Tilman Joel von Linz

Kurfürstlicher Kanzler und Rat (um 1395-1461)

Andrea Rönz (Linz am Rhein)

Stifterbildnis Tilman Joels auf dem Gnadenstuhl, Mitte 15. Jahrhundert, Original in der alten Pfarrkirche St. Martin, Linz am Rhein.

Til­man Jo­el war ein aus Linz am Rhein stam­men­der kur­fürst­li­cher Di­plo­mat, Ge­sand­ter auf dem Kon­zil von Ba­sel und Probst von St. Flo­rin in Ko­blenz. In sei­ner Hei­mat­stadt ist er als Stif­ter der Rats­ka­pel­le, des Ma­ri­en­al­tars und des Gna­den­stuhls un­ver­ges­sen.

Til­man Jo­el wur­de um 1395 als Sohn von An­ton de Bo­tis und El­se Jo­el in ei­ne wohl­ha­ben­de und ein­fluss­rei­che Lin­zer Rats­fa­mi­lie ge­bo­ren. Sein On­kel Jo­han­nes Her­bordi de Bo­tis (ge­stor­ben 1418) stand als Dok­tor bei­der Rech­te un­ter an­de­rem in päpst­li­chen Diens­ten und war von 1397 bis zu sei­nem Tod Propst des Flor­ins­stifts. Sein Bru­der Wil­helm de Bo­tis (ge­stor­ben 1429) war Abt des Zis­ter­zi­en­ser­klos­ters Ma­ri­en­statt, sei­ne Schwes­ter Lu­cia Jo­el (ge­stor­ben 1448) Ehe­frau des Lin­zer Rats­herrn und Bür­ger­meis­ters Ja­kob Ruysch. Zwei sei­ner Nef­fen dien­ten eben­falls als kur­fürst­li­che Kanz­ler.

Stifterbildnis Tilman Joels auf dem Gnadenstuhl, Mitte 15. Jahrhundert, Original in der alten Pfarrkirche St. Martin, Linz am Rhein.

 

Til­man Jo­el wur­de 1420 nach kir­chen­recht­li­chen Stu­di­en an der Uni­ver­si­tät Köln als jun­ger Dok­tor Propst von St. Flo­rin in Ko­blenz. Zu die­ser Zeit stand er be­reits in Diens­ten des Trie­rer Erz­bi­schofs und Kur­fürs­ten Ot­to von Zie­gen­hain, mög­li­cher­wei­se durch Ver­mitt­lung sei­nes On­kels Jo­hann Her­bordi oder auch des eben­falls aus Linz stam­men­den päpst­li­chen Schrei­bers Jo­han­nes Ha­chen­berg. Im Ok­to­ber 1418 ge­hör­te er zum Ge­fol­ge des neu ge­wähl­ten Erz­bi­schofs bei des­sen Hul­di­gung in der Stadt Ko­blenz, 1419 trat er erst­mals of­fi­zi­ell als des­sen Se­kre­tär in Er­schei­nung und rück­te bald zum Kanz­ler auf. Als kur­trie­ri­scher Di­plo­mat be­währ­te sich Til­man Jo­el un­ter an­de­rem 1423 bei Ver­hand­lun­gen mit Her­zog Adolf VII. von Berg (Re­gie­rungs­zeit 1408-1437, ab 1423 als Her­zog von Jü­lich-Berg) be­züg­lich der Erb­fol­ge in den Her­zog­tü­mern Gel­dern und Jü­lich und über vie­le Jah­re als Ge­sand­ter am bur­gun­di­schen Hof. Nach dem Tod Erz­bi­schof Ot­tos 1430 dien­te Til­man Jo­el in den fol­gen­den drei Jahr­zehn­ten de­m Köl­ner Erz­bi­schof und Kur­fürs­ten Diet­rich II. von Mo­ers als kur­fürst­li­cher Rat mit wech­seln­den Auf­ga­ben. En­de 1432 reis­te er in die Schweiz, um als ei­ner der bei­den Ver­tre­ter des Erz­bi­schofs am Bas­ler Kon­zil (1431-1449) teil­zu­neh­men. 1434 er­hielt er den Auf­trag der All­ge­mei­nen De­pu­ta­ti­on, in Kon­stanz den seit Jah­ren of­fen ge­führ­ten Kon­flikt zwi­schen dem dor­ti­gen Dom­ka­pi­tel und Bi­schof Ot­to III. von Hach­berg (Epis­ko­pat 1410-1434) zu schlich­ten. Als Mit­glied von Kon­zils­ge­sandt­schaf­ten war er in den fol­gen­den Jah­ren au­ßer­dem an den Hus­si­ten­ver­hand­lun­gen, an der Bei­le­gung des Main­zer Streits zwi­schen Stadt und Kle­rus, dem Rin­gen um die ver­such­te und letzt­lich ge­schei­ter­te In­kor­po­ra­ti­on des Bis­tums Pa­der­born in das Erz­bis­tum Köln so­wie der Schlich­tung des Trie­rer Bis­tums­streits be­tei­ligt. Als Kö­nig Al­brecht II. (Re­gie­rungs­zeit 1438-1439) und die Kur­fürs­ten ih­re Neu­tra­li­tät im Streit zwi­schen Bas­ler Kon­zil und Papst Eu­gen IV. (Pon­ti­fi­kat 1431-1447) er­klär­ten, spiel­te Til­man Jo­el ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Aus­ar­bei­tung der Be­schlüs­se.

Die Linzer Ratskapelle, Zeichung von Jean Wescher, 1908. (Stadtarchiv Linz am Rhein)

 

Ei­nen Hö­he­punkt in der di­plo­ma­ti­schen Lauf­bahn Til­man Jo­els bil­de­te sei­ne An­spra­che an Fried­rich III. (Re­gie­rungs­zeit 1440-1493, seit 1452 als rö­misch-deut­scher Kai­ser), die er als Mit­glied der kur­fürst­li­chen Wahl­ge­sandt­schaft in Wien an den neu ge­wähl­ten Kö­nig rich­te­te und die sei­ne be­deu­ten­de Po­si­ti­on als au­ßen- und kir­chen­po­li­ti­scher Be­ra­ter Diet­richs II. von Mo­ers wi­der­spie­gelt. Auch bei der Krö­nung Fried­richs 1442 in Aa­chen durch den Köl­ner Erz­bi­schof spiel­te Til­man als Ze­re­mo­ni­en­meis­ter ei­ne wich­ti­ge Rol­le. In wei­te­ren di­plo­ma­ti­schen Mis­sio­nen dien­te er sei­nem Lan­des­herrn als Pro­ku­ra­tor und Ge­sand­ter bei Kö­nig Hein­rich VI. von Eng­land (Re­gie­rungs­zei­ten 1422-1461, 1470-1471), als Ver­mitt­ler auf den Frie­dens­kon­fe­ren­zen zur Bei­le­gung der Soes­ter Feh­de oder Be­ra­ter bei den Ver­hand­lun­gen zur Er­b­lan­des­ver­ei­ni­gung mit dem Her­zog­tum Jü­lich-Berg.

Marienaltar, Tripychon, 1463, Original in der Katholischen Pfarrkirche St. Marien, Linz am Rhein.. (o.A.)

 

Til­man Jo­el traf häu­fig auf Ni­ko­laus von Ku­es, den er be­reits seit sei­ner Tä­tig­keit als Di­plo­mat Ot­tos von Zie­gen­hain kann­te. Eng zu­sam­men ar­bei­te­te er auch mit sei­nem Nef­fen Jo­han­nes Ruysch, ge­nannt Jo­el. Til­man hat­te den drei Söh­nen sei­ner Schwes­ter Lu­cia den Uni­ver­si­täts­be­such er­mög­licht und ih­nen den Weg in ein­fluss­rei­che Po­si­tio­nen ge­eb­net. Der äl­tes­te Sohn Jo­han­nes trat 1439 in die Diens­te Diet­richs II. von Mo­ers und stieg dort zum Kanz­ler auf. Seit 1442 war er au­ßer­dem Rek­tor der Lin­zer Pfarr­kir­che. Ja­kob Ruysch dien­te ab 1441 dem Trie­rer Erz­bi­schof Ja­kob I. von Sierck als Kanz­ler und er­scheint zeit­wei­se in der Rol­le ei­nes kö­nig­li­chen Pro­to­no­tars. Der jüngs­te Bru­der Pe­ter Ruysch über­nahm 1442 das Amt ei­nes Pro­ku­ra­tors der Deut­schen Na­ti­on an der Uni­ver­si­tät Bo­lo­gna.

Sei­ner Hei­mat­stadt Linz blieb Til­man Jo­el zeit­le­bens eng ver­bun­den. Mehr­fach griff er ihr mit Kre­di­ten un­ter die Ar­me und setz­te sich in sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren mit gro­ßzü­gi­gen Kunst­stif­tun­gen ein Denk­mal. Auf dem Markt­platz ließ er die 1462 ge­weih­te Ma­ri­en­ka­pel­le er­rich­ten (meist Rats- oder Markt­ka­pel­le ge­nannt, 1818 ab­ge­bro­chen) und sorg­te für ei­ne reich­hal­ti­ge Aus­stat­tung und Do­tie­rung. Dar­un­ter von be­son­de­rer Be­deu­tung sind zwei bis heu­te er­hal­te­ne spät­go­ti­sche Al­tar­bil­der, ein drei­flü­ge­li­ger Ma­ri­en­al­tar (seit 1967 Haupt­al­tar der Lin­zer Ma­ri­en­kir­che) und der so ge­nann­te Gna­den­stuhl, bei­de dem Köl­ner Meis­ter der Ly­vers­berg-Pas­si­on zu­ge­schrie­ben. An der An­nah­me, bei­de Wer­ke sei­en Stif­tun­gen Til­man Jo­els, gibt es seit der Re­stau­rie­rung vor we­ni­gen Jah­ren je­doch Zwei­fel. Da die Stif­ter­dar­stel­lun­gen und die Wap­pen auf Tri­pty­chon und Gna­den­stuhl nicht iden­tisch sind, geht die neue­re For­schung da­von aus, dass Til­man Jo­el Stif­ter des Gna­den­stuhls und des­sen Nef­fe Jo­han­nes Ruysch Stif­ter des Ma­ri­en­al­tars war.

Von Tilman Joel gestifteter Messkelch aus Gold mit gravierter Stifterinschrift, Original in der alten Pfarrkirche St. Martin, Linz am Rhein. (Förderverein St. Martin-Kirche Linz/Rhein)

 

Til­man Jo­el starb am 31.1.1461 in Köln und wur­de dort vor dem Ka­tha­ri­nen­al­tar der Stifts­kir­che St. An­dre­as be­gra­ben. Nach ihm ist in Linz am Rhein der Till­mann Jo­el-Park an St. Mar­tin be­nannt.

Literatur

Burg­hard, Her­mann/Kap­ser, Cor­du­la, Linz am Rhein. Die Ge­schich­te der Stadt von der Früh­zeit bis zur Ge­gen­wart, Köln/Wei­mar/Wien 2002.

Pod­lech, Wil­fried, Die spät­go­ti­schen Al­tä­re in Linz am Rhein. Gna­den­stuhl und Ma­ri­en­al­tar als Fa­mi­li­en­stif­tung in der ehe­ma­li­gen Rats­ka­pel­le, o.O. o.J. [Ko­blenz 2006].

Pod­lech, Wil­fried, Tes­ta­ment und Me­mo­ri­en­stif­tun­gen des Props­tes Til­mann Jo­el aus Linz, in: Hei­mat-Jahr­buch des Land­krei­ses Neu­wied 1972, S. 114-116.

Pod­lech, Wil­fried, Til­mann Jo­el von Linz, + 1461. Kanz­ler, Rat und Ge­sand­ter rhei­ni­scher Kur­fürs­ten, Neu­stadt a. d. Wein­stra­ße 1988.

Tritz, Syl­vie, „... uns Schät­ze im Him­mel zu sam­meln.“ Die Stif­tun­gen des Ni­ko­laus von Ku­es, Mainz 2008.

Der Tilmann Joel-Park in Linz am Rhein. (Stadtentwicklungs- und Touristikgesellschaft Linz)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Rönz, Andrea, Tilman Joel von Linz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/tilman-joel-von-linz/DE-2086/lido/57c93fa6a777e3.08420881 (23.06.2018)