das Amt des No­vi­zen­meis­ters, wur­de al­so ver­ant­wort­lich für die geist­li­che An­lei­tung jun­ger Or­dens­an­wär­ter. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te er nicht nur sein vier­tei­li­ges Werk „De Imi­ta­tio­ne Chris­ti" be­reits nie­der­ge­schrie­ben, son­dern auch et­li­che an­de­re Schrif­ten ver­fasst, die sich mit der Nach­fol­ge­the­ma­tik im Sin­ne ei­ner Hin­wen­dung zum geist­li­chen, ins­be­son­de­re zum mo­nas­ti­schen Le­ben be­schäf­tig­ten. De­mut, Ver­zicht auf Rang und Na­men, Su­che nach sich selbst und dem ei­ge­nen in­ne­ren Frie­den, Ge­hor­sam so­wie be­din­gungs­lo­se Hin­ga­be an Gott ge­hö­ren zu den The­men, die Tho­mas von Kem­pen in un­ter­schied­lichs­ten Text­for­men – Mahn- und Lehr­re­den, Me­di­ta­tio­nen, Bitt- und Lob­ge­be­ten – im­mer wie­der auf­griff. Die „Imi­ta­tio Chris­ti" ent­stand zwi­schen 1420 und 1427. Sehr rasch fand sie über das ei­ge­ne Klos­ter hin­aus als No­vi­zen­an­lei­tung in Or­dens­krei­sen und als An­dachts­buch in Lai­en­krei­sen An­klang. Schon zu Leb­zei­ten ih­res Ver­fas­sers war die Schrift ein Best­sel­ler, nach der Er­fin­dung des Buch­drucks trat sie ei­nen welt­wei­ten Sie­ges­zug an. Bis 1500 zähl­te man al­lein 97 ge­druck­te Aus­ga­ben nach dem la­tei­ni­schen Ori­gi­nal oder als Über­set­zung ins Deut­sche und Nie­der­län­di­sche, Ita­lie­ni­sche und Fran­zö­si­sche, Spa­ni­sche und Por­tu­gie­si­sche, Nie­der­deut­sche und Ka­ta­la­ni­sche. Das Buch wur­de nicht nur zum Ma­ni­fest der De­vo­tio mo­der­na, son­dern zu ei­nem der wir­kungs­mäch­tigs­ten, al­le Sprach-, Glau­bens- und Stan­des­gren­zen über­schrei­ten­den geist­li­chen Rat­ge­ber, der bis heu­te in im­mer neu­en Aus­ga­ben, Über­set­zun­gen und Aus­zü­gen er­scheint.

In sei­ne Hei­mat­stadt Kem­pen kehr­te Tho­mas, bis auf ge­le­gent­li­che Be­su­che sei­ner El­tern, nicht mehr zu­rück. Nach de­ren Tod wur­de sein El­tern­haus ver­kauft (1402). Erst im 17. Jahr­hun­dert wur­de sich die Stadt ih­res be­rühm­ten Soh­nes wie­der be­wusst. Ur­sa­che war nicht zu­letzt die Dis­kus­si­on dar­über, ob es wirk­lich Tho­mas von Kem­pen war, der das welt­be­kann­te Buch von der Nach­fol­ge Chris­ti ge­schrie­ben ha­be, oder ein ita­lie­ni­scher Be­ne­dik­ti­ner­abt Jo­han­nes Ger­sen von Cana­ba­co. Seit Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein wur­de die­ser Au­tor­streit zeit­wei­se mit äu­ßers­ter Er­bit­te­rung aus­ge­tra­gen. Dies führ­te zu im­mer neu­en Nach­for­schun­gen zur Per­son des Kem­pe­ners. Quel­len zu des­sen Bio­gra­phie sind al­ler­dings rar und haupt­säch­lich in den ei­ge­nen Schrif­ten zu fin­den – in der ‚Chro­ni­ca Mon­tis S. Agne­tis’, der Chro­nik sei­nes Hei­mat­klos­ters, und im ‚Dia­lo­gus no­vicio­rum’, ei­ner Zu­sam­men­stel­lung von Le­bens­be­schrei­bun­gen pro­mi­nen­ter Grün­der­vä­ter der De­vo­tio mo­der­na.

Als Re­ak­ti­on auf die Wie­der­ent­de­ckung der his­to­ri­schen Per­son Tho­mas von Kem­pen gab der Rat der Stadt Kem­pen 1629 drei Öl­ge­mäl­de mit Tho­mas-Por­träts in Auf­trag, das 1659 neu ge­grün­de­te Gym­na­si­um der Stadt wur­de nach ihm be­nannt (heu­te Gym­na­si­um Tho­ma­e­um). 1672 ließ der Köl­ner Kur­fürs­t Ma­xi­mi­li­an Hein­rich auf Be­trei­ben von Papst Alex­an­der VII. (Pon­ti­fi­kat 1655-1667), der von 1639 bis 1651 als Nun­ti­us in Köln weil­te, in Zwol­le Tho­mas’ Ge­bei­ne su­chen, he­ben und fei­er­lich neu be­stat­ten. Seit­her wird so­wohl in Kem­pen, dem Ge­burts­ort des Tho­mas, als auch in Zwol­le, sei­nem Wir­kungs- und Ster­be­ort, kon­ti­nu­ier­lich und in viel­fäl­ti­ger Form das An­denken an den Ver­fas­ser des Bu­ches von der Nach­fol­ge Chris­ti wach ge­hal­ten.

Werke

Pohl, Mi­cha­el Jo­seph (Hg.), Tho­mae Hemer­ken a Kem­pis ca­no­ni­ci re­gu­la­ris Or­di­nis S. Au­gus­ti­ni ope­ra om­nia, Frei­burg i.B. 1902-1922.
Har­dick, Lo­thar (Hg.), Tho­mas von Kem­pen. Nach­fol­ge Chris­ti, nach der Über­set­zung von Wen­de­lin Mey­er 1959, Keve­la­er 1987, Neu­auf­la­ge Keve­la­er 2007.
Krö­ber, Wal­ter (Hg.), Nach­fol­ge Chris­ti, nach der Über­set­zung von Jo­hann Mi­cha­el Sai­ler 1792, Stutt­gart 1954, Neu­auf­la­ge Stutt­gart 2005.

Literatur

Bo­de­mann, Ul­ri­ke/Stau­bach, Ni­ko­laus (Hg.): Aus dem Win­kel in die Welt. Die Bü­cher des Tho­mas von Kem­pen und ih­re Schick­sa­le, Frank­furt a.M. 2006.
Heut­ger, Ni­co­laus C., "Tho­mas von Kem­pen", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 11 (1996), Sp. 1396-1398.
Iser­loh, Er­win, Tho­mas von Kem­pen und die De­vo­tio mo­der­na, Bonn 1976.
Ja­now­ski, Hans Nor­bert (Hg.), Ge­ert Groo­te, Tho­mas von Kem­pen und die De­vo­tio Mo­der­na, Ol­ten/Frei­burg i.B. 1978.
Ons gee­ste­li­jk erf 77 (2003), Heft 1-2 (The­men­heft ‚Tho­mas a Kem­pis’).

 
Zitationshinweis

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Bodemann-Kornhaas, Ulrike, Thomas von Kempen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/thomas-von-kempen/DE-2086/lido/57c9410601de78.40946572 (22.04.2018)