Wilhelm Kisky

Historiker (1881–1953)

Klaus Wisotzky (Essen)

Wilhelm Kisky, Porträtfoto. (Archiv des Landschaftsverbands Rheinland, Pulheim-Brauweiler)

Wil­helm Kis­ky er­warb sich als ers­ter Lei­ter der 1928 ge­grün­de­ten Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung, des heu­ti­gen LVR-Ar­chiv­be­ra­tungs- und Fort­bil­dungs­zen­trums, in den gut 20 Jah­ren an der Spit­ze die­ser In­sti­tu­ti­on blei­ben­de Ver­diens­te um das nicht­staat­li­che Ar­chiv­we­sen im Rhein­land.

Ge­bo­ren am 29.11.1881 in Köln als Sohn des Buch­dru­ckers Jo­seph Kis­ky und sei­ner Ehe­frau Ger­trud, ge­bo­re­ne Kautz, be­such­te er das Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um in sei­ner Va­ter­stadt und stu­dier­te an­schlie­ßend Ge­schich­te und his­to­ri­sche Hilfs­wis­sen­schaf­ten an den Uni­ver­si­tä­ten Frei­burg, Ber­lin und Bonn. Bei Aloys Schul­te ent­stand sei­ne Dis­ser­ta­ti­on „Die Dom­ka­pi­tel der geist­li­chen Kur­fürs­ten in ih­rer per­sön­li­chen Zu­sam­men­set­zung im 14. und 15. Jahr­hun­der­t“ (1906), die die Bon­ner Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät aus­zeich­ne­te. Die Ge­sell­schaft für rhei­ni­sche Ge­schichts­kun­de be­trau­te Kis­ky dar­auf­hin mit der Be­ar­bei­tung der Re­ges­ten der Erz­bi­schö­fe von Köln im Mit­tel­al­ter. 1915 er­schien der Band über den Erz­bi­schof Hein­rich II., der all­ge­mei­ne An­er­ken­nung fand.

Kis­ky hei­ra­te­te am 10.11.1910 Mar­ga­re­te Be­cker. Das Ehe­paar hat­te drei Kin­der: Mar­ga­re­ta (ge­bo­ren 25.9.1911), Wil­ma (ge­bo­ren 13.7.1913) und Hans (30.6.1920).

Kis­ky, der die Ar­chiv­ar­beit im Stadt­ar­chiv Köln ken­nen ge­lernt hat­te, fand 1913 ei­ne An­stel­lung als Di­rek­tor des be­deu­ten­den Ar­chivs der Fürs­ten von Salm in An­holt, die 1915 mit der Ein­be­ru­fung zum Kriegs­dienst in der Ver­wal­tung des Ge­ne­ral­gou­ver­ne­ments in Bel­gi­en un­ter­bro­chen wur­de. Nach dem Krieg setz­te Kis­ky sei­ne Ar­chiv­lauf­bahn fort und wech­sel­te im De­zem­ber 1920 zum neu ge­schaf­fe­nen Reichs­ar­chiv nach Ber­lin. Dort schied er 1924 frei­wil­lig aus, um sich sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en zur rhei­ni­schen Ge­schich­te und zum ka­tho­li­schen Pres­se­we­sen wid­men zu kön­nen.

Als 1928 die rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung ei­ne Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le grün­de­te, wur­de Kis­ky we­gen sei­ner Ar­chi­ver­fah­run­gen und sei­ner Kennt­nis­se der rhei­ni­schen Ge­schich­te zum Lei­ter er­nannt. Mehr als 20 Jah­re präg­te er die Ar­beit der neu ge­schaf­fe­nen In­sti­tu­ti­on, die gro­ße Be­deu­tung für das rhei­ni­sche Ar­chiv­we­sen bis heu­te be­sitzt.

Die Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le soll­te sich um die nicht­staat­li­chen Ar­chi­ve, die nicht haupt­amt­lich be­setz­ten Kom­mu­nal-, die Kir­chen- und die Adels­ar­chi­ve, küm­mern. Bei sys­te­ma­ti­schen Be­rei­sun­gen durch die gan­ze Pro­vinz galt es, vor Ort vor­han­de­ne Miss­stän­de durch Rat und Hil­fe ab­zu­stel­len. Fer­ner woll­te man die Ord­nung und Ver­zeich­nung der Be­stän­de ver­an­las­sen oder selbst vor­neh­men und ent­spre­chen­de In­ven­ta­re ver­öf­fent­li­chen. Ins­ge­samt sah die Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le ih­re Auf­ga­be dar­in, „über­all In­ter­es­se für die Er­hal­tung der Schrift­denk­mä­ler zu we­cken und Auf­klä­rung über ih­ren Wert und ih­re Be­deu­tun­g“ zu be­trei­ben. Es war ein ehr­gei­zi­ges Vor­ha­ben, über das Kis­ky re­gel­mä­ßig in der „Rhei­ni­schen Hei­mat­pfle­ge“ be­rich­te­te, doch er war mit sei­nem Mit­strei­ter Ot­to R. Red­lich (ge­stor­ben 1939) , dem ehe­ma­li­gen Lei­ter des Staats­ar­chivs in Düs­sel­dorf (heu­te Ab­tei­lung Rhein­land des Lan­des­ar­chivs NRW), durch­aus er­folg­reich. Ih­rer Ar­beit wur­de all­ge­mein Lob ge­zollt. Den­noch wur­de 1933 die Exis­tenz der Be­ra­tungs­stel­le in Fra­ge ge­stellt. We­gen der schlech­ten fi­nan­zi­el­len La­ge der Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung woll­ten die neu­en Macht­ha­ber sie auf­lö­sen. Es be­durf­te der In­ter­ven­tio­nen der staat­li­chen Ar­chi­ve in der Rhein­pro­vinz, die auf die Be­deu­tung der Ar­chi­va­li­en für die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten pro­pa­gier­te Ras­sen­for­schung ver­wie­sen, um den neu­en Lan­des­haupt­mann Hein­rich Haa­ke um­zu­stim­men. Dank die­ser Un­ter­stüt­zung blieb ei­ne un­ab­hän­gi­ge nicht­staat­li­che Ar­chiv­pfle­ge er­hal­ten. Kis­ky trat ve­he­ment für die­se Or­ga­ni­sa­ti­ons­form ein, weil, so sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on, nur sie den Zu­gang zu vie­len Kir­chen- und Adels­ar­chi­ven ge­währ­leis­te, denn de­ren Be­sit­zer fürch­te­ten viel­fach Ein­grif­fe sei­tens des Staa­tes. Die Un­ab­hän­gig­keit ge­riet 1937 aber­mals in Ge­fahr. Die preu­ßi­sche Ar­chiv­ver­wal­tung be­ab­sich­tig­te, al­le Ar­chi­ve der staat­li­chen Auf­sicht zu un­ter­stel­len und da­mit auch die Ar­chiv­pfle­ge zu ver­staat­li­chen. Der Kampf um die Selbst­stän­dig­keit der Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le, der nicht frei war von ge­häs­si­gen per­sön­li­chen An­grif­fen, zog sich über Jah­re hin und en­de­te 1942 mit ei­nem Kom­pro­miss, der die Po­si­ti­on von Kis­ky nicht er­schüt­ter­te.

Wäh­rend des Krie­ges sorg­te die Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le er­folg­reich für die Aus­la­ge­rung von ge­fähr­de­ten Ar­chi­ven. Dank der gu­ten Kon­tak­te Kis­kys zum rhei­ni­schen Adel konn­ten ei­ni­ge Schlös­ser als De­pots ge­nutzt wer­den. Ei­ne wei­te­re Auf­ga­be be­traf die Ar­chiv­pfle­ge in Lu­xem­burg, wo Kis­ky die um­fang­rei­che Samm­lung der „His­to­ri­schen Sek­ti­on des Gro­ßher­zog­li­chen In­sti­tuts“ in­ven­ta­ri­sier­te.

Der his­to­ri­sche Zu­fall mach­te Kis­ky nach Kriegs­en­de zum Staats­ar­chi­var. Die rhei­ni­sche Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le wur­de im Mai 1945 als Ar­chiv­ver­wal­tung der Nord­rhein­pro­vinz beim Ober­prä­si­den­ten wei­ter­ge­führt und nach der Bil­dung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len vom Mi­nis­ter­prä­si­den­ten zur Lan­des­ar­chiv­ver­wal­tung er­ho­ben. Ihr un­ter­stellt wa­ren die Staats­ar­chi­ve, die neu­en Per­so­nen­stands­ar­chi­ve und das Ar­chiv­de­pot auf Schloss Gym­nich, das als vor­läu­fi­ger Samm­lungs­ort für die wäh­rend des Krie­ges aus­ge­la­ger­ten Ar­chi­ve dien­te. Der Kon­flikt Kis­kys mit dem Staats­ar­chiv in Düs­sel­dorf und des­sen Lei­ter, Bern­hard Voll­mer (1886-1958), fand nun sei­ne Fort­set­zung. Die für Düs­sel­dorf schmerz­haf­tes­te Ent­schei­dung war die er­zwun­ge­ne Ab­ga­be von et­wa 17.000 Ur­kun­den der Köl­ner Stif­te und Klös­ter an das His­to­ri­sche Ar­chiv der Stadt Köln. Letzt­lich ging der Streit zu­un­guns­ten von Kis­ky aus. Am 31.1.1951 trat er in den Ru­he­stand. Nach län­ge­rem, schwe­rem Lei­den ver­starb er am 30.4.1953.

Kis­ky, der als Lei­ter der Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le kei­ne Zeit mehr für um­fang­rei­che his­to­ri­sche Stu­di­en be­saß, hat sich zwei­fels­oh­ne um die rhei­ni­schen Kom­mu­nal- und Adels­ar­chi­ve ver­dient ge­macht. Wenn­gleich er sein hoch­ge­steck­tes Ziel, in je­der rhei­ni­schen Stadt „ein wohl­ge­ord­ne­tes, gut un­ter­ge­brach­tes, ord­nungs­ge­mäß ver­wal­te­tes und be­quem be­nutz­ba­res Stadt­ar­chi­v“ zu er­rich­ten, nicht er­reicht hat, so konn­te er das Be­wusst­sein für die Be­deu­tung von Ar­chi­va­li­en bei vie­len Ar­chiv­trä­gern we­cken und stär­ken. Er leg­te die Ba­sis für die bis heu­te frucht­brin­gen­de Ar­beit der Ar­chiv­pfle­ge beim Land­schafts­ver­band Rhein­land.

Werke (Auswahl)

Die Dom­ka­pi­tel der geist­li­chen Kur­fürs­ten in ih­rer per­sön­li­chen Zu­sam­men­set­zung im 14. und 15. Jahr­hun­dert, Wei­mar 1906.

Das frei­herr­li­che Stift St. Ge­re­on in Köln, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 82 (1907), S. 1-50.

Die Ak­ten der Ab­tei­lung „Köln con­tra Köln“ (Ver­hält­nis der Stadt zum Erz­bi­schof), in: Mit­tei­lun­gen aus dem Stadt­ar­chiv Köln 34 (1912), S. 111-186.

Die Re­ges­ten der Erz­bi­schö­fe von Köln im Mit­tel­al­ter, Band 4, Bonn 1915, Nach­druck 1964.

Der Au­gus­ti­nus­ver­ein zur Pfle­ge der ka­tho­li­schen Pres­se von 1878 bis 1928, Düs­sel­dorf 1928.

Die Ar­chiv­be­ra­tungs­stel­le der Rhein­pro­vinz und ih­re Tä­tig­keit für die Si­che­rung von Ar­chi­va­li­en und an­de­ren Kul­tur­gü­tern wäh­rend des Krie­ges, Düs­sel­dorf 1949.

Die Lan­des­ar­chiv­ver­wal­tung von Nord­rhein-West­fa­len, Düs­sel­dorf 1950.

Literatur

Wil­kes, Carl, Lan­des­ar­chi­var i.R. Dr. Wil­helm Kis­ky zum Ge­den­ken, in: Der Ar­chi­var 7 (1954), Spal­te 211-218.

Wisotz­ky, Klaus, Der Voll­mer-Kis­ky-Streit. Nicht nur ein Ka­pi­tel rhei­ni­scher Ar­chiv­ge­schich­te, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 210 (2007), S. 181-222. 

 
Zitationshinweis

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Wisotzky, Klaus, Wilhelm Kisky, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-kisky-/DE-2086/lido/57c9353e1f5c04.58831674 (23.06.2018)